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Frauenerwerbsarbeit

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Autorin: Julia Frick | Stand: 31.12.2011

In der vorindustriellen Zeit waren Wohnen und Erwerbstätigkeit noch nicht getrennt, sondern bildeten einen ganzheitlichen Lebenszusammenhang bzw. eine Produktionseinheit, in der jedes Familienmitglied seine besondere Stellung und Funktion innehatte. Im Zug des Wandels von der Agrar- zur Industriegesellschaft im 19. bis 20. Jahrhundert (→ Industrialisierung) und der gleichzeitigen Trennung von Familien- und Arbeitsbereich wurde Frauen die häusliche, unbezahlte Arbeit zugewiesen, während Männer nun vermehrt der ausserhäuslichen Lohnarbeit nachgingen. Die Gesellschaft sprach der Frauenarbeit den ökonomischen Charakter ab. Sie wurde als dem weiblichen Wesen entsprechende Tätigkeit betrachtet. Die im 19. Jahrhundert neu entstandene Bezeichnung Hausfrau beinhaltete eine rechtliche und soziale Stellung von minderem Rang. Dieses Geschlechterverständnis prägte alle weiblichen Berufe. Neben den Frauen, die in der Landwirtschaft tätig waren, in den Statistiken aber bis 1960 unter der Rubrik der nicht arbeitenden Bevölkerung aufgeführt wurden, arbeiteten die meisten weiblichen Erwerbstätigen bis weit in die Nachkriegszeit als Fabrikarbeiterinnen in der Textil- und Nahrungsmittelbranche oder als Dienstmädchen. So waren z.B. 1928 72,6 % aller Fabrikarbeiter und -arbeiterinnen weiblich. Erst Mitte der 1950er Jahre wurden im industriellen Sektor erstmals mehr Männer als Frauen gezählt. Mitte der 1960er Jahre zeichnete sich langsam ein Wandel ab. Dank neuer Bildungschancen (→ Mädchenbildung) drängten Frauen vermehrt in die Büroberufe, wo sie hauptsächlich die untersten Stellungen einnahmen. Diese für viele Familien wirtschaftlich notwendige weibliche Lohnarbeit galt und gilt in vielen Fällen bis ins 21. Jahrhundert als Übergang bis zur Heirat bzw. Familiengründung. Für verheiratete Frauen war primär die Rolle der Mutter und Hausfrau vorgesehen.

Trotz weiterhin wirksamer Rollenbilder änderte sich seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts die weibliche Erwerbstätigkeit in Zahlen und Anschauung: Während 1930 das Verhältnis von erwerbstätigen Frauen zu erwerbstätigen Männern in den Statistiken noch 25 % zu 75 % betrug, waren im Jahr 2000 45 % aller Erwerbstätigen weiblichen Geschlechts, viele davon allerdings in Teilzeitarbeitsverhältnissen. In der Hochkonjunktur der Nachkriegszeit konnten vermehrt junge Frauen eine Ausbildung beginnen (→ Berufsbildung). Während jedoch junge Männer gefördert wurden, indem vor allem technische Ausbildungsstätten aufgebaut und z.B. das Stipendiengesetz reformiert wurde, wurde Frauen eine kürzere Lehrzeit mit Berufschancen in unteren und mittleren Stellungen nahegelegt. Die Erlernung des Lehrerinnen- oder Krankenschwesternberufs wurde für junge Liechtensteinerinnen erst Mitte der 1960er Jahre möglich.

Die Frauenerwerbsarbeit nahm im 20. Jahrhundert eine andere Entwicklung als die männliche Erwerbsarbeit. Männer hatten die besseren Bildungs- und Ausbildungschancen und ihnen stand ein weit grösseres Berufsspektrum offen. Die Frauenerwerbsarbeit zeichnete sich durch eine äusserst begrenzte Auswahl an Berufen aus. Neben der Fabriktätigkeit waren dies zunächst dienende Berufe. Mit dem Wandel von der industriellen zur Dienstleistungsgesellschaft ab 1960 verlagerte sich das Spektrum weiblicher Erwerbsarbeit von der ungelernten Fabrik- und Dienstmädchenarbeit zu den gelernten Berufen im Dienstleistungssektor in den Branchen Büro, Verwaltung, Bildung und Gesundheitswesen. Immer noch sind Arbeitnehmerinnen mehr in den unteren und mittleren hierarchischen Stellungen vertreten, weibliche Führungspositionen bleiben im 20. Jahrhundert die Ausnahme. Des Weiteren ist immer noch ein Lohnunterschied zwischen weiblichen und männlichen Arbeitnehmern festzustellen, der gemäss schweizerischen Vergleichszahlen bei 20 %, in Kaderpositionen bei 30 % liegt (→ Gleichstellung). Frauen sind stärker von Arbeitslosigkeit betroffen als Männer. Teilzeitarbeit, die bezüglich Aufstiegschancen, sozialer Absicherung und oft auch Entlöhnung gegenüber der Vollzeitarbeit benachteiligt ist, hat sich zu einem typisch weiblichen Arbeitsverhältnis entwickelt. Bis in die 1970er Jahre wurde sie statistisch nicht erfasst. Im Jahr 2004 waren 59,6 % der Frauen vollzeit-, 40,4 % teilzeitbeschäftigt, gegenüber 93,4 % Männer in Vollzeit- und 6,6 % in Teilzeitbeschäftigung.

Literatur

  • J. Frick: Frauenerwerbsarbeit im Liechtenstein der Nachkriegszeit bis zum Beginn der 70er Jahre, Liz. Freiburg i. Üe., Ms. 2005 (LI LA).
  • W. Marxer: 20 Jahre Frauenstimmrecht, 2004.
  • Claudia Heeb-Fleck: Frauenarbeit in der Zwischenkriegszeit 1924 bis 1939, in: Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein, Bd. 93 (1995), S. 1–140.

Zitierweise

Julia Frick, «Frauenerwerbsarbeit», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Frauenerwerbsarbeit, abgerufen am 21.4.2019.

Medien

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