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Architektur

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Autor: Michael Pattyn | Stand: 31.12.2011

Erste Zeugen hoch entwickelter Baukunst in Liechtenstein bilden die römischen Villen in Nendeln und Schaanwald sowie das römische Kastell in Schaan. Es folgten u.a. im Frühmittelalter ein Gutshof auf dem Kirchhügel Bendern, im Hoch- und Spätmittelalter mehrere Burgen und Wohntürme. Die Kirchen der Romanik und Gotik wurden im 19. und frühen 20. Jahrhundert durchweg durch Neubauten des Klassizismus und Historismus ersetzt, die Kapellen blieben teilweise erhalten. Neben einigen Gasthäusern (→ Gastgewerbe) und einzelnen repräsentativen Verwaltungs- und Wohngebäuden wie dem Verweserhaus (16. Jahrhundert) oder dem barocken Gamanderhof prägten ansonsten in handwerklicher Tradition errichtete Bauernhäuser bis um 1850 das Siedlungsbild fast völlig. Dieses bescheidene architektonische Erbe entspricht den sozioökonomischen Voraussetzungen eines peripheren, ärmlichen Landes ohne Städte und Bürgertum.

Der gesellschaftliche Aufbruch, der sich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts etwa in einem gewandelten Staatsverständnis, im wirtschaftlichen Umbruch der Industrialisierung und im (ansatzweisen) Entstehen eines Bürgertums (Beamte, Ärzte, Lehrer, Fabrikanten) zeigte, brachte neue Bauaufgaben mit sich: Nun entstanden klassizistisch-historistisch geprägte Schulbauten und Verwaltungsgebäude (z.B. die Zollhäuser in Nendeln und Balzers), Fabrikbauten und Arbeiterwohnhäuser, Fabrikanten- und Arztvillen, Bahnhofsgebäude (→ Eisenbahn) und Kurhäuser, im 20. Jahrhundert auch Gemeinde- und Rathäuser. Nach 1900 fasste der Heimatstil Fuss, ab etwa 1925 die Architektur der Moderne (und ab etwa 1975 auch der Postmoderne), die sich ausser in Wohnbauten v.a. in Bauten der öffentlichen Hand und der aufstrebenden Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft ausdrückte (Banken etc.).

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts erfolgte die Planungstätigkeit für gehobene Bauaufgaben vorwiegend durch ausländische Ingenieure und Architekten, ansonsten durch heimische Baumeister. Erst danach wurde auch im Wohnungsbau die Planung durch professionelle, meist inländische Architekten zur Regel. Sie erhielten ihre Ausbildung zunächst an ausländischen Fach- und Hochschulen, v.a. in der Schweiz, Deutschland und Österreich. Seit 1963 ist das Architekturstudium in Liechtenstein möglich (→ Universität Liechtenstein). 1967 erfolgte die Gründung der Liechtensteinischen Ingenieur- und Architektenvereinigung (LIA). Von mehr als 100 1954–2000 von der öffentlichen Hand durchgeführten, international ausgeschriebenen Architekturwettbewerben gingen Impulse für ein qualitativ hochstehendes Bauen aus. Dennoch zeigt die liechtensteinische Architekturlandschaft bei starker Zersiedelung eine insgesamt oft anspruchslose und wenig kohärente, vom rustikalen Einfamilienhaus bis zum sachlich-modernen Wohnblock reichende Bebauung.

Literatur

Cornelia Herrmann: Die Kunstdenkmäler des Fürstentums Liechtenstein, Bd. 1–2, Bern 2013/2007.

Benedikt Loderer: Architekturführer Liechtenstein, hg. von der Fachhochschule Liechtenstein Vaduz 2002.

Bauen für Liechtenstein – Ausgewählte Beiträge zur Gestaltung einer Kulturlandschaft, hg. von Patrik Birrer, 2000.

Erwin Poeschel: Die Kunstdenkmäler des Fürstentums Liechtenstein, Basel 1950.

Zitierweise

Michael Pattyn, «Architektur», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Architektur, abgerufen am 25.6.2019.