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Kaiser, Peter

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Autor: Wolfgang Vogt | Stand: 31.12.2011

Pädagoge, Historiker, Politiker. *1.10.1793 Mauren, †23.2.1864 Chur, katholisch, von Mauren, ab 1856 von Vigens (GR). Sohn des Bauern und Transporteurs Michael und der Maria Anna, geb. Matt. Zwölf Geschwister, von denen nur fünf ein Alter von über 20 Jahren erreichten.

Die Herkunft aus einer angesehenen Familie ermöglichte Kaiser den Besuch der Schule in Mauren und Feldkirch, ab 1810 des Gymnasiums in Wien. Ab 1814 belegte er dort den philosophischen Kurs der Universität. Zwischen 1815 und 1817 unternahm er eine Bildungsreise nach Italien. Nachdem er in Wien bei Fürst Johann I. von Liechtenstein keine Anstellung erhalten hatte, studierte Kaiser 1817–19 an der katholischen Universität in Freiburg i.Br. Jura, Geschichte, Philosophie und Staatswissenschaften, u.a. beim Liberalen Karl von Rotteck; Belege für einen Studienabschluss fehlen. Kaiser wandte sich dem süddeutschen Liberalismus zu und war in seiner Freiburger Zeit ein führendes Mitglied der Freiburger Burschenschaft, in der er sich als Redner und Liedichter profilierte.

Ab 1819 lehrte Kaiser in der Schweiz Geschichte und Sprachen, 1819–22 am Institut Philipp Emanuel von Fellenbergs in Hofwil (BE), 1822–23 bei Johann Heinrich Pestalozzi in Yverdon, 1823–29 beim bürgerlichen Lehrverein Aarau, 1827–35 an der Kantonsschule Aarau. Im September 1819 wurde er aufgrund seiner burschenschaftlichen Vergangenheit durch die Berner Polizei überprüft.

1829–31 war Kaiser Rektor der Kantonsschule Aarau und in dieser Funktion Exponent der Schule und Zielscheibe bei den beginnenden innerkantonalen politischen Auseinandersetzungen. In der Folge musste Kaiser seine Stellung aufgeben. Er folgte 1835 einem Ruf an die katholische Kantonsschule Disentis, wo er von 1837 bis zur Übersiedlung der Schule nach Chur 1842 Rektor war. Kaiser verfasste in dieser Zeit einen Bericht zur Verbesserung des Schulwesens in Liechtenstein und leitete Kurse für liechtensteinische Lehrer. Verschiedentlich gab es in Graubünden von Seiten der Kirche Widerstand gegen die Beschäftigung Kaisers, dem seine politischen Einstellungen angekreidet wurden. Kaiser wurde im Gegensatz zur Zeit in Aarau jedoch vom liberal eingestellten Schulrat gestützt, seine grossen Bemühungen um das Erziehungswesen in Graubünden leisteten ein Übriges. An der katholischen Kantonsschule Chur war er 1842–49 Vizerektor, 1849/50 Rektor und ab 1850 an der nun konfessionell vereinigten Bündner Kantonsschule bis zu seinem Tod 1864 wiederum Lehrer («Professor») und Vizerektor.

Ab Mitte der 1830er Jahre beschäftigte sich Kaiser mit der Geschichtsforschung. Er engagierte sich in der Bündner Geschichtsforschenden Gesellschaft und verfasste verschiedene Schriften zur regionalen Geschichte. Seine Arbeiten und Vorträge zur Bündner Geschichte und das Präsidium der Geschichtsforschenden Gesellschaft Graubündens (1849–51, 1853–54) brachten ihm den Ruf eines «Historiographen der rhätischen Lande». Mit seinem 1847 in Chur erschienenen Hauptwerk «Geschichte des Fürstenthums Liechtenstein» gilt Kaiser als Begründer und Wegbereiter der liechtensteinischen Historiografie. Im Zentrum des von Kaisers politischen Ansichten geprägten Buchs steht das «Volk» als handelndes Subjekt der Geschichte, auch in seinen Auseinandersetzungen mit den Landesherren und Fürsten. Kritisiert wurde später, dass Kaiser trotz intensiver Quellenarbeit keine Quellennachweise lieferte. Angesichts der angespannten Lage in Liechtenstein wurde die Verbreitung des Buchs im Dezember 1847 untersagt, bereits am 15.1.1848 jedoch von Fürst Alois II. wieder zugelassen; es galt den Landesbehörden noch um 1900 als suspekt. In den Wirren der Revolution 1848 bot Kaisers höchst politisches Geschichtswerk einigen Zündstoff.

Bei einem 1840 geplanten, aber nicht zustande gekommenen Besuch von Fürst Alois II. sollte Kaiser als Fürsprecher der Gemeinden fungieren. Als der Besuch abgesagt wurde, reisten Kaiser und zwei weitere Abgesandte nach Wien, wo sie dem Fürsten eine Petition mit diversen Forderungen überreichten. Kaiser galt in der Folge als Unruhestifter und möglicher Rädelsführer und wurde kritisch beobachtet. Als im März des Revolutionsjahrs 1848 auch im absolutistisch regierten Liechtenstein Unruhen ausbrachen, übernahm Kaiser das Präsidium des revolutionären Landesausschusses. Er trat dabei als politisch liberaler Stratege, Sprachrohr und Mässiger der radikalen Kräfte hervor. Bis Juli 1848 arbeitete Kaiser einen Entwurf für eine konstitutionelle liechtensteinische Verfassung mit gestärkten Volksrechten aus, in dem das demokratische Element über das monarchische dominierte. Sein Entwurf diente dem im Juni gewählten liechtensteinischen Verfassungsrat, dem Kaiser nicht angehörte, als Grundlage für seine Arbeit. Ende April 1848 war Kaiser zum liechtensteinischen Abgeordneten an die deutsche Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche gewählt worden. Er wirkte in dieser Funktion vom 18. Mai bis Ende September 1848. Der dem linken Zentrum der liberalen Partei (Fraktion Westendhall) zugerechnete Kaiser ergriff nie das Wort. Im November 1848 legte er mit dem Schreiben «An meine Landsleute» sein Mandat nieder, aus beruflichen Gründen und von den Paulskirchenverhandlungen enttäuscht. Diese Schrift, in der er ein Resümee über seine Frankfurter Zeit zog, gilt als Kaisers politisches Vermächtnis. 1849 wurde Kaiser in den Liechtensteiner Landrat gewählt, zog sich aber, nachdem dieser ab Februar 1850 nicht mehr einberufen wurde, ganz aus der liechtensteinischen Politik zurück.

1855 bürgerte die Gemeinde Vigens Kaiser in Anerkennung seiner grossen Verdienste als Pädagoge ein, der Kanton Graubünden schenkte ihm 1856 das Bürgerrecht, was den Verzicht auf die liechtensteinische Staatsbürgerschaft bedingte. 1863 erkrankte Kaiser, mittlerweile 70-jährig. Er starb am 23.2.1864 in Chur und wurde an der Ostwand der Churer Kathedrale bestattet. Über sein gesamtes Leben betrachtet, nahm Kaisers Arbeit als Pädagoge den grössten Raum ein. Politisch liberal, wurde Kaiser in Aarau von radikalen, später in Graubünden von kirchlich-konservativen Kräften angefeindet. Kaiser gilt als Vertreter der pädagogischen Ideen von Pestalozzi und Johann Michael Sailer und bemühte sich besonders um die Förderung des Volksschulwesens. Den Grossteil seiner Lebenszeit verbrachte Kaiser, dem Liechtenstein keine beruflichen Perspektiven bieten konnte, im Ausland.

Kaisers burschenschaftliche und liberal-demokratische Ideen, die kurzfristige Konfiskation seiner «Geschichte Liechtensteins» 1847 und die politische Tätigkeit für Liechtenstein während der Revolution 1848 machten ihn bereits zu Lebzeiten den Behörden suspekt, sowohl während seiner Aarauer Zeit als auch später in Liechtenstein, wodurch die Entstehung eines Mythos um Kaiser begünstigt wurde. In Liechtenstein geriet Kaiser schnell in Vergessenheit, bereits bei seinem Tod fielen keine grossen Reaktionen mehr an. Die Wiederentdeckung Kaisers begann im angehenden 20. Jahrhundert. Immer wieder waren Kaisers republikanische Gesinnung und mangelnder Katholizismus Kernpunkte der Kritik an seinem pädagogischen, politischen und historischen Wirken. In Kaisers Biografie zeigt sich ein tief greifender Wandel von einer stürmischen und radikalen Jugendzeit zu gefestigten und versöhnlicheren Bahnen. Als Mann der Mitte, der sich in Aarau wie in Chur zwischen zwei Lagern fand, konnte Kaiser sowohl von beiden Extremen kritisiert wie auch später für verschiedene Positionen beansprucht werden. Während der Zeit des Zweiten Weltkriegs reklamierten sowohl liechtensteinische Nationalsozialisten als auch NS-Gegner Kaiser für sich. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts musste Kaiser nicht mehr angegriffen oder verteidigt werden. Vielmehr rückte die Aufarbeitung seines Lebens und Wirkens ins Zentrum. Kaiser hat eine unbestreitbare Bedeutung als Pädagoge v.a. im Kanton Graubünden, als Begründer der liechtensteinischen Geschichtsschreibung und als «Entdecker» einer nicht allein im Fürsten, sondern auch im Volk begründeten «nationalstaatlichen» Identität Liechtensteins.

Seit 1955 erinnert ein Denkmal (Büste) in Mauren an Kaiser, 1985 wurde die «Gedächtnisstiftung Peter Kaiser» errichtet, der Platz vor dem Landtags- und Regierungsgebäude in Vaduz trägt seit 2008 seinen Namen.

Werkauswahl

Geschichte des Fürstenthums Liechtenstein. Nebst Schilderungen aus Chur-Rätien’s Vorzeit, 1847; 2., verb. Auflage, Hg. J.B. Büchel, 1923; neu herausgegeben von A. Brunhart, 2 Bde. (Text, Apparat), 1989.

Literatur

R. Allgäuer: Peter Kaiser (1793–1864), in: JBL 63 (1964), 7–61; Quaderer: Geschichte, 1969; Geiger: Geschichte, 1970; M. Bundi: Peter Kaiser und sein Wirken in Graubünden, in: JBL 89 (1991), 137–151; Peter Kaiser als Politiker, Historiker und Erzieher (1793–1864), Hg. P. Geiger, 1993; J. Germann: Peter Kaiser im Lichte der Nachwelt, in: JBL 94 (1997), 183–218; A. Brunhart: Peter Kaiser 1793–1864, 21999; A. Brunhart: Peter Kaiser (1793–1864), in: Menschen, Bilder und Geschichten 1, 2006, 174–189.

Zitierweise

Wolfgang Vogt, «Kaiser, Peter», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Kaiser,_Peter, abgerufen am 22.2.2019.

Normdaten

GND: 119138905

Medien

Porträt von Peter Kaiser (1793–1864). Ölgemälde eines unbekannten Künstlers (Bildarchiv LLM).