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Bürgerheime (Armenhäuser)

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Autorin: Julia Frick | Stand: 31.12.2011

Bürgerheime waren kommunale Einrichtungen der Armenpflege, besonders zur Versorgung, Betreuung oder Verwahrung armer, alter, verwaister und physisch oder psychisch kranker Gemeindebürger, die keine materiellen Mittel oder körperlichen Fähigkeiten zur Existenzsicherung besassen und nicht in ihren Familien versorgt werden konnten.

Ein Heim- und Anstaltswesen (→Heime) entwickelte sich in Liechtenstein spät und rudimentär. Erst nach dem Erlass eines Bettelverbots und eines Armengesetzes 1869 entstanden Bürgerheime in Schaan (1870–72), Triesen (1871–72), Mauren (1873), Vaduz (1892) und Eschen (1904). Gebaut, finanziert und geleitet wurden sie von den jeweiligen Gemeinden, der Staat unterstützte sie aus dem landschaftlichen Armenfonds (→Sozialhilfe). Die fünf Bürgerheime standen grundsätzlich den Bürgern der jeweiligen Standortgemeinde offen. Gegen entsprechende Zahlung wurden auf vertraglicher Basis auch Bürger anderer Gemeinden aufgenommen. Die Bewohner wurden durch die Zamser Schwestern, ab Mitte der 1950er Jahre z.T. durch die Schwestern vom Kostbaren Blut, Schellenberg, und die Anbeterinnen des Blutes Christi, Schaan, betreut. Für die Verwaltung war ein von der Gemeinde angestellter Armenverwalter («Armenvater») verantwortlich.

Den Bürgerheimen war jeweils ein grösserer, mit Gemeindeboden («Armengut») ausgestatteter Landwirtschaftsbetrieb angeschlossen, der für die Beschäftigung und Versorgung der Bewohner wichtig war. In den Bürgerheimen befanden sich zudem bescheidene Krankenabteilungen; in Vaduz, Triesen und Eschen wurden in den 1920er–1940er Jahren auch Entbindungsstationen eingerichtet. 1954 befanden sich 67 Personen in den liechtensteinischen Bürgerheimen, davon sechs Kinder und zwei Jugendliche, 23 geistig Behinderte, 22 körperlich Behinderte und Invalide und neun Alkoholkranke. Die Bedeutung der Bürgerheime änderte sich mit dem Ausbau der Sozialversicherung ab den 1950er Jahren und der Neuorganisation der Sozialhilfe ab 1966. Alter und Pflegebedürftigkeit, nicht mehr «Armut» waren die Hauptgründe für die Aufnahme. 1974 wurden die Bürgerheime reorganisiert und in der Folge neuen Zwecken zugeführt: Das Bürgerheim Vaduz mit seiner allmählich ausgebauten Krankenabteilung entwickelte sich bis 1981 zum Spital (heute Liechtensteinisches Landesspital). Die Bürgerheime in Schaan (1979), Eschen (1980) und Triesen (1986) wandelten sich zu modernen Alters- und Pflegeheimen. Aus dem Landwirtschaftsbetrieb des 1979 aufgelösten Bürgerheims in Mauren wurde 1987 eine landwirtschaftliche Wohn- und Arbeitsstätte für geistig Behinderte (Birkahof). Ebenfalls als Nachfolgeeinrichtung der Bürgerheime kann der 1989 gegründete, in der Sozialpsychiatrie tätige Verein für betreutes Wohnen (VBW) gelten.

Quellen

In der Maur/Vogt: Rechenschaftsbericht 1884–90, 1990, 68f.

Literatur

A. Schädler: Die Thätigkeit des liechtensteinischen Landtages im 19. Jahrhundert, in: JBL 1 (1901), 81–176, hier 141f., 157f.; Die Neugestaltung der Bürgerheime in Liechtenstein, 1974; Büchel: Gemeinde Triesen 2, 1989, 828–844; Solidarität tut not, Hg. Liecht. Fürsorgeamt, 1991; Das Armenhaus Mauren im Spiegel der Geschichte, in: Gemeindeinformation Mauren-Schaanwald 45 (1993), 53–71; M. Gantner, J. Eibl: Öffentliche Aufgabenerfüllung im Kleinstaat, 1999, 205f., 232f.; Liechtensteinisches Soziallexikon, 22000.

Zitierweise

Julia Frick, «Bürgerheime (Armenhäuser)», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Bürgerheime_(Armenhäuser), abgerufen am 22.1.2019.

Medien

Altes Armenhaus und Bürgerheim von Triesen (GAT). Das Gebäude links im Bild wurde 1848 als Privathaus gebaut und ab 1872 von der Gemeinde Triesen als Armenhaus genutzt; 1984 abgebrochen. Das 1905–06 errichtete Bürgerheim war 1986–2008 Teil des Betreuungszentrums St. Mamertus; 2010 abgebrochen.