Initiative

Autor: Wilfried Marxer | Stand: 31.12.2011

Das Recht der Initiative bezeichnet das Recht, Gesetzesvorschläge einzubringen. In der landständischen Verfassung von 1818 hatte der Landtag nur ein sehr beschränktes Vorschlagsrecht. Erst in der konstitutionellen Verfassung von 1862 wurde das Initiativrecht in der Gesetzgebung neben dem Landesfürsten auch dem Landtag zugestanden (§ 41). Die Verfassung von 1921 brachte gemeinsam mit der Verankerung des Referendumsrechts (→ Referendum) eine Erweiterung des Initiativrechts. Gemäss Art. 64 waren nunmehr der Landesfürst mit Regierungsvorlagen, der Landtag sowie das Volk berechtigt, eine Initiative auf Erlass, Aufhebung oder Abänderung eines Gesetzes zu ergreifen. Faktisch gehen indes die meisten Initiativen von der Regierung aus. Dem Volk stehen zwei Wege der Initiative offen: durch Unterschriftensammlung oder durch Beschluss von Gemeindeversammlungen (seltener Fall). Die Volksinitiative kann gemäss Volksrechtegesetz als einfache Anregung (einfache Initiative) oder als ausgearbeiteter Entwurf (formulierte Initiative) eingereicht werden. Stimmt der Landtag einer formulierten Volksinitiative nicht zu, ist eine Volksabstimmung durchzuführen. Der Landtag kann einen Gegenvorschlag unterbreiten, wobei die Stimmberechtigten seit 1987 mit doppeltem Ja stimmen können.

Die erforderliche Zahl der beglaubigten Unterschriften von Wahlberechtigten bei Volksinitiativen wurde mit der Zunahme der Zahl der Wahlberechtigten schrittweise von 400 über 600 (1947) auf 1000 (1984) heraufgesetzt. Für Verfassungsgesetze beträgt die entsprechende Zahl 600 (1921), 900 (1947) bzw. 1500 (1984). Anstelle der Unterschriften können auch die Beschlüsse von drei bzw. vier Gemeindeversammlungen (Gesetzes- bzw. Verfassungsinitiative) treten.

Von 1921 bis 2009 gelangten 32 Volksinitiativen zur Abstimmung, von denen knapp 44 % erfolgreich waren. Ein Grossteil dieser Initiativen bezog sich auf Aspekte des politischen Systems wie das Proporzwahlrecht, die Mehrheitsklausel, Zahl der Abgeordneten, Doppeltes Ja bei Volksabstimmungen, Kontrolle der Justizverwaltung, Minderheitenrecht auf Kontrolle, Staatsvertragsreferendum oder Sperrklausel. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts nahm die Zahl der Initiativen tendenziell zu, während die Stimmbeteiligung bei den Abstimmungen rückläufig war.

2008 durchlief erstmals eine einfache, nichtformulierte Initiative das gesamte Verfahren: 1559 Stimmberechtigte verlangten die Abänderung des Pensionsversicherungsgesetzes für das Staatspersonal, was vom Landtag abgelehnt wurde. Eine Volksabstimmung fand nicht statt.

Daneben besteht auf Gemeindeebene die sogenannte Gemeindeinitiative. Ein Sechstel der Stimmberechtigten einer Gemeinde kann unter bestimmten Voraussetzungen durch begründetes schriftliches Begehren die Behandlung von Angelegenheiten, die dem Gemeindereferendum unterstehen, in der Gemeindeversammlung verlangen.


Volksinitiativen in Liechtenstein, ab 1925

Abstimmungs­datum Abstimmungsobjekt, Sachgebiet Stimmbe­rechtigte Stimmbe­teiligung
in %
Resultate
Zustimmung Ablehnung
JA in % NEIN in %
13.12.1925 Initiative Gassner (Abänderung der Zivilprozessordnung) 2 179 85,7
1. Initiative Gassner 171 10,9 1 400 89,1
2. Gegenvorschlag des Landtags 1 293 81,7 290 18,3
30.1.1927 Abschaffung der Konzessionspflicht im Baugewerbe 2 253 83,3
1. Initiative 804 45,1 979 54,9
2. Gegenvorschlag des Landtags 88 5,4 1 550 94,6
2.3.1930 Verfassungs- und Gesetzesänderung zwecks Einführung des Proporzwahlsystems 2 309 90,5
– Verfassungsinitiative 805 39,4 1 240 60,6
– Gesetzesinitiative 803 39,3 1 240 60,7
30.5.1935 Verfassungsänderung zwecks Einführung des Proporzwahlsystems 2 670 95,5 1 182 47,3 1 319 52,7
19.1.1947 Abänderung des Finanzgesetzes: Herabsetzung des Steuersatzes 3 218 93,1 1 498 58,7 1 052 41,3
3.10.1954 Beschränkung der Fischereikarten für im Ausland domizilierte Personen 3 406 75,7
1. Initiative 1 382 67,4 669 32,6
2. Gegenvorschlag des Landtags 212
8.8.1961 Gesetz über die Landesvermessung: Änderung des Abstimmungsverfahrens bei Güterzusammenlegungen 3 621 74,2 1 548 60,9 993 39,1
7./8.12.1961 Verfassungsänderung: Aufhebung des Jagdregals 3 619 80,5 1 416 51,0 1 359 49,0
20.12.1964 Abschaffung der Zwangsmitgliedschaft in der Gewerbegenossenschaft (Gewerbeinitiative) 3 809 82,9 1 131 37,5 1 881 62,5
27.6.1965 Erhöhung der Kinder- und Familienzulagen 3 824 76,8 1 781 63,4 1 030 36,6
6.10.1968 Abschaffung der Alkoholgetränkesteuer 4 036 70,8 1 214 43,7 1 565 56,3
1.3.1970 Änderung des Steuergesetzes: Erhöhung des Finanzausgleichs zwischen Staat und Gemeinden 4 312 79,3
1. Volksinitiative 2 181 67,6 1 045 32,4
2. Gegenvorschlag des Landtags 974 33,2 1 956 66,8
28./30.11.1975 Ergänzung von Art. 46 der Verfassung: Einführung einer Mehrheitsklausel 4 717 86,3 1 965 49,7 1 987 50,3
8./10.5.1981 Ergänzung von Art. 46 der Verfassung: Einführung einer Mehrheitsklausel 5 151 89,7 2 127 47,1 2 387 52,9
31.5./2.6.1985 Änderung von Art. 46 und 49 der Verfassung: Erhöhung der Zahl der Landtagsabgeordneten 12 317 71,5 1 478 17,4
– VU-Initiative vom 14.12.1984 3 310 39,0
– FBP-Initiative vom 18.12.1984 3 701 43,6
29.11./1.12.1985 Änderung von Art. 31 der Verfassung: Gleiche Rechte für Mann und Frau 12 445 70,9 4 109 48,4
– Initiative 1 973 23,3
– Gegenvorschlag des Landtags 2 400 28,3
11./13.9.1987 Änderung des Volksrechtegesetzes: Einführung des doppelten Ja 12 923 54,1 4 181 62,9 2 461 37,1
17./19.3.1989 Ergänzung der Verfassung: Einführung des Staatsvertragsreferendums 13 306 64,9 3 644 43,2 4 787 56,8
1./3.12.1989 Abänderung von Art. 63 der Verfassung: Kontrolle der Justizverwaltung 13 425 51,1 3 480 56,5 2 677 43,5
1./3.12.1989 Abänderung von Art. 63 der Verfassung: Minderheitenrecht auf Kontrolle 13 425 52,0 3 913 58,8 2 737 41,2
20./22.9.1991 Ergänzung des Schulgesetzes: Beibehalt der 6-Tage-Woche 13 816 69,1 3 226 34,7 6 068 65,3
13./15.3.1992 Ergänzung der Verfassung: Einführung des Staatsvertragsreferendums 13 870 64,7 6 281 71,4 2 513 28,6
6./8.11.1992 Änderung von Art. 46 der Verfassung: Aufhebung der 8%-Sperrklausel 13 979 53,6 2 373 32,3 4 964 67,7
6./8.11.1992 Ergänzung von Art. 31 bis der Verfassung betreffend das Diskriminierungsverbot 13 979 53,6 1 782 24,6 5 473 75,4
29./31.1.1999 Abänderung des Gesetzes über die Krankenversicherung 15 253 82,1 4 135 34,0 8 038 66,0
8./10.3.2002 Abänderung von Art. 20 der Verfassung (Verkehr) 16 671 64,6 4 769 45,5 5 714 54,5
14./16.3.2003 Verfassungsrevision 16 932 87,7
– Verfassungsvorschlag des Fürstenhauses 9 412 64,3 5 221 35,7
– Initiative «Verfassungsfrieden» 2 394 16,6 12 065 83,4
25./27.11.2005 Abänderung der Verfassung 17 570 64,5
– Initiative «Für das Leben» 1 909 18,7 8 274 81,3
– Gegenvorschlag des Landtags 8 460 79,6 2 162 20,4
4./6.12.2009 Abänderung des Umweltschutzgesetzes (Grenzwerte für Mobilfunkanlagen) 18 619 66,3 6 765 57,0 5 102 43,0
16./18.9.2011 Abänderung des Strafgesetzbuchs («Hilfe statt Strafe») 18 919 61,4 5 264 47,7 5 762 52,3
29.6/1.7.2012 Abänderung der Landesverfassung: «Ja – damit deine Stimme zählt» 19 076 82,9 3 602 23,6 11 681 76,4
15.6.2014 Initiativbegehren zum Gesetz über die betriebliche Personalvorsorge des Staates (SBPVG) 19 448 71,5
– «Pensionskasse win-win» 5 670 43,9 7 257 56,1
– «WinWin50» 6 658 49,8 6 715 50,2
18.9.2016 Abänderung des Gesetzes über die Familienzulagen (FZG) 19 765 62,2 2 099 17,6 9 823 82,4
30.8.2020 Abänderung der Verfassung: Einführung von Quotenregelungen bei politischen Ämtern («HalbeHalbe») 20 366 83,5 3 540 21,2 13 121 78,8
26.6.2022 Abänderung des Gesetzes über die Krankenversicherung (Franchisebefreiung im Rentenalter) 20 580 60,9 7 811 63,9 4 413 36,1
29.1.2023 Abänderung der Verfassung: Einführung eines Casino-Verbotes 20 720 70,0 3 779 26,7 10 383 73,3
21.1.2024 Abänderung des Gesetzes über das elektronische Gesundheitsdossier 20 950 67,9 6 392 46,1 7 485 53,9
25.2.2024 Abänderung der Verfassung: Einbezug des Volkes bei der Bestellung der Regierung 20 964 66,5 4 380 32,0 9 309 68,0
27.10.2024 Aufhebung des Gesetzes über den «Liechtensteinischen Rundfunk» 21 118 59,3 6 786 55,4 5 457 44,6


Quellen: https://www.abstimmung.li/ (eingesehen am 13.11.2024); Statistisches Jahrbuch 2010, 2015, 2021; Paul Vogt: 125 Jahre Landtag, Vaduz ²1988, S. 233–254; Klaus Biedermann: 150 Jahre Landtag 1862–2012, Vaduz 2012, S. 143–165.

Literatur

Von der Redaktion nachträglich ergänzt

  • Wilfried Marxer: Volksabstimmungen, in: Das politische System Liechtensteins. Handbuch für Wissenschaft und Praxis, hg. von Wilfried Marxer, Thomas Milic und Philippe Rochat, Baden-Baden 2024 (= Schriftenreihe des Liechtenstein-Instituts, Bd. 1), S. 531–554.
  • Klaus Biedermann: 150 Jahre Landtag 1862–2012, hg. vom Landtag des Fürstentums Liechtenstein, Vaduz 2012, S. 143–165.
  • Paul Vogt: 125 Jahre Landtag, hg. vom Landtag des Fürstentums Liechtenstein, Vaduz 21988, S. 233–254.

Zitierweise

Wilfried Marxer, «Initiative», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Initiative, abgerufen am 20.5.2026.