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Auslandsliechtensteiner

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Autor: Donat Büchel | Stand: 31.12.2011

Liechtensteiner Staatsbürger mit Wohnsitz ausserhalb des Landes. Liechtenstein war bis nach dem Zweiten Weltkrieg ein Auswanderungsland. Neben permanenter kam es häufig zu saisonaler Auswanderung (→ Saisonniers). Der wirtschaftliche Aufschwung nach 1945 führte zu einer verstärkten Rückwanderung. Bis heute absolvieren viele Liechtensteiner ihre Ausbildung im Ausland. Auslandliechtensteiner besitzen – im Gegensatz etwa zu Auslandschweizern oder Auslandsösterreichern – keine politischen Mitspracherechte in ihrem Heimatland, trotz wiederholter Forderungen u.a. 1919, 1935, 1994. Auslandsliechtensteinerinnen können seit 1996 ihre Staatsbürgerschaft an ihre Nachkommen weitergeben, was bis 2004 rund 4000 Personen in Anspruch nahmen.

Seit 1919 vertritt die Schweiz die Auslandliechtensteiner in Ländern ohne liechtensteinische Auslandsvertretung. Zuvor war diese Aufgabe seit 1880 von Österreich-Ungarn ausgeübt worden. Im Ersten Weltkrieg wurden der Habsburgermonarchie zugerechnete Auslandliechtensteiner in den Ententestaaten interniert, verloren ihr Vermögen oder waren anderen Benachteiligungen ausgesetzt. Vertreten wurden sie wie die Österreicher von den USA, Schweden und anderen neutralen Staaten. Im Zweiten Weltkrieg erlitten Auslandliechtensteiner – besonders sogenannte Neubürger – ebenfalls Internierungen, z.B. in Grossbritannien und den USA.

Zu Zusammenschlüssen der Auslandliechtensteiner kam es vor allem in Krisenzeiten und an Orten, wo viele Landsleute lebten. Bei den rund 1500 nach Amerika ausgewanderten Liechtensteinern lässt sich in der ersten Generation häufig ein enger Zusammenhalt feststellen. Es gab Liechtensteinertreffen, man heiratete untereinander und die Muttersprache sowie die Religion wurden gepflegt, u.a. in Dubuque, Guttenberg (beide Iowa) und Hammond (Indiana). Zur Gründung einer eigentlichen Vereinigung von Auslandliechtensteinern kam es aber nicht.

Die Liechtensteiner in St. Gallen sammelten sich erstmals 1888 in einem später wieder aufgelösten Verein. 1914 wurde der bis heute aktive «Liechtensteiner Verein St. Gallen» gegründet. Der seit 1928 bestehende Verein in Zürich hatte mindestens einen Vorläufer. 1920 sind Vereine in St. Gallen, Zürich und Baden (AG), Gruppen in Frauenfeld (TG), Zug, Hemberg (SG), Wald (ZH), Dietikon (ZH), Wohlen (AG) und Mellingen (AG) sowie ein «Zentralkomitee der liechtensteinischen Vereine in der Schweiz» erwähnt. Später gab es den «Liechtensteiner Verein Region Nordostschweiz». In Zürich bestand zudem ein «Kranken- und Sterbeverein» für Tiroler, Vorarlberger, Deutsch-Österreicher und Liechtensteiner (Statuten von 1900). Über ein Bestehen nach 1920 ist nichts bekannt. In Österreich wurde 1931 der «Verein der Liechtensteiner in Oesterreich» mit Sitz in Frastanz gegründet. Er nannte sich nach dem Anschluss an Deutschland «Verein der Liechtensteiner in der Ostmark» (1939). Nach 1945 ist nichts über Auslandliechtensteinervereine in Österreich bekannt.

Die Vereine der Auslandliechtensteiner bezwecken u.a., liechtensteinische Fragen zu diskutieren, die Interessen ihrer Mitglieder in der Heimat und am Wohnort zu wahren sowie den Kontakt untereinander und zu Liechtenstein aufrechtzuerhalten. An ihren Generalversammlungen nehmen regelmässig liechtensteinische Politiker teil.

Die Vereine in der Schweiz waren in der Umbruchphase nach dem Zweiten Weltkrieg kritisch gegenüber der Regierung und teilweise auch dem Fürstenhaus eingestellt. Sie brachten mit Eingaben an die und Gesprächen mit der Regierung und dem Fürstenhaus sowie mit Leserbriefen ihre wirtschaftlichen (Schaffung von Arbeitsmöglichkeit, Industrie), sozialen (Schaffung von Unfall- sowie Alters- und Hinterlassenenversicherung) und politischen Anliegen (u.a. Revision der Verfassung im Sinn der Volkspartei) vor. Etliche Auslandliechtensteiner in der Schweiz waren Mitglieder von Gewerkschaften und Anhänger sozialdemokratischer Ideen, was im Hinblick auf ihre Rückkehr bei konservativen Kreisen in Liechtenstein zu Ängsten führte. Die Auslandliechtensteinervereine in Zürich und St. Gallen sammelten Anfang der 1930er Jahre Geld für die antikapitalistische, regierungs- und parteikritische «Liechtensteinische Arbeiter-Zeitung». In den Krisenzeiten bis 1945 waren die Auslandliechtensteinervereine in der Schweiz und Österreich auf Hilfe aus Liechtenstein angewiesen.

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Quellen

G. Matt: Jahrbuch des Liechtensteiner Vereins von St. Gallen und Umgebung 1918–1920.

Literatur

Gernot Gürtler: Quo vadis? Aspekte zum "homo migrans" im Fürstentum Liechtenstein, in: Bausteine zur liechtensteinischen Geschichte. Studien und studentische Forschungsbeiträge, Bd. 3, Zürich 1999, S. 113–138.

Nach Amerika! Geschichte der liechtensteinischen Auswanderung nach Amerika. Redaktion: Norbert Jansen und Pio Schurti, 2 Bände, Vaduz 1998.

R. Quaderer: Neutralitäts – und Souveränitätsprobleme Liechtensteins im Umfeld des Ersten Weltkriegs, in: Kleinstaat und Menschenrechte. Festgabe für Gerard Batliner zum 65. Geburtstag (1993), S. 43–61.

Hans Vetsch–Kindle: 100 Jahre Liechtensteiner Verein St. Gallen. Vereinschronik 1888–1988, St. Gallen/Vaduz 1988.

Alois Ospelt: Wirtschaftsgeschichte des Fürstentums Liechtenstein im 19. Jahrhundert. Von den napoleonischen Kriegen bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges, in: Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein, Bd. 72 (1972).

Zitierweise

Donat Büchel, «Auslandsliechtensteiner», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Auslandsliechtensteiner, abgerufen am 23.4.2019.

Medien

Vereinstafel zur Gründung des Liechtensteiner Vereins St. Gallen im Jahr 1888 (Liechtensteiner Verein St. Gallen). Foto: Benedikt Marxer, St. Gallen. Im Uhrzeigersinn: F. Erni, Markus Hasler, Adrian Marxer, Anton Hinger, Ruppert Jungwirth, Rob. Jungwirth, Magnus Hilti, J. Risch, Mar. Feger, Jos. Schädler, Frz. Jos. Schädler, A. Walch.