Aktionen

Industrialisierung

Wechseln zu: Navigation, Suche

Autor: Patrick Sele | Stand: 31.12.2011

Industrialisierung bezeichnet den Prozess der Entstehung und der Ausbreitung einer arbeitsteiligen und an überregionalen Märkten orientierten Warenproduktion mittels Fabrikarbeit. Die Industrialisierung, die ihren Anfang im ausgehenden 18. Jahrhundert in England nahm, ist von sozialen Umwälzungen und Krisen begleitet. Zu Letzteren kam es in Liechtenstein nur in sehr abgeschwächter Form.

In vielerlei Hinsicht mit der Industrialisierung vergleichbar und in manchen Gegenden dieser vorausgehend war die schon ab dem 16. Jahrhundert, in Liechtenstein spätestens um die Mitte des 19. Jahrhunderts zu beobachtende Protoindustrialisierung. Diese beinhaltete wie die Industrialisierung einen Übergang zu einer arbeitsteiligen und an überregionalen Märkten orientierten Produktion. Die Produktion fand jedoch nicht wie bei der Fabrikarbeit in Fabrikbauten statt, sondern wurde dezentral in Heimarbeit durchgeführt.

Verhältnisse bis 1861

Schon bevor in Liechtenstein Fabriken errichtet wurden, wirkten sich die protoindustrielle und die industrielle Produktion auf das Land aus. Ab den 1830er Jahren gab es liechtensteinische Arbeiter in den Feldkircher Textilfabriken «Escher, Kennedy & Co.» und «Ganahl». Spätestens um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde im Auftrag von Unternehmern aus dem Kanton St. Gallen in Heimarbeit Stickerei betrieben. Diese war für lange Zeit die bedeutendste nichtlandwirtschaftliche Erwerbsquelle. Die Heimstickerei wurde je nach Konjunktur von der bäuerlichen Bevölkerung als Nebenerwerb ausgeübt.

Eine wesentliche Voraussetzung für die Errichtung von Fabriken in Liechtenstein waren die als Energiespender nutzbaren Wasserläufe. An diesen standen Mühlen, die Getreide zerkleinerten und Energie für die Bearbeitung von Gerberlohe, Hanf und Flachs sowie für Hammerschmieden und Sägereien lieferten. Was im fast ausschliesslich kleinbäuerlich geprägten Liechtenstein als Voraussetzung für eine Industrialisierung fehlte, war ein kapitalkräftiges Unternehmertum.

1852 ging Liechtenstein eine Zollunion mit der Habsburgermonarchie ein und bekam dadurch Zugang zum grossen, österreichischen Wirtschaftsraum. Dies machte das Land zu einem interessanten Standort für Fabriken. Ersten Versuchen von Fabrikgründungen durch Kleinunternehmer aus Liechtenstein und Vorarlberg ab 1852 war wenig Erfolg beschieden. Es waren schliesslich Schweizer Unternehmer, die in Liechtenstein die Industrialisierung in Gang setzten.

Erste Industrialisierungsphase

Eine erste Phase der für mitteleuropäische Verhältnisse spät einsetzenden Industrialisierung erfolgte auf dem Textilsektor. 1861 errichtete Heinrich Weilenmann am Mölibach im Mühleholz eine Baumwollweberei, später «Obere Fabrik» genannt. 1865 folgte Kaspar Honegger am gleichen Wasserlauf mit einer weiteren Weberei, der «Unteren Fabrik». Diese ging 1869 an die Familie Rosenthal über. Das neue Unternehmen, die «Mechanische Weberei Vaduz», wurde 1884 um die «Obere Fabrik» erweitert. In den beiden Fabriken waren zusammen bis 300 Webstühle aufgestellt.

1863 errichteten Franz Anton Kirchthaler und Heinrich Dürst am Dorfbach in Triesen eine Weberei. Nachdem die Fabrik 1866 grösstenteils abgebrannt war, liess Caspar Jenny sie wesentlich grösser wiedererrichten (1874: 220 Webstühle; 1887: 484 Webstühle). 1882 baute Johann Jakob Spoerry eine Baumwollspinnerei im Vaduzer Ebaholz (1890: 15 712 Spindeln). Diese wurde 1905 mit der Triesner Fabrik zu einem einzigen Unternehmen, der Firma «Jenny, Spoerry & Cie.», vereinigt.

Die Heimstickerei wurde ab den 1860er Jahren mechanisiert. Noch 1877 stand erst eine Stickmaschine im Land, 1879 waren es bereits deren 27. 1879–84 gab es in Eschen eine Stickereifabrik mit 20 Stickmaschinen. 1912 wurde mit 184 Stickmaschinen ein Höchststand erreicht. Der Personalbestand der Textilfabriken stieg stark an und erreichte in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg einen Höchststand: 1912 belief er sich auf 677 Personen. Dies waren rund 19 % der erwerbstätigen Wohnbevölkerung. Neben der Textilindustrie waren andere Industriezweige vor dem Ersten Weltkrieg von geringer Bedeutung. Die betreffenden Betriebe waren Klein- und Kleinstbetriebe. Drei von ihnen, ein Lacke und Farben produzierender Betrieb in Balzers (ab 1888) sowie je ein metallverarbeitender Betrieb in Vaduz (ab 1898) und in Schaan (ab 1912) stellten nach wenigen Jahren die Produktion wieder ein. Längerfristig erfolgreich war einzig ein 1836 gegründeter Tonwaren produzierender Betrieb in Nendeln, die spätere «Keramik Werkstatt Schaedler AG», der sich bis Ende des 19. Jahrhunderts zu einem Industriebetrieb entwickelt hatte.

Während des Ersten Weltkriegs hatte die von den Alliierten gegen die Mittelmächte verhängte Wirtschaftsblockade für die liechtensteinischen Textilfabriken eine Drosselung der Produktion und schliesslich die Stilllegung zur Folge. «Jenny, Spoerry & Cie.» nahm 1921 den Betrieb wieder auf, die «Mechanische Weberei Vaduz» blieb geschlossen. Durch den Zerfall der Habsburgermonarchie (1918) und die Auflösung des Zollvertrags mit Österreich (1919) hatte Liechtenstein seine Vorzugsstellung als Produktionsstandort für den Donauraum verloren. 1923 wurde mit der Schweiz ein Zollvertrag geschlossen, der den schweizerischen Wirtschaftsraum für liechtensteinische Produkte öffnete. 1929 wurden in der Textilindustrie wieder 500 Beschäftigte gezählt. Es kam in den 1920er Jahren auch zu einigen Gründungen von Fabriken, die jedoch alle nach kurzer Zeit wieder eingingen.

Die nach dem Ersten Weltkrieg ebenfalls darniederliegende Stickerei konnte sich vorerst ein wenig erholen. 1929 ist eine Stickereifabrik mit 77 Beschäftigten erwähnt. In der Folgezeit und verstärkt nach dem Zweiten Weltkrieg versank die Stickerei jedoch immer mehr in der Bedeutungslosigkeit.

Zweite Industrialisierungsphase

In den 1930er Jahren setzte – zunächst gebremst durch die Weltwirtschaftskrise, ab der zweiten Jahrzehnthälfte aber verstärkt – eine zweite Industrialisierungsphase ein. Neben den alten Textilfabriken etablierte sich eine Reihe neuer Industriebetriebe, die meisten davon Klein- und Kleinstbetriebe. Der einzige Grossbetrieb unter den Neugründungen war mit über 100 Beschäftigten die «Ramco AG» (→ «Ivoclar Vivadent AG»). Die industrielle Produktionspalette erfuhr eine erhebliche Erweiterung. Sie umfasste nun u.a. künstliche Zähne, Lacke, pharmazeutische Produkte, Polstermöbel und Gemüsekonserven. Als Unternehmer waren zumeist Deutsche, unter ihnen aus Deutschland vertriebene Juden, tätig. Nur vereinzelt taten sich Einheimische als Unternehmer hervor. Einige der in dieser Zeit gegründeten Unternehmen bestehen bis heute. Zu diesen gehören die «Hanauer & Schmidt AG» (→ «Dorbena AG»), die → «Schekolin AG» oder die «Scana AG» (→ «Hilcona AG»).

Zentrale Faktoren, die diese «Zweite Industrialisierung» begünstigten und förderten, waren die Angliederung an den schweizerischen Wirtschaftsraum und dessen stabile Währung sowie das ausserordentlich unternehmerfreundliche Steuer- und Gesellschaftsrecht. Einen weiteren Standortvorteil stellten die niedrigen Löhne dar. Zudem wurde die Industrialisierung von der Regierung als Massnahme gegen die durch die Wirtschaftskrise bewirkte Arbeitslosigkeit gefördert.

Während des Zweiten Weltkriegs bestand als weiterer fördernder Faktor die Rüstungsproduktion zugunsten Deutschlands, die in den 1941 gegründeten Unternehmen «Maschinenbau Hilti o.H.G.» (→ «Hilti Aktiengesellschaft»), «Press- und Stanzwerk AG» (→ «ThyssenKrupp Presta AG») und → «PAV Präzisions-Apparatebau Vaduz AG» eine grosse Rolle spielte. In dieser Zeit verlagerte sich das Gewicht von der Textil- hin zur Metallindustrie mit Schwerpunkt auf dem Maschinen- und Apparatebau. In den 1940er Jahren wurden in diesem Bereich bedeutende Unternehmen gegründet: neben den oben genannten Unternehmen die «Gerätebau-Anstalt» (→ «OC Oerlikon Balzers AG») und die → «Contina AG». 1947 wurde als Interessengemeinschaft der Industrie die «Liechtensteinische Industriekammer» gegründet.

In den 1940er Jahren erreichte der Anteil der Fabrikarbeiter an der erwerbstätigen Wohnbevölkerung wieder den Stand der Jahre unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg. Allerdings hatte sich die Situation insofern geändert, als die Industrie diversifizierter und dadurch weniger krisenanfällig geworden war. In den folgenden Jahren wechselten immer mehr Liechtensteiner von der Landwirtschaft und vom Gewerbe in die Industrie. Der Mangel an qualifizierten einheimischen Arbeitskräften und der grosse Arbeitskräftebedarf der expandierenden Industrie führten zum Beizug ausländischer Arbeitskräfte v.a. aus den Nachbarländern, was bereits in den 1950er Jahren Überfremdungsängste hervorrief. Die 1962–63 durchgeführten Massnahmen der Regierung zur Beschränkung der Zuwanderung und Beschäftigung von ausländischen Arbeitskräften führten dazu, dass bedeutende Produktionsteile ins Ausland verlagert wurden.

Die stürmische Entwicklung der Industrie in der Nachkriegszeit lässt sich am Umstand erkennen, dass deren Exporte zwischen 1950 und 2000 von 15,2 Mio. Fr. auf 4622,2 Mio. Fr. stiegen. Die stark exportorientierte Industrie profitierte dabei auch von der wirtschaftlichen Integration Liechtensteins in Europa (→ Europäische Freihandelsassoziation, → Europäische Union, → Europäischer Wirtschaftsraum).

2004 verzeichnete die Industrie 32 Betriebe mit 7896 Beschäftigten, davon 5483 (69,4 %) in der →Metallverarbeitung, 110 (1,4 %) in der Textilproduktion und -verarbeitung, 677 (8,6 %) in der Nahrungsmittelproduktion, 865 (11 %) in Chemie und Pharmazeutik und 806 (10,2 %) in anderen Bereichen. Es werden kaum Massenprodukte hergestellt, sondern ähnlich wie in der Schweiz überwiegend kapital-, forschungs- und entwicklungsintensive Spezialerzeugnisse. Industriebetriebe gibt es in allen Ortschaften ausser Planken und Schellenberg, mit einem Schwerpunkt in Schaan. 2004 zählten drei Firmen jeweils über 1000 Beschäftigte in Liechtenstein, nämlich die «Hilti Aktiengesellschaft», die «ThyssenKrupp Presta AG» sowie die «OC Oerlikon Balzers AG».

Quellen

Rech Reg 1922–; JberLIHK 1961–2003; Ospelt: Wirtschaftsgeschichte, Anhang, 1972, 208f., 214f.; StatJb 1977–.

Literatur

A. Vogt: Die Entwicklung der liechtensteinischen Industrie, in: Liechtenstein, 1956, 101–110; Schnetzler: Wirtschaftsstruktur, 1966, 72–178; Ospelt: Wirtschaftsgeschichte, 1972, 247–252, 262–293; H. Kindle: Die Industrie, in: Wirtschaft, 1982, 20–30; Fabriklerleben, 1994; Geiger: Krisenzeit 1, 22000, 75–78, 129–131, 149–151, 268–277; Merki: Wirtschaftswunder, 2007, 69–105.

Zitierweise

Patrick Sele, «Industrialisierung», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Industrialisierung, abgerufen am 22.1.2019.

Medien

Anzahl Beschäftigte in Industriebetrieben nach Industriesektoren, 1947-2010
Anzahl Industriebetriebe nach Ortschaften, 1947-2010