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Fauna

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Autor: Mario F. Broggi | Stand: 31.12.2011

Die Fauna umfasst alle Tierarten eines bestimmten Gebiets. Die Zahl der mitteleurop. Arten wird derzeit auf 45 000–50 000 geschätzt, davon ca. 80 % Gliedertiere; für Liechtenstein sind aufgrund der unbekannten Zahl wirbelloser Tiere keine Schätzungen möglich.

Die zoologische Erforschung Liechtensteins setzte spät ein, mit eigenständigen Beiträgen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Erste Arbeiten beschäftigten sich 1955 mit der Vogelwelt (Hans von Liechtenstein) und 1962 mit den Säugetieren (Ernst von Lehmann). Mit der Gründung der Botanisch-Zoologischen Gesellschaft Liechtenstein-Sargans-Werdenberg (BZG) 1970 begann die systematische Erforschung. Heute sind alle Wirbeltiere (Amphibien, Reptilien, Fische, Vögel, Säugetiere) und ausgewählte Gruppen der Wirbellosen erforscht, u.a. Muscheln und Schnecken, Schmetterlinge, Libellen, Bienen und Hummeln, Netzflügler, Spinnen. Die faunistisch bestuntersuchten Räume sind das Ruggeller Riet und der Alpenrhein mit seinem umgebenden Gebiet.

Im Verlauf der letzten Jahrtausende hat sich die Fauna den veränderten Klimabedingungen angepasst. Im Gletschervorfeld (→ Eiszeiten) lebten Grosssäuger wie Ren, Wildpferd, Moschusochse oder Vielfrass, die sich mit der laufenden Erwärmung in den Norden zurückzogen. Andere Tiere überlebten in hochalpinen Lagen (z.B. Steinbock, Gämse, Murmeltier, Schneehuhn), weitere wie Mammut und Höhlenbär starben aus. Knochenfunde bei Grabungen an den Siedlungsplätzen des Eschnerbergs zeigen, dass zumindest bis zur Bronzezeit (2200–800 v.Chr.) Auerochse, Wisent, Elch und Biber bejagt wurden. Sie alle dürften spätestens im Frühmittelalter verschwunden sein. Die Endglieder der Nahrungskette als unwillkommene Konkurrenten des Menschen wurden in Liechtenstein im 19. Jahrhundert ausgerottet (letzte Hinweise: Wolf 1812, Luchs 1830, Bartgeier 1863, Bär 1888). Bereits haben Bartgeier und Luchs nach Wiedereinbürgerungen im Alpenraum liechtensteinischen Territorium besucht. Das Wildschwein stösst seit dem 20. Jahrhundert wieder sporadisch in unseren Raum vor, nachdem es bis zum 17. Jahrhundert Standwild war. Der letzte Fischotter in Liechtenstein wurde 1927 erlegt.

Das kleine Staatsgebiet ermöglicht keine endemischen (ausschliesslich in Liechtenstein heimischen) Arten. Die reichen naturräumlichen Gegebenheiten (→ Landschaft) widerspiegeln sich in der herrschenden Vielfalt der Fauna. So kommen in einem Luftlinienabstand von 4 km das subalpine Schneehuhn und der Grosse Brachvogel als Riedvogelart (als Brutvogel bis Anfang der 1990er Jahre) vor. Das Moorwiesenvögelchen – ein isoliert im Ruggeller Riet und in Schwabbrünnen-Äscher lebender Tagfalter, der seine nächsten Vorkommen südlich des Lago Maggiore und in Niederösterreich hat – gilt als einer der bedrohtesten Tagfalter Europas. Das Schalenwild ist mit Gämse, Reh, Rothirsch (im 19. Jahrhundert verschollen) und dem 1971 wieder eingewanderten Steinwild (Steinbock) vertreten, ebenso wohl fühlen sich die störungsempfindlichen Rauhfusshühner (Auer-, Birk-, Schnee- und Haselhuhn), der Steinadler, der Uhu, der Rauhfuss- und der Sperlingskauz, der Dreizehen- und der Weissrückenspecht im hier westlichsten Verbreitungsvorkommen seiner Ostpopulation.

Der jüngere Landschaftswandel im Talraum lässt sich indikatorisch am Rückzug von Tierarten belegen: Waren noch bis Mitte 20. Jahrhundert Wasser- und Laubfrosch im ganzen Talraum verbreitet, so kommen diese Arten heute im liechtensteinischen Oberland nicht mehr vor. Wiedehopf, Rotkopf- und Raubwürger, Steinkauz und Rebhuhn sind aus den Tallagen verschwunden. Die grössten Artenverluste aller Wirbeltiere sind für die Fische eingetreten, bei denen man von ehemals 23–26 Arten in den Bächen Liechtensteins ausgehen darf. Verantwortlich für den massiven Artenschwund waren die zahlreichen Gewässereingriffe und -nutzungen. Eine Erhöhung der Artenzahl ist durch Massnahmen zur Wiederbelebung der Gewässer eingetreten. Waren im Binnenkanal um 1980 nur noch vier Fischarten vertreten, waren es 2001 wieder elf (2001 in Liechtenstein insges. 25 Fisch- und zwei Flusskrebsarten).

Literatur

  • Georg Willi: Die Vögel des Fürstentums Liechtenstein, in: Naturkundliche Forschung im Fürstentum Liechtenstein, Bd. 22, Vaduz 2006.
  • Erik Bohl, Armin Peter, Theo Kindle, Getrud Haidvogl: Fisch- und Krebsatlas Liechtensteins. Verbreitung, Gefährdungsgrad, Merkmal, Vaduz 2001 (=Schriftenreihe Amt für Umweltschutz Bd. 2).
  • Mario .F. Broggi, H. Schlegel: Zur Geschichte der Tier- und Pflanzenwelt, in: Am Alpenrhein, 1990, S. 95–100.
  • R. Mittelhammer: Tierknochen aus Schellenberg «Untere Burg», in: Ergrabene Geschichte, 1973, S. 32.
  • Mario F. Broggi: Die freilebende Fauna im Lichte der liechtensteinischen Flurnamen, in: Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein, Bd. 73 (1973), S. 255–280.
  • Ber. BZG 1971–.
  • Ernst von Lehmann: Die Säugetiere des Fürstentums Liechtenstein, in: Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein, Bd. 62 (1962), S. 157–362.
  • Hanspeter Hartmann-Frick: Die Tierwelt des prähistorischen Siedlungsplatzes auf dem Eschner Lutzengüetle, in: Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein, Bd. 59 (1959), S. 5–223.
  • Friedrich Würgler: Die Knochenfunde aus dem spätrömischen Kastell Schaan, in: Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein, Bd. 58 (1958), S. 253–282.

Zitierweise

Mario F. Broggi, «Fauna», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Fauna, abgerufen am 19.4.2019.

Medien

Moorwiesenvögelchen (Mario Broggi). © Mario Broggi, Triesen. Das in Liechtenstein vorkommende Moorwiesenvögelchen gilt als einer der bedrohtesten Tagfalter Europas.