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Juden

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Autoren: Karl Heinz Burmeister, Peter Geiger | Stand: 31.12.2011

Ethnische und religiöse Gemeinschaft («Volk Israel»). Der jüdische Glaube ist die älteste monotheistische Religion und die Mutterreligion des Christentums sowie des Islams. Die Juden haben in der liechtensteinischen Geschichte nie eine herausragende Rolle gespielt und wurden in der liechtensteinischen Geschichtsschreibung lange Zeit ganz vernachlässigt.

Vor 1900

Auf die historische Präsenz von Juden im Raum Liechtenstein weisen die Flurnamen «Jodaböchel» in Eschen, Mauren und Gamprin, «Jodameder» in Eschen, «Jodagass» in Schaan, «Jodagreber» in Schaan (Alp Guschg), «Judenhalde» in Planken, vielleicht auch «Jödi» (etymologisch ungesichert) in Planken hin.

Bereits für die Spätantike und das Frühmittelalter sind durch Rätien reisende Juden anzunehmen, wenn auch die Herkunft des hl. Florinus von einer jüdischen Mutter (Florinus-Vita, 7. Jahrhundert) als legendär einzustufen ist. Jüdische Pilgerreisen ins Heilige Land führten gelegentlich über Vaduz (belegt 1418 und 1563). Die für die Jahre 1310–48 und 1354–1448 in Feldkirch bezeugten Juden dürften rege wirtschaftliche Kontakte in den Raum Liechtenstein unterhalten haben. 1405 beschaffte sich Bischof Hartmann IV. (II.) von Werdenberg-Sargans-Vaduz bei Juden in Zürich ein Darlehen von 2700 Gulden.

Nach der Vertreibung aus den städtischen Zentren im 15. und 16. Jahrhundert suchten die Juden auf dem Land eine neue Lebensgrundlage. Sie zogen als Viehhändler oder Hausierer auch durch den Raum Liechtenstein. Die Vaduzer Zollordnung von 1552 enthielt für die Juden den sogenannten Würfelzoll; dieser diskriminierende Transitzoll ist noch in der Zolltafel von 1762 enthalten. Es ist davon auszugehen, dass sich die Handelsbezirke der Judengemeinden in Tettnang (seit 1551), Wasserburg (seit 1551), Rheineck (seit 1558), Langenargen (seit 1585), Hohenems (seit 1617) usw. auch nach Vaduz-Schellenberg erstreckten. So verkaufte etwa der Jude Salomon Spiri aus Rheineck 1641 eine wertvolle Uhr in Balzers.

Während des Dreissigjährigen Kriegs liessen sich erstmals Juden in Vaduz-Schellenberg nieder. Ab 1632 kam es kriegsbedingt zu einer grossen Flüchtlingswelle österreichischer Schutzjuden (gegen Geldzahlung an die Landesherrschaft erhielten die Juden von dieser Schutz zugesichert) aus der Markgrafschaft Burgau in die Bodenseeregion. Der Tiroler Landesfürst gewährte den Flüchtlingen einen vorübergehenden Schutz sowie die Ausübung eines bescheidenen Handels in der Grafschaft Feldkirch, wo sich ab 1636 in vielen Gemeinden Juden niederliessen. Ein Teil dieser Flüchtlinge bildete 1637–51 die jüdische Gemeinde am Eschnerberg. Sie umfasste etwa 20 Haushaltungen mit rund 100 Personen, die nicht in einem geschlossenen Ghetto, sondern verstreut in Eschen, Mauren und Nendeln lebten. Die Ansiedlung erfolgte durch die faktische Duldung des Grafen von Hohenems, ohne Schutzbriefe und damit ohne rechtliche Grundlage. Die eher ärmliche jüdische Gemeinde verfügte über eine Synagoge, vermutlich in den 1856 abgebrannten Häusern Nr. 10 und 11 in Popers (Mauren), über einen Rabbiner in der Person von Abraham Neuburg und ein Ehegericht. Die Eschnerberger Juden betrieben einen bescheidenen Handel mit Pferden, Vieh, Häuten, Tuch und Silberwaren; der Geldhandel war wenig ausgeprägt. Immerhin waren aber 1649 281 Untertanen von Vaduz-Schellenberg bei den Juden mit durchschnittlich 5½ Gulden verschuldet. Das Verhältnis zur christlichen Bevölkerung war nicht frei von Spannungen, und die Obrigkeit musste wiederholt zum Schutz der Juden eingreifen. Als die Gemeinden Eschen und Mauren 1649 von den Juden ein «Insässgeld» forderten und deren Vermögenswerte unter Arrest legten, wurden die beiden Gemeinden vom Grafen gerügt. 1651 mussten die Juden ihre Ansiedlung wieder aufgeben, wohl v.a. aufgrund von Beschwerden der Untertanen.

Der Handel mit den Juden aus Sulz (Vorarlberg) und v.a. aus Hohenems dauerte an. Letztere waren zudem im 17. und 18. Jahrhundert für die liechtensteinische Bevölkerung als Kapitalverleiher von Bedeutung. Eine zweite Niederlassung von Juden 1745–47 hatte ihre Ursache in der gewaltsamen Vertreibung der Juden aus Sulz. Von diesen fanden etwa 50 ein vorübergehendes Refugium in Vaduz, Nendeln, Schaan und Eschen. Sie zahlten dafür dem fürstlichen Rentamt für zwei Jahre 60 Gulden Toleranz- und Zollgeld sowie den genannten Dörfern ein «Hintersässgeld» von ca. 85 Gulden 1748 fanden sie Aufnahme in der jüdischen Gemeinde Hohenems.

Nachdem Kaiserin Maria Theresia 1750 auf Druck der Landstände den Juden für Vorarlberg ein allgemeines Handelsverbot auferlegt hatte, dehnte sich der Handel der Hohenemser Juden besonders in Richtung Liechtenstein aus. Auf Vorschlag des Landvogts Franz Karl von Grillot löste Fürst Josef Wenzel die gesamten Judenschulden der Untertanen in der Höhe von 30 000 Gulden ein und verbot 1760 den Juden jeden Handel in Liechtenstein (öffentliche Jahrmärkte ausgenommen). In der Landsöffnung von Fürst Alois I. Joseph (um 1781) wurde dieses Verbot bestätigt. Wie man den Verhörprotokollen entnehmen kann, blühte der Handel von liechtensteinischen Untertanen mit Juden jedoch weiter, zumal das Vorarlberger Handelsverbot nach dem Übergang von Hohenems an Österreich (1765) mehr und mehr gelockert wurde. Zwischen 1748 und 1920 sind keine in Liechtenstein lebenden Juden dokumentiert. 1866 und 1884 erwarben die jüdischen Gebrüder Rosenthal aus Hohenems (Vorarlberg) zwei Industriebetriebe im Möliholz, Vaduz.

Karl Heinz Burmeister

Nach 1900

Die Textilfabriken der Gebrüder Rosenthal stellten im und nach dem Ersten Weltkrieg den Betrieb ein. Ab den 1920er Jahren zogen erst vereinzelt und in den 1930er Jahren vermehrt Juden zu. Anlass boten die Gründung von Sitzgesellschaften, der Betrieb einer Lotterie, die Steuerflucht wegen der Weltwirtschaftskrise und wegen strenger Devisengesetze, die Möglichkeit, sich gegen hohe Gebühren einzubürgern (→ Finanzeinbürgerungen), schliesslich besonders die Verfolgung der Juden durch Nazi-Deutschland ab 1933.

Von 1933 bis 1945 wurden insgesamt 144 jüdische Personen ins liechtensteinische Bürgerrecht aufgenommen. Die reichen jüdischen Neubürger lebten fast durchweg im Ausland. Indirekt kamen viele weitere Juden über Treuhänder und Banken mit Liechtenstein in Kontakt. Manche erreichten auf diesem Weg die Rettung ihrer Vermögen vor dem Zugriff des Hitlerregimes. Vorübergehend Schutz für Leib und Leben fanden in Liechtenstein zwischen 1933 und 1945 rund 230 jüdische Flüchtlinge. Sie kamen meist aus städtischen Bildungsschichten. Manchen gelang nach einiger Zeit die Weiterreise in westliche Länder. Andere strandeten in Liechtenstein wegen der restriktiven Aufnahmepraxis der Zielländer, besonders ab 1938. Ab 1935 musste für die Aufenthaltsbewilligung bei der Landesbank eine Kaution hinterlegt werden (10 000–50 000 Fr.). Einzelne jüdische Unternehmer, welche mit kleinen Betrieben Arbeitsplätze schufen, wurden ebenfalls aufgenommen. Von 1938 bis zum Kriegsende 1945 lebten durchgehend gut 120 ausländische jüdische Personen in Liechtenstein, dies entsprach 1 % der Wohnbevölkerung.

Andererseits wurden vorab 1938, als der Flüchtlingsandrang wegen des österreichischen Anschlusses an Deutschland und der NS-Verfolgung anschwoll, zahlreiche jüdische Flüchtlinge an der Grenze zurückgewiesen oder in die Schweiz weitergeleitet. Schriftliche Einreisegesuche wurden in der Mehrzahl abschlägig beschieden. Die liechtensteinische Politik bezüglich Einreise und Aufenthalt von Ausländern war weitgehend durch die Schweiz bestimmt, gemäss Fremdenpolizeiabkommen von 1923 und 1941. Dennoch bestand ein Spielraum für die liechtensteinischen Behörden. Neben Rettung, behördlich und privat, ist auch der Weg Abgewiesener in die deutsche Vernichtung dokumentiert. Einzelne Flüchtlinge gerieten während ihres Aufenthalts in materielle Not, weil ihr Besitz im Reich beschlagnahmt oder enteignet wurde. Von 1938 bis 1940 existierte ein «Jüdisches Hilfskomitee für Liechtenstein». Auf Geheiss der liechtensteinischen Regierung wurden im Herbst 1940 alle ausländischen Juden in einem «Hilfsverein der Juden in Liechtenstein» organisiert, um bedürftigen Juden durch Beiträge zu helfen. Im November 1941 verloren durch Reichsverordnung alle im Ausland lebenden deutschen Juden ihre Staatsangehörigkeit, wodurch viele Juden in Liechtenstein staatenlos wurden. Ihr Aufenthalt blieb toleriert.

In der ganzen NS-Zeit bis zum Kriegsende 1945 lebten die Juden in Liechtenstein in ständiger Angst, wegen der deutschen Bedrohung und weil sie durch nationalsozialistische Kreise in Liechtenstein diffamiert und teilweise tätlich angegriffen wurden (→ Antisemitismus). Den Auftakt bildete 1933 die für zwei Juden tödlich endende Rotter-Entführung. Gegen die Juden taten sich v.a. der Liechtensteiner Heimatdienst und die Volksdeutsche Bewegung in Liechtenstein hervor. Deren Presseorgane «Liechtensteiner Heimatdienst» (1933–35) und «Der Umbruch» (1940–43) hetzten in menschenverachtender Weise gegen die Juden. Antisemitisch angefeindet wurde auch Fürstin Elsa von Liechtenstein.

Der Hilfsverein der Juden in Liechtenstein dankte am 8.5.1945 der liechtensteinischen Regierung für den während der Kriegszeit gewährten Schutz. Bald nach dem Kriegsende emigrierte die Mehrzahl der Juden. Der Verein wurde 1954 aufgelöst.

Waren in der NS-Zeit Juden von Nichtjuden vorab «rassisch» unterschieden worden, so erfasst die Bevölkerungsstatistik sie vorher und wieder seit 1945 gemäss Religionszugehörigkeit. Die liechtensteinischen Volkszählungen führten von 1861 bis 1921 die Konfessionsangaben «Katholisch», «Protestantisch» und «Sonstige Glaubensgenossen» auf; in der letzteren Kategorie ist erstmals 1921 eine männliche, in Vaduz wohnhafte Person aufgeführt – sie war allenfalls jüdischer Religion. 1930 war ein in Vaduz lebender Ausländer unter der Konfession «israelitisch» aufgeführt. In der Volkszählung 1941 sind 73 Personen der Religion nach als «jüdisch» gezählt – von den etwa 120 in Liechtenstein lebenden Juden im NS-«Rassen»-Sinn. 1950 wurden noch 41 Personen jüdischer Religion im Land gezählt, 1970 25, 1990 14 und 2000 26, davon 12 Liechtensteiner Bürger. Religiöses jüdisches Leben war und ist in Liechtenstein privat. Es gibt seit dem 17. Jahrhundert keine Synagoge und keinen bestellten Rabbiner mehr. In der Zeit des Zweiten Weltkriegs versammelten sich Juden in Wohnstuben zu Gebet und religiöser Feier. Die 1929 geplante Errichtung eines grossen Schächthauses in Schaan kam nicht zustande. Völkerrechtlich bestehen seit 1992 Beziehungen zwischen Liechtenstein und Israel. Die Schweiz vertritt Liechtenstein diplomatisch in Israel, und der israelische Botschafter in Bern ist auch für Liechtenstein akkreditiert.

Peter Geiger

Quellen

StatJb 1977–; Wohnbevölkerung – Volkszählungen 1812–1930, Hg. Amt für Statistik des Fürstentums Liechtenstein, 21985.

Literatur

Burmeister: Juden, 1986; Burmeister: Jüdische Gemeinde, 1991; K.H. Burmeister: Geschichte der Juden in Stadt und Herrschaft Feldkirch, 1993; Geiger: Krisenzeit, 22000; Geiger et al.: NS-Zeit, 2005; Jud: Flüchtlinge, 2005; Lussy/López: Finanzbeziehungen, 2005; P. Geiger: Kriegszeit, 2010.

Zitierweise

Karl Heinz Burmeister, Peter Geiger, «Juden», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Juden, abgerufen am 19.2.2019.

Medien

Arbeitsplatz in der Kokosweberei Eschen AG in Schaan (GAS). Die Kokosweberei wurde 1938 von Leopold Baum gekauft. Baum und andere deutsch-jüdische Emigranten waren massgeblich an der Kleinindustrialisierung Liechtensteins der 1930er Jahre beteiligt.