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Bauernhaus

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Autor: Peter Albertin | Stand: 31.12.2011

Die Wohn- und Wirtschaftsbauten der ländlichen Bevölkerung in Liechtenstein verstehen sich meist als Hofstätten mit Wohnteil, Ökonomieteil, Nebengebäuden, Hofraum, Kraut- und Baumgarten. Bis über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus prägten diese Bauten das Erscheinungsbild der liechtensteinischen Dörfer, verschwinden aber seither zusehends zwischen modernen Wohn- und Geschäftsbauten. Die älteste Bausubstanz entstammt dem ausgehenden 14. Jahrhundert und erlaubt zusammen mit jüngeren Befunden die Deutung einer über 600-jährigen wirtschaftlichen und baulichen Entwicklung, welche hier seit dem Spätmittelalter der geringen wirtschaftlichen Dynamik entsprechend besonders langsam und traditionsbehaftet verlief.

Das Wohnhaus zeigt einen annähernd quadratischen Grundriss. Es trug bis ins 18./19. Jahrhundert ein wenig geneigtes und mit Steinen beschwertes Legschindel-Satteldach. Die durchweg zweigeschossigen Wohnteile weisen stets dieselbe Raumordnung auf: Küche, Stube und Nebenstube im Erdgeschoss sowie je eine ursprünglich durch eine Leiter erschlossene Kammer über der Stube und der Nebenstube. Unterkellert waren bis ins 19. Jahrhundert nur Stuben und Nebenstuben, traufseits waren oft offene Lauben angestellt. Die Küchen standen vorerst bis zum First offen, an der Stubenwand loderte das offene Herdfeuer, weshalb ältere Bauten innen stark russgeschwärzt sind. Als Baukonstruktionen herrschten im Spätmittelalter Bohlenständerbauten vor, die aber im 16. Jahrhundert durch die Blockbauweise (Strickbau) verdrängt wurden. Im erhaltenen Baubestand dominiert der bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts angewendete Blockbau, oft vermischt mit Mauerwerk sowie Ständerwänden und Riegelfachwerk. Dieser Wohnhaustyp reiht sich in eine auch in den umliegenden Alpenländern verbreitete Bauweise ein, es fehlt in Liechtenstein aber an reichen Ausschmückungen und einer Mehrung des Raumangebots in der mittleren und jüngeren Neuzeit.

Verbesserungen der einfachen Wohnverhältnisse brachten im 18. Jahrhundert der Einbau von Kaminzügen, Küchendecken und eines Treppenhauses, die Häuser wurden nun rauchfrei. Im 18./19. Jahrhundert entstanden steiler geneigte Ziegeldächer. Im 19. Jahrhundert wurden die bisherigen Butzenscheiben durch Sprossenfenster ersetzt, die Stuben erhielten Täferauskleidungen, die Fassaden wurden in Schindelschirme eingekleidet und mit klassizistischen Zierelementen versehen. Im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts entstanden nebst den traditionellen Bauten einige gemauerte, ebenfalls in klassizistischer Art gestaltete Zweifamilienwohnhäuser unter Walmdächern.

Die Ställe sind bis ins 17.–19. Jahrhundert in Block- und Ständerbauweise gezimmert, seither meist gemauert. Die Scheunen als verbretterte Fachwerkbauten stehen seit dem 18./19. Jahrhundert oft auf traufhohen Mauerpfeilern. Die Nebengebäude umfassen Schuppen, Remisen, Kleintierställe, Sticklokale und dergleichen; ihr heutiger Bestand entstammt dem 18.–20. Jahrhundert.

Die Bauernhäuser im Rheintal unterscheiden sich von jenen in Berglagen (Triesenberg, Planken) v.a. in der Gruppierung der Hofanlage, was auf unterschiedlichen Formen der Landwirtschaft gründet: Im Talgrund steht die Stallscheune seit dem 16.–18. Jahrhundert im Rahmen einer zentral betriebenen, gemischten Ackerbau- und Viehwirtschaft nahe beim Wohnhaus oder an dieses angebaut. Bei der dezentralen Viehwirtschaft im Berggebiet liegen die freistehenden sogenannten Heuställe verstreut in den weiten Heuwiesen. Ethnologische Unterschiede zwischen den Talbewohnern und den Walsern in Berglagen sind am Bauernhaus weder in den Baustrukturen noch in den Zierelementen ablesbar.

Heute wird das traditionelle Bauernhaus kaum mehr im ursprünglichen Sinn genutzt, was dessen Bestand stark gefährdet. Die Landwirte benötigen der starken Mechanisierung angepasste Neubauten und siedeln möglichst aus den Dorfzentren aus.

Literatur

  • Peter Albertin: Die Entwicklung der Haustypen im Fürstentum Liechtenstein, in: Bauen für Liechtenstein, Vaduz 2000, S. 74–89.

Zitierweise

Peter Albertin, «Bauernhaus», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Bauernhaus, abgerufen am 18.2.2019.

Medien

«Küefer-Martis-Huus» in Ruggell, 1993 (GAR), erbaut 1731, im Zustand von etwa 1900.
Schematischer Grundriss des «Küefer-Martis-Huus». Das Haus repräsentiert im Kern den in Liechtenstein verbreiteten Bauernhaustypus mit Wohnhaus und Stallscheune. Am Wohnhaus befinden sich traufseits anstelle einer vorherigen weiteren Laube ein Anbau und eine Küferwerkstatt (19. Jahrhundert).