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Fabrikarbeit

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Autor: Patrick Sele | Stand: 31.12.2011

Fabrikarbeit bezeichnet die für die Herstellung von Waren benötigte menschliche Arbeit in Fabrikbauten. Ein Charakteristikum der Fabrikarbeit ist die Arbeitsteilung, d.h. die für die Herstellung einer Ware nötigen Arbeitsschritte sind auf verschiedene Personen aufgeteilt.

Die Fabrikarbeit bot im 19. Jahrhundert vielen Liechtensteinern, die sonst keine Verdienstmöglichkeit gehabt hätten, ein Auskommen. Ab den 1830er Jahren gab es liechtensteinische Arbeiter in den Feldkircher Textilfabriken «Escher, Kennedy & Co.» und «Ganahl». In Liechtenstein selbst kam die Fabrikarbeit im Zug der Industrialisierung mit der Errichtung der ersten Fabrik 1861 auf. Die erste liechtensteinische Gewerbeordnung von 1865 war nicht zuletzt wegen der Fabrikarbeit mit ihren neuartigen Arbeitsverhältnissen notwendig geworden. Sie und ihre Nachfolgegesetze von 1910 und 1915 bildeten bis 1923 den Hauptbestandteil der die Fabrikarbeit betreffenden Gesetzgebung.

Was die Arbeitszeiten betrifft, so galt vor 1870 der 13-Stunden-Tag. Bei Bedarf erweiterten die Fabriken die Normalarbeitszeiten nach Belieben. Arbeitsfreie Tage waren die Sonn- und Feiertage. 1870 beschränkte die Regierung die Normalarbeitszeit auf 12 Stunden pro Tag und erklärte vorübergehende Arbeitszeitverlängerungen für bewilligungspflichtig. 1888 kam der 11-Stunden-, 1908 der 10-Stunden-Tag.

Für die Regelung der Fabrikarbeit erliessen die einzelnen Unternehmen «Fabrikordnungen». Diese mussten der Regierung zur Genehmigung vorgelegt werden und hatten Regelungen zum Eintritt, zur Kündigung, Arbeitszeit, Löhnung, Entlassung und Betriebskrankenkasse zum Inhalt.

1885 wurde Liechtenstein in die Tätigkeit des österreichischen «Gewerbeinspektorats» mit einbezogen. Die Aufgaben der Gewerbeinspektoren bestanden in der Kontrolle der Arbeitsverhältnisse in den Fabriken, des Geschäftsgangs der Industriebetriebe, der Wohnverhältnisse der Fabrikarbeiter und im Stellen von Anträgen für Verbesserungen und Strafsanktionen bei Beanstandungen.

Obwohl in der Gewerbeordnung von 1865 offiziell verboten, gab es aufgrund grosszügig gehandhabter Ausnahmeregelungen bis in die 1910er Jahre in den Fabriken Kinderarbeit. Wie in dem in Liechtenstein bis in die 1930er Jahre dominierenden Textilsektor üblich, wies die Fabrikarbeiterschaft einen hohen Frauenanteil auf; 1909 betrug er 68 %.

Vor dem Ersten Weltkrieg existierten in Liechtenstein keine organisierten Arbeitnehmervertretungen. 1898 fand in Vaduz der bislang einzige von einer Fabrikbelegschaft durchgeführte Streik in Liechtenstein statt.

Mit dem Abschluss des Zollvertrags mit der Schweiz 1923 übernahm Liechtenstein die schweizerische Fabrikgesetzgebung mit ihren den Arbeiterschutz und die Arbeitszeit betreffenden Bestimmungen. Die Wochenarbeitszeit wurde auf 48 Stunden festgesetzt. Mit der Verlagerung des Schwergewichts vom Textilsektor auf andere Industriezweige ab den 1930er Jahren stieg der Anteil der Männer an der Fabrikarbeiterschaft; 1950 betrug er 54,7 %. Im Zug der Rationalisierung der Fabrikarbeit nahm der Anteil der mit der Produktion beschäftigten Arbeiter zugunsten der in Forschung und Entwicklung, Administration und Vertrieb, Management und Marketing, Überwachung und Auslieferung tätigen Angestellten ab; 1950 betrug er 77 %, 1990 nur noch 3,2 %. Der Mangel an qualifizierten einheimischen Arbeitskräften und der grosse Arbeitskräftebedarf der expandierenden Industrie führten zum Beizug ausländischer Arbeitskräfte v.a. aus den Nachbarländern. Das liechtensteinische Arbeitsgesetz von 1966 setzte die wöchentliche Höchstarbeitszeit für Beschäftigte in Industriebetrieben auf 45 Stunden fest.

Quellen

Literatur

Zitierweise

Patrick Sele, «Fabrikarbeit», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Fabrikarbeit, abgerufen am 21.4.2019.

Medien

Anzahl Beschäftigte in Industriebetrieben nach Arbeitnehmergruppen und Geschlecht, 1861–1990