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Forschung und Entwicklung

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Autor: Winfried J. Huppmann | Stand: 31.12.2011

Als Forschung und Entwicklung (FuE) bezeichnet man jenes Tätigkeitsfeld von Wirtschaftsunternehmen, das zur Schaffung neuer Produkt- und Dienstleistungsangebote zur Befriedigung von Kundenbedürfnissen notwendig ist. Die Unternehmen greifen dafür auch auf FuE-Leistungen zu, die von öffentlichen oder privaten Forschungseinrichtungen erbracht werden. Von der FuE zu unterscheiden ist die Forschungstätigkeit in Grundlagenforschung oder angewandter Forschung. Sie ist die Domäne der Universitäten und besonderer Forschungsinstitutionen und – im Unterschied zu FuE – auf die reine Wissenserweiterung ausgerichtet. Dieser Beitrag widmet sich ausschliesslich der FuE in den Liechtensteiner Unternehmen.

Die erste Phase der Industrialisierung Liechtensteins (1852 bis zum Ersten Weltkrieg) war von reinen Produktionsbetrieben des Textilsektors ohne jede FuE-Tätigkeit dominiert. Dagegen spielte FuE in der zweiten Industrialisierungswelle, die in den 1930er Jahren einsetzte, eine entscheidende Rolle. Von Beginn an fällt ihre starke Diversifizierung und Spezialisierung ins Auge. Sie reichte von der Erzeugung künstlicher Zähne über die Feinmechanik, die Konservenfabrikation und die Herstellung von Lichtreklamekörpern bis zur Entwicklung physikalischer Geräte. Aus dieser Zeit gibt es kein Zahlenmaterial über die FuE-Aktivitäten. Man kann schätzen, dass um 1947 in der Nicht-Textil-Branche etwa 50 Personen in Arbeitsgebieten tätig waren, die man heute als FuE bezeichnen würde, denn von Beginn weg setzten etliche der neuen Betriebe auf die Eroberung von Märkten mit innovativen Produktangeboten, die von kreativen Fachleuten neu geschaffen wurden. Die treibenden Kräfte dafür waren unternehmerische, innovativ ausgerichtete Persönlichkeiten wie Toni Hilti, der im Alter von 21 Jahren 1935 seine Konservenfabrik (Scana AG, heute: Hilcona AG) gründete und zuerst einen fünfmonatigen Kurs im damals einzigen «Konserven-Technikum» Europas in Braunschweig besuchte, oder auch Gustav Ospelt (1906–1990) aus Vaduz (→ Hovalwerk AG), der bereits 1942 sein erstes Patentgesuch für einen Kochherd einreichte und 1945 die Marke Hoval registrieren liess.

Martin Hilti gründete 1941 mit seinem Bruder Eugen eine mechanische Werkstatt (Maschinenbau Hilti oHG, heute: → Hilti AG). 1948 kam er in Berührung mit der Schussmontagetechnik. Er erwarb die notwendigen Patente und begann 1950 die Eigenentwicklung. Als Resultat konnte 1957 die Fertigung von Bolzensetzgeräten, die mit dem Schubkolbenprinzip arbeiten, begonnen werden. Die FuE-Tätigkeit wurde dabei genutzt, um aus der gefährlichen Schussmontage die baustellengerechte, sichere Bolzensetztechnik zu machen. Die Lösung dieses Problems war der Grundstein für die rasche Expansion und den weltweiten Erfolg der Hilti Befestigungstechnik.

Neben den einheimischen Pionieren gab es mehrere Ausländer, welche der FuE im Land Impulse verliehen: 1938 meldete Curt Herzstark in Wien seine Erfindung der «Komplementärstaffelwalze» für Rechenmaschinen zum Patent an. 1943 vom NS-Regime verhaftet und im KZ Buchenwald inhaftiert, wo er jedoch an seinen Erfindungen weiterarbeiten konnte. Bei Kriegsende hatte er die kompletten Konstruktionsunterlagen für die erste Universalrechenmaschine im Taschenformat fertiggestellt. In Thüringen liess er einen Prototypen anfertigen, mit dem er vor dem kommunistischen Regime nach Wien floh. Aufgrund eines Angebots von Fürst Franz Josef II. übersiedelte Herzstark nach Liechtenstein und gründete die Contina AG.

Der deutsche Physiker Dr. Max Auwärter baute ab 1946 eine eigene Entwicklungsfirma in Liechtenstein auf, nachdem ihm dafür die finanziellen Mittel vom Unternehmer Emil G. Bührle zugesagt worden waren. Im Herbst 1946 nahm die Firma Gerätebau-Anstalt Balzers (heute: OC Oerlikon Balzers AG bzw. Oerlikon Balzers Coating) ihre Tätigkeit auf. Die ersten Arbeiten hatten fast ausschliesslich den Charakter von Entwicklungstätigkeit. Da die Vakuumapparaturen, die zur Herstellung dünner Schichten notwendig sind, nicht gekauft werden konnten, mussten sie selbst entwickelt werden. Diese Situation führte dazu, dass das Unternehmen nicht nur mit dünnen Schichten, sondern auch mit den Apparaten, die man zu ihrer Herstellung braucht, erfolgreich wurde.

Dr. Adolf Schneider, Firmenchef bei Ivoclar, erwarb 1956 vom deutschen Chemiker Dr. Erwin Baumann die in Deutschland tätige Firma Vivadent, die Zahnfüllungsmaterialien herstellte, und übersiedelte sie nach Schaan. Er erkannte auch die technischen Fähigkeiten von Baumann und machte ihn zum Forschungsleiter der neuen Unternehmensgruppe Ivoclar Vivadent. Die Forschungsabteilung wurde stetig ausgebaut und entwickelte viele neue Produkte, mit denen die Firmengruppe zu einem der führenden Dentaltechnikunternehmen der Welt wurde.

Als weitere Beispiele für Unternehmen, die in der zweiten Industrialisierungswelle auf den Erfolgsfaktor FuE setzten, sind mit ihren ursprünglichen Entwicklungsaktivitäten zu nennen: Schekolin AG, gegründet 1932, Entwicklung von Speziallacken; Press- und Stanzwerk AG (heute: → ThyssenKrupp Presta AG), gegründet 1941, Entwicklung von Geschosshülsen und Fliesspressteilen; PAV Präzisions-Apparatebau Vaduz AG, gegründet 1941, Entwicklung von Messwerkzeugen; Elastin-Werk AG, Entwicklung von Wursthüllen aus tierischem Eiweiss.

Die von Unternehmergeist getriebene und durch FuE ermöglichte Innovationstätigkeit in den Pionierjahren trug bald Früchte. Die liechtensteinische Industrie setzte sich mit ihren innovativen Produkten zunächst im europäischen und später im Weltmarkt durch. Die ständig steigenden Exportzahlen belegen dies, sie entwickelten sich von 15 Mio. Fr. 1950 auf 4646 Mio. Fr. im Jahr 2003.

Die FuE-Tätigkeit der Industrieunternehmen diversifizierte sich stetig. Zu Beginn der 1990er Jahre umfasste sie ein breites Spektrum, u.a. mit den folgenden Fachgebieten: Vakuumprozesse, Dünnschichttechnik, Gasanalyse, Weltraumsimulation, Präzisionsumformung für Automobilteile, Lenksäulen- und Nockenwellentechnik für den Automobilbau, Technologien für Wärmetauscher, Mikrowellenpasteurisation, Konserventiefkühlung, numerische Simulation der Befestigungstechnik, Korrosionsforschung, Mechatronik, makromolekulare Chemie und Glaskeramik. Diese breit angelegte FuE-Tätigkeit ermöglicht es den Unternehmen, ihre Spitzenposition in den angestammten Feldern zu halten oder sogar auszubauen. Sie ist auch der Schlüssel zum Vordringen in neue Geschäftsbereiche.

Die FuE-Investitionen Liechtensteins lagen 2003 bei über 6 % des BIP. Dass die FuE-Tätigkeit immer stärker als strategischer Erfolgsfaktor eingestuft wird, erklärt auch die stetig zunehmende FuE-Intensität, das ist der Anteil des FuE-Personals am Gesamtpersonal. In den Gründerjahren dürfte sie bei 5 % gelegen haben. Seit dem Beginn der systematischen Erhebungen im Jahr 1995 stieg sie von 9 % auf über 13 % im Jahr 2003. 2003 arbeiteten in den Mitgliedsunternehmen der LIHK 1057 Beschäftigte im Bereich FuE, die FuE-Aufwendungen beliefen sich auf 292 Mio. Fr.

Auch die Diversifikation der FuE-Aktivitäten hat weiter zugenommen. Neben den angestammten Bereichen sind neue Entwicklungsprogramme entstanden, z.B. betreffend Syntheseverfahren für pharmazeutische Produkte, Plattformen für E-Commerce, Schreitmobilbagger, Life Science Forschung und Solarzellenherstellung.

Am Industriestandort ist ein starker FuE-Standort Liechtenstein entstanden, der international vernetzt ist. Dies wird durch die Beteiligung an internationalen Forschungsprogrammen, die weltweite Zusammenarbeit mit Forschungsinstituten und die Abhaltung internationaler wissenschaftlicher Kongresse unter der Führung liechtensteinischer Forscher unterstrichen.

Quellen

Jahresberichte Liechtensteinische Industrie- und Handelskammer, 1981–; Liechtensteinische Betriebszählung, 1955–.

Literatur

Wirtschaftsstandort Liechtenstein: Bedingungen und Perspektiven, Hg. Liechtenstein-Institut, 1993.

Zitierweise

Winfried J. Huppmann, «Forschung und Entwicklung», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Forschung_und_Entwicklung, abgerufen am 16.2.2019.

Medien

Mechanische Rechenmaschine «Curta», um 1950 (Bildarchiv LLM).
Forschungs- und Entwicklungspersonal in Liechtensteins Industrie, 1995-2003