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Antisemitismus

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Autoren: Peter Geiger, Karl Heinz Burmeister | Stand: 31.12.2011

Antisemitismus umfasst negative Haltungen gegen Juden aus religiösen, wirtschaftlichen, politischen, soziokulturellen oder rassistischen Motiven. Neben dem traditionellen christlichen Antijudaismus entstanden seit dem 19. Jahrhundert der moderne biologistische Rassenantisemitismus, der zum Holocaust führte, und der politische Antizionismus.

Im katholischen, ländlichen Liechtenstein, wo Juden nur kurzzeitig im 17. und 18. Jahrhundert und danach erst wieder ab den 1920er Jahren lebten, gab es einen latenten, christlichen Antijudaismus. Über den Umgang der Bevölkerung mit den Juden, die ab dem 14. Jahrhundert in Feldkirch, ab dem 16. Jahrhundert in Rheineck und seit 1632 in Hohenems wohnten und als Geldverleiher, Viehhändler sowie Hausierer auch im Raum Liechtenstein tätig wurden, ist wenig bekannt. Die Vaduzer Zollordnung von 1552 enthielt den die Juden diskriminierenden Würfelzoll. Die Obrigkeit musste wiederholt wegen Übergriffen (Injurien, Tätlichkeiten) der christlichen Bevölkerung gegen 1637–51 am Eschnerberg wohnhafte Juden eingreifen. In einer Instruktion für den Landweibel der Herrschaft Schellenberg von 1752 wird dieser mit der Kontrolle der Juden beauftragt. Sie enthält zudem die Bestimmung, dass Geldverleihgeschäfte mit Juden nur in Gegenwart des Landweibels oder eines Richters getätigt werden dürfen. Bis ins 20. Jahrhundert wurde in der Osterliturgie für die «perfiden Juden» gebetet.

Im städtischen Ausland griffen Liechtensteiner schon im 19. Jahrhundert den Rassenantisemitismus auf, so in München der Komponist Josef Gabriel Rheinberger und besonders in Wien der Politiker Aloys von Liechtenstein. In den 1920er Jahren kam es zu antisemitischen Äusserungen in den beiden Landes- und Parteizeitungen «Liechtensteiner Volksblatt» und «Liechtensteiner Nachrichten», etwa im Zusammenhang mit jüdischen Kapitalanlegern, Einbürgerungsanträgen, mit der Gründung der Bank in Liechtenstein, mit der Klassenlotterie sowie dem Mutualclub, den konkursiten Eschenwerken und dem Plan eines grossen Schächtbetriebs in Schaan 1929. In der NS-Zeit traten in Liechtenstein Nationalsozialisten offen und gewalttätig mit radikal-eliminatorischem Rassenantisemitismus auf. Sie richteten ihre Kritik gegen das teils jüdisch gespeiste Gesellschaftswesen, gegen die Einbürgerung reicher Juden und gegen den Aufenthalt jüdischer Flüchtlinge. Den Auftakt der radikal-antisemitischen Agitation im Land bildete 1933 die für zwei Juden tödliche Rotter-Entführung. Der Liechtensteiner Heimatdienst (LHD, 1933–35) und die NS-Anschlusspartei Volksdeutsche Bewegung in Liechtenstein (VDBL, 1938–45) attackierten die Juden im Land in hasserfüllter, menschenverachtender Weise verbal in ihren Organen «Liechtensteiner Heimatdienst» (Schriftführer Carl von Vogelsang) und «Der Umbruch» (Schriftführer bis Ende 1942 Martin Hilti, danach Alfons Goop und Franz Röckle), tätlich auf der Strasse durch Beschimpfungen wie «Saujud», Steinwürfe und Ausspucken. 1938 und vereinzelt auch später verübten Nationalsozialisten Bölleranschläge gegen Wohnungen von Juden. Die VDBL forderte 1942 im «Umbruch» für die Juden in Liechtenstein «den gelben Stern» und ein «Arbeitslager». Die VDBL-Zeitung schrieb den Juden alles Übel der Welt zu und unterstützte, der Propaganda im Reich folgend, implizit die hitlerdeutsche Verfolgung der Juden bis zur Vernichtung. Gegen die Judenhetze stellten sich in der NS-Zeit die Fortschrittliche Bürgerpartei, das «Liechtensteiner Volksblatt» und die Geistlichkeit, während die Vaterländische Union, das «Liechtensteiner Vaterland» und deren aus dem Heimatdienst kommende Führer die antisemitische Richtung 1936–37 unterstützten, auch im Landtag; ab der Regierungsbeteiligung 1938 hielten sie sich indes zurück. Gegen antisemitische Anwürfe setzten sich einzelne Juden mit Leserbriefen und Anzeigen zur Wehr. Der Antisemitismus des LHD richtete sich indirekt auch gegen die jüdische Fürstin Elsa von Liechtenstein. Indem ihr Gemahl, Fürst Franz I., im März 1938 den Thronfolger Franz Josef zum Stellvertreter ernannte, nahmen er und die Regierung die Fürstin aus dem Visier Deutschlands und der liechtensteinischen Antisemiten.

In den Statuten der akademischen Verbindung Rheinmark gab es in der NS-Zeit einen sogenannten Arierparagrafen, der Juden die Mitgliedschaft verwehrte. In den 1940er Jahren kam es in der Pfadfinderabteilung Vaduz zu Ausschlüssen von fünf jüdischen Pfadfinderinnen, und in Schaan wurde zwei jüdische Knaben die Mitgliedschaft bei den Pfadfindern verweigert.

Mit dem Ende des Dritten Reichs wurde der Wahnsinn der auf den Rassenantisemitismus gestützten Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden im vollen Umfang sichtbar. Dennoch blieb auch in Liechtenstein bis in die Gegenwart ein latenter, von antijüdischen Stereotypen und rassistischen Vorurteilen unterlegter Antisemitismus bestehen. Umgangssprachlich wurde etwa ein teurer Händler als «Jud», eine unordentliche Kinderschar als «Jodaschual» qualifiziert. In Kritik an Israel, Zionismus und Kapitalismus mischen sich unterschwellig oft antisemitische Elemente. Sporadisch findet sich auch Anfang des 21. Jahrhunderts in Liechtenstein das Hakenkreuz aufgeschmiert, als Provokationszeichen und Symbol für NS-Gewalt und Judenmord. Seit 2006 findet in Liechtenstein jährlich am 27.1. ein Holocaust-Gedenktag statt.

Quellen

Tschugmell: Beamte, 1947, 94–97.

Literatur

Peter Geiger: Kriegszeit. Liechtenstein 1939 bis 1945, Bd. 1–2, Vaduz/Zürich 2010.

Peter Geiger et al.: Fragen zu Liechtenstein in der NS-Zeit und im Zweiten Weltkrieg. Flüchtlinge, Vermögenswerte, Kunst, Rüstungsproduktion. Schlussbericht der Unabhängigen Historikerkommission Liechtenstein Zweiter Weltkrieg, Vaduz/Zürich 2005.

Ursina Jud: Liechtenstein und die Flüchtlinge zur Zeit des Nationalsozialismus. Studie im Auftrag der Unabhängigen Historikerkommission Liechtenstein Zweiter Weltkrieg, Vaduz/Zürich 2005.

Klaus Biedermann et al.: Pfadfinderschaft und jüdische Kinder zur Zeit des Nationalsozialismus in Liechtenstein, in: Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein, Bd. 99 (2000), S. 217–230.

Peter Geiger: Krisenzeit. Liechtenstein in den Dreissigerjahren 1928-1939, Bd. 1–2, Vaduz/Zürich22000.

Peter Geiger: «Spuren suchen, die zum Wahnsinn der Shoah führten …» Urs Altermatts grundlegendes Werk zu Katholizismus und Antisemitismus in der Schweiz, in: Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein, Bd. 99 (2000), S. 270–274.

Urs Altermatt: Katholizismus und Antisemitismus. Mentalitäten, Kontinuitäten, Ambivalenzen. Zur Kulturgeschichte der Schweiz 1918-1945, Frauenfeld 1999.

Karl Heinz Burmeister: Die Jüdische Gemeinde am Eschnerberg 1637 - 1651, in: Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein, Bd. 89 (1991).

Karl Heinz Burmeister: Liechtenstein als Zufluchtsort der aus Sulz vertriebenen Juden 1745/47, in: Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein, Bd. 86(1986)

Zitierweise

Peter Geiger, Karl Heinz Burmeister, «Antisemitismus», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Antisemitismus, abgerufen am 19.2.2019.