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Bräuche

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Autorin: Vera Meier Heymann | Stand: 31.12.2011

Bräuche sind Verhaltensweisen, die von einer Gemeinschaft oder von Gruppen vorgegeben und getragen werden, zu festgelegten Terminen und Anlässen stattfinden, Tradition und Symbolcharakter aufweisen, sich formalisiert an bestimmten Orten wiederholen, wenn sie entweder eingebettet sind in den Rhythmus des Jahres, die Lebensabschnitte markieren oder Arbeit strukturieren. Bräuche werden heute auch als Selbstdarstellung nach aussen instrumentalisiert und als etwas verstanden, das nach innen Identität stiftet.

Bräuche verändern sich, wenn sie ihren sozialen oder wirtschaftlichen Kontext verlieren. Sie haben sich heute in manchen Fällen zu einem Event, auf der Basis eines Brauchs, entwickelt und sind von Vereinen organisiert (z.B. der Funken). Hat sich die wirtschaftliche Notwendigkeit eines Brauchs erübrigt, wird er inszeniert und dient der Nostalgie und dem Selbstverständnis (z.B. Türkenausziehen). Liechtenstein ist eingebunden in die Kulturlandschaft Mitteleuropas und von seinen Traditionen findet sich Verwandtes bei den Nachbarn, von denen auch neue Brauchelemente importiert wurden (z.B. «Guggamusik»).

Die heutige Vorstellung von Brauch deckt sich nicht ganz mit der historischen. In der Frühneuzeit wurden Rechtssammlungen als Landsbräuche bezeichnet. Diesen Verordnungen lagen strenge Vorstellungen von Moral und Sitte zugrunde, von denen Bräuche nicht ausgeschlossen waren. Es kam zu Einschränkungen und Verboten.

Brauchtum im Kirchenjahr

Im Jahreszyklus bildet die Weihnachtszeit mit dem Jahresanfang bis zu Dreikönig eine Einheit, die mit dem Kirchenjahr am ersten Advent beginnt. Licht ist ein bedeutendes Gestaltungselement der Adventszeit. In den Dörfern bekommen bestimmte Strassen zusätzliche Beleuchtung mit weihnachtlichen Motiven und auf verschiedenen Plätzen sind beleuchtete Christbäume aufgestellt. Es werden öffentliche und private Räume weihnachtlich geschmückt, beliebt sind Adventskranz und Adventskalender. Der Nikolaus besucht, manchmal mit Krampus, die Kinder in Familien, im Kindergarten und in den Schulen. Um 1900 war der Nikolaus (in Balzers: «Sammekloos») am 6. und 24. Dezember der Gabenbringer, heute bringt das Christkind an Weihnachten die Geschenke. Überliefert sind im Landsbrauch (Abschrift von 1667) «Ansinger und Sternenbettler», die an Weihnachten, Neujahr und Dreikönig unterwegs waren. Die Tradition der Sternsinger an Dreikönig hat sich bis in die Gegenwart gehalten. Der Heischebrauch der vorindustriellen Zeit ist in der Gegenwart zu einer sozialen Aktion geworden. Die Kinder spenden das gesammelte Geld für ein Hilfsprojekt. Das Neujahrwünschen der Kinder wird mit Geldgaben honoriert. Die Neujahrswünsche werden mit dem tradierten Spruch vorgebracht: «Ich wünsche dir ein gutes neues Jahr, dass du lang lebst und gesund bleibst und in den Himmel kommst.»

Es folgen im Jahreszyklus Fasnacht, Fastenzeit und Ostern, die auf den Ostertermin am ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond ausgerichtet sind. Der Auftakt zur Fasnacht beginnt mit dem Schmutzigen Donnerstag. Kinder schwärzen sich die Gesichter («Ruassla»), im bäuerlichen Liechtenstein mit russigen Speckschwarten, heute mit angebrannten Korken. Junge Burschen haben mit List versucht, den Nachbarinnen ihr Mittagessen zu stehlen. Der als «Suppenhafenstehlen» oder «Bratenstehlen» bezeichnete Brauch wird erinnert, aber kaum noch durchgeführt. Die Maskenbälle finden bald nach Dreikönig statt. Das Verbot der Maskerade im Landsbrauch, insbesondere des Geschlechterwechsels, wurde ignoriert. Überliefert sind private nächtliche Fasnachtsfeiern. Im 20. Jahrhundert folgten Feste in den dörflichen Wirtshäusern und seit der Mitte des 20. Jahrhunderts sind Fasnachtsfeiern grösser und zahlreicher, mit immer neuen Elementen und für Publikum aus allen Gemeinden. Es gibt Fasnachtsumzüge in Schaan (seit 1952, später auch in anderen Gemeinden). Die «Guggamusik», in vielen Gemeinden als Vereine organisiert, ist die akustische Begleitung der Fasnacht. An den seit 1976 durchgeführten Monsterkonzerten sind «Guggamusik»-Gruppen aus Liechtenstein und dem benachbarten Ausland beteiligt. Verschiedene Fasnachtszeitungen erscheinen seit 1921. «Eierla», das Einfordern von Eiern durch maskierte Jugendliche in den Häusern ihres Dorfs, wird nicht mehr praktiziert. Der Brauch, am Aschermittwoch Leute in den Brunnen zu werfen, ist im Landsbrauch belegt, aber ansonsten vergessen.

Am Sonntag nach dem Aschermittwoch folgt der Funkensonntag, organisiert von Funkenzünften. In Balzers oblag bis nach 2000 einem bestimmten Jahrgang männlicher Jugendlicher der Funken mit all den notwendigen Schritten, wie dem Holzsammeln, Funkenaufbau, dem Basteln der Funkenhexe und der Fackeln. Die «Küachle», das traditionelle Fettgebäck, wurden an diesem Abend als Zustimmung den Brautwerbern gereicht. «Küachle» sind heute im Angebot der Festwirtschaft beim Funken. Die Fastenzeit wird gemeinschaftlich mit den Suppentagen begangen.

An Ostern wiederholt sich das Bestreben, Festzeiten mit motivisch passender Dekoration zu gestalten. Ostereier, gefärbt und verziert, sind mit dem Osterhasen und Frühlingsblumen die wichtigsten Dekorelemente. Ein rotes Osterei galt bis etwa Mitte des 20. Jahrhunderts als Zeichen der Liebe, das junge Frauen ihrem Liebsten schenkten. Osternester mit Ostereiern und Schokohasen werden für die Kinder versteckt. Schenken als Zeichen der Liebe und Wertschätzung wird am Valentinstag mit Blumen gepflegt und am Muttertag mit beliebigen Geschenken. Der Staatsfeiertag am 15. August (Mariä Himmelfahrt) wird mit grossem Feuerwerk, Höhenfeuern und Fackelzug am Fürstensteig (seit 1939) gefeiert.

Der 11. November, Tag des hl. Martin, hat im geschichtlichen Verlauf verschiedene Bedeutungen. Der Tag war beliebter Zahltermin und Kilbitag. Ende des 20. Jahrhunderts wurden Laternenumzüge mit den Kindergartenkindern eingeführt. Am 11.11. wird seit Jahren der Fasnachtsanfang gefeiert, mit symbolischen Schlüsselübergaben und Auftritten der «Guggamusik».

Brauchtum im Lebenslauf

Die wichtigsten biografischen Abschnitte werden in Liechtenstein von der katholischen Kirche zelebriert. Der familiäre Gestaltungsrahmen von Taufe, Hochzeit und Tod war bis zur Industrialisierung für die Mehrheit durch Armut begrenzt. Der Landsbrauch, gültig bis 1808, bestimmte Budget und Anzahl der Gäste von Taufsuppen und «Kindtsmählern», beschränkte die Geschenke (Naturalien), die der «Kindbetterin» gebracht werden durften, ausgenommen davon waren die Taufpaten. Die Taufe wurde bis Mitte 20. Jahrhundert am Tag nach der Geburt oder am darauffolgenden Sonntag vorgenommen, heute liegen zwischen Geburt und Taufe Monate. Nach wie vor ist die Taufe ein Familienfest, wird die Kindsmutter besucht und sind Geschenke üblich. Die Geburt wird mit individuell gestalteten Geburtsanzeigen Verwandten, Freunden und Bekannten zur Kenntnis gebracht.

Der Landsbrauch lässt darauf schliessen, dass Hochzeiten auch vor dem 19. Jahrhundert in Wirtshäusern während mehrerer Tage und mit Tanz gefeiert wurden. Jeder Vaduzer Bürger, der am Tag seiner Hochzeit nicht um Mitternacht zu Hause war, verlor sein Alprecht. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird die Vermählung mit originellen Hochzeitskarten bekannt gegeben und werden die Gäste eingeladen, davor war es üblich, die Einladung bei einem Besuch auszusprechen. Tradiertes Element der Hochzeit ist nach wie vor der Kranz aus Tannenreisig, geschmückt mit Papierblüten und Glückwunschtafel an den Haustüren der Brauteltern. Gebräuchlich sind Spalier von Vereinsfreunden, Brautentführung, Gesellschaftsspiele und Streiche, die beabsichtigen, die Hochzeitsnacht zu verhindern. Bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts spielten Wegsperren – es wurde ein Seil über die Strasse gespannt – eine Rolle. Der Brautführer hatte mit Geldspenden für die Freigabe des Weges zu sorgen.

Beim Tod eines Dorfbewohners wird das Totenglöcklein geläutet, wobei in einigen Gemeinden zwischen Frauen, Männern und Kindern durch die Zahl der Intervalle unterschieden wird. Todesanzeigen geben Informationen zum Verstorbenen, nennen das Datum von gemeinsam in der Kirche gebeteten Rosenkränzen, der Beerdigung und geben an, welcher Institution anstelle von Blumen Geld gespendet werden soll. Das heute noch übliche Totenmahl sollte, aus Kostengründen, wie es der Landsbrauch festlegte, auf die Einladung von Verwandten und Auswärtigen beschränkt sein. Stiftmessen werden seit Jahrhunderten bezahlt, gelesen und von den Angehörigen besucht. Gepflegte und geschmückte Gräber und deren Besuch, besonders an Allerheiligen, haben einen sehr hohen Stellenwert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg sind der Arbeitsmarkt und das Bildungsangebot grösser geworden. Es haben sich Abschlussfeiern durchgesetzt und Lehrabschlüsse mit einem Notendurchschnitt von 5,3 oder höher werden im «Goldenen Buch» festgehalten. Volljährigkeit und politische Mündigkeit werden seit 1962 mit einer Jungbürgerfeier zelebriert.

Brauchtum in Arbeit und Freizeit

In der vorindustriellen bäuerlichen Arbeitswelt waren die Gemeinschaftsarbeiten für Hanfverarbeitung und Maislagerung überkommener Brauch. Die Häuser, in denen abwechselnd die Arbeiten verrichtet wurden, um Holz und Licht zu sparen, sind im Landsbrauch als «Liecht und Kunkhellhäuser» bezeichnet; gängiger war der Begriff «Spinnstubete». Die Spinnstube, ein Arbeitsbrauch, der in ganz Europa bekannt und bereits im 16. Jahrhundert belegt ist, wird in Liechtenstein 1916 als verschwunden beschrieben, mit dem Hinweis auf die Baumwollindustrie, die den Hanfanbau und die mühselige Herstellung von Leinen obsolet gemacht hat. Das «Türkenausziehen» war eine abendliche Gemeinschaftsarbeit im Herbst, bei der Maiskolben von der Familie zusammen mit Verwandten und Nachbarn für die Lagerung bearbeitet wurden. Mais, in Liechtenstein als «Türken» bezeichnet, wird hier seit dem 18. Jahrhundert angebaut und war bis ins 20. Jahrhundert ein Grundnahrungsmittel. Für beide Arbeitsbräuche, «Spinnstubete» und «Türkenausziehen», war die Geselligkeit ein sehr wichtiger Aspekt, eine willkommene Gelegenheit der Annäherung zwischen jungen Frauen und Männern. Die Geselligkeit einer Arbeitsgemeinschaft findet sich heute bei den üblich gewordenen Weihnachtsessen oder Weihnachtsfeiern wieder.

Arbeitsbräuche kennzeichnen oft den Beginn oder das Ende einer Arbeit. So wurde zusammen gefeiert, wenn der Hanf fertig «geschleizt» war («schleizen» = den Hanfbast von den Stängeln ziehen) und der «Türken» unter dem Dach hing. Der Baubeginn öffentlicher Gebäude wird seit einigen Jahren mit einem Spatenstich von Bauherren und Baumeister hervorgehoben. Das Aufrichtefest, für das ein kleines Tännchen am Dachfirst angebracht wird, markiert eine wichtige Bauetappe. Der Bauherr lädt die Arbeiter zu Speis und Trank ein. Das Arbeitsende des Alpsommers ist für die Sennen die herbstliche Alpabfahrt. Sie bringen die Kühe von den Alpen zurück in die Dörfer. Die Kühe sind mit Blumen geschmückt. Die ertragreichsten von ihnen haben zudem ein Holzherzchen auf ihrer Stirn. Das Anbringen dieser sogenannte Alpabfahrtsherzen ist ein lokaler Brauch des liechtensteinsichen Oberlands.

Für die Kontakte spielen Vereine eine wichtige Rolle. Neben der Pflege gemeinsamer Interessen, wie Musik oder Sport, veranstalten manche dieser Vereine alljährlich Feste mit Tanz und Unterhaltung. Es werden dabei u.a. Theaterstücke im lokalen Dialekt aufgeführt.

Sanktionen

Liechtenstein hat eine kleine Volksgemeinschaft, die sich in noch kleinere Dorfgemeinschaften aufsplittert. Soziales Handeln ist dadurch transparent und macht soziale Kontrolle höchst wirksam. Der Wunsch, in die Gemeinschaft integriert zu bleiben, erfordert ein Handeln nach den gängigen Vorstellungen von Sitte und Moral. Das Abweichen davon hatte Sanktionen zur Folge, die selbst Regeln folgten und als Rügebrauch Tradition hatten. Ein Beleg von 1810 verweist auf das «Ausschällen». Hatte eine Ehefrau ihren Mann verlassen und war wieder zu ihm zurückgekehrt, zogen Knaben mitten in der Nacht schreiend und mit Peitschen und Geiseln, mit Alp- und «Pumpschellen» lärmend durch alle Strassen des Dorfs zum Haus des besagten Ehepaars, das von den Knaben beschimpft wurde. Die Knaben rechtfertigten ihr Tun mit dem Verweis auf «uralte Rechte» (→Knabenschaften). Diesen und andere Rügebräuche gibt es nicht mehr.

Literatur

Zitierweise

Vera Meier Heymann, «Bräuche», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Bräuche, abgerufen am 22.4.2019.

Medien

Balzner Kinder beim «Ruassla» am Schmutzigen Donnerstag (LI LA, Stiftung Familienarchiv Vogt). Foto: Emanuel Vogt, Balzers.
Nikolausbesuch im Kindergarten (Privatbesitz Gisela Meier-Schwerzler, Schellenberg). Foto: Josef Eberle, Triesenberg.