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Katholische Kirche

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Autor: Markus Ries | Stand: 31.12.2011

Die römisch-katholische Kirche verwirklicht nach eigenem Verständnis die auf Jesus Christus zurückgehende, sakramentale Glaubens- und Hoffnungsgemeinschaft mit dem Auftrag, das Evangelium zu verkündigen, Gottesdienst zu feiern, sich den Bedürftigen zuzuwenden und eine geistliche Gemeinschaft aufzubauen. Die Qualifizierung als «katholisch» verwies ursprünglich auf einen universalen Anspruch; historisch und institutionell ist es eine konfessionelle Charakterisierung. Einzelpersonen gehören kraft der Taufe zur katholischen Kirche, Personengruppen durch die Gemeinsamkeit des Bekenntnisses, der Sakramente und des kirchlichen Amts. Die Kirche besteht in und aus Ortskirchen, die von einem Bischof geleitet werden. In ihrer Gesamtheit bilden die Bischöfe ein Kollegium, dem der Papst als Bischof von Rom vorsteht und dem in der Kirche die ordentliche Lehr- und Leitungsvollmacht zukommt.

Das kirchliche Leben im Churer Rheintal begann mit der Christianisierung der romanischen Bevölkerung in der römischen Provinz Raetia prima seit dem Ende des 4. Jahrhunderts. Die kulturellen Einflüsse gingen von Oberitalien aus und wirkten über den Provinzhauptort Chur, der schon im 4./5. Jahrhundert Bischofssitz war. Im römischen Kastell von Schaan, am Ort der heutigen Kapelle St. Peter, ist für die Spätantike ein rechteckiger Kirchenbau mit angegliedertem Baptisterium (Taufkapelle) nachgewiesen. Die Völkerwanderung führte zur Ansiedlung alamannischer Sippen, die sich erst nach mehreren Generationen mit der autochthonen Bevölkerung vermischten und das Christentum annahmen. Auch nach der Gründung des alamannischen Bischofssitzes Konstanz Ende 6. Jahrhundert blieb das nachmalige Liechtensteiner Territorium dem Bistum Chur zugeteilt; die Grenze zwischen den Diözesen verlief nördlich von Götzis (Vorarlberg).

Für das 9. Jahrhundert sind Kirchen in Schaan, Balzers und Eschen erwähnt; archäologisch belegt sind im Früh-/Hochmittelalter zudem Kirchen in Bendern, Mauren und Triesen. Die Pfarreien Balzers, Triesen und Schaan gehörten zum Archidiakonat Unter der Landquart, Bendern, Eschen und Mauren zum Archidiakonat Walgau (→ Drusianisches Kapitel). Im 13. Jahrhundert traten die Dekanate an die Stelle der Archidiakonatssprengel; seit 1370 gehörten alle sechs Pfarreien zum Landkapitel unter der Landquart. Patronate waren im Besitz der Klöster Säckingen, Weingarten, Schänis, Pfäfers, Roggenburg, Churwalden, St. Johann im Thurtal, der Johanniterkomturei Feldkirch, des Bischofs und des Domkapitels von Chur sowie – auf weltlicher Seite – der jeweiligen Landesherren und der Stadt Feldkirch; Bendern war von 1215 bis 1801 dem Stift St. Luzi in Chur inkorporiert.

Im 16. Jahrhundert gingen mehrere benachbarte Territorien links des Rheins und in Graubünden zur Reformation über, während die Herrschaften Vaduz und Schellenberg nach dem Willen der damaligen Landesherren, der Grafen von Sulz (1510–1613), altgläubig blieben. Die aus Chur vertriebenen Prämonstratenser von Sankt Luzi hatten von 1538 bis 1636 in Bendern ihren Sitz. Die konfessionellen Verhältnisse führten zu einer Entfremdung von den reformierten Bündner Nachbarn und zu engeren Verbindungen mit der Vorarlberger Bevölkerung. Träger des gegenreformatorischen Einflusses waren die Kapuziner mit Niederlassungen in Feldkirch (seit 1605) und in Mels (seit 1650). Im Barock verschaffte sich die Volksfrömmigkeit besonders vielfältig Ausdruck: Eine grosse Wallfahrt, welche die Unterländer Pfarreien jeweils am 19. März und die Oberländer am 1. Mai gemeinsam unternahmen, führte auf den Liebfrauenberg in Rankweil; weitere Bittgänge und Wallfahrten hatten als Ziel Tosters (St. Corneli), Götzis (St. Arbogast), Nendeln, Schaan, Triesen, Balzers, Appenzell oder die 1716 erbaute Kapelle Maria zum Trost auf Dux (Schaan). Seit dem 17. Jahrhundert bestanden Rosenkranzbruderschaften in Triesen, Balzers, Schaan, Bendern und Eschen, und 1780 fanden erstmals mehrtägige Volksmissionen statt. Zwischen 1617 und 1769 wurde ein halbes Dutzend Filialkapellen neu errichtet, und zahlreiche Kirchen erfuhren eine barocke Umgestaltung. 1717, kurz vor der Schaffung des Reichsfürstentums Liechtenstein, kam das Gebiet an das Landkapitel Walgau. Vier Filialen wurden zu eigenständigen Pfarreien erhoben: 1768 Triesenberg, 1873 Vaduz, 1874 Ruggell und 1881 Schellenberg. Der Josephinismus wirkte zunächst weniger radikal als in Österreich, doch nach 1800 wurde die staatliche Kirchengesetzgebung verschärft. Die fürstliche Obrigkeit beanspruchte die Kontrolle über die Pfarrwahlen, das Kirchenvermögen und das Ehewesen, kirchliche Feiertage und Wallfahrten erfuhren Beschränkungen. Als 1808 Tirol und Vorarlberg an Bayern und kirchlich zum Bistum Brixen kamen, wurden die Liechtensteiner Pfarreien aus dem angestammten Dekanatsverband gelöst und um 1808/16 als Bischöfliches Landesvikariat eigenständig konstituiert. 1850 erfolgte die Gründung eines Liechtensteinischen Priesterkapitels, welches 1970 zum Dekanat Liechtenstein erhoben wurde.

Im 19. und 20. Jahrhundert kam der katholischen Kirche bei der Ausbildung der staatlichen Identität eine wichtige Funktion zu. Die Verfassungen von 1862 und 1921 privilegierten die katholische Kirche; jene von 1921 mass ihr den Status der «Landeskirche» bei. Zugleich erfolgten eine Intensivierung und eine Verkirchlichung des religiösen Lebens. Prägend waren u.a. die Landestagungen der Jungmannschaften und der Marianischen Kongregationen, ebenso die Liechtensteiner Katholikentage von 1921 und 1929 sowie die grossen Landeswallfahrten nach Einsiedeln (1924, 1926, 1934, 1954), Rom (1983) und La Salette (1996). Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts gibt es in Liechtenstein Niederlassungen von Orden und Kongregationen: 1858 kamen die Schwestern vom Kostbaren Blut nach Schellenberg und errichteten ein Kloster. 1873–1920 führten die Schwestern der Christlichen Liebe aus Paderborn beim Schloss Gutenberg in Balzers ein Töchterinstitut; auf sie folgten 1920 die Anbeterinnen des Blutes Christi, die 1935 das Kloster Sankt Elisabeth in Schaan gründeten. Im gleichen Jahr erwarben die Missionare Unserer Lieben Frau von La Salette das Haus Gutenberg, wo sie 1954–73 ein Lyzeum führten (seither ein Bildungshaus).

Der Katholizismus bestimmte auch nach aussen hin das Bild des Landes. Der deutsche Reichstagsabgeordnete Matthias Erzberger versuchte 1916, das Fürstenhaus für einen Herrschaftsverzicht zugunsten des Heiligen Stuhls zu gewinnen – eine Idee, an der Papst Benedikt XV. und Fürst Johann II. Gefallen fanden, die sich aber gleichwohl nicht verwirklichen liess. In der Notzeit des Zweiten Weltkriegs verstärkte sich die Verbindung von Kirche und Land zusätzlich: Zur Dux-Kapelle in Schaan führte eine liechtensteinische Landeswallfahrt, und Fürst Franz Josef II. weihte 1940 das Land öffentlich dem Schutz der Muttergottes.

Im 20. Jahrhundert entstanden mehrere kirchliche Institutionen, welche den Zusammenhalt förderten, indem sie landesweit und damit überpfarreilich wirksam waren, so u.a. 1924 die Caritas, 1936 das Kirchenblatt «In Christo», 1952 ein Laienseelsorgerat, 1962 das Hilfswerk «Liechtensteiner Fastenopfer» und der Stefanuskreis, 1979 die «Arbeitsstelle Erwachsenenbildung» und die Jugendarbeitsstelle, 1984 die «Finanzkommission» (ab 1989 «Administrationsrat»), 1989 der Arbeitskreis «Justitia et Pax», der sich besonders für Gastarbeiter, Flüchtlinge und die Gefangenenseelsorge engagierte. Seit der Gründung des Dekanats 1970 arbeiteten diese Institutionen unter dessen Dach, manche von ihnen mit starker Beteiligung von Laien und in ökumenischer Kooperation. Das 2. Vatikanische Konzil und die nachfolgende Churer Synode 72 förderten die innere Reform der katholischen Kirche, den konfessionellen Dialog und den konstruktiven Umgang mit den kulturellen und sozialen Entwicklungen der Nachkriegszeit. Zugleich verringerte sich die katholische Dominanz; denn der Katholikenanteil an der liechtensteinischen Bevölkerung sank zwischen 1930 und 2002 von 97 % auf 76 %. Die damit einhergehende konfessionelle und religiöse Pluralisierung (→ Religionen und Bekenntnisse), aber auch veränderte Lebensgewohnheiten und eine abnehmende Beteiligung am kirchlichen Leben liessen eine schwächer werdende Kirchenbindung und eine Einbusse an gesellschaftlicher Bedeutung erkennen. Der offizielle Besuch von Papst Johannes Paul II. am 8.9.1985 mit einem von 35 000 Teilnehmenden besuchten Gottesdienst im Sportpark Eschen-Mauren war die letzte kirchliche Grossveranstaltung im 20. Jahrhundert.

Eine Zäsur führten am 2.12.1997 die Lösung der Liechtensteiner Pfarreien aus dem Bistum Chur und die Errichtung des Erzbistums Vaduz herbei. Das Dekanat und seine Einrichtungen wurden aufgelöst. Auf den neuen Sitz transferierte der Papst den aus Liechtenstein stammenden bisherigen Bischof von Chur, Wolfgang Haas. Seine Ernennung zum Koadjutor (1988) und sein Nachrücken als Bischof (1990) hatten im eigenen Bistum zu jahrelangen Streitigkeiten geführt. Sie liessen sich zwar mit dem Wechsel nach Vaduz beruhigen, doch ging dies zulasten der Kirche in Liechtenstein, wo sich gegen die römische Verfügung heftiger Protest erhob. Auf Initiative von Dekanat und Administrationsrat verlangten 8492 Personen in einer Petition die Beibehaltung der angestammten Bistumszugehörigkeit, blieben aber ohne Erfolg. Quer durch die Bevölkerung und die Reihen der kirchlichen Mitarbeitenden tat sich ein Graben auf. Die beiden Seiten unterschieden sich in ihrer Haltung gegenüber der Bischofsernennung, v.a. aber in ihren kirchlichen und gesellschaftlichen Positionen. 1998 wurde der Verein für eine offene Kirche gegründet, dem gegen 1000 Personen beitraten. Der Gegensatz verschaffte sich bald institutionell Ausdruck, indem kirchliche Aktivitäten teilweise parallel nebeneinander stattfanden: Auf der einen Seite gab es das diözesane Fastenopfer, die erzbischöfliche Zeitschrift «Vobiscum» oder die pfarreiliche Firmvorbereitung, auf der anderen Seite übernahm der Verein für eine offene Kirche die Erwachsenenbildungsarbeit des früheren Dekanats und rief die Zeitschrift «Fenster» sowie ein regionales Firmangebot ins Leben; auf Initiative einiger Laien entstand ein eigenes Fastenopfer. Fortdauernde Meinungsverschiedenheiten betrafen u.a. kirchliche Stellenbesetzungen, die Gestaltung der Liturgie, die Organisation des Religionsunterrichts sowie das Rechtsverhältnis von Kirche und Staat.

Literatur

H. Wille: Staat und Kirche im Fürstentum Liechtenstein, 1972; W. Müller: Zur Kirchen- und Pfarreigeschichte, in: Portrait, 1981, 33–62; R. Kaiser: Churrätien im frühen Mittelalter, 1998; M. Ries: Liechtenstein, in: Kirche und Katholizismus seit 1945, Hg. E. Gatz, 1998, 225–228; A. Gasser: Geschichte Liechtensteins als Teil des Bistums Chur, in: Staat und Kirche, Hg. H. Wille, G. Baur, 1999, 178–191; Biedermann: Dekanat, 2000; Herrmann: Kunstdenkmäler 2, 2007; Näscher: Beiträge 1–3, 2009.

Zitierweise

Markus Ries, «Katholische Kirche», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Katholische_Kirche, abgerufen am 18.6.2019.

Medien

Audienz des Männerkirchenchors Schaan bei Papst Pius XII., 1956 (Privatbesitz). Hinter den knieenden Frauen stehen in der ersten Reihe u.a. der Schaaner Pfarrer Johannes Tschuor (dritte Person rechts des Papstes), rechts neben ihm Regierungschef Alexander Frick und an zweiter Stelle links des Papstes der Schaaner Gemeindevorsteher Tobias Jehle.