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Chroniken

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Autoren: Karl Heinz Burmeister, Fabian Frommelt | Stand: 31.12.2011

Chroniken schildern in chronologischer Abfolge die Geschichte eines bestimmten Gebiets oder Geschlechts von den (teils sagenhaften) Anfängen bis in ihre Entstehungszeit. Den meist im Auftrag eines Herrn, einer Stadt oder eines Klosters verfassten Chroniken ging es weniger um objektive Berichterstattung; vielmehr verfolgten sie oft einen propagandistischen Zweck, um etwa eine bestimmte Politik zu rechtfertigen oder Rechte zu begründen. Häufig wurden dabei kompilatorisch ältere Chroniken oder andere Aufzeichnungen verwendet.

Vorarlberg

Die erste Chronik mit Bedeutung für die Grafschaft Vaduz und die Herrschaft Schellenberg ist die «Feldkircher Chronik» des Schreibers oder Lateinschulmeisters Ulrich Tränkle (†1413/1414). Tränkle schildert – ältere Chroniken heranziehend – das politische Geschehen der Jahre 1290–1412 im Raum Feldkirch (u.a. die Verbrennung der Burg Schellenberg im Appenzellerkrieg 1405), verzeichnet Katastrophen wie die Pest von 1383 und berichtet über Bautätigkeit, Osterspiele, astronomische Erscheinungen, Getreide- und Weinpreise, Heuschrecken (1338, 1364) usw.

Die «Schwäbische Chronik» des Thomas Lirer (Ulm 1486) ist ein verschlüsseltes literarisches Werk, das in enger Verbindung zur Werdenberger Geschichte steht. Erwähnt werden die Burgen Gutenberg (Holzschnitt), Schellenberg und Vaduz. Als zuverlässig erweist sich die Chronik des Ulrich Imgraben von Feldkirch, die diejenige Tränkles bis 1536 verarbeitet und fortsetzt. Behandelt werden u.a. der Appenzellerkrieg und der Schwabenkrieg, Witterung und Weinernte, eine Rheinüberschwemmung 1480 und ein Erdbeben 1508.

Konrad Dietz, 1579 Lateinschulmeister in Feldkirch und 1588–96 Landrichter in Rankweil, übersetzte die Habsburger «Annales» des Niederländers Gerard de Roo ins Lateinische (Innsbruck 1592, deutsch Augsburg 1621); erwähnt werden die Burgen Gutenberg, Vaduz und Schellenberg. Die deutsche Ausgabe enthält Holzschnitte der Wappen derer von Werdenberg, Montfort, Brandis, Ems und Schellenberg.

Gabriel Bucelin (1599–1681), 1651–81 Prior des weingartischen Benediktinerpriorats Feldkirch, verfasste mit der lateinischen «Rhaetia» (Augsburg 1666) eine weltgeschichtliche Chronik der Räter mit Schwerpunkt auf dem Bistum Chur bis 1624. Sie enthält viele lokale Hinweise (meist aus Imgraben), u.a. auf die Herrschaftsgeschichte (Stammbäume derer von Brandis, Ems, Montfort, Ramschwag, Schellenberg, Werdenberg), den Schwabenkrieg, auf Witterung, Weinernte und die Pest.

Der Feldkircher Notar und Lateinschulmeister Johann Georg Prugger (†1693) fasste in seinem Werk «Veldkirch» (Feldkirch 1685) die bisherigen Chroniken zusammen und führte sie bis 1685 fort. Der gegenreformatorische und habsburgtreue Verfasser ist im Gegensatz zu Bucelin lokal begrenzt, oft unkritisch und für die ältere Zeit Imgraben verpflichtet.

Einige Chroniken enthalten geografische Beschreibungen. So erstmals um 1500 Ladislaus Sunthaims (1440–1513) Landesbeschreibung Vorarlbergs, die Vaduz, Schaan, Schaanwald, Gutenberg, Balzers, den Eschnerberg und Schellenberg erwähnt. Dieser Ansatz wurde 1545 von Achilles Pirmin Gasser (1505–1577) in seiner Beschreibung Feldkirchs in Sebastian Münsters Kosmografie und Martin Zeiller (1589–1661) in Matthäus Merians «Topographia Sveviae» (Frankfurt 1643) aufgegriffen und 1616 in der sogenannten Emser Chronik des Johann Georg Schleh aus Rottweil ausgebaut (Aufnahme einer Karte), schliesslich auch von Prugger 1681 und zuletzt 1793 vom Bregenzer Buchdrucker Josef Anton Bonifaz Brentano (1747–1819) weitergeführt.

Schweiz und Graubünden

Der luzernische Stadtschreiber Niklas Schradin (†1531) schildert in seiner «Schweizer Chronik» (Sursee 1500) die Gefangennahme Ludwigs von Brandis und die Zerstörung des Schlosses Vaduz im Schwabenkrieg 1499. Dieselbe Episode enthalten die Bilderchronik des Luzerners Diebold Schilling (1460–1515) und die vermutlich vom Wiler Chronisten Ulrich Huber (erwähnt 1487, † um 1503) verfasste sogenannte Wiler Chronik des Schwabenkriegs; in Letzterer findet sich auch ein Bericht zur Schlacht bei Triesen. Weniger ergiebig ist die Schwabenkriegschronik des Freiburger Schulmeisters Johann Lenz.

Der antiken Autoren, Inschriften und Urkunden verpflichtete Geschichtsschreiber und Sarganser Landvogt Aegidius Tschudi (1505–72) aus Glarus behandelt in «Die uralt warhafftig Alpisch Rhetia» die frühe Regionalgeschichte, besonders anhand frühmittelalterliche Güterverzeichnisse. Das 1538 in Basel zugleich auf Deutsch und Latein von Sebastian Münster herausgegebene Werk beschreibt Bendern, den Eschnerberg, Schaan, Balzers und Mäls. Sebastian Münster nennt in seiner «Cosmographia» (Basel 1550) Vaduz, Gutenberg und den Eschnerberg. Im wohl berühmtesten schweizerischen landeskundlichen Holzschnittwerk «Gemeiner loblicher Eydgnoschafft Stetten, Landen und Völckeren Chronick wirdiger thaaten beschreybung» (Zürich 1548) von Johannes Stumpf (1500–1578) wird die heute liechtensteinische Nachbarschaft mit einbezogen.

Reich vertreten ist das liechtensteinische Gebiet in vielen Bündner Chroniken, v.a. hinsichtlich der Verwicklung der regionalen Adelsgeschlechter und der Orte Balzers, Mäls, Triesen, Triesenberg, Vaduz, Schaan, Eschen und Bendern sowie des Eschnerbergs und der Burg Gutenberg in den Schwabenkrieg: so in den anonymen «Acta des Tyrolerkrieges» (um 1500), die im 17. Jahrhundert von einem (reformierten) Anonymus umgearbeitet wurden. Der Churer Lateinschullehrer Simon Lemm (1511–1550) verfasste mit seinem Epos «Raeteis» eine lateinische Darstellung des Schwabenkriegs in 6800 Versen auf der Basis der «Acta» und mündlicher Überlieferung. Dem Vorkämpfer der Reformation Ulrich Campell (1510–1582) verdanken wir eine den «Acta» und Lemm verpflichtete «Historia Raetica» sowie die auf Tschudi und Stumpf beruhende «Raetiae alpestris topographica descriptio», die ausser dem Schwabenkrieg auch die Zerstörung der beiden Schellenberger Burgen im Appenzellerkrieg 1405 erwähnt. Auf der Basis von Campell verfasste Johannes Guler von Wyneck (1562–1637) die typografisch aufwendige (deutsche) «Raetia» (Zürich 1616).

Mehrere Bündner Chroniken enthalten Nennungen von Balzers, Mäls, Triesen, Vaduz, Schaan und Gutenberg im Zusammenhang mit den Ereignissen der Bündner Wirren, so für die Jahre 1620–36 die «Pallas rhaetica» (Basel 1617, deutsch 1672) des Politikers und Geschichtsschreibers Fortunat Sprecher von Bernegg (1585–1647), die Vaduz auch bei der Grenzbeschreibung Rätiens erwähnt. Bartholomäus Anhorn der Ältere (1566–1644), reformierter Pfarrer von Fläsch und später Maienfeld, schildert in seiner mit dokumentarischem Material angereicherten antihabsburgischen Darstellung «Graw-Pünter-Krieg» die Jahre 1603–29.

Ebenfalls hinsichtlich des Schwabenkriegs und v.a. des Dreissigjährigen Kriegs (für Gutenberg auch für die Antike) von Interesse ist die vom reformierten Pfarrer von Ftan Jacob Anton Vulpius (†1706) verfasste, weitgehend Sprecher folgende ladinische «Historia raetica». Nicolin Sererhard (1689–1755), reformierter Pfarrer in Seewis, erwähnt in seinem 1742 verfassten, an Guler und Sprecher angelehnten Werk «Einfalte Delineation aller Gemeinden gemeiner dreyen Bünden» u.a. die Grafen von Werdenberg und Sulz sowie die «Graf Faduzischen Alpen».

Karl Heinz Burmeister

Liechtenstein

In Liechtenstein entstanden keine spätmittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Chroniken, was u.a. mit dem Fehlen einer Stadt, einer gebildeten Bürgerschaft und einer politisch und wirtschaftlich potenten Herrschaft vor Ort zusammenhängen mag. Erst im späten 18. Jahrhundert verfasste der Eschner Bauer Johann Georg Helbert die sogenannte Helbert-Chronik, in der er zwischen 1770/78 und 1813 von Jahr zu Jahr die internationale politische Entwicklung sowie das lokale Geschehen beschrieb und kommentierte (u.a. Wetter, Preise, kirchliches Leben, Gemeindeteilung zwischen Eschen und Gamprin, Ereignisse der Franzosenzeit). In ähnlicher Weise beschreibt eine wesentlich kürzere, anonyme und ebenfalls im Gemeindearchiv Eschen überlieferte handschriftliche Chronik einzelne Entwicklungen und Verhältnisse in Liechtenstein von 1799–1831. Das Schulgesetz von 1859 verpflichtete die Schulen zur Führung sogenannter Gedenkbücher (Schulchroniken), die neben der Schulgeschichte bisweilen auch Einblick in weitere Ereignisse der Gemeinde- und Landesgeschichte geben (etwa zu vaterländischen Feiern, Unglücken, Impfungen, Krankheiten). Schliesslich bürgerte sich für einzelne geschichtlich-heimatkundliche Arbeiten der Begriff Chronik ein, so für die sogenannte Seli-Chronik des Josef Seli (1842–1917) über die Gemeinde Triesen. Ebenso wurde Peter Kaisers «Geschichte des Fürstentums Liechtenstein» von 1847 in der Neuauflage von 1923 mit dem Titel «Kaiser’s Chronik von Liechtenstein» versehen.

Fabian Frommelt

Quellen/Literatur

HBLS 2, 578–580; J.G. Prugger: Feldkirch, 41930; B. Bilgeri: Die Chroniken des Ulrich Im Graben von Feldkirch, in: Alemannia 11 (1937), 33–46, 86–94; LUB I, LUB II; T. Lirer: Schwäbische Chronik, Hg. E. Thurnher, 1962; Geschichtsschreibung in Vorarlberg, Ausstellungskatalog Bregenz, 1973; J.G. Schleh: Emser Chronik, Hg. E. Tiefenthaler, 1980; K. Uhde: Ladislaus Sunthayms geographisches Werk und seine Rezeption durch Sebastian Münster, 1993; J.A.B. Brentano: Vorarlbergische Chronik, Hg. E. Tiefenthaler, 1993; F. Hitz: Geschichtsschreibung in Graubünden, in: HbGR 4, 2000, 231–266.

Zitierweise

Karl Heinz Burmeister, Fabian Frommelt, «Chroniken», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Chroniken, abgerufen am 19.2.2019.