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Flora

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Autor: Mario F. Broggi | Stand: 31.12.2011

Als Flora werden alle in einem Gebiet vorkommenden Pflanzenarten bezeichnet; die Gesamtheit aller Pflanzenindividuen bildet dessen Vegetation. Von den rund 1600 bekannten Arten in Liechtenstein sind etwa 25% in der Roten Liste als ausgestorben, gefährdet oder selten ausgewiesen.

Die erste botanische Angabe aus Liechtenstein geht auf den deutschen Arzt und Botaniker Hieronymus Bock zurück. Er fand um 1537 im Liechtensteiner Oberland die Europäische Zyklame. Der Österreicher Günther Beck von Mannagetta und Lerchenau (1856–1931) legte 1896–1900 ein Herbar mit ca. 500 Pflanzenarten an. Wesentliche Neufunde sind den in Feldkirch tätigen Professoren und Studenten zu verdanken: Josef Murrs Arbeiten von 1921–24 dienen noch heute als Unterlage und zum Vergleich. Heinrich Seitter fand nochmals an die 200 Arten und beschrieb die Areale von über 1500 Arten. Edith Waldburger aus Buchs (SG) erstellte ein vollständiges Herbar aller bisherigen rund 1600 Pflanzennachweise.

Über die nacheiszeitliche Vegetationsgeschichte sind wir dank Untersuchungen von Mooren recht gut informiert. Im Torfkörper erhält sich der Blütenstaub über Jahrtausende. Die wichtigste liechtensteinische Fundstelle findet sich im «Rietle» nahe der Oberen Burg Schellenberg. Nach dem Rückzug der eiszeitlichen Vergletscherung vor rund 16 500 Jahren beherrschte eine grasreiche Kaltsteppe mit arktisch-alpiner Zwergstrauchtundra das Gletschervorfeld. Dann setzte eine Rückwanderung der Bäume und Sträucher ein. Als erste Baumart eroberte die Birke diese Steppen, ihr folgten die Föhre und die Hasel, dann die Wärme liebenden Eichen, Ulmen und Linden. Eine neuerliche Abkühlung liess vor mehr als 5000 Jahren die Tanne, die Buche und die Fichte einwandern. Weite Gebiete unterhalb der natürlichen Baumgrenze (damals bei ca. 2000 m ü.M.) dürften mit Wald bedeckt gewesen sein. Im späten Neolithikum, etwa um 2000 v.Chr., tauchen Getreidepollen in den Torfschichten im «Rietle» auf, was auf die Präsenz des Menschen hindeutet. Die Buche blieb im natürlichen Konkurrenzkampf stark und ist bis heute die dominante Baumart Liechtensteins. Allerdings wurde sie auf den landwirtschaftlichen Gunstlagen durch Rodungen verdrängt. Durch den Menschen entstanden neue Vegetationsformen wie Wiesen und Weiden, aber auch die Streue-Vegetation der Riede. Die Römer führten neue Nutzpflanzen wie die Rebe und die Kastanie ein, im 18. Jahrhundert kamen dazu aus Amerika stammende Arten wie Mais und Kartoffel. Umgekehrt verursachten die landwirtschaftliche Intensivierung, Entwässerung, Bodenversiegelung usw. in den letzten 200 Jahren einen Artenverlust, der durch die Ausscheidung unter Naturschutz stehender Gebiete etwas gebremst werden konnte.

Die Vielfalt der in Liechtenstein festgestellten Arten ist bedingt durch die pflanzengeografische Lage mit den Eingangspforten Rhein-Seez-Ill, erhebliche Berg-Tal-Unterschiede auf kleinstem Raum sowie den Übergang des ozeanischen zum kontinentalen Klima. Die Ausstrahlung des wärmebetonten Churer Beckens bis in den Balzner Raum erlaubt das Vorkommen der Orchideenart Dingel und des Blasenstrauchs, über den Walensee wanderten atlantisch geprägte Arten wie die Stechpalme und die Felsenkirsche bis nach Liechtenstein ein und kommen weiter talaufwärts nicht mehr vor. Die Einwanderung der pontischen Flora erfolgte über die Urstromtäler ins Rheintal mit den Begleitern Sibirische Schwertlilie, Sumpfgladiole und Wohlriechender Lauch. Der Rätikon bis zur Mittagspitze war nicht nur für den Rheingletscher, sondern auch für zentralalpine Elemente der Flora eine schwer überwindbare Schranke. In Liechtenstein findet sich die Nahtlinie der ost- und westalpinen Florenelemente. Die klimatische Trennlinie wird mit der Arve als kontinentaler Art unterstrichen. Sie berührt gerade noch den liechtensteinischen Alpenraum. Zwei Pflanzenvorkommen sind in der liechtensteinischen Flora von herausragender Bedeutung: die Sumpforchis als Flachmoorart, deren nächstes Vorkommen in Süddeutschland liegt, und das isolierte Vorkommen des immergrünen Tragants auf der Mittagsspitze, dessen nächstes Vorkommen in der Südschweiz bekannt ist.

Literatur

Ber. BZG 1971–; H. Seitter: Die Flora des Fürstentums Liechtenstein, 1977; M.F. Broggi, E. Waldburger: Rote Liste gefährdeter Gefässpflanzen, 1984; M.F. Broggi, H. Schlegel: Zur Geschichte der Tier- und Pflanzenwelt, in: Am Alpenrhein, 1990, 95–100; L. van der Plaetsen et al.: Die Pollenuntersuchung des Moors «im Rietle» auf dem Eschnerberg, in: Ber. BZG 25 (1998), 193–227; E. Waldburger et al.: Flora des Fürstentums Liechtenstein in Bildern, 2003.

Zitierweise

Mario F. Broggi, «Flora», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Flora, abgerufen am 22.2.2019.

Medien

Sumpfgladiole. © Mario Broggi, Triesen. Die seltene Sumpfgladiole kommt in Triesen und im Ruggeller Riet vor.