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Hohenems (Ems), von

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Autor: Karl Heinz Burmeister | Stand: 31.12.2011

Ursprünglich Ministerialen-, später Hochadelsgeschlecht. Die Grafen von Hohenems besassen 1613–99 die Herrschaft Schellenberg, 1613–1712 die Grafschaft Vaduz.

Das welfisch-staufische Reichsministerialengeschlecht von Ems war seit der Mitte des 12. Jahrhunderts mit der Hut der Reichsburg Ems (Hohenems, Altems) und der Sicherung der Reichsstrasse betraut, die durch das Rheintal über die Bündner Pässe nach Italien führte und eine grosse politische und wirtschaftliche Bedeutung hatte. Durch Königsnähe zu den späten Staufern (König Konrad IV.), Rudolf von Habsburg, Ludwig dem Bayern und Karl IV. gelang es den Rittern von Ems, über Reichspfandschaften ein kleines Territorium im Raum Hohenems, Ebnit und Dornbirn (hier grundherrliche Rechte seit 1318) aufzubauen. 1333 erhielt Hohenems das Lindauer Stadtrecht, 1430 wurde den Herren von Ems von König Sigmund der Blutbann zu Hohenems und Dornbirn verliehen. 1395 erwarben sie pfandweise den Reichshof Lustenau, den sie 1526 käuflich an sich bringen konnten. 1458 erweiterten sie ihren Besitz um den Kehlhof Wolfurt. Seit der Mitte des 14. Jahrhunderts bildete sich eine Dornbirner Linie der Emser aus. Vereinzelt erwarben Angehörige der Familie das Bürgerrecht von Feldkirch oder Lindau, wo sie bürgerliche Geschlechter bildeten.

Ihren Aufstieg verdankten die Emser seit dem 15. Jahrhundert dem Unternehmertum als Söldnerführer, v.a. in österreichischen Diensten. Schon im ausgehenden 14. Jahrhundert waren sie Vögte der Habsburger in Vorarlberg. Es gelang ihnen immer wieder, die Vogteiverwaltungen in Bludenz (1521–65, 1607–14), Bregenz (1513–33, 1567–87) und Feldkirch (1567–87, 1614–46) in ihre Hände zu bringen sowie 1589 die Pfandschaft über Schloss und Herrschaft Neuburg. Der in der Schlacht bei Pavia 1525 siegreiche Landsknechtführer Märk Sittich I. (1466–1533) sicherte die Bewahrung der katholischen Religion in Vorarlberg. Eine enge Verwandtschaft der Herren von Ems mit Papst Pius IV. veranlasste 1560 Kaiser Ferdinand I. zur Erhebung der Familie in den Reichsgrafenstand, womit auch die Namensänderung in Hohenems verbunden war. Der Ort Hohenems wurde mit dem Bau eines italienischen Renaissancepalastes (1567) zu einem blühenden Residenzort umgestaltet. Der Besitzstand konnte 1578 um die Grafschaft Gallarate bei Mailand erweitert werden. Jakob Hannibal I. (1530–1587) wurde Generalgubernator der päpstlichen Truppen und trat später als spanischer Heerführer im Dienst König Philipps II. in den Niederlanden hervor.

Für die geistliche Laufbahn eröffneten sich neue Perspektiven: Georg Sigmund von Ems (1494–1547) wurde Domherr von Konstanz und Basel; 1532 wurde er von König Ferdinand I. zum Bischof von Konstanz vorgeschlagen, aber nicht gewählt. Sein Neffe Märk Sittich III. (1533–1595) wurde 1560 Bischof von Cassano in Kalabrien, 1561 Kardinal, 1562 Fürstbischof von Konstanz und päpstlicher Legat auf dem Konzil von Trient; er wurde in Rom als Mäzen und Bauherr bekannt und begründete über seinen unehelichen Sohn Roberto die italienische Seitenlinie Altemps. Märk Sittich IV. (1575–1619) wurde Dompropst von Konstanz und 1612 Erzbischof von Salzburg, wo er ebenfalls als Bauherr hervortrat (Salzburger Dom, Schloss Hellbrunn).

Unter Kaspar, Sohn Jakob Hannibals I., kam es in Hohenems 1605 zur Neubelebung des Markts und zur Erneuerung der Stadtprivilegien. Er errichtete eine Lateinschule und die erste Buchdruckerei in Vorarlberg. Diese nahm 1616 ihre Tätigkeit auf und brachte als erstes Werk die «Emser Chronik» des Johann Georg Schleh heraus, eine Verherrlichung des Hauses Hohenems, das angeblich bis auf die etruskischen Räter zurückzuführen sei. Die Schlossbibliothek beherbergte nicht nur eine Fülle von Ritterromanen und Theaterstücken in deutscher, italienischer, spanischer und französischer Sprache und eine juristische Fachbibliothek meist lateinischer Bücher, sondern auch die Handschriften A und C des Nibelungenlieds. Zur Hebung der Wirtschaft siedelte Kaspar seit 1617 Juden in Hohenems an. Er verfolgte den Plan, das als Unterrätien bezeichnete Gebiet zwischen dem Bodensee und der St. Luzisteig, das in unterschiedliche Herrschaften zersplittert war, wieder zu einer politischen Einheit zurückzuführen, in dem die «Rhetianische Lantsart» zu neuem Leben erweckt werden sollte. Es entstand die Vision eines Grenzstaats zwischen Österreich und der Eidgenossenschaft, der, zu einem Fürstentum erhoben, ein aus der Bevormundung durch Österreich herausgelöster zugewandter Ort der Eidgenossen werden könnte. Eine Landkarte in der «Emser Chronik» stellt diesen neuen Staat in den Grenzmarken Arlberg, Bodensee, Silvretta und Rheintal vor. Kaspar unternahm erste Schritte zur Verwirklichung dieses Grenzstaats, indem er 1613 die emsische Herrschaft durch den Kauf von Vaduz und Schellenberg erweiterte und 1620 Österreich zum Verkauf der Gerichte Dornbirn und Höchst/Fussach sowie der Rheingemeinden Götzis, Mäder, Meiningen usw. zu bewegen versuchte. Diese Pläne scheiterten, weil die Vorarlberger Landstände sich gegen einen mächtigen Territorialherrn zur Wehr setzten und die österreichische militärische Führung am Beginn des Dreissigjährigen Kriegs an der Grenze zur Schweiz präsent bleiben wollte, wo man den habsburgischen «Erbfeind» Frankreich erwartete. Für die Landesgeschichte bleibt dieser Grenzstaatplan jedoch von erstrangigem Interesse: einmal liefert er die Begründung dafür, warum sich die Grafen von Hohenems für ein Jahrhundert in Vaduz und Schellenberg etablierten; zum andern hat das spätere Fürstentum Liechtenstein die Idee eines Grenzstaats zwischen Österreich und der Schweiz umgesetzt.

Unter Kaspars Söhnen zeichnet sich erstmals eine Teilung in zwei Linien ab: Jakob Hannibal II. regierte in Hohenems, während er seinem jüngeren Bruder Franz Maria Vaduz überliess, wo dieser das Schloss prächtig ausbaute; er starb jedoch kinderlos.

Die Söhne Jakob Hannibals II. nahmen erneut eine solche Teilung vor: Karl Friedrich übernahm Hohenems, während sein jüngerer Bruder Franz Wilhelm I. Vaduz und Schellenberg zugesprochen erhielt; er wurde zum eigentlichen Begründer der Vaduzer Linie. Da bei seinem Tod seine Kinder noch minderjährig waren, regierte 1662–75 Karl Friedrich als Vormund in Hohenems und in Vaduz.

Nach dem Tod Karl Friedrichs 1675 übernahm Ferdinand Karl, der älteste Sohn Franz Wilhelms I., die Regierungsgeschäfte in Vaduz. Der zu Verschwendung und Willkür neigende Graf benachteiligte nicht nur seine Geschwister, sondern schädigte auch in hohem Mass die Untertanen, besonders durch die aus fiskalischen Gründen durchgeführten Hexenverfolgungen, die schliesslich zu seiner Absetzung führten. Eine kaiserliche Administration suchte 1684–86 die Ordnung wiederherzustellen. In Hohenems führte gleichzeitig Franz Karl (1650– 1713), ein Sohn Karl Friedrichs, ein ähnlich schlechtes Regiment: Er bedrückte die Untertanen und führte Hexenprozesse durch, zerstritt sich mit Österreich und floh 1687 auf das Schloss Heerbrugg, sodass auch Hohenems einer kaiserlichen Administration übergeben wurde. Jetzt traten jedoch die beiden Brüder Ferdinand Karls auf den Plan. Jakob Hannibal III., der bereits in Vaduz die Regierung übernommen hatte, versuchte 1688 auch in den Besitz von Hohenems zu gelangen, aus dem sein unfähiger Vetter Franz Karl geflohen war. Kaiser Leopold bevorzugte jedoch seinen jüngeren Bruder Franz Wilhelm II., der aber kurz darauf gegen die Türken fiel. In Hohenems wurde eine kaiserliche Administration eingesetzt. Jakob Hannibal III., der an den ausufernden Schulden beteiligt war, musste 1699 Schellenberg an den Fürsten Johann Adam Andreas I. von Liechtenstein verkaufen; auch Vaduz konnte er nicht halten, das er 1712 mit dem Fürsten von Liechtenstein gegen die landsässige Herrschaft Bistrau in Böhmen tauschte. Weil er nach dem Tod Franz Karls neuerlich die Regierung in Hohenems für sich beanspruchte, vom Kaiser aber abgewiesen wurde, zog Jakob Hannibal III. sich nach Böhmen und Österreich in den kaiserlichen Kriegs- und Hofdienst zurück.

Nach der Auflösung der kaiserlichen Administration in Hohenems belehnte der Kaiser 1718 den jungen Franz Rudolf (1686–1756), den Sohn Jakob Hannibals III., mit Hohenems. Nach dessen Tod 1756 wurde Franz Wilhelm III. (1692–1759), der posthum geborene Sohn des gegen die Türken gefallenen Franz Wilhelm II., der letzte regierende Graf in Hohenems. Danach zog der Kaiser die Grafschaft Hohenems als erledigtes Reichslehen ein, um sie an Österreich zu verleihen.

Lehensherrliche Abhängigkeiten bestanden für die Grafen von Hohenems einerseits zum Kaiser, andererseits zu den habsburgischen Landesfürsten in Tirol. Gewöhnlich sehen wir die Grafen im Verwaltungs- oder Militärdienst des Kaisers oder des Erzherzogs von Österreich, gelegentlich auch des Kurfürsten von Bayern. Die Übernahme von Ämtern in der österreichischen Verwaltung schmälerte die gräfliche Landeshoheit und war oft die Ursache für Zwistigkeiten; die Tendenz der Grafen, die Vogteiämter in Vorarlberg erblich zu machen, wurde von der österreichischen Verwaltung bewusst durchkreuzt und schuf weiteren Unmut. Die Hintergründe, die zu den kaiserlichen Administrationen führten, brachten das Haus Hohenems erst recht in Misskredit.

Was das Heiratsverhalten angeht, so blieben die Herren von Ems und die Grafen von Hohenems weitgehend im schwäbisch-österreichischen (Hohenzollern, Fürstenberg, Freiberg, Raitenau, Sulz, Waldburg, Königsegg, Bodman) und Südtiroler Raum (Wolkenstein, Schlandersberg, Welsberg, Madruzzo, Trapp). Bemerkenswert sind die Eheschliessungen in Italien, besonders mit den Medici in Mailand, die dem Aufstieg des Hauses dienlich waren. Die Ehe Karl Friedrichs mit Cornelia Lucia di Altemps führte die schwäbische und die italienische Linie des Hauses Hohenems wieder zusammen. Die Heirat Franz Wilhelms II. mit Aloisia Josepha von Liechtenstein erleichterte den Verkauf von Vaduz und Schellenberg, die damit in der Verwandtschaft blieben. Gegen das 18. Jahrhundert hin erweiterte sich der Kreis der Eheschliessungen Richtung Niederlande und Böhmen.

Dynastisches Bewusstsein und Mäzenatentum ist bei den Grafen von Hohenems nur schwer fassbar. Zweifellos war ein solches Bewusstsein vorhanden, es zeigt sich in den privaten Briefen, in den Erbverträgen oder in der «Emser Chronik». Die Grafen verliehen nach 1560 ihrem Residenzort ein neues Gesicht. Aber alles blieb doch in einem sehr kleinen Rahmen. Ganz anders sieht das bei den geistlichen Herren aus, dem Kardinal Märk Sittich III. oder dem Salzburger Erzbischof Märk Sittich IV.: Sie wuchsen über die rheintalische Enge hinaus, errichteten monumentale Kirchen und Schlösser und traten als Mäzene auf.

Was vom Haus Hohenems geblieben ist – sieht man von den Burgen Altems (Ruine) und Neuems sowie dem Palast in Hohenems ab (zu denen noch die grossartigen Bauten der geistlichen Herren in Rom und Salzburg hinzuzurechnen sind) – sind die Ahnengalerie von Bistrau, heute im Städtischen Museum in Polička (CZ) (darunter die 1578 entstandene Hohenemser Festtafel von Anthoni Bays), die Grabdenkmäler von Märk Sittich I. und Kaspar in der Pfarrkirche von Hohenems, eine Votivtafel Kaspars mit seiner Familie, Medaillen und Münzen sowie Wappendarstellungen auf Siegeln, Grenzsteinen, Exlibris, in Chroniken, Glasscheiben usw. Auch einige Rüstungen sind zu erwähnen. Meist konzentrieren sich diese Überreste auf die grosse Zeit der Hohenemser zwischen 1560 und 1620.

Das Haus Hohenems war zu klein, um sich mit einer eigenen Hofgeschichtsschreibung oder mit monumentalen Denkmälern bei der Nachwelt dauerhaft in Erinnerung zu halten. Wo das versucht wurde, etwa mit der «Emser Chronik» von 1616 oder den Renaissance-Grabdenkmälern in der Hohenemser Pfarrkirche, war der Zenit in der Hausgeschichte bereits erreicht oder überschritten. Schon Kaspars Söhne leiteten noch zu dessen Lebzeiten den unaufhaltsamen Abstieg ein. Die immens wachsenden Schulden wurden dem Grafenhaus ebenso zum Verhängnis wie die steigenden Spannungen mit Österreich und die exzentrischen Charaktere des Ferdinand Karl und des Franz Karl, die ihre verfassungsmässige Aufgabe im Verhältnis zu den Untertanen nicht verstanden. Die kaiserliche Administration in den beiden Landesteilen Hohenems und Vaduz-Schellenberg sowie die Veräusserung von Schellenberg 1699 und Vaduz 1712 stehen symbolisch für diesen Abstieg, dem nur wenige Jahrzehnte später (1759) das Aussterben der ruhmreichen Familie im Mannesstamm folgte.

Archive

Hausarchiv der Grafen von Hohenems im VLA.

Literatur

Welti: Hohenems, 1930; L. Welti: Jakob Hannibal I. von Hohenems, 1954; L. Welti: Kaspar von Hohenems, 1963; L. Welti: Relazioni dei Conti di Hohenems con la città di Gallarate, in: Rassegna Gallaratese di storia e d’arte 27 (1968), 165–175; NDB 9, 479–481; L. Welti: Die Entwicklung von Hohenems zur reichsfreien Residenz, in: Hohenems 1, 1975, 17–170; Liesching/Vogt: Siegel, 1985, 76–84; T.M. Schröder: Die Grafen von Hohenems im 16. und 17. Jahrhundert, in: Fürstliches Haus, 1987, 163–187; Hohenemser und Raitenauer im Bodenseeraum, Ausstellungskatalog Bregenz, 1987.

Abbildungen

Květa Křížová, David Junek: Gemäldegalerie der Grafen von Hohenems: Katalog zur ständigen Schausammlung, Städtisches Museum und Galerie Polička, Polička 1999.

Zitierweise

Karl Heinz Burmeister, «Hohenems (Ems), von», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Hohenems_(Ems),_von, abgerufen am 19.2.2019.

Medien

Gebiete der Grafen von Hohenems, um 1650 (Evelyne Bermann, Schaan). © Schulamt Liechtenstein.
Vereinfachte Stammtafel des reichsritterschaftlichen Hauses Ems
Vereinfachte Stammtafel des reichsgräflichen Hauses Hohenems