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Kirchenjahr

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Autorin: Vera Meier Heymann| Stand: 31.12.2011

Das Kirchenjahr ist die 1589 erstmals nachweisbare Bezeichnung für den im Lauf der Zeit aus den christlichen Festen und Heiligengedenktagen (mit den jeweiligen Vorgaben der katholischen oder evangelischen Kirche für die Liturgie) entstandenen liturgischen Jahreszyklus. Die ersten drei Jahrhunderte kannten nur das jährliche Osterfest und den Sonntag als wöchentliche Osterfeier. Erst im 4. Jahrhundert wird Weihnachten erwähnt. Das Kirchenjahr wird heute vornehmlich als Jahreskreis mit den drei österlichen Tagen (Hoher oder Gründonnerstag, Karfreitag, Osternacht) als Höhepunkt dargestellt. Das Kirchenjahr beginnt mit dem 1. Advent und endet mit dem Christkönigssonntag. Weihnachts- und Osterzeit sind die wichtigsten Abschnitte im Kirchenjahr. Die Bevölkerung in Liechtenstein ist mehrheitlich katholisch und so ist das Kirchenjahr mit den Festkreisen und Feiertagen, ausgenommen Neujahr und 1. Mai, durch die katholische Kirche vorgegeben. Während für die Liturgie die kirchlichen Vorschriften verbindlich sind, ist die Gestaltung der christlichen Feste ausserhalb der Liturgie vielfältig, örtlich verschieden und sie verändert sich mit der Zeit (→ Volksfrömmigkeit). Manche Bräuche haben ihre Wurzeln in vorchristlicher Zeit.

Weihnachtszeit

Der Advent beginnt mit vielen Lichtern und weihnachtlichem Schmuck in öffentlichen und privaten Räumen. Christbäume, Weihnachtsbeleuchtung der Strassen, Weihnachtsdekoration in Geschäften und Bürohäusern, Adventskalender und Adventskranz stimmen auf Weihnachten ein. Die Weihnachtsbäckerei hat Tradition. Heute ist das weihnachtliche Kleingebäck («Krömle», «Guetzle») wichtiger als das Birnbrot («Birazelta»), welches noch im 20. Jahrhundert in allen Haushalten gebacken wurde und auch als Geschenk der Paten und jungen Frauen an ihren Liebsten bedeutsam war. Im Advent organisieren Vereine Bazare oder Märkte, an denen selbst gebastelte Weihnachtsgeschenke zum Kauf angeboten werden. Der Verkaufserlös wird meist für wohltätige Zwecke gespendet. Weihnachten feiert man im Familienkreis, mit geschmücktem Christbaum, Krippe und Geschenken. Früher brachte der Nikolaus die Geschenke für die kleinen Kinder, später das Christkind. Zu Weihnachten gehört auch die Teilnahme an der Christmette. Das Sternsingen der Kinder an Dreikönig ist für den Anfang des 20. Jahrhunderts belegt und wird, gut organisiert, immer noch durchgeführt. Mit Dreikönig endet die Weihnachtszeit. Die Zeit der Zwölf Nächte zwischen Weihnachten und Dreikönig galt für Vorhersagen von Schicksal und Wetter. Die noch vor 100 Jahren als mystisch empfundene Zeit ist heute nicht mehr im allgemeinen Bewusstsein der Leute.

Osterzeit

Die Osterzeit beginnt mit dem Aschermittwoch am siebten Mittwoch vor Ostern und endet mit Pfingsten. Die Fastenzeit und das Fasten, d.h. sich mit einer sättigenden Mahlzeit täglich zu begnügen, haben an Bedeutung eingebüsst. Seit 1962 gibt es das Fastenopfer, das in den Pfarreien durchgeführt wird und in dessen Zusammenhang Suppentage organisiert werden. Mit dem Palmsonntag beginnt die Karwoche oder Heilige Woche mit den drei österlichen Tagen als Höhepunkt. Es werden die wichtigsten Ereignisse der Erlösung gegenwärtig: am Palmsonntag mit den gesegneten Palmzweigen und dem Einzug in die Kirche (Jerusalem), am Hohen Donnerstagabend mit dem feierlichen Abendmahl, am Karfreitagnachmittag in der Kreuzverehrung und in der Osternacht mit der Feier der Auferstehung. Die «Palmbuschen» werden im Wohnbereich platziert und sollen vor Schaden schützen. Zum Osterbrauchtum gehören auch Karfreitagseier, Heimosterkerzen, das Osterlicht oder das Osterwasser. Am Ostersonntag bringt der Osterhase den Kindern Osternester mit gefärbten Eiern und Osterhasen aus Schokolade, diese sind versteckt und müssen gesucht werden.

Vor Christi Himmelfahrt waren früher am Montag, Dienstag und Mittwoch Bittgänge üblich, um für das Gedeihen dessen, was die Bauern gepflanzt hatten, zu beten. Die Gebete sind den heutigen Nöten und der Weg ist den Verkehrsverhältnissen angepasst. Fronleichnam, das Fest des Leibes und Blutes Christi, wird am Donnerstag der zweiten Woche nach Pfingsten gefeiert. Die Fronleichnamsprozession ist ein zentraler Teil des Festes. Die Bevölkerung schmückt entlang der Prozessionsroute Häuser und Vorplätze mit Blumen und Zweigen und gestaltet manchmal kleine Altäre.

Marienfeste und Heiligengedenktage

Im Kirchenjahr sind der Monat Mai und der Rosenkranzmonat Oktober der Gottesmutter Maria geweiht. Am 1. Mai findet in Bendern eine Lichterprozession um den Kirchhügel zur Lourdesgrotte statt. Zum Mai gehören die Maiandachten, die in der Barockzeit zu Ehren Marias aufkamen und sich im 19. Jahrhundert verbreiteten. An den Maiandachten nahm bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts der Grossteil der Gläubigen teil. An Mariä Lichtmess (2. Februar) werden die Kerzen für das kommende Jahr gesegnet, die früher üblichen Lichterprozessionen finden nur noch vereinzelt statt. Das Fest Mariä Himmelfahrt (15. August) ist seit 1940 gleichzeitig Staatsfeiertag mit festlichen Anlässen in Vaduz, mit Höhenfeuer, Fackelzug und Feuerwerk. Der Feiertag Mariä Geburt (8. September) wurde 1986 (in Erinnerung an den Papstbesuch 1985) wieder eingeführt, dafür wurde Mariä Verkündigung (25. März) als Feiertag abgeschafft. Mariä Empfängnis (8. Dezember) ist ein weiterer Marienfeiertag.

Die Gedenktage der Heiligen sind über das ganze Kirchenjahr verteilt. Feiertage sind nur zwei Heiligengedenktage: Josefi (19. März), der seit den 1950er Jahren als Vatertag begangen wird, und der Stephanstag (26. Dezember). Heilige sind bedeutsam als Schutzpatrone, als Helfer in Not und als Vorbild. Die Gedenktage der Heiligen waren im bäuerlichen Liechtenstein Orientierungspunkte für das Leben und Arbeiten. 1868 wurde in einer Verordnung festgelegt, dass die Kirchweihfeste der Pfarreien (sogenannte «Gemeindekilben»), welche nicht auf einen allgemein gebotenen Festtag fallen, auf den folgenden Sonntag verlegt werden müssen. Die Lebensgeschichten der Heiligen oder die Art ihres Märtyrertods stehen im Zusammenhang mit der Hilfe, um die sie angerufen werden. Der hl. Sebastian (20. Januar) wurde während der Pestzeit häufig angerufen, Prozessionen fanden statt und Gelöbnisse wurden gemacht. In Triesenberg wird aus Dank für seine Hilfe noch heute vor jeder Sonntagsmesse ein Rosenkranz gebetet. In Nendeln, wo Sebastian Schutzpatron ist, wird der «Baschatag» gefeiert. Am Tag des hl. Blasius (3. Februar) wird den Gläubigen der Blasiussegen erteilt, der vor Halskrankheiten bewahren soll. Das Agathabrot, gesegnet am Tag der hl. Agatha (5. Februar), gilt als Schutz- und Heilmittel wie auch der Johanniswein, der am 27. Dezember, dem Gedenktag des hl. Apostels Johannes, gesegnet wird. Am Valentinstag (14. Februar) wird in Liechtenstein erst seit 1950 mit Blumengeschenken Sympathie und Liebe zum Ausdruck gebracht. Valentin ist Schutzpatron der Liebenden. Heilige sind Vorbilder für christliche Werte, die den Kindern durch Erzählungen vermittelt werden. Mit Laternen und Gesang gestalten Kinder einen Umzug am Martinstag (11. November), und manchmal wird szenisch dargestellt, wie Martin seinen Mantel mit einem Bettler teilte. Nikolaus ist der Schutzpatron der Kinder, sie erfahren von seinem wundersamen Wirken und erleben ihn als Gabenbringer. Nach Lob und Tadel werden die Kinder am 6. Dezember vom Nikolaus, der manchmal vom Krampus begleitet wird, mit Süssigkeiten beschenkt.

Manche Gedenktage Heiliger waren im bäuerlichen Liechtenstein beliebt als Zahltermin, es waren Tage, an denen Arbeitsstellen gewechselt wurden. Abmachungen wurden nicht auf einen Kalendertag festgelegt, sondern für einen Heiligengedenktag, z.B. Josefi, Georgi, Jakobi, Johanni, Micheli und Martini. Einige dieser Tage galten für die Wettervorhersage oder als besonders günstig für bestimmte Arbeiten. An Josefi z.B. soll die Arbeit im Wingert und an Gertrud (17. März) im Garten begonnen werden. Ab Josefi bis Allerheiligen mussten die Hühner eingesperrt werden. Die am Tag der hl. Barbara (4. Dezember) geschnittenen Zweige von bestimmten Bäumen blühen an Weihnachten. Das Wissen um den entsprechenden Kalendertag war für alle selbstverständlich. Diese Präsenz der Heiligen im Alltag ist verschwunden. Leben und Arbeit sind profaner geworden.

Literatur

Ph. A. Schaedler: Einiges über die Mundart der Talgemeinden Liechtensteins, in: JBL 15 (1915), 5–74; A. Schädler: Liechtensteinische Volksbräuche und Volkssagen, in: JBL 16 (1916), 73–124; J. Ospelt: Vaduzer Sprüche, in: JBL 17 (1917), 61–105; J. Ospelt: Spruch und Brauch im menschlichen Leben, in: JBL 28 (1928), 166–176; W. Heim: Volksbrauch im Kirchenjahr heute, 1983; Goop: Brauchtum, 1986; E. Vogt: Religiöses Brauchtum, in: 75 Jahre Fürst Johann-Jubiläumskirche Pfarrkirche St. Nikolaus Balzers 1912–1987, 1987, 95–124; H. Hilbe: Vom Samichlaus zum Tilitapp, in: Gemeinde Triesenberg. Dorfspiegel 78, 1993, 28f.; K.-H. Bieritz: Das Kirchenjahr, 1994; A. Brunhart: Religion, Alltag und kirchliches Brauchtum, in: 125 Jahre Pfarrei Ruggell, 2002, 225–259.

Zitierweise

Vera Meier Heymann, «Kirchenjahr», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Kirchenjahr, abgerufen am 21.4.2019.

Medien

Erstkommunikanten in Schaan, 1910 (GAS). Foto: Friedrich Müller, Buchs.