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Jenny-Spoerry-Areal

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Autor: Hans-Peter Bärtschi | Stand: 31.12.2011

Seit dem späten 19. Jahrhundert entstanden in Triesen sowie im Vaduzer Mühleholz und Ebaholz zwei Ensembles industrieller Bauten, die ab 1905 beide zur Firma Jenny, Spoerry & Cie. gehörten. Die Fabrikbauten, Kraftwerkanlagen, Fabrikantenvillen und Arbeiterwohnhäuser umfassenden Komplexe sind einzigartige Zeugen der liechtensteinischen Industrialisierung.

Weberei Triesen

Die 1863 neben der Kapelle St. Maria errichtete Baumwollweberei brannte 1866 ab. Der 1870 an gleicher Stelle errichtete viergeschossige Satteldachbau ist die älteste erhaltene Fabrikanlage Liechtensteins. Durch dreigeschossige Verlängerungen 1871 und 1879 entstand ein typischer Webereihochbau mit der eindrücklichen Länge von 21 Fensterachsen auf schmalem Grundriss. 1911 folgte ein pionierhaft-moderner Flachdachanbau von Séquin & Knobel (erstes Flachdach Liechtensteins). Eine Fabrikstrasse trennt den Hauptbau von den Nebengebäuden (Schlosserei, Kesselhaus, Lager). Die Energieversorgung erfolgte durch 1870 errichtete Wasserkraft-, Dampfkraft- und Gasanlagen (überregional seltener Gasometerbau von Scheller & Bechtold mit Hochkamin). Der erste Wasserspeicher samt Druckleitung von 1870 wurde 1893 durch einen 190 Höhenmeter über der Fabrik gelegenen, neuen Weiher ersetzt. Erhalten sind ein Sulzer-Dampfkessel (1897) und das Wasserkraftwerk mit Maschinen von Escher-Wyss und Oerlikon.

1873 wurde mit dem Kosthaus das erste Arbeitermehrfamilienhaus Liechtensteins errichtet und die benachbarte mittelalterliche Mühle in ein Ladenlokal des Arbeiterkonsumvereins umgebaut (abgerissen 1976). Es folgten weitere Arbeiterhäuser sowie 1905 die Fabrikantenvilla der Gebrüder Jenny als Doppelwohnhaus im Heimatstil mit Krüppelwalmdach.

Die Umnutzung der seit 1996 unter Denkmalschutz stehenden Fabrik nach der Betriebsschliessung 1982 brachte keine tief greifenden baulichen Veränderungen. Sie dient heute diversen kulturellen und schulischen Zwecken.

Spinnerei Vaduz

Der zierlos repräsentative Fabrikhauptbau wurde 1882–83 im Ebaholz nach Plänen von Albert Grether aus Hirslanden (ZH) als dreigeschossiger, giebelständiger Hochbau mit südlich anschliessendem, zweigeschossigem Flachbau mit Sägezahndach nach englischem Vorbild errichtet (erste Shedhallen in Liechtenstein). Durch den Anbau weiterer Shedhallen 1890 entstand ein regional seltener, beinahe symmetrischer Bau mit zentralem Satteldach und 31 seitlichen Hallenachsen. 1890 wurde ein quadratisches Baumwollmagazin in traditioneller Holzkonstruktion und 1895 eine dem Hauptbau vorgelagerte Aufladehalle errichtet. Es folgten 1897–1903 Bauten für Sprinkleranlage, Garnkeller, Schlosserei und Werkstatt nach Patent Séquin & Knobel mit Flachdach und Satteldachoberlichtern, 1904 der Neubau einer Gewerbehalle in Form eines Gutshofs und 1973 eine Stahl-Beton-Bogen-Shedhalle.

1882–83 wurden ein Dampfkraftwerk mit Hochkamin sowie ein Wasserrückhaltebecken mit Druckleitung und Turbinen errichtet. 1886 erhöhte ein neues Hochreservoir mit verlängerter Druckleitung die Leistung von 170 auf 500 PS. 1952 entstand ein neues, gut proportioniertes Kraftwerksgebäude.

1886–1910 wurden 16 fabrikeigene Arbeiterhäuser erbaut. Die klassizistische Fabrikantenvilla mit Walmdach im Möliholz entstand 1882–83 durch den Umbau einer ehemaligen Mühle.

Die Umnutzung der 1992 stillgelegten Fabrik brachte schwere Eingriffe in die Bausubstanz; eine Unterschutzstellung erfolgte nicht. Seit 2002 ist hier u.a. die Universität Liechtenstein untergebracht.

Literatur

H.-P. Bärtschi: Bauzeugen der Industrialisierung 1820–1920, in: Bauen, 2000, 110–139.

Zitierweise

Hans-Peter Bärtschi, «Jenny-Spoerry-Areal», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Jenny-Spoerry-Areal, abgerufen am 23.2.2019.

Medien

Fabrikanlage der Jenny, Spoerry & Cie. in Triesen, um 1920/30 (LI LA). Im Vordergrund die Kapelle St. Maria.
Fabrikanlage Jenny, Spoerry & Cie. in Vaduz, um 1915 (LI LA).