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Geburt

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Autor: Pio Schurti | Stand: 31.12.2011

Die Geburt ist für den Menschen das existenzielle Erlebnis schlechthin. Die Kenntnisse über Schwangerschaft und Geburt beruhten über Jahrhunderte auf medizinischem Volkswissen und waren von mythischem oder religiösem Denken geprägt. In der Sprache kommt bis heute das zwiespältig-verunsicherte Empfinden der Menschen zum Ausdruck: Von der Schwangeren wird gesagt, sie sei «guter Hoffnung», die Geburt wird klischeehaft als «freudiges Ereignis» bezeichnet, wogegen das Gebären bis in die jüngste Zeit als «schwere Stunde» gefürchtet werden musste. Aufgrund der realen Gefahren für Mutter und Kind (z.B. Steisslage, Kindbettfieber) und Existenzsorgen beherrschten Vorfreude und Angst oft gleichermassen die Emotionen der Betroffenen.

Bis ins 20. Jahrhundert gebaren die meisten Frauen ihre Kinder zu Hause, unterstützt durch Frauen ihrer Umgebung oder durch Hebammen, die in Liechtenstein seit dem 17. Jahrhundert nachgewiesen sind. Ein Arzt wurde noch im 19. Jahrhundert selten beigezogen. In den 1920er–40er Jahren entstanden in den Bürgerheimen von Vaduz, Triesen und Eschen Entbindungsstationen. Die medizinische Betreuung der Schwangeren intensivierte sich ab den 1970er Jahren. Die Geburt im Krankenhaus wurde ebenso zur Regel wie die Anwesenheit der Väter. Medizinische Fortschritte erleichterten die Geburt (z.B. Periduralanästhesie zur schmerzarmen Geburt, Kaiserschnitt) und reduzierten Totgeburten und Säuglingssterblichkeit auf Ausnahmefälle.

Kinderreiche Familien mit fünf oder mehr Kindern waren in Liechtenstein bis zum Zweiten Weltkrieg üblich. Trotz der zahlreichen Geburten bewirkte die hohe Kindersterblichkeit bis ins 19. Jahrhundert ein langsames Wachstum der Bevölkerung. Für Triesen wurde errechnet, dass im ersten Lebensjahr doppelt so viele Kinder wie in den folgenden neun Jahren starben. Hauptgründe waren mangelnde Hygiene und minderwertige Ernährung. Diesbezügliche Verbesserungen liessen die Säuglingssterblichkeit (im ersten Lebensjahr) sinken – in Triesen etwa zwischen 1741 und 1910 von 39 % auf 16 %. Mit der modernen Lebensgestaltung nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Geburtenrate deutlich ab; sie liegt heute mit 1,71 Kindern (2009) pro Paar unter dem Reproduktionsniveau.

Im ländlich-katholischen Liechtenstein waren Sexualität und Schwangerschaft lange Zeit fast völlig tabuisiert: In Balzers wurde den Kindern etwa erklärt, die Kinder kämen «aus der Mariahilf-Kapelle»; da Hausgeburten die Regel waren, schien es, die Hebammen brächten die Kinder. Vorehelicher Geschlechtsverkehr und uneheliche Geburten wurden in der frühen Neuzeit strafrechtlich verfolgt und waren bis ins späte 20. Jahrhundert gesellschaftlich geächtet.

Religiöse Bräuche dominierten die Vorgänge rund um die Geburt: Kinder wurden wenn möglich am Tag der Geburt getauft. Tot geborene Kinder brachte man im 18. Jahrhundert zur bedingten Taufe nach Schruns (Vorarlberg), um ihr Seelenheil zu retten. Bis um 1970 wurden die Mütter mehrere Tage oder Wochen nach der Geburt beim ersten Kirchgang vom Pfarrer «ausgesegnet», was einerseits (zurückgehend auf alttestamentliche Vorstellungen) als rituelle Reinigung der Gebärenden verstanden wurde, andererseits als Dankritus (so im «Rituale Romanum» von 1614) und als Schonzeit für die Mutter bis zum Wiedereintritt in ihre Alltagsrolle. Zu dem mit der Geburt verbundenen Brauchtum gehört auch das Taufessen, zu dem die Familie und die Taufpaten eingeladen werden. Freunde und Bekannte erhalten immer öfter persönlich gestaltete Geburtsanzeigen. Neben anderen Geschenken (meist Babywäsche, Spielzeug) bekommt das Neugeborene seit Jahrzehnten von der Liechtensteinischen Landesbank ein «Sparkässlein».

Der Staat ergriff verschiedene Massnahmen zum Schutz und zur Förderung von Mutter, Kind und Familie. Im Gesundheitswesen gehörten dazu etwa die Verbesserung der Hebammenausbildung mit der Anstellung eines Landesphysikus ab 1809 und die Gesundheitsvorsorge. Die Gewerbeordnung von 1910 sprach erwerbstätigen Wöchnerinnen während vier Wochen ein Krankengeld zu; der Mutterschutz wurde 1945 ausgebaut (→ Krankenversicherung). Es folgten, auch unter dem Eindruck des Geburten-Rückgangs, u.a. 1958 Geburts- und Kinderzulagen (→ Familienausgleichskasse), 1981 Mutterschaftszulagen für selbständige oder nichterwerbstätige Frauen und 2004 der unbezahlte Elternurlaub.

Literatur

A. Frick: Über die Wallfahrten unserer Vorfahren mit totgeborenen Kindern, in: JBL 81 (1981), 131–154; A.P. Goop: Brauchtum in Liechtenstein, 1986, bes. 219–225; Vogt: Balzers 2, 1996, bes. 1–28; M. Kimbacher, T. Spielbüchler: Die Bevölkerungsentwicklung Maurens 1683–1832, in: Bausteine 2, 1999, 243–267; M. Zörner: Die demographische Entwicklung von Triesen vom 18. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, in: Bausteine 3, 1999, 99–111.

Zitierweise

Pio Schurti, «Geburt», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Geburt, abgerufen am 15.2.2019.