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Landschaft (Natur-, Kulturraum)

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Autor: Mario F. Broggi | Stand: 31.12.2011

Landschaft ist ein beliebig grosser, dreidimensionaler Ausschnitt aus der Erdoberfläche mit allen oberirdischen belebten und unbelebten Bestandteilen. Dazu gehören Geofaktoren (zum Beispiel Relief, Klima, Fauna und Flora) und Kulturfaktoren (wie Siedlungen, Landwirtschaft, Industrie, Verkehrseinrichtungen sowie der Mensch). Landschaft ist mehr als die Summe aller Faktoren, sie ist deren Integration zu einem geografischen Komplex. Landschaft verändert sich durch die Aktivität von Natur und Mensch dauernd, dramatisch oder in leisem Wandel.

Übersicht

Liechtenstein befindet sich ungefähr in der Mitte des rund 1200 km langen Aussenbogens der Alpen an dessen Nordrand. Der 160 km2 grosse Kleinstaat liegt rechtsseitig des Alpenrheins. Bei einer Nord-Süd-Erstreckung von 25 km und einer durchschnittlichen Breite von rund 6 km weist Liechtenstein eine starke Vertikalgliederung mit Höhenunterschieden um 2000 m auf. Während der liechtensteinische Anteil des Alpenrheintals eine Höhe von 430–490 m ü.M. einnimmt, erreicht das Land im Südosten des Rätikonmassivs bei der Grauspitze mit 2599 m ü.M. den höchsten Punkt. Entsprechend besitzt das kleine Staatsgebiet verschiedenste naturräumliche Einheiten. Auf das schmale Talband zwischen Rhein und Hangfuss (inklusive des Inselbergs Eschnerberg) entfallen 4970 ha und damit rund 30 % der Landesfläche. Hier bestehen die grössten Nutzungskonflikte. Die rheintalseitigen Hanglagen machen ein weiteres Drittel der Landesfläche aus und sind durch grösstenteils bewaldete Strukturen geprägt, wobei die Terrassenlagen von Triesenberg und Planken besiedelt sind. Die liechtensteinischen Alpen als Ausläufer des Rätikon und die von ihm umrahmten Hochtäler nehmen östlich der Rheintalwasserscheide das letzte Drittel der Landesfläche ein. Die Steilflanken des Alpenrheintals und das Berggebiet prägen den markanten Gebirgscharakter Liechtensteins.

Talraum

Während der letzten Eiszeit (→ Eiszeiten) war das heutige Rheintal mit einer Eisschicht bedeckt, die vor rund 24000 Jahren einen Maximalstand von 1500–1800 m ü.M. erreichte. Nach dem Rückzug der Gletscher vor rund 16 500 Jahren blieben Seen zurück, die allmählich mit dem Geschiebe des Rheins, der Seitenbäche und Rüfen aufgefüllt wurden (→ Rheintalsee). Der Rhein pendelte breit im Tal und verteilte die Geschiebefrachten über den ganzen Talraum. Seine mehrarmigen Wasserläufe füllten ihre Betten zunehmend mit Geschiebe auf, sodass die Hochwasser seitlich ausbrachen und neue Wege suchten. Ein ergänzendes hydrologisches Netzwerk bildeten die sich aus dem Grundwasser speisenden Seitengewässer (Giessen) (→ Gewässer).

Der Rheinschotter hat bei Balzers eine Mächtigkeit von fast 70 m und dünnt sich bei Ruggell auf ca. 20 m aus. Darunter findet sich die Bodenablagerung der früheren Seen. Ausserhalb der durchlässigen Schotterablagerungen bildeten sich ausgedehnte Auen und Hinterwässer mit von der Zirkulation abgeschnittenen Verlandungszonen aus feinsandig-lehmigen Schichten. Noch weiter vom Rhein entfernt entstanden – etwa im Bereich des Fläscher- und Eschnerbergs – mächtige Flachmoore. Rund 30 % des liechtensteinischen Talraums bestehen aus Moorböden (→ Riede).

Die vor dem Beginn menschlicher Eingriffe weitgehend bewaldete und versumpfte Tallandschaft wurde stellenweise immer wieder durch Hochwasser aufgerissen, letztmals 1927 mit der Auskolkung des Gampriner Seeleins. Spuren der einstigen Dynamik der Wasserkräfte des Rheins finden sich noch in den deutlich ausgebildeten Prallhängen entlang dem Hangfuss bei der alten Landstrasse Balzers–Triesen oder im Haberfeld bei Vaduz. Teile dieser Feuchtgebietslandschaften dürften allerdings nur locker bewaldet gewesen sein, weil die Moore sich durch ihren hohen Grundwasserstand teils waldfeindlich auswirkten.

Nach dem Rückzug des Gletschers entstanden an den Hängen des leicht verwitterbaren Flyschgebirges mächtige Rüfen, welche im Tal grosse Mengen Gesteinsmaterial ablagerten. Der Berghang bei Triesenberg und Triesen wurde zudem durch das Material eines nacheiszeitlichen Bergsturzes wesentlich verflacht (→ Bergstürze). Diese Schutt- und Schwemmkegel prägen das Landschaftsbild und die Nutzungsgeschichte des Einflussgebiets. Sie gehörten – wie auch die Hangterrassen des Rätikonausläufers und vor allem die Inselberge des Eschnerbergs im Unterland und des Gutenberg-Hügels in Balzers – zu den ersten geeigneten Siedlungsplätzen des Menschen. Von dem in diesen Gebieten betriebenen Ackerbau zeugen Spuren von Ackerterrassen, die sich noch allenthalben im Gelände finden, etwa an der Grenze Vaduz-Triesen oder im heutigen Brüechliswald in Ruggell. Bis zur Entwässerung der Talebene im 20. Jahrhundert blieben dies die landwirtschaftlichen Gunstlagen, deren Wiesen, Äcker, Weinberge und Obstgärten das Landschaftsbild massgeblich bestimmten.

Ernsthafte Bemühungen, den Rhein zum Schutz flussnaher, extensiv genutzter Flächen und wichtiger Infrastrukturen (Reichsstrasse) zu begrenzen, gehen wohl auf das 11./12. Jahrhundert zurück; seit dem Spätmittelalter zeugen zahlreiche Urkunden von einer sich intensivierenden Wuhrbautätigkeit. Stiche aus dem 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigen dennoch einen beinahe frei fliessenden Fluss mit unregelmässigen Ufern und einem Auenwaldgürtel. Endgültig gebändigt wurde der Rhein erst Ende 19. Jahrhundert (mit Ausnahme der Rheinüberschwemmung 1927), seit den 1870er Jahren ist ihm ein 120 m breites Gerinne zugewiesen. Die systematische Entwässerung der Riede gelang nach wenig erfolgreichen Anstrengungen im 19. Jahrhundert nach dem Bau des Binnenkanals in den 1930er Jahren. Sie war die Grundlage für eine intensive landwirtschaftliche Nutzung. Deren Einheitsgrün prägt das heutige Landschaftsbild. Weitere Kennzeichen sind eine ausgeprägte Zersiedelung, die rund einen Drittel des Talraums bedeckt und ein zusammenhängendes Siedlungsband der Ortschaften Triesen, Vaduz und Schaan entstehen liess, eine starke industrielle Überbauung sowie eine verkehrsmässige Ausrichtung als Durchgangstal. Die einstigen Prallhänge des Rheins werden überbaut, industrieähnliche landwirtschaftliche Aussiedlerhöfe entstehen weit ausserhalb der Dörfer. Kündeten früher hochstämmige Obstbaumalleen die nahende Ortschaft optisch an, sind heute Anfang und Ende eines Dorfs nicht mehr definiert. Mit den Meliorationen verbunden war eine Verarmung der natürlichen Lebensräume, Kiesentnahmen aus dem Rhein 1953–72 führten zum Absinken des Grundwasser-Spiegels und zur Austrocknung der Giessen. Seit den 1980er Jahren in Angriff genommene Wiederbelebungsmassnahmen und die Ausscheidung von Naturschutzgebieten bieten nur mangelhaften Ersatz.

Rheintalhänge

An den Rheintalhängen ist bis in alpine Lagen die Waldvegetation vorherrschend (→ Wald). Oberhalb der Rheintalebene bis auf etwa 700–800 m ü.M. herrschen Laubmischwälder und auf den Rüfen Föhrenwälder vor. Die Buche beginnt ab 600 m ü.M. zu dominieren und erreicht auf der Sonnseite ca. 1200 m ü.M. Ab ca. 1400 m ü.M. entwickelt die Fichte ihre natürliche Dominanz und kann dort ihrerseits Reinbestände bilden. Diese natürlichen Vegetationsabfolgen sind durch den Menschen verwischt worden, vor allem durch Rodungen in land- und holzwirtschaftlich nutzbaren Gebieten. Nach der Einwanderung der Walser um 1300 erreichte die Rodungstätigkeit im Berggebiet einen Höhepunkt, es entstanden die Siedlungsterrassen von Triesenberg und Planken (→ Landesausbau). Während der Frühneuzeit gerodete Steillagen wurden als Heuberge genutzt. In den obersten Lagen befinden sich die Alpen Gafadura, Bargella, Silum und Wang.

Durch die Waldweide entstandene lichte Buchen-/Eichenwälder sind heute noch in Restbeständen im Gebiet Matilaberg und Gaselfawald (Triesen) vorhanden. Aufgrund grossflächiger Kahlschläge und Wiederaufforstungen vom 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts zeigt sich vor allem im Unterland ein gleichförmiger Altersklassenwald (häufig Fichtenreinbestände anstelle der einstigen Laubwälder). Dennoch bestehen noch viele für die Region typische Waldungen. Mit dem Strukturwandel in der Landwirtschaft werden heute viele steile Magerwiesen nicht mehr bewirtschaftet. Der Wald erobert leise sein ursprüngliches Terrain zurück, zum Beispiel rund um Triesenberg.

Berggebiet

Herrscht auf der südwestexponierten Rheintalseite eine wärmebetonte Vegetation vor, ist das Berggebiet jenseits des Kulms durch alpine Matten, Felsbänder und Schnee geprägt. Wo immer eine alpwirtschaftliche Nutzung möglich ist, finden sich unter- und oberhalb der alpinen Waldgrenze von 1800–1900 m ü.M. Alpen. Wurde in Gross- und Kleinsteg mit den beiden traditionellen Siedlungsringen eine reizvolle Kulturlandschaft erhalten (→ Steg), so ist das Malbuntal seit den 1960er Jahren vom modernen Tourismus und Wintersport mit Hotelbauten und Skiliften geprägt. Im unteren Saminatal findet sich noch eine Wildnis, die seit vielen Jahrzehnten kaum durch den Menschen beeinflusst worden ist.

Quellen

Schuppler/Ospelt: Beschreibung 1815, 1975, 221–233.

Literatur

Broggi: Landschaftswandel, 1986; H. Mäder, M.F. Broggi, H. Schlegel: Am Alpenrhein, 1990; Natur und Landschaft im Alpenrheintal, Hg. M.F. Broggi, 2009.

Zitierweise

Mario F. Broggi, «Landschaft (Natur-, Kulturraum)», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Landschaft_(Natur-,_Kulturraum), abgerufen am 23.4.2019.

Medien

Rheinprallhang auf der Höhe Galga-Meierhof, Triesen © Mario F. Broggi, Schaan. Der Schwemmkegel des Eichholztobels wurde einst durch Ausläufer des Rheins wegerodiert, was die markanten Böschungen kundtun. Die zahlreichen neueren Überbauungen zerstören diese einstigen Zeugen der Landschaftsentstehung.
Blick auf Vaduz vom alten Schlossweg. Aquarell von Moriz Menzinger (1832–1914). © LIECHTENSTEIN, The Princely Collections, Vaduz–Vienna.