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Alpwirtschaft

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Autor: Alois Ospelt | Stand: 31.12.2011

Alpwirtschaft ist eine Form extensiver Viehwirtschaft auf hoch gelegenen, abgegrenzten Weideflächen (Alpen), zeitlich beschränkt auf das hochsommerliche Viertel des Jahres (→ Rindviehhaltung). Der in sich geschlossene Alpbetrieb mit eigenen charakteristischen Wirtschafts- und Lebensformen ist wirtschaftlich und organisatorisch mit den bäuerlichen Betrieben im dauernd besiedelten Gebiet verbunden.

Die Nutzung der günstig gelegenen Hochweiden oberhalb der Waldgrenze ist wahrscheinlich ebenso alt wie die Dauerbesiedlung des Rheintals. Archäologische Einzelfunde im Alpengebiet weisen darauf hin. Eine Alpwirtschaft im engeren Sinn, Rodungstätigkeit im oberen Waldgürtel und Viehsömmerung als Bestandteil der Viehwirtschaft von Dauersiedlungen gab es wohl erst seit der Bronzezeit (2200–800 v.Chr.). Die in prähistorischer Zeit erschlossenen Alpen wurden auch in vorrömischer und römischer Zeit genutzt. Davon zeugen Hinweise in der antiken Literatur sowie keltische, rätische und römische Flurnamen und Sachwörter zur Alpwirtschaft (z.B. Trüia, Viehweglein, von vorröm. *trogio). Die damals genutzten Flächen bildeten ebenso die Grundlage für die frühmittelalterliche Alpwirtschaft.

In den ältesten schriftlichen Quellen (ab dem 8. Jahrhundert) werden in unserer Region Alpen als Teil des von Gutshöfen genutzten Weidelands erwähnt. Die Alpen gehörten zum Königsland und waren wie Weiden und Wälder Teil der Adels- und Klosterherrschaft. Im Churrätischen Reichsgutsurbar (842/43) sind als Besitz königlicher Höfe in Schaan zwei, in Balzers zwei und in Mäls (oder Mels, SG) drei Alpen verzeichnet. Früher als Reichslehen vergeben, gingen diese Höfe und mit ihnen die Alpen ins Eigentum der regionalen weltlichen und geistlichen Herren über. Im Frühmittelalter schritten Besiedlung und Landesausbau abseits der talnahen Hänge nur zögernd voran. Die Viehwirtschaft basierte auf der Kleinviehhaltung (Schaf, Ziege, Schwein).

Im Hochmittelalter wurde die Grossviehhaltung durch Klöster und Adel gefördert. Vermehrte Vieh- und Milchwirtschaft und verbreitete Rinderhaltung bedingten grösseren Futterbedarf. Ab dem 12. und 13. Jahrhundert verstärkten sich die Rodungstätigkeit und Landerschliessung in bisher schlecht oder nicht genutzten Waldgebieten. In den mittleren Lagen entstanden in grösserem Umfang neue Weideflächen (Maiensässe), die zusammen mit den ebenfalls ausgeweiteten höher gelegenen Alpweiden die Grundlage für die bis heute bekannte Alpwirtschaft auf mehreren Höhenstufen bilden. Dabei wandert das Vieh in einem jährlichen Zyklus nach der Überwinterung im Heimstall auf die Maiensässe oder Vorweiden, erreicht im Hochsommer die höchsten Alpweiden und kehrt im Herbst in umgekehrter Reihenfolge in die Ställe im Tal zurück, wo während des Sommers auf den vom Viehtrieb entlasteten Flächen das Winterfutter gewonnen wird. In die hochmittelalterliche Expansionsphase fällt die Einwanderung der Walser, die den Prozess des Landesausbaus verstärkten, höhere Lagen mit Dauersiedlungen erschlossen und die Alpwirtschaft im Wesentlichen auf die auch heute genutzten Gebiete ausdehnten.

Aus den im Umfeld von frühmittelalterlichen Herrenhöfen und Kirchen entstandenen Weilern bildeten sich im Tal dörfliche Siedlungen. Gemeinschaftliche Daseinsbewältigung und Bodennutzung liessen aus ihnen selbständige Körperschaften mit genossenschaftlicher Organisation und Verwaltung wachsen (→ Gemeinde). Sie kauften im Spätmittelalter von den Landesherren fast alle Alpen, die sie meist schon vorher als Lehen genutzt hatten. Die Landesherren behielten das Obereigentum und hoheitliche Rechte wie das Holzschlagrecht und das Vogelmolken. Nur wenig Alpbesitz blieb landesherrliches Eigengut, z.B. die Alp Sücka. Urkundlich belegt sind 1355 die Alpen Malbun mit (Gross-)Steg und Bärgi als Eigentum des Kirchspiels Schaan-Vaduz, 1361 der Kauf der Alp Guschg durch dasselbe Kirchspiel und 1378 der Kauf der Alp Valüna durch das Dorf Triesen. Der Erwerb weiterer Alpen (→ Gritsch, → Valorsch, → Lawena, → Gapfahl, → Guschgfiel, → Güschgle) durch die drei Urpfarreien und Talgemeinden des Oberlands (Balzers, Triesen, Schaan-Vaduz) ist urkundlich nicht belegt. Die genannten Alpen waren aber alle nachweislich im 15. und 16. Jahrhundert deren Eigentum.

In den Dörfern hatten sich früh genossenschaftliche Zusammenschlüsse zur Nutzung der Alpen gebildet. Alpeigentum wurde aufgeteilt und Alpgenossenschaften zur Bewirtschaftung überlassen. Innerhalb des Kirchspiels Schaan-Vaduz wurde die Alp Malbun schon im 15. Jahrhundert durch Vaduzer Alpgenossen getrennt genutzt. 1503 erfolgte die Teilung der Alpen Gritsch und Guschg unter den Dorfgenossen der Schaaner Dorfteile St. Peter und St. Lorenz. In Triesen standen 1595–1718 die Alpen Lawena und Valüna in getrennter Nutzung der Genossen im Oberdorf und Unterdorf. Auch das Alpeigentum von Balzers nutzten früh getrennte Genossenschaften der Ortsteile Mäls und Balzers. Aus solch altem Nutzungseigentum entstand im 19. und 20. Jahrhundert grundbücherliches Eigentum, das in Schaan, Vaduz und Balzers an selbständige Alpgenossenschaften, in Triesen an die Gemeinde und 2004 an die neu gegründete Bürgergenossenschaft überging. Zwischen den verschiedenen Alpbesitzern kam es zu mannigfachen Grenz- und Nutzungskonflikten, u.a. um Atzungs-, Holzungs-, Weg- oder Schneefluchtrechte.

Die in den Höhenlagen von Triesenberg und Planken siedelnden Walser erwarben gleichzeitig mit und z.T. von den Talgemeinden umfangreichen Alpbesitz. Am Anfang der Besitzgeschichte der Walser Alpen stand jedoch nicht eine dörfliche Gemeinschaft, sondern es waren bis ins 16. Jahrhundert durchweg Gruppen einzelner Bauern, die Alpen als Lehen nahmen und kauften. So erwarben 1355 einige namentlich genannte Walser vom Kirchspiel Schaan-Vaduz einen Teil von Malbun als Erblehen, und 1371 verkaufte die Landesherrschaft die Alpen Guschgfiel und Güschgle ebenfalls als Erblehen an einige Walser. Erst 1562 legten die Gemeindsleute von Triesenberg die damaligen Walser Privatalpen Alpelti, Bargälla, Bärgi, Güschgle und Malbun zusammen und regelten deren Nutzung nach vorangegangener Schätzung und Gewichtung der privaten Anteilsrechte. Die Alpen Gross- und Kleinsteg sowie die später erworbenen Maiensässe Silum und Gaflei blieben Eigentum privater Genossenschaften. 1579 übertrugen auch die Besitzer der Plankner Alpen Gafadura und Garselli ihre Alprechte an die Ortsgemeinde. Im Zug der Gemeinderechtsrevision wurde der Alpbesitz der Ortsgemeinden Triesenberg und Planken 2000 grundbücherliches Eigentum der jeweiligen politischen Gemeinde.

In den Gemeinden des Oberlands war der Alpertrag (Raufutter, Mehrwert der Tiere, Milchprodukte) vom Spätmittelalter bis ins 20. Jahrhundert ein wichtiger Teil der Existenzgrundlage der Heimbetriebe. Die Bewohner und Dörfer des Unterlands hingegen besassen in Liechtenstein keine Alpen. Erst relativ spät entstand Unterländer Alpbesitz in Vorarlberg: Einzelne Gruppen von Bauern kauften die Alpen Fahren-Ziersch (im 16./17. Jahrhundert), Tiefensee-Klesi (1821), Dürrwald (1872) und Elsenalp (1928), die Gemeinde Gamprin erwarb 1914 die Alp Rauz.

Neben verschiedenen Eigentums- und Besitzrechten an den Alpen haben sich in einer jahrhundertelangen, differenzierten Entwicklung und in unterschiedlicher Abfolge vielgestaltige Regelungen der Alpnutzung und -bewirtschaftung gebildet (→ Alprecht). Die betriebswirtschaftlichen Grundlagen der Alpwirtschaft, besonders Grösse, Erschliessung und Qualität der Weideflächen, hängen von der Bewirtschaftungsart und den meist in Gemeinwerk und Alpfronen geleisteten Pflegemassnahmen ab. Der Tierbestand wurde entsprechend der Ertragskraft der Alp begrenzt, etwa durch die Zuteilung fester Kuhrechte (Stösse) oder durch die Winterungsregel, gemäss der jeder Alpberechtigte nur so viel Vieh auftreiben durfte, wie er mit dem auf dem eigenen Gut gewonnenen Futter überwintern konnte. Für die Erhaltung der Produktivkraft der Alpen wichtige Arbeitseinsätze betrafen u.a. Rodungsarbeiten, die Beseitigung von Schäden durch Lawinen, Rüfen und Bodenerosion, die Düngung und Unkrautbekämpfung. Die Weideflächen wurden zur Schonung verschiedenen Tieren zugeteilt (Kuh-, Rinderweiden), durch Zäune abgegrenzt und dem Stafelwechsel und Weideumtrieb unterworfen, Heuwiesen wurden durch Mauern geschützt. Die Verteilung der Aufgaben und Arbeiten auf Eigentümer, Nutzungsberechtigte, Alpbestösser und -personal führte zu vielgestaltigen Organisations- und Betriebsformen.

Meist erfolgt die Nutzung einer Alp durch nur ein wirtschaftliches Unternehmen (Alp- oder Weidebetrieb, Senntum). Grössere Alpen sind in mehrere Senntümer aufgeteilt (z.B. Pradamee). Umgekehrt werden mehrere Alpen zu einem Betrieb vereinigt (z.B. Valorsch). Unterschieden wird zwischen privater und gemeinschaftlicher Bewirtschaftung, wobei Mischformen vorkommen. Erstere erfolgt auf Rechnung der einzelnen Eigentümer oder Pächter. Zu ihr zählt das Einzelalpsystem, das bis 1887 von den Triesenbergern auf ihren Alpen ausgeübt wurde: Jeder Bauer brachte sein Vieh in eigenen Ställen unter und besorgte Stallarbeit, Melken und Milchverarbeitung selbst (Einzelsennerei); der Hirtendienst wurde im Turnus von den einzelnen Teilhabern übernommen oder war kollektiv geregelt. Beim gemeinschaftlichen Melk- und Sennereibetrieb erfolgte die Verteilung des Molkenertrags (Milch, Butter, Käse) aufgrund eines durch Milchmessung an bestimmten Messtagen auf bestimmten Messweiden ermittelten Schlüssels. Die Aufsicht war einem von der Alpgenossenschaft oder der Gemeinde bestellten Alpvogt oder -meister übertragen. Das angestellte Personal bestand je nach der Grösse der Alp und der Bewirtschaftungsform aus Senn, Zusenn, Melker, Hüter, Mister und Hüterbub («Batzger»). Alpbetriebe lassen sich zudem hinsichtlich Art, Altersklassen und Herkunft der Tiere unterscheiden: Kleinvieh- und Rindviehalpen, Kuhalpen und Jungviehalpen (Galtalpen) mit nach Altersklassen getrennten oder gemischten Beständen von Teilhabern, Pächtern oder fremden Betrieben. Der Alpbetrieb hat besondere Lebensformen der Älpler und ein eigenes Brauchtum entwickelt (Alpsegen, Alpabfahrt).

Alpgebäude (Käserei), -kessel und -geschirr sind z.B. in der Valüna schon 1493 erwähnt. Die Hütten und Ställe, die Erschliessung mit Triebwegen, Strassen und Wasserversorgungsanlagen usw. befanden sich im 19. Jahrhundert in schlechtem Zustand. Ab dem Erlass des Alpwirtschaftsgesetzes von 1867 bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die Alpwirtschaft mit staatlicher Förderung qualitativ verbessert und intensiviert (Begrenzung der Bestossung, Bau von Brunnen, Alpgebäuden und -strassen, Zäunung etc.); die Weideflächen erreichten einen Höchststand. Dann setzte parallel zum wirtschaftlichen Strukturwandel und starken Rückgang der Landwirtschaftsbetriebe eine Reduktion von Weideflächen und Bestossung ein. Die staatliche Förderung der Alpwirtschaft wurde 1968 in den Rahmen einer Berggebietssanierung gestellt, die neben landwirtschaftlichen Zielen auf Waldpflege, Natur- und Landschaftsschutz sowie nachhaltigen Tourismus ausgerichtet ist.

Als maximale Bestossung ist für jede Alp eine bestimmte Zahl von Grossvieheinheiten festgesetzt, wobei eine Kuh einer Grossvieheinheit entspricht, ein Rind 0,6–0,8 Grossvieheinheiten, ein Schaf 0,2–0,25 Grossvieheinheiten usw. Insgesamt bestanden 2007 24 Alpen (davon drei Kuhalpen mit Käserei) und drei Maiensässe in Liechtenstein und sechs liechtensteinische Alpen in Vorarlberg. Umfassten die liechtensteinischen Alpweiden im Jahr 1900 rund 3200 ha, waren es 2007 im Inland noch 2438 ha mit 1800 Stössen; die liechtensteinischen Alpen in Vorarlberg zählten 754 ha mit 360 Stössen.

Quellen

  • Liechtensteinisches Urkundenbuch, Teil I: Von den Anfängen bis zum Tod Bischof Hartmanns von Werdenberg-Sargans-Vaduz 1416, 6 Bände, bearbeitet von Franz Perret, Benedikt Bilgeri, Georg Malin und Otto P. Clavadetscher, Vaduz 1948–1996 (LUB I/1–6).
  • Rechenschaftsbericht der Regierung an den Hohen Landtag, Vaduz 1922– (diverse Titelvarianten); online ab Jahrgang 2005.

Literatur

  • 500 Jahre Alpgenossenschaften Schaan. Festschrift zur Alpteilung von Gritsch und Guschg 1503, Redaktion: Herbert Hilbe und Eva Pepić, Schaan 2003 (= DoMuS Schriftenreihe, Heft 4).
  • Louis Carlen, Gabriel Imboden (Hg.): Alpe – Alm. Zur Kulturgeschichte des Alpwesens in der Neuzeit. Vorträge des dritten internationalen Symposiums zur Geschichte des Alpenraums, Brig 1994.
  • Emanuel Vogt: Die Balzner Alpen, Balzers 1993.
  • Emil Hoch: Die Alpwirtschaft in Liechtenstein, mit einer Weidekartierung der Alp Lawena. Diplomarbeit zur Erlangung des akademischen Grades eines Magisters der Naturwissenschaft an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, Innsbruck 1992.
  • Jon Mathieu: Eine Agrargeschichte der inneren Alpen. Graubünden, Tessin, Wallis, 1500–1800, Zürich 1992.
  • Josef Büchel: Geschichte der Gemeinde Triesen, hg. von der Gemeinde Triesen, Bd. 1, Triesen 1989, S. 390–468.
  • Werdenberger Jahrbuch 1989, Jg. 2 (1988).
  • Ernst Ospelt: Der Alpkataster in Liechtenstein, in: Bergheimat. Jahresschrift des Liechtensteiner Alpenvereins, Schaan 1962, S. 44–51.
  • David Beck: Alpwirtschaft und Alpbrauch in Liechtenstein, in: Schweizer Volkskunde, Jg. 45 (1955), Nr. 1, S. 33–41.
  • Ernst Ospelt: Einiges aus unserer Alpwirtschaft, in: Bergheimat. Jahresschrift des Liechtensteiner Alpenvereins, Schaan 1955, S. 44–57.
  • Hippolyt Ludwig von Klenze: Die Alpwirthschaft im Fürstenthume Liechtenstein, ihre Anfänge, Entwicklung und gegenwärtiger Zustand. Eine Skizze landwirthschaftlichen Musterbetriebes, Stuttgart 1879.

Zitierweise

Alois Ospelt, «Alpwirtschaft», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Alpwirtschaft, abgerufen am 22.4.2019.

Medien

Alppersonal vor den unteren Hütten der Alp Pradamee, 1921 (LI LA). Das Alppersonal posiert am Alpabfahrtstag mit Sennereigeräten und der besten, mit einem Alpabfahrtsherzchen geschmückten Kuh.
Bestossung der liechtensteinischen Alpen, 1868–2015