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Krankheit

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Autor: Friedrich Besl | Stand: 31.12.2011

Störung der körperlichen, geistigen oder seelischen Funktionen, welche die Leistungsfähigkeit oder das Wohlbefinden eines Lebewesens objektiv oder subjektiv negativ beeinflusst. Was als Krankheit gilt, ist nicht allgemein definiert, sondern abhängig von gesellschaftlichen Normen und Werten sowie den ökonomischen, kulturellen, sozialen und wissenschaftlich-medizinischen Rahmenbedingungen.

Vor 1800

Über das Auftreten von Krankheiten und deren gesellschaftliche Bedeutung im Raum Liechtenstein sind wir bis ins Spätmittelalter gar nicht und danach nur schlecht informiert. Das Gesundheitswesen in Liechtenstein war bis ins 19. Jahrhundert wenig entwickelt. Es fehlten studierte Ärzte, ausgebildete Hebammen, Apotheken und ein Spital. Aufgrund der geringen naturwissenschaftlichen und medizinischen Kenntnisse der Bevölkerung spielten im Umgang mit Krankheit neben eigentlichen medizinischen Behandlungen auch Religion und Aberglaube eine wichtige Rolle. So glaubte man, dass mit dem Teufel im Bund stehende Menschen durch Schadenzauber Krankheiten auslösten (→ Hexenverfolgung). Bis heute erhofft man sich Heilung durch das Gebet zu speziellen Heiligen, Wallfahrten, das Lesen von Messen oder durch Magie.

Zu den häufigsten Massenerkrankungen des Mittelalters gehörten u.a. die Vergiftung durch mit dem Mutterkornpilz verseuchtes Getreide und der Aussatz. Besonders verheerend war die in ganz Europa zu Entvölkerung und wirtschaftlichem Niedergang führende, in Liechtenstein ab der Mitte des 14. Jahrhunderts und letztmals 1689 grassierende Pest. Die in Liechtenstein auftretenden Krankheiten wurden bis ins 19. Jahrhundert mangels Kenntnissen bzw. mangels ausreichend geschulter Ärzte oft ungenau diagnostiziert. Hinweise auf Typhus, Pocken, Rote Ruhr, Cholera, Diphtherie, Masern, Scharlach, Keuchhusten sowie das Fraisen (Fieberkrämpfe bei Kleinkindern) finden sich in ärztlichen Untersuchungsbefunden sowie in den Totenbüchern der Pfarreien. Gegen die meisten dieser Krankheiten gab es lange Zeit keine wirksamen medizinischen Massnahmen. Besonders viele Opfer forderten Seuchen, wenn die Bevölkerung durch Hunger geschwächt war, z.B. nach Missernten oder in Kriegszeiten, so etwa im Dreissigjährigen Krieg und in den Koalitionskriegen.

19. und 20. Jahrhundert

Die medizinische Forschung entdeckte v.a. seit dem 18. Jahrhundert immer mehr Krankheitserreger und erfolgreiche Methoden im Kampf gegen Krankheiten. Prophylaktische Massnahmen, wie aufoktroyierte Massenimpfungen, sowie die Verbesserung der Lebensverhältnisse, besonders der Ernährung und der Hygiene, reduzierten die Häufigkeit des Auftretens sowie die Gefährlichkeit vieler Krankheiten und Seuchen bzw. rotteten diese ganz aus. Einige der früheren Krankheiten, wie etwa das erwähnte Fraisen, scheinen zudem heute nicht mehr als selbständige Krankheiten, sondern als Symptom verschiedener Erkrankungen auf. Im August 1803 starben während einer Milzbrandepidemie im liechtensteinischen Unterland Menschen und Tiere. 1801 und 1870–74 etwa grassierten Typhusepidemien in Liechtenstein. Während der Letzteren erkrankten allein in Triesen 200 Menschen. Völlig erloschen dank der von Gebhard Schädler 1812 durchgesetzten obligatorischen und bis zu ihrer weltweiten Ausrottung 1980 durchgeführten Schutzimpfung die Pocken, eine der gefährlichsten Seuchen besonders des 18. Jahrhunderts, die in Liechtenstein letztmals 1885 ausbrach und zwei Todesopfer forderte. Infolge verbesserter Hygiene verschwand auch der sogenannte Erbgrind (Pilzerkrankung am behaarten Kopf), eine früher besonders bei Kindern auftretende Erkrankung.

Die bis Ende des 19. Jahrhunderts im Rheintal bekannte Malaria ist u.a. aufgrund der fortschreitenden Flussregulierung und der Bodendrainage sowie verbesserter Hygiene völlig erloschen. Noch bis ins 20. Jahrhundert waren Jodmangelkröpfe häufig. 1918 grassierte in Liechtenstein die sogenannte Spanische Grippe, der 1918–20 weltweit mind. 25 Mio. Menschen zum Opfer fielen. Während des Höhepunkts der Epidemie in Liechtenstein (Oktober bis November 1918) starben 34 Personen. Rückläufig sind aufgrund von Impfprogrammen die Infektionskrankheiten Masern, Scharlach, Röteln und Keuchhusten. Diphtherie trat noch in den Jahren 1925 (40 Fälle), 1927 (35), 1937 (34), 1938 (60), 1945 (53), 1947 (40) und 1948 (38) epidemisch in Erscheinung.

Die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts häufigste Todesursache in Liechtenstein, die Tuberkulose (TB, Schwindsucht) vorwiegend in Form der Lungen-TB, ging bis Mitte 20. Jahrhundert u.a. aufgrund der Verbesserung der ökonomischen Situation der Bevölkerung sowie hygienischer Massnahmen stark zurück. Wie bei anderen Mangelkrankheiten (z.B. Rachitis und Jodmangelkropf) hatten ungenügende Lebensverhältnisse, v.a. durch Unterernährung hervorgerufene körperliche Schwächung und mangelnde Hygiene, die Ausbreitung der TB gefördert. Aufgrund des steigenden Lebensstandards im 20. Jahrhundert sank auch die Kindersterblichkeit, die im 19. Jahrhundert das 25- bis 40-Fache von heute betragen hatte. Der Einsatz fachgerechter Geburtshilfe führte zu einem Rückgang des Kindbettfiebers (→ Geburt).

Aufgrund des Rückgangs der Kindersterblichkeit und früher häufig zum Tod führender Krankheiten stieg die Lebenserwartung: In den 1830er Jahren betrug sie 29 Jahre, zu Beginn des 20. Jahrhunderts 39, 1960–64 62 und 2003 76 Jahre. Infolge dieser Entwicklung nahmen Krankheiten wie Krebs, Herzinfarkt und Alzheimer zu. Aufgrund der guten Lebensverhältnisse häuften sich zudem sogenannte Zivilisationskrankheiten wie Diabetes und Bluthochdruck sowie Allergien. Gestiegen ist auch die Zahl der an psychischen Krankheiten Leidenden. Seit den 1980er Jahren verbreitet sich als neue Krankheit Aids weltweit. In Liechtenstein sind 1985–2005 52 HIV-Meldungen erfolgt und bis 2005 20 Personen verstorben. In den letzten zwei Dekaden trat die von Zecken übertragene Frühsommer-Meningoenzephalitis (Gehirnentzündung) auf. Im letzten halben Jahrhundert traten in Liechtenstein nicht mehr endemische oder epidemische Infektionen als hauptsächliche Todesursachen auf, sondern in erster Linie Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen. Die Suchtkrankheit Alkoholismus galt lange Zeit als Laster und nicht als Krankheit und wurde höchstens als Delikt erfasst. Seit den 1960er Jahren ist in Liechtenstein der Missbrauch von Drogen feststellbar und v.a. in neuerer Zeit hat der Missbrauch von Medikamenten zugenommen.

Krankheit ist stark von den sozialen Verhältnissen beeinflusst. So waren an Geistesstörungen (z.B. Paranoia, Schizophrenie) oder Nervenkrankheiten (z.B. Epilepsie) Leidende sowie körperlich und geistig Behinderte, je nach ihren eigenen materiellen Mitteln und nach Obsorge durch Angehörige, mehr oder weniger Aussenseiter. Gesellschaftlich war Krankheit in Liechtenstein bis ins 20. Jahrhundert häufig erst von Bedeutung, wenn durch sie Erwerbsunfähigkeit und Unversorgtheit eintraten und der Kranke der Allgemeinheit zur Last fiel. Entscheidende Verbesserungen brachten diesbezüglich erst der wirtschaftliche Aufschwung nach 1945 sowie der Aufbau der Sozialversicherung. Die Anfänge der Krankenversicherung in Liechtenstein reichen ins 19. Jahrhundert zurück. Ab den 1870er Jahren begannen sich Krankenkassen zu entwickeln, seit 1972 besteht ein Krankenversicherungsobligatorium für alle in Liechtenstein wohnhaften Personen.

Quellen

Rech Reg 1922–.

Literatur

M. Risch: Todesursachen-Statistik der Gemeinde Triesen, von 1831 bis 1930, in: JBL 36 (1936), 49–61; S. Bucher: Die Malaria im St. Galler Rheintal, in: Der Alpenrhein und seine Regulierung, 1992, 120–126; R. Rheinberger: Medizin in Liechtenstein im 19. Jahrhundert, in: JBL 94 (1997), 163–181; Vogt: Balzers 3, 1998, 195–233; Rund um Ernährung und Heilmittel, 1999.

Zitierweise

Friedrich Besl, «Krankheit», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Krankheit, abgerufen am 22.4.2019.

Medien

Glasgefässe für Medikamente, um 1900 (Bildarchiv LLM).