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Alamannenareale

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Autorin: Anna Merz | Stand: 31.12.2011

Archäologische Fundorte in den Gemeinden Balzers, Schaan und Eschen, bestehend aus Gräberfeldern.

Während des Frühmittelalters siedelten sich im Alpenrheintal im Wohngebiet der einheimischen rätoromanischen Bevölkerung Alamannen an; Balzers bildet dabei den südlichsten Ausbreitungspunkt. Es sind nur Gräber bekannt, Siedlungen aus dieser Zeit sind bisher keine entdeckt worden.

Das Gräberfeld von Balzers liegt auf dem Runden Büchel, einem kleinen Inselberg im Rheintal, wo 1980–82 auf der Kuppe und am Hang fünf kleine Gräberbezirke gefunden wurden, die zu einem frühmittelalterlichen Körpergräberfeld gehören und als Sippenfriedhöfe interpretiert werden. Insgesamt handelt es sich um 92 anthropologisch untersuchte Bestattungen (Männer, Frauen und Kinder), die im Allgemeinen west-ost-orientiert sind; die Toten wurden auf dem Rücken ins Innere von Steinkisten und von Steinsetzungen oder in einfache Erdgräber gelegt. Die Datierung der spärlichen Grabbeigaben und naturwissenschaftliche Untersuchungen deuten darauf hin, dass der Friedhof ab der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts n.Chr. bis gegen 800 n.Chr. benutzt wurde, also rund 100 Jahre lang. Die Gräber werden der Endphase der Alamannisierung des Rheintals zugeordnet.

Im Gegensatz zum gut erforschten Gräberfeld von Balzers gibt es nur wenige Erkenntnisse zu einem alamannischen Reihengräberfeld in Schaan. Im Zug von Bau- und Aushubarbeiten kamen immer wieder Skelette und Beigaben zum Vorschein; insgesamt wurden in den Jahren 1902, 1910, 1934, 1938 und 1940 über 20 Gräber gefunden, die in der Nähe der alten Pfarrkirche St. Laurentius in einem heute dicht überbauten Gelände (Dorfteil Specki) lagen, rund 500 m vom spätrömischen Kastell entfernt (wo beigabenlose, ebenfalls frühmittelalterliche Gräber gefunden wurden, die jedoch vermutlich der rätoromanischen, christlichen Bevölkerung zuzurechnen sind). Die wenigen dokumentierten Gräber gehören zu einem alamannischen Gräberfeld, über dessen Ausdehnung nur Mutmassungen angestellt werden können, da der grösste Teil ohne Dokumentation zerstört wurde. Eines der wichtigsten Gräber ist ein reiches, teilweise zerstörtes Grab einer Frau mit Glasperlenschmuck um den Hals, Ringen an den Armgelenken, einer Wadenbinden- und Schuhgarnitur sowie einem Gürtel mit Gehänge, zu dem eine bronzene Amulettkapsel und eine Zierscheibe aus Bronzeblech mit einem Tierwirbel-Muster gehören. Das Grab kann aufgrund der Beigaben ins 7. Jahrhundert datiert werden. Von den übrigen Gräbern kennt man Reste der Gürtelgarnituren, Messer, Saxe, Spathen, Pfeilspitzen, weitere Glasperlen und Schmuck. Einige der Gräber wiesen Steinumrandungen auf und waren entweder west-ost- oder süd-nord-orientiert.

Ein weiteres Reihengräberfeld von unbekannter Ausdehnung liegt im Bongerta in Eschen. In den Jahren 1953–54 und 1962 wurde hier bei Bauarbeiten rund ein Dutzend südwest-nordost-orientierte Gräber gefunden, von denen zwei mit Steinen eingefasst oder überdeckt waren. Die Beigaben lassen sich nur noch teilweise den einzelnen Gräbern zuordnen und bestehen aus zahlreichen Teilen von Waffenausrüstungen (Spathen, Saxe, Gürtelbeschläge), die aus dem 7. Jahrhundert datieren. Neue Beobachtungen und Grabungen seit 1998 haben das Bild über das Totenbrauchtum der germanischen Einwanderer in Eschen korrigiert und ergänzt. Das Gräberfeld zählt mittlerweile mindestens 71 dokumentierte Bestattungen. Auffallend sind mehrere viereckige Steinsetzungen ca. 1 m oberhalb der Skelette. Sie müssen ursprünglich als Oberflächenmarkierungen sichtbar gewesen sein. Die meisten Toten wurden in ihrer Tracht, mit ihren Waffen und ihrem Schmuck beigesetzt. Manche Alamannen starben sehr betagt. So erreichten 12 Individuen ein Alter von über 60 Jahren. Ein Mann erlebte sogar seinen 80. Geburtstag. Hingegen war die Frauensterblichkeit zwischen dem 20. und 60. Lebensjahr am höchsten. Viele Männer erreichten eine Körpergrösse von mehr als 1,66 m, während die Frauen selten grösser als 1,60 m wurden. Während ihres Lebens litten sie vor allem an Arthrose, Karies, Wundinfektionen und Mangelernährung.

Literatur

  • Ulrike Mayr: Spuren in die «dunklen» Jahrhunderte. Mit einem Beitrag von Hans Stricker, in: Archäologie Schweiz, 2008, Heft 2, S. 52–61, bes. S. 58 (Ein germanisches Gräberfeld in Eschen, FL).
  • Gudrun Schneider-Schnekenburger: Churrätien im Frühmittelalter. Auf Grund der archäologischen Funde, München 1980 (= Münchner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte, Bd. 26), S. 92–96.
  • Rudolf Degen: Liechtenstein zwischen Spätantike und Mittelalter, in: Archäologie im Fürstentum Liechtenstein, Basel 1978 (= Helvetia Archaeologica 9, Heft 34/36), S. 202–222, bes. S. 212–221.
  • Anton Frommelt: Alamannenfriedhof in Eschen, in: Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein, Bd. 54 (1954), S. 49–62.
  • Anton Frommelt: Alemannengräber Schaan 1938, in: Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein, Bd. 38 (1938), S. 87–94.
  • Anton Frommelt: Alemannengräber in Schaan, in: Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein, Bd. 34 (1934), S. 3–15.

Zitierweise

Anna Merz, «Alamannenareale», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Alamannenareale, abgerufen am 23.2.2019.

Medien

Bronzene Zierscheibe mit stilisierten Drachenköpfen aus einem Frauengrab im Alamannenareal in Schaan, 7. Jahrhundert n.Chr. (Bildarchiv LLM).