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Kunstschaffen

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Autor: Jens Dittmar | Stand: 31.12.2011

In Ermangelung eines Bildungsbürgertums mit ausgeprägtem künstlerischem Bewusstsein setzte im ländlich-bäuerlichen Liechtenstein erst im 19. Jahrhundert ein eigenständiges Schaffen im Bereich der Bildenden Künste ein, v.a. mit den Arbeiten von Hans Gantner (1853–1914), Peter Balzer (1855–1916) und Moriz Menzinger (1832–1914). Abgesehen von diesen blieb das Kunstschaffen bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts weitgehend auf angewandte Kunst beschränkt, wobei die meist sakralen Auftragsarbeiten von Kunsthandwerkern aus den Nachbarländern ausgeführt wurden, die nach Bedarf einheimische Fachkräfte beizogen. An der künstlerischen Ausstattung der liechtensteinischen Kirchenräume beteiligt waren in der Frühneuzeit u.a. die Vorarlberger Erasmus Kern (*1592, † nach 1650), Ignaz Josef Bin (1659–1697) und Johann Mathias Jehly (1747–1809), im 20. Jahrhundert u.a. Martin Häusle (1903–1966) und der Schweizer Johannes Hugentobler (1897–1955).

Wegbereiter

Als Wegbereiter des liechtensteinischen Kunstschaffens im 20. Jahrhundert und als bedeutendster liechtensteinischer Künstler kann Ferdinand Nigg (1865–1949) gelten. Seine Magdeburger Jahre als Künstler und Lehrer (1903–12) fallen in eine Aufbruchszeit, die für ihn persönlich und für die Kunst der Moderne von einschneidender Bedeutung war. Seit 1926 wieder in Vaduz, vollendete er hier sein Lebenswerk zwischen freier und angewandter Kunst. Enge Kontakte pflegte er zum malenden, zeichnenden und bildhauernden Architekten Egon Rheinberger (1870–1936) und zu Kanonikus Anton Frommelt (1895–1975). Die Hauptmotive des aufgeklärten, vielseitig interessierten Geistlichen, Politikers, Malers und Grafikers Frommelt waren Landschaften, Stillleben und Porträts. Er engagierte sich auf der Grundlage eines ausgeprägten historischen Bewusstseins in der Nachwuchsförderung. Zu dieser Generation gehören weiters Eugen Verling (1881–1967), Friedrich Kaufmann (1892–1972), der Bildhauer Engelbert Ospelt (1917–2002) sowie die Emigranten Eugen Zotow (1881–1953) und Johannes Troyer (1902–1969).

Figurative Malerei nach 1945

Die Älteren der nach 1945 tätig werdenden Künstler knüpften an die figurative Malerei seit dem Impressionismus an. Das gilt für den Maler und Zeichner Anton Ender (1898–1984), der bereits 1953 in Vaduz ausstellte und bis 1972 eine Malschule leitete; ebenso für Eugen Schüepp (1915–1974), der seinen Lebensunterhalt als Bäcker und Konditor bestritt und daneben Kunstunterricht erteilte. Durch ihre Schulen gingen zahlreiche im Verborgenen wirkende Hobbykünstler. Der aus Feldkirch stammende Amateurastronom und Kunstmaler Benjamin Steck (1902–1981) war zunächst Wirt, bevor er sich ganz der Malerei widmete, während Hans Kliemand (1922–1976) sein Auskommen als technischer Zeichner und Schöpfer von Porträts und Ortsbildern fand. Ebenfalls dieser Gruppe zugerechnet werden können der Komponist und Wurzelschnitzer Rudolf Schädler (1903–1990) und der Zeichner und Illustrator Josef Seger (1908–1998).

Aufbruch

Einen Aufbruch zu modernen Formen künstlerischen Ausdrucks leiteten vier zur Abstraktion neigende Künstlerpersönlichkeiten ein, die besonders die 1960er Jahre prägten. Mit seiner fundierten akademischen und künstlerischen Ausbildung hat sich Georg Malin (*1926) als Historiker, Politiker, Konservator und Bildhauer profiliert. Wegen ihrer kompromisslosen Reduktion waren seine Denkmäler, Kircheninnenausstattungen, Eisenplastiken und Bronzewürfel in ihrer Entstehungszeit teils umstritten. Martin Frommelt (*1933) trat nach einer Grundausbildung bei Anton Frommelt und Studien in Paris mit Grafikzyklen wie der «Apokalypse» (1968), «Vähtreb» (1985) und «Schöpfung» (1999) in Erscheinung. Josef Schädler (1930–2012) arbeitete hauptberuflich als Siebdrucker und suchte eine informelle Formensprache, bevor er wieder traditionelle Wege einschlug. Louis Jäger (*1930) betrieb ein Grafikatelier und fiel durch Drucksachen, Aquarelle und politische Karikaturen wie «Die Kartoffel» (1970) oder «Die heilige politische Kuh» [1974] auf. Die Wege dieser vier kreuzten sich bei der Kunst am Bau und bei Arbeiten im sakralen und profanen öffentlichen Raum.

Postmoderne

Initialzündung für die starke Ausweitung der liechtensteinischen Kunstszene ab den 1980er Jahren waren die Gründung der Galerie Tangente 1979 und des Vereins «Schichtwechsel» 1989. Die seit 1979 in der Tangente von Karl Gassner (*1950) und Jens Dittmar (*1950) konzipierten Gruppen- und Themenausstellungen dienten vielen Kunstschaffenden, die heute die liechtensteinische Kunstszene bestimmen, als Sprungbrett, darunter Artemis Anna McConkey Demanet (*1941), Myriam Bargetze (*1963), Evelyne Bermann (*1950), Sabine Bockmühl (*1962), Elisabeth Büchel (1954–2005), Barbara Bühler (*1968), Rita Fehr (*1963), Bruno Kaufmann (*1944), Hugo Marxer (*1948), Regina Marxer (*1951), Werner Marxer (*1950), Arno Oehri (*1962), Hanna Roeckle (*1950), Stephan Sude (*1962), Martin Walch (*1960), Sunhild Wollwage (*1938). Einige der Genannten sowie Roberto Altmann (*1942), Marco Eberle (*1968), Eva Frommelt (*1968), Barbara Geyer (*1968), Brigitte Hasler (*1944), Lilian Hasler-Durrer (*1960), Gertrud Kohli (*1945), Aniko Risch (*1961), Walter Roth (*1952) und Carol Wyss (*1969) zeigten ihre Werke in Einzelausstellungen oder bibliophilen Editionen.

Die internationale Kunstszene der 1980er Jahre wurde von den Jungen Wilden bestimmt, deren heftige Malerei auch hierzulande Anhänger fand. Daneben gab es aber alle Stilrichtungen und Techniken – von der expressiven zur konstruktiven Malerei, von der Objektkunst zur Performance und von der Collage zur Land-Art. So erstaunt es nicht, dass kaum einer der genannten Kunstschaffenden – abgesehen vom Konkreten Bruno Kaufmann – eindeutig einer Richtung zugeordnet werden kann. Einige Kunstschaffende machten mit Doppelbegabungen von sich reden. Von Evi Kliemand (*1946) stammen kunsthistorische Abhandlungen, Bücher, Gedichtbände, Gemälde und Zeichnungen. Hansjörg Quaderer (*1958), Absolvent der Kunstakademie von Bologna, ist Maler, Autor, Buchkünstler und Dozent. Michael Donhauser (*1956) kennt man eher als Autor denn als Zeichner; ganz ähnlich Stefan Sprenger (*1962), der aber eine Ausbildung als Kunsterzieher genossen hat.

Verschiedene Künstlervereinigungen verstanden sich v.a. als Berufsverbände, förderten aber auch die Zusammenarbeit der Kunstschaffenden. Die «Liga für Kulturkrämpfe im Grenzdreieck» (1983–92) realisierte 1984, 1985, 1987, 1989 und 1991 in der alten Rheinbrücke zwischen Vaduz und Sevelen grenzüberschreitende Ausstellungen unter dem Titel «Rheinzeichen». Der 1989 in der alten Weberei in Triesen von Myriam Bargetze, Regina Marxer, Monika Michels (*1960), Stefan Sprenger und Martin Walch ins Leben gerufene «Schichtwechsel» setzt auf überregionale Vernetzung und stellt Kunstschaffenden aus dem In- und Ausland wechselnde Räume zur Verfügung.

Generation 2000

An der Generation der nach 2000 ins Rampenlicht getretenen Kunstschaffenden lässt sich ein erweiterter Kunstbegriff ablesen. Das poststrukturalistische Netzwerk umfasst Hair-Stylisten, Mode-Designer und Cooking-Künstler – kurz alles, was kreativ ist. Exponenten sind die Aktions- und Installationskünstlerin Anna Hilti (*1980), die Zeichnerin Beate Frommelt (*1973), die Malerin Amina Broggi (*1980) und der Concept-Künstler Simon Kindle (*1983). Einzig Doris Bühler (*1970) verfolgt ein der Bildhauerzunft verpflichtetes, traditionelles Konzept.

Kunstöffentlichkeit, Kunstmarkt und Kulturförderung

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verbesserten sich die Produktions- und Rezeptionsbedingungen des liechtensteinischen Kunstschaffens. Ausstellungen zeitgenössischer Kunst waren aber noch bis in die 1970er Jahre selten, wenn man von Gedenk- bzw. Jubiläumsausstellungen für Ferdinand Nigg in Balzers bzw. Anton Frommelt in Vaduz absieht (beide 1965). Als Schauräume dienten den Künstlern die vielerorts neu errichteten Gemeindesäle – eine Tradition, die teils heute noch lebendig ist. Ende der 1960er Jahre bereiteten die ersten Galerien den Boden für die Rezeption und Vermarktung von Kunst, allen voran die Galerie Haas (1967–98). Seit 2002 findet das zeitgenössische liechtensteinische Kunstschaffen im Kunstraum Engländerbau ein Forum, während das Kunstmuseum Liechtenstein nur vereinzelt liechtensteinische Künstler zeigt. Die im 20. Jahrhundert entstandenen staatlichen und privaten Kunstsammlungen präsentieren ihre Bestände teilweise der Öffentlichkeit. Seit 1975 setzt sich die Liechtensteinische Kunstgesellschaft für die Kunst und das kunstinteressierte Publikum ein.

Seit 1964 betreibt der staatliche Kulturbeirat (seit 2008 Kulturstiftung Liechtenstein) neben privaten Mäzenen eine aktive Kulturförderung, die im Verbund mit staatlichen und kommunalen Galerien den Künsten einen nie zuvor erlebten Aufschwung beschert. Die Stiftung Dokumentation Kunst in Liechtenstein (DKL) pflegte 2008 Dossiers von über 200 Künstlerinnen und Künstlern, was die Vielfalt der Kunstszene belegt.

Archive

Stiftung Dokumentation Kunst in Liechtenstein.

Literatur

Musik und Bildende Kunst, Ausstellungskatalog Schaan, 1985; Liechtensteiner Künstler in Rorschach/St. Galler Künstler in Schaan, Ausstellungskatalog, 1987; Liechtensteiner Almanach 1987, 1987; Zeitgenössisches Kunstschaffen aus Liechtenstein, 1988; Liechtensteiner Almanach 1989, 1989; Rheinzeichen 1989, Ausstellungskatalog Vaduz-Sevelen, [1989]; Rheinzeichen ’91, Ausstellungskatalog Vaduz-Sevelen, 1991; Künstlerinnen und Künstler aus Liechtenstein in Tirol, 1995; Yogyakarta-Liechtenstein-Forum, 2003; Herrmann: Kunstdenkmäler 1–2, 2013/2007; Liechtenstein Contemporary Washington, Hg. G. Braun, Ausstellungskatalog, 2007; Liechtenstein Contemporary Strassburg, Hg. G. Braun, Ausstellungskatalog, 2008; Liechtenstein Contemporary Berlin, Hg. G. Braun, Ausstellungskatalog, 2008; Ausstellungen im Kunstraum Engländerbau 2002–2008, 2008; Almanach 2008, Hg. Berufsverband Bildender Künstler/innen in Liechtenstein, 2008; Schichtwechsel Chronik 1989–2009, Hg. Verein Schichtwechsel, 2009.

Zitierweise

Jens Dittmar, «Kunstschaffen», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Kunstschaffen, abgerufen am 20.2.2019.