Aktionen

Abfall

Wechseln zu: Navigation, Suche

Autor: Helmut Kindle | Stand: 31.12.2011

Abfälle sind bewegliche Sachen, deren sich der Besitzer entledigt oder deren Entsorgung im öffentlichen Interesse geboten ist. Fester Abfall entstand in der vorindustriellen Zeit v.a. in der Landwirtschaft, der Nahrungsmittelproduktion (z.B. Metzgerei), im Handwerk und im Haushalt (Küchenabfall, Fäkalien usw.). Er wurde soweit möglich wiederverwertet, organischer Abfall v.a. als Schweinefutter und Dünger, oder er gelangte in Erdgruben. Eine frühe Abfallgrube fand sich in der römischen Villa in Nendeln (2./3. Jahrhundert n.Chr.). Abortgruben blieben bis zum Aufbau der Kanalisation ab den 1950er Jahren üblich (→ Abwasser). Auf die Weiterverwendung häuslicher oder gewerblicher Altstoffe spezialisierte Gewerbe waren das Aschensammeln, Lumpensammeln, Flickschustern usw.

Tierkadaver verscharrte der Abdecker (Wasenmeister, Schinder) auf sogenannten Wasenplätzen; daran erinnern Flurnamen wie Schinderplatz und Kogawinkel. Die Wasenordnung von 1873 verpflichtete die Gemeinden zur Einrichtung von Wasenplätzen und regelte die Kadaverentsorgung. In den 1920er bis 1940er Jahren fielen jährlich 40–80 Kadaver an, in den 1950er Jahren noch 5–20. Ab 1961 wurden sie in der Kehrichtverbrennungsanlage (KVA) Buchs (SG) entsorgt, seit den 1980er Jahren in Schweizer Spezialanlagen.

Mit der Industrialisierung und den neuen Konsumgütern wuchs besonders in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Menge neuer Abfälle (Kunststoffe, Elektroschrott usw.). Sie wurden auf «wilden» Müllhalden und kommunalen Kehrichtdeponien verbrannt oder abgelagert. Diese befanden sich wie die alten Wasenplätze oft in Rhein- oder Rüfennähe; 1955–75 entstanden am Rhein zwölf Deponien für Abfall jeder Art, die mittlerweile geschlossen sind. Neben Hausmüll und Bauschutt gelangte seit den 1950er Jahren gefährlicher Abfall (Sonderabfall) aus Industrie und Gewerbe auf die Deponien, die heute auf ihr Gefährdungspotenzial für Wasser und Boden zu untersuchen und gegebenenfalls als Altlasten zu sanieren sind. Zur Abfallverwertung entwickelten sich neue Gewerbe, so besonders eine 1945 von Josef Elkuch (1922–2007) in Schellenberg gegründete Schrotthandlung (seit 1952 in Eschen), die ab 1957 über eine Auto-Paketierpresse verfügte.

Seit 1961 wird der Siedlungsabfall in der KVA Buchs verbrannt. Deren Träger ist der «Verein für Abfallentsorgung», dem die liechtensteinischen Gemeinden als Gründungsmitglieder angehören (Mauren trat erst 1974 bei). 1961 wurde auch die in einigen Gemeinden behelfsmässig bestehende Müllabfuhr als Gemeinschaftsunternehmen eingeführt. Im Zug des wachsenden Umweltbewusstseins verpflichteten sich Land und Gemeinden 1990 in einem Abfallleitbild auf Grundsätze der Vermeidung, Verwertung und umweltgerechten Beseitigung des Abfalls. Die Gemeinden betreiben Deponien für Aushub und Bauschutt, Kompostplätze und Sammelstellen für Papier, Glas, Aluminium, Weissblech, Metalle, Batterien usw., die getrennt gesammelt der Wiederverwertung (Recycling) zugeführt werden. Seit 1988 wird Grünabfall aus Haushalten separat gesammelt und bei der KVA Buchs kompostiert. Das mit der Kehrichtsackgebühr 1994 eingeführte Verursacherprinzip bildet einen Anreiz zur Abfallvermeidung. Weitere marktwirtschaftliche Instrumente sind vorgezogene Entsorgungsgebühren auf Elektronikgeräten, Kühlschränken, Batterien und gewissen Getränkeverpackungen und die Rücknahmepflicht der Wirtschaftsakteure. Zur Entsorgung von reaktivem Abfall besteht seit 2002 ein Vertrag der Gemeinden mit dem «Zweckverband Kehrichtverwertung Rheintal» zur Mitbenutzung der Deponie Lienz/Oberbüchel (SG).

Die mit der Abfallentsorgung verbundenen Probleme schlugen sich seit den 1860er Jahren in spezifischen rechtlichen Erlassen nieder. Eine generelle Regelung der Ablagerung von Stoffen brachte das Gewässerschutzgesetz von 1957, auf das spezielle Vorschriften zur Beseitigung von Mineralöl und mineralölhaltigem Abfall (1972), zur Abfallverbrennung im Freien (1974), zur Beseitigung von Altfahrzeugen und Schrott (1975) und zur Abwasser- und Abfallbeseitigung (1977) folgten. 1988 regelte ein Abfallgesetz die Materie umfassend. Darauf gestützt wurden u.a. Verordnungen zu Verpackungen (1997) und Altfahrzeugen (2004) erlassen. Aufgrund des Zollvertrags mit der Schweiz finden zusätzlich schweizerische Rechtserlasse Anwendung, besonders zum Transport von Abfall; 1991 trat Liechtenstein dem Basler Übereinkommen über die Kontrolle der grenzüberschreitenden Verbringung gefährlicher Abfälle und ihrer Entsorgung bei.

Der Siedlungsabfall wird für die 1930er Jahre auf jährlich etwa 150 kg pro Person geschätzt. Während des Zweiten Weltkriegs fiel dieser Wert auf unter 100 kg, stieg dann stetig auf über 360 kg Anfang der 1990er Jahre und sank seither auf etwa 230 kg (2005). Von den 2005 rund 12 000 Tonnen an die KVA Buchs gelieferten festen Abfallstoffen entfielen 67 % auf Siedlungs-, 19 % auf Industrie-, 13 % auf Grün- und der Rest auf Metzgereiabfälle; dazu kamen über 5,5 Tonnen Sonderabfälle (v.a. Verbrennungsrückstände, Schlacke, Ölschlämme).

Quellen

  • Rechenschaftsbericht der Regierung an den Hohen Landtag, Vaduz 1922– (diverse Titelvarianten); online ab Jahrgang 2005.
  • Statistisches Jahrbuch, hg. vom Amt für Volkswirtschaft/Amt für Statistik, Vaduz 1977–.
  • Abfall-Leitbild für das Fürstentum Liechtenstein, hg. von der Regierung und den Gemeinden des Fürstentums Liechtenstein, Vaduz/Zürich 1990.

Literatur

Externe Links

  • Geodatenportal, Amt für Bau und Infrastruktur, Liechtensteinische Landesverwaltung

Medien

Müllabfuhr in Balzers, 1958 (LI LA). Foto: Josef Brunhart, Balzers. Benedikt Foser betrieb im Auftrag der Gemeinde die erste Müllabfuhr von Balzers.

Zitierweise

Helmut Kindle, «Abfall», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Abfall, abgerufen am 22.2.2019.