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Baugewerbe

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Autor: Patrick Sele | Stand: 31.12.2011

Das Baugewerbe wird in das Bauhaupt- und das Baunebengewerbe aufgeteilt. Zu Ersterem gehören der mit der Errichtung von Gebäuden befasste Hochbau sowie der mit der Erstellung von Strassen und Geleisen sowie der Verlegung von Rohren und Leitungen befasste Tiefbau. Zum Baunebengewerbe gehören die mit dem Innenausbau von Häusern verbundenen Tätigkeiten.

In prähistorischer Zeit (bis 15 v.Chr.) waren die Häuser von so einfacher Bauart, dass nicht von der Existenz professioneller Bauhandwerker auszugehen ist. Manche der in der Römerzeit erstellten Bauten wie gepflasterte Strassen, die römischen Villen und das römische Kastell sind von so ausgeklügelter Bauart, dass das Vorhandensein professioneller Bauhandwerker im Gebiet Liechtensteins durchaus vorstellbar ist. Die einfache Bauweise der traditionellen liechtensteinischen Bauernhäuser sowie das bis Ende des 18. Jahrhunderts vergleichsweise geringe Bevölkerungswachstum mit der sich daraus ergebenden geringen Zahl von Neubauten boten Bauhandwerkern vor dem 19. Jahrhundert in Liechtenstein nur geringe Verdienstmöglichkeiten. Für anspruchsvollere Bauten kamen vermutlich zumeist ausländische Baumeister, v.a. aus Vorarlberg, zum Einsatz, wie dies für den Pfarrhof (1733–39) und die alte Pfarrkirche St. Nikolaus (1805–07) in Balzers bezeugt ist.

Auch während des 19. Jahrhunderts bot das Baugewerbe nur wenige Erwerbsmöglichkeiten. Aus diesem Grund war die Zahl der Maurer-, Gipser- und Malerbetriebe klein. Etwas günstiger verlief die Entwicklung für das Zimmermannsgewerbe: Die Zahl der in diesem Bereich tätigen Betriebe stieg in der zweiten Jahrhunderthälfte an.

Trotz der ungünstigen Verhältnisse im 19. Jahrhundert waren sehr viele Liechtensteiner im Baugewerbe tätig. Dies hat seinen Grund darin, dass spätestens seit dem frühen 19. Jahrhundert die Saisonarbeit im Ausland in diesem Bereich guten Verdienst bot, vorab für Maurer und Zimmerleute. Unter den 826 Personen, die sich 1836 für einen zumeist zum Zweck der Saisonarbeit ausgestellten Reisepass bewarben, befanden sich als grösste Gruppe 442 Maurer; weitere Vertreter des Baugewerbes waren 27 Zimmerleute.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verbesserten sich die Verdienstmöglichkeiten auch im Inland. Dennoch dominierte noch bis Ende der 1920er Jahre die Saisonarbeit. So waren 1930 708 Liechtensteiner im Baugewerbe tätig. Dem standen gemäss der Betriebszählung von 1929 in Liechtenstein 191 Arbeitsplätze im Baugewerbe (inklusive Zimmerei und Chaletbau) gegenüber.

Die 1929 einsetzende Weltwirtschaftskrise und mit ihr der Anstieg der Arbeitslosenzahl in vielen Ländern hatte zur Folge, dass für Liechtensteiner die Saisonarbeit im Ausland immer mehr erschwert wurde und bis Mitte der 1930er Jahre fast ganz zum Erliegen kam. Von besonderer Bedeutung für das inländische Baugewerbe waren in dieser Zeit die von der Regierung zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit getroffenen Notstandsmassnahmen. Diese bestanden nämlich zu einem grossen Teil in der Realisierung öffentlicher Bauprojekte. Um wieder Möglichkeiten für die Saisonarbeit zu eröffnen, nahm die Regierung in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre Verbindung mit schweizerischen und deutschen Behörden auf. Zuerst nur sehr eingeschränkt, nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in vermehrtem Mass stand Bauarbeitern aus Liechtenstein die Saisonarbeit wieder offen. Sie erlangte jedoch nicht mehr die frühere Bedeutung und sollte zudem für Liechtensteiner bald der Vergangenheit angehören.

Welche Bedeutung dem Baugewerbe während der 1930er Jahre und dem Zweiten Weltkrieg zukam, lässt sich daran ermessen, dass in dieser Zeit etwa ein Sechstel aller Erwerbstätigen in diesem Bereich arbeitete. Es war derjenige Gewerbezweig mit den meisten Beschäftigten, und dies sollte bis in die Gegenwart so bleiben.

Nach 1945 erlebte das Baugewerbe im Rahmen einer allgemeinen Hochkonjunktur einen grossen Aufschwung. Es bot so viele Arbeitsmöglichkeiten, dass die Saisonarbeit nicht mehr nötig war. Seit den 1950er Jahren zeichnete sich sogar immer mehr ein Mangel an inländischen Arbeitskräften ab, sodass vermehrt Arbeitskräfte aus dem Ausland eingestellt werden mussten; bereits für den Bau des Elektrizitätswerks «Saminawerk» 1947–49 waren ausländische Arbeitskräfte zum Einsatz gekommen. Im August 1955 gab es im liechtensteinischen Baugewerbe 117 Beschäftigte ausländischer Herkunft, was einem Ausländeranteil von 17 % entsprach. Die ausländischen Bauarbeiter waren hauptsächlich Saisonniers, d.h. Ausländer mit beschränkter Aufenthaltsbewilligung. Allein zwischen 1960 und 1963 wuchs die Zahl der Saisonniers von 300 auf 1000. Von den 920 Saisonniers im Jahr 1964 kamen 765 aus Italien. Politische Massnahmen gegen den als Überfremdung empfundenen Zuzug ausländischer Arbeitskräfte ab 1962/63 stabilisierten den Ausländeranteil im Baugewerbe auf etwa 60 %.

Im liechtensteinischen Baugewerbe blieb der Grossbetrieb die Ausnahme. 1955 betrug die durchschnittliche Beschäftigtenzahl etwa neun Personen, und 1995 war dies immer noch so. Nichtsdestotrotz kam es zu Konzentrationserscheinungen, besonders im Strassenbau. Während es 1955 drei Bauunternehmen mit mehr als 50 Beschäftigten gab, waren es 1995 acht. Im Baunebengewerbe ist bis heute der Klein- oder der Kleinstbetrieb die typische Betriebsgrösse.

Die Hochkonjunktur fand mit den Rezessionsjahren 1974/75 ein vorläufiges Ende. Das Baugewerbe war davon besonders betroffen, sodass es zu einem starken Abbau der Kapazitäten kam. Dies äusserte sich, mit einiger zeitlichen Verzögerung, auch in einem starken Rückgang des Bauvolumens. Eine weitere Folge der Rezession war, dass der Ausländeranteil im Baugewerbe vorübergehend auf unter 50 % sank und in der Folge nie mehr den Stand der 1960er Jahre erreichen sollte. Zu rezessionsbedingten Konjunktureinbrüchen kam es auch später wieder, das generelle Wachstum der Baubranche blieb indes ungebrochen. Dies zeigt sich daran, dass sich das jährliche Bauvolumen zwischen den frühen 1960er und den späten 1990er Jahren verdreifachte, während sich die Bevölkerung im gleichen Zeitraum lediglich verdoppelte. Die Zahl der Beschäftigten wuchs zwischen 1965 und 1995 von 1607 auf 2369.

Eine weitere Änderung der allgemein wirtschaftlichen Verhältnisse mit Auswirkungen auf das Baugewerbe verursachte der 1995 vollzogene Beitritt Liechtensteins zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR). Bei einer Befragung von Vertretern des Baugewerbes wurden dabei als wichtigste Vorteile die Grenzgängererleichterung, die Änderung des Saisonnierstatuts sowie die gegenseitige Anerkennung von Prüfverfahren genannt. Als grösster Nachteil wurde der zunehmende Preisdruck durch Schweizer Firmen infolge der Liberalisierung des öffentlichen Auftragswesens empfunden.

Gesetzliche Bestimmungen zur Arbeit im Baugewerbe gibt es seit 1910. Seitdem wird für die Ausübung der Berufe des Bau-, des Maurer- und des Zimmermeisters ein Befähigungsnachweis verlangt. Dazu kommen Arbeiterschutzbestimmungen.

Quellen

Literatur

Schnetzler: Wirtschaftsstruktur, 1966, 203–235; Ospelt: Wirtschaftsgeschichte, 1972, 254, 258; A.P. Goop: Liechtenstein gestern und heute, 1973, 196; F. Büchel: Geschichte der Pfarrei Balzers, 1982, 123; M. Batliner: Wie behauptet sich das liechtensteinische Gewerbe im EWR?, in: Zwischen Bern und Brüssel, Hg. H. Prange, 1999, 101–126, bes. 111, 112; Geiger: Krisenzeit 1, ²2000, 137f., 151–153, 214–249; Merki: Wirtschaftswunder, 2007, 112–120.

Zitierweise

Patrick Sele, «Baugewerbe», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Baugewerbe, abgerufen am 22.2.2019.

Medien

Bau des Schulhauses von Schaan, 1949 (GAS). Heute wird das Gebäude als Rathaus genutzt. Das Bild ist Teil der ersten Baureportage der Gemeinde Schaan.