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Gewerbepflanzen

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Autor: Patrick Sele | Stand: 31.12.2011

Gewerbepflanzen sind Nutzpflanzen, die in erster Linie als Rohstoffe für die gewerbliche Weiterverarbeitung dienen.

Weit zurück reicht der Anbau von Hanf und Flachs, Letzterer auch Lein genannt, der für das Gebiet Liechtensteins erstmals 1224/25 bezeugt ist. Die beiden Gewerbepflanzen wurden als Gespinstpflanzen für die Textilproduktion und -verarbeitung, aber auch als Ölpflanzen genutzt. So diente die Flachspflanze u.a. der Gewinnung des sogenannten Leinöls, welches besonders bei der Herstellung von Malerfarben und als Lampenöl Verwendung fand. Von Hanf und Flachs musste bis ins 19. Jahrhundert der Zehnt abgeliefert werden.

Auf die Anpflanzung von Hanf und Flachs weisen Flurnamen wie z.B. «Hampfländer» (Gemeinde Balzers) oder «Flaksera» (Gemeinde Schellenberg) hin. Auf einen als «rössen» bezeichneten Verarbeitungsschritt beim Hanf, welcher das Aufweichen der Hanfstängel in Wasserbädern oder mittels Tau meint, gehen verschiedene Flurnamen wie z.B. «Rossfeld» (Gemeinde Schaan) zurück.

Die Verarbeitung von Hanf und Flachs konnte mittels Handarbeit erfolgen. Daneben gab es zu diesem Zweck mechanische Einrichtungen, die zumeist Nebenbetriebe von Mühlen waren. Diese waren bis ins 19. Jahrhundert Monopolbetriebe des Landesherrn, und nur sie durften von den Untertanen benutzt werden. 1660 erwarben die Ruggeller gegen die Zahlung einer jährliche Gebühr das Recht, ihren Flachs «pleueln» (brechen, stampfen, schlagen) zu lassen, wo immer sie wollten, und eine eigene Verarbeitungsstätte einzurichten; die jährliche Gebühr lösten sie 1664 durch eine einmalige Geldsumme ab. Die Schellenberger erlangten 1760 durch die Zahlung einer Ablösesumme das Recht, Hanf und Flachs reiben zu lassen, wo immer sie wollten. Die Gampriner mussten für das Recht, Hanf und Flachs überall reiben und brechen zu lassen bis 1868 jährlich eine Gebühr, das «Pleuelgeld», entrichten.

Im frühen 19. Jahrhundert wurde v.a. in Ruggell, Gamprin und Schellenberg gewinnbringend Flachs verkauft, während der Hanf in erster Linie dem häuslichen Bedarf diente. Im Lauf des 19. Jahrhunderts liess das Aufkommen der baumwollverarbeitenden Textilindustrie den Anbau von Hanf und Flachs immer mehr zurückgehen. Der Erste Weltkrieg mit seinen wirtschaftlichen Begleiterscheinungen liess dann deren Anbau für kurze Zeit wiederaufleben. Wieder in den Blick kamen diese Gewerbepflanzen in der wirtschaftlichen Krisenzeit der 1930er Jahre, als deren Anbau im Rahmen von Autarkiebestrebungen propagiert wurde. Die wirtschaftliche Krisensituation während des Zweiten Weltkriegs führte zur Wiederaufnahme des schon einmal in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durchgeführten Tabakanbaus sowie zum vermehrten Anbau der der Ölgewinnung dienenden Gewerbepflanzen Raps und Mohn. Von diesen hat sich der Anbau von Raps bis heute gehalten; die Anbaufläche blieb mehr oder weniger konstant. Stark vergrössert hat sich hingegen in den letzten Jahrzehnten die Anbaufläche für Zuckerrüben. Seit den frühen 1990er Jahren lebt der Anbau von Hanf in Liechtenstein in kleinem Umfang wieder auf.

Quellen

LUB I/3; LUB I/4; Schuppler/Ospelt: Beschreibung 1815, 1975, 235, 238, 257, 259, 279, 373, 385.

Literatur

Schädler: Regesten, 1908, 130, 131, 132, 133, 159; W. Erath: Liechtenstein, das Land und seine Wirtschaft, Diss. Innsbruck, 1948, 34; Ospelt: Wirtschaftsgeschichte, 1972, 100, 102, 107, 132f., 166; E. Schafhauser: Ein Stück liechtensteinische Wirtschaftsgeschichte, in: JBL 79 (1979), 151–193, bes. 187–189; Geiger: Krisenzeit 1, ²2000, 280, 281; FLNB I/5, 167, 239, 437f.; LVa., 13.7.2007.

Zitierweise

Patrick Sele, «Gewerbepflanzen», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Gewerbepflanzen, abgerufen am 22.2.2019.