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Landwirtschaft

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Autoren: Gerda Leipold-Schneider, Alois Ospelt, Christoph Maria Merki | Stand: 31.12.2011

Die auf der Nutzung des Bodens beruhende landwirtschaftliche Urproduktion stellt durch Acker-, Obst-, Gemüse- und Weinbau sowie Viehwirtschaft pflanzliche und tierische Produkte für die menschliche Ernährung und die gewerblich-industrielle Weiterverarbeitung zur Verfügung. Bis zur Industrialisierung im 19. Jahrhundert prägte die Landwirtschaft als zentraler Wirtschaftszweig die ländliche Gesellschaft grundlegend.

Ur- und Frühgeschichte, Mittelalter und frühe Neuzeit (bis 1800)

In der Jungsteinzeit (ca. 6500–2200 v.Chr.) erfolgte im Rahmen der sogenannten neolithischen Revolution der Wechsel von den nomadisierenden Jägern und Sammlerinnen zu einer erstmals auf Sesshaftigkeit und Landwirtschaft beruhenden bäuerlichen Gesellschaft. In Liechtenstein finden sich ab dem 5. Jahrtausend v.Chr. Hinweise auf diese Entwicklung. Getreidepollen aus dem Ruggeller Riet und dem Eschner Riet zeigen spätestens ab dem frühen 4. Jahrtausend v.Chr. Ackerbau in der näheren Umgebung an. Allgemein umfasste der mitteleuropäische Ackerbau der Jungsteinzeit Getreidesorten wie Emmer, Einkorn und Zwergweizen, Hülsenfrüchte wie Ackerbohnen und Erbsen und Ölpflanzen wie Lein und Mohn. In der Bronzezeit (2200–800 v.Chr.) wuchs die Bedeutung von Gerste, Dinkel, Hirse und Linsen; der Anbau von Sommer- und Wintergetreidearten verbesserte die Produktion. In der Eisenzeit (800–15 v.Chr.) ist erstmals der kultivierte Hafer belegt. Neben dem Ackerbau begann auch die intensive Viehzucht in der Jungsteinzeit (→ Nutztierhaltung). Die wichtigsten Nutz- und Arbeitstiere waren Rind und Schwein, daneben Schaf und Ziege, deren Bedeutung (wohl auch zur Wollnutzung) in der Bronzezeit zunahm. Das Hauspferd ist in Liechtenstein ab der Bronzezeit nachgewiesen, das Huhn ab der Eisenzeit. Mit der Zunahme der Haustierbestände sank die Bedeutung des Wilds.

Die vermutlich auf Brandrodung und ausgedehnter Brachwirtschaft beruhende Landwirtschaft der Jungsteinzeit wandelte sich in der Bronzezeit zu einer intensiveren agropastoralen Wirtschaftsweise, mit der möglicherweise bereits Anfänge der Alpwirtschaft verbunden waren. Die Eisenzeit brachte mit dem neuen Metall eine Diversifizierung und Verbesserung der landwirtschaftlichen Arbeitsgeräte, etwa den Wendepflug. Durch die Römer kamen ab 15 v.Chr. neue Kulturpflanzen wie Nussbäume, Hanf, Roggen und wahrscheinlich Reben in unser Gebiet (belegt ist der Weinbau in Liechtenstein aber erst im Frühmittelalter). Die landwirtschaftliche Produktion erfolgte in der Römerzeit zumindest teilweise auf grossen Gutshöfen (→ römische Villen) und war vermutlich in die römischen Handelsstrukturen eingebunden.

In der klimatisch günstigen Phase vom 9.–12. Jahrhundert wurde mehr Kulturland für den Ackerbau auch in höheren Lagen erschlossen. Mit der Erwähnung von Königshöfen in Schaan, Balzers und Mäls (oder Mels, Sankt Gallen) und eines Hofs des Klosters Pfäfers in Eschen im 9. Jahrhundert finden sich erste Hinweise auf die Organisation der Landwirtschaft im Rahmen der Grundherrschaft. Diese wandelte sich im Hochmittelalter von dem auf Fronen beruhenden Fronhofsystem zur Rentengrundherrschaft, bei der den Bauern der in herrschaftlichen Besitz stehende Boden gegen Entrichtung eines Zinses als Lehen überlassen war. Ausserdem hingen am Boden weitere Feudallasten. Die an den landwirtschaftlichen Gunstlagen des Eschnerbergs, der Rüfeschwemmkegel und der Hangfussterrassen in Dorfnähe liegenden, individuell nutzbaren Lehensgüter dienten vorab dem Acker-, Gras- und Weinbau. Mit dem Entstehen der Dorfgenossenschaften und ländlichen Gemeinden im Spätmittelalter wurde es für den einzelnen Bauern entscheidend, zusätzlich über Nutzrechte an den kollektiv kontrollierten Ressourcen zu verfügen, besonders an Allmende, Wald und Alpen sowie am Atzungsrecht auf Gemeinde- und Privatboden. Der Gemeinbesitz umfasste auch das dem Rhein abgerungene, minderwertige Streue- und Weideland der Riede und Auen. Angepflanzt wurden im Mittelalter vor allem Weizen, Hafer, Gerste, Hirse («Fench»), Bohnen, Kraut, Rüben und Hanf. Ab dem 14. Jahrhundert tritt die Viehwirtschaft deutlicher hervor, was zum einen mit dem verstärkten Landesausbau durch die um 1300 eingewanderten Walser und zum anderen mit dem Übergang der seit Mitte 9. Jahrhundert belegten herrschaftlichen Alpen in den Besitz bäuerlicher Genossenschaften zusammenhing. Inwieweit damit eine marktorientierte Intensivierung verbunden war, ist offen.

Die vorab der Selbstversorgung dienende Mischwirtschaft von Ackerbau und Viehzucht bestand in der frühen Neuzeit fort. Soweit erkennbar, stützte sich der vom milden Föhn-Klima begünstigte Feldbau auf eine wenig geregelte Feld-Gras-Wirtschaft (Egertenwirtschaft), bei der die Graswirtschaft überwog. Ein Wiesenstück wurde für einige Jahre als Acker umgebrochen, um dann wieder als Wiese oder Weide (Brache) zu dienen. Flurzwang und kollektiv bestimmte Fruchtfolgen sind nicht zu erkennen, Atzungsrecht und Gemengelage schränkten jedoch die Freiheit bei der Fruchtwahl ein. Weizen, Korn (Dinkel) und Gerste belegten den Grossteil der Ackerbaufläche. Der ab dem frühen 18. Jahrhundert in Liechtenstein erwähnte Mais stand bereits 1732 an dritter Stelle, während die in Liechtenstein ab 1751 belegte Kartoffel erst im 19. Jahrhundert wichtig wurde. Auf den regionalen Märkten verkauft worden sein dürften vor allem Überschüsse an Wein und Vieh sowie die Gewerbepflanzen Flachs und Hanf. Die Verschlechterung des Klimas in der sogenannten Kleinen Eiszeit (ca. 1300–1850) wirkte sich negativ auf die Getreide- und Weinwirtschaft aus (viele Weingärten wurden in Obstgärten umgewandelt) und führte zu Lebensmittelteuerungen (→ Preise).

Das Bevölkerungswachstum erforderte eine Steigerung der Agrarproduktion. Die Erschliessung von Neuland musste sich jedoch zunehmend auf die wenig ertragskräftigen Rheinauen und Heuberge konzentrieren. Bemühungen um eine intensivere Nutzung des bestehenden Kulturlands führten ab dem 15. Jahrhundert zu vielen Nutzungskonflikten, vermehrten Einschlägen auf der Allmende und Austeilungen von Gemeindeboden an die Dorfgenossen. Darin zeichnen sich Ansätze einer Aufweichung der herrschaftlich-genossenschaftlichen Agrarverfassung ab, die aber erst im 19. Jahrhundert eine grundlegende Änderung erfuhr. Ende 18. Jahrhundert lag im engeren Dorfbereich, in unmittelbarer Nähe der einzelnen Hofstätten, noch eine verhältnismässig kleine, intensiv genutzte Fläche von Gemüse- und Baumgärten, Rebgelände, Äckern und Heuwiesen, zerteilt in eine Vielzahl von kleinen Parzellen. Diese Privatgründe und der zur individuellen Nutzung ausgeteilte Gemeinbesitz, die sogenannten Einschläge, waren durch Zäune und Gräben von den umfangreichen, extensiv genutzten gemeinsamen Weideflächen getrennt. Weite Teile des Talbodens waren versumpft und von Rheinüberschwemmungen betroffen, Hanglagen den Rüfen ausgesetzt.

Gerda Leipold-Schneider

19. Jahrhundert (1800–1924)

Ausser in der Landwirtschaft gab es in Liechtenstein bis Mitte des 19. Jahrhunderts kaum Beschäftigungsmöglichkeiten. Etwa 90 % der Hausnummern gehörten zu Landwirtschaftsbetrieben. Dieses Verhältnis verschob sich allmählich, als das seit der Zollunion mit Österreich (1852) stärker aufkommende Gewerbe, die sich ansiedelnde Textilindustrie und die Saisonarbeit im Ausland (→ Saisonniers) vielen Einwohnern Arbeit boten. 1861 zählte man noch 1208 hauptberufliche Landwirte (ca. 30 % der Erwerbstätigen), 1911 740 (22 % der Erwerbstätigen). Der grösste Teil der übrigen Erwerbstätigen war nebenberuflich in der Landwirtschaft tätig, welche bis ins beginnende 20. Jahrhundert der wichtigste Erwerbszweig der liechtensteinischen Wirtschaft blieb.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es fast ausschliesslich Zwergbetriebe mit wenig eigenem Boden. Infolge Realteilung schritt die Bodenzerstückelung laufend fort. Eine mit der Änderungen des Erbrechts und dem Grundbuch-Patent von 1809 angestrebte Arrondierung der Güter wurde nur teilweise erreicht. Ein beträchtlicher Teil der Familien hatte im frühen 19. Jahrhundert weniger als 1000 Klafter (0,36 ha) eigenes Land und konnte nur durch die Nutzung von Gemeinbesitz sowie Lehens- und Pachtgütern Landwirtschaft betreiben. Die geschätzte durchschnittliche Betriebsgrösse von 2,3 ha Eigen- und Lehensgütern stieg bis Ende des 19. Jahrhunderts unter anderem durch Güterzusammenlegungen auf rund 3,6 ha (ohne individuell genutzten Gemeindeboden). Die Landwirtschaft vollzog im 19. Jahrhundert lediglich den Schritt vom Zwerg- zum Kleinbetrieb, der sich nach wie vor auf die Familie als Produktionseinheit stützte und vermutlich nur über wenig Gesinde verfügte.

Noch um 1800 lebte der liechtensteinische Bauer in einer Ordnung, die ihre Wurzeln in sozialen und wirtschaftlichen Lebensformen des Mittelalters hatte. Die Agrarverfassung beruhte auch im 19. Jahrhundert lange zu einem grossen Teil auf der Grundherrschaft. Wichtige Grundherren waren die Fürsten von Liechtenstein, das Erzhaus Österreich und verschiedene Klöster. Ausser mit Lehensgütern und eigenem Grund wirtschaftete der Bauer besonders mit umfangreichem Gemeinbesitz und in komplexen genossenschaftlichen Bindungen. Verschiedene Arten von Bodenbesitz und eine Vielfalt von Abgaben, Pflichten und Diensten kennzeichneten die Agrarzustände. Diese alte Ordnung wurde im Lauf des 19. Jahrhunderts durch die Beseitigung der herrschaftlichen und genossenschaftlichen Bindungen aufgelöst (Grundentlastung, → Bauernbefreiung).

Vor der Bauernbefreiung dürfte der grundherrliche Boden einschliesslich des kirchlichen Pfrundbesitzes etwa 540 ha oder 9 % des landwirtschaftlichen Nutzlands umfasst haben. Der Anteil des übrigen Privatbodens (altes Eigengut und früher verteiltes Gemeinland) betrug etwa 33 % oder 1978 ha. Zwar war schon seit dem 16. Jahrhundert gemeinsam genutztes Weideland zur privaten Nutzung als Acker- und Heugüter verteilt worden, immer noch aber lag ausgedehntes, genossenschaftlich bewirtschaftetes Gemeinland um die Dörfer. Die Bevölkerungszunahme machte eine Erweiterung der Erwerbsbasis und Strukturverbesserungen in der Landwirtschaft erforderlich, weshalb die Obrigkeit und ein Teil der Bevölkerung auf die völlige Aufteilung der «Gemeinheiten» drängten. Die Mehrheit der Gemeindsleute, die bereits Gemeindsteilungen besass oder nutzte, wehrte sich gegen eine weitere Aufteilung des verbliebenen kollektiv genutzten Weidelands. Dennoch wurde im Verlauf des 19. Jahrhunderts ein Grossteil der «Gemeinheiten» zunächst vorwiegend ins Privateigentum, in der zweiten Jahrhunderthälfte meist nur mehr ins Nutzungseigentum abgegeben. Ab 1843 erfolgte zudem die Ablösung des Atzungsrechts. Die Bodenprivatisierung war begleitet von jahrzehntelangen Streitigkeiten und Prozessen. Um 1890 befanden sich etwa 70 % des Agrarlands (Wiesen, Äcker, Riede, Auen) in Privatbesitz.

Privatisierung, Grundentlastung und Bauernbefreiung bewirkten eine tief greifende Umformung der Bewirtschaftungsart und Umgestaltung der Agrarstruktur im Sinn einer ungehinderten, intensiven Bodennutzung. Parallel dazu wurden die landwirtschaftlichen Produktionsflächen unter grössten Anstrengungen durch Rheinkorrektion, Schutzbauten und Entwässerung der Riede wesentlich erweitert und verbessert. Die Ackerfläche nahm während des 19. Jahrhunderts stetig zu, erreichte 1871 mit einem Drittel der landwirtschaftlichen Nutzfläche einen Höchststand und ging dann infolge einer Verlagerung zur Viehwirtschaft wieder zurück. In der 2. Jahrhundert-Hälfte führten die liechtensteinischen Bauern die Fruchtwechselwirtschaft ein. Der Maisanbau (1871 auf 60 % der Ackerfläche) überflügelte den Anbau aller anderen Getreidesorten und bildete zusammen mit dem nach dem Hungerjahr 1817 beschleunigten Kartoffelanbau (1871 auf 30 % der Ackerfläche) die Grundlage der Volksernährung. Der Weinbau erreichte wie der Ackerbau 1871 einen Höchststand, geriet dann infolge von Missernten, Rebkrankheiten und ausländischer Konkurrenz jedoch in eine Krise. Der Obstbau wurde in der 2. Jahrhundert-Hälfte gezielt gefördert und erlangte Bedeutung über die Selbstversorgung hinaus.

Deckte der Ackerbau trotz der Intensivierung im 19. Jahrhundert den liechtensteinischen Eigenbedarf an Getreide nicht, war die Rindviehhaltung – wie der Weinbau – auch auf den Export ausgerichtet. Die Tierhaltung blieb während des ganzen Jahrhunderts der Hauptverdienst der Bauern. Der Viehbestand konnte trotz verkleinerter Weideflächen durch vermehrten Futterbau (Klee, Luzerne), verbesserte Düngung und allgemeine Bodenverbesserung gar noch vergrössert werden. Die Viehwirtschaft wurde um 1800 vorwiegend auf der Basis der Gemeinweide betrieben, dann zusehends auf eigene Futterproduktion und Stallhaltung umgestellt und durch staatliche Förderung der Zuchtveredelung (Prämien, Herdebuch) und der Alpwirtschaft laufend verbessert. Der Rindviehexport belief sich zwischen 1888 und 1918 auf jährlich 700–1100 Stück. Mit der Industrialisierung ergab sich eine vermehrte Nachfrage nach Milch. Die bis dahin hauptsächlich auf den eigenen Bedarf ausgerichtete Produktion der Milchwirtschaft wurde gesteigert und die Milchverarbeitung in neu gegründete genossenschaftliche Sennereien verlagert, die bis zum Ersten Weltkrieg einen steigenden Absatz verzeichneten.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Landwirtschaft auch in ihrer Technik verändert. Neue Forschungserkenntnisse bezüglich Pflanzenbau, Sortenwahl, Tierzucht etc. wurden übernommen, erste Landmaschinen und Kunstdünger eingesetzt und die Bodenmelioration fortgeführt. Nach dem Erlass der freiheitlicheren Verfassung von 1862 und der Gründung landwirtschaftlicher Vereine kamen aus der Bauernschaft selbst Anstösse zu Reformen und Initiativen zur staatlichen Landwirtschaftsförderung. 1863 wurde in Vaduz eine erste landwirtschaftliche Ausstellung durchgeführt (→ Landesausstellung). Bedeutend war vor allem der 1885 gegründete «Liechtensteinische Landwirtschaftliche Verein» (→ Liechtensteiner Bauernverband).

Während dem Ersten Weltkrieg und noch bis 1919 kam es in Teilen der Bevölkerung zu einschneidenden Engpässen und Notsituationen in der Lebensmittelversorgung. Liechtenstein stützte sich in seinem dringendsten Bedarf an Nahrungsmitteln auf die eigene Urproduktion, blieb aber auf die teilweise durch die Ententestaaten erschwerte Einfuhr von Getreide, Mais etc. angewiesen. Der Viehexport hingegen stieg ab 1915 sogar markant an.

Alois Ospelt

20. und 21. Jahrhundert (ab 1924)

Die liechtensteinische Landwirtschaft erlebte im 20. Jahrhundert einen tief greifenden Wandel. Hatte Liechtenstein noch in den 1920er Jahren einen kleinbäuerlich-handwerklichen Charakter, kommt der Landwirtschaft heute nur mehr eine untergeordnete volkswirtschaftliche Bedeutung zu: 2005 trug die Landwirtschaft gemeinsam mit den privaten Haushalten noch 7 % zur liechtensteinischen Wertschöpfung bei. Um 1930 beschäftigte die Landwirtschaft 37 % aller Erwerbstätigen, Ende 20. Jahrhundert nur mehr rund 1 %. Gleichzeitig stieg die landwirtschaftliche Produktivität massiv: Durch die Mechanisierung und den Einsatz von Kunstdünger und chemischen Pflanzenschutzmitteln stellen heute wesentlich weniger Landwirte auf einer kleineren Fläche deutlich mehr Nahrungsmittel her.

In der Krisenzeit der 1930er Jahre diente die Landwirtschaft als Auffangbecken für Berufstätige, die anderswo keine Stelle fanden. Als sich ab den 1940er Jahren im Zug des allgemeinen Wirtschaftsaufschwungs im Industrie- und Dienstleistungsbereich attraktive Arbeitsmöglichkeiten eröffneten, wanderten viele Bauern in andere Sektoren ab. Zahlreiche Bauern gaben ihren Betrieb jedoch nicht sofort auf: Seit den späten 1960er Jahren werden zwei Drittel der Bauernhöfe im Nebenerwerb geführt. Weil sich die Jungen eher zum Berufswechsel entschlossen, erfuhr die Landwirtschaft eine starke Überalterung. 1941 waren 31 % der liechtensteinischen Landwirte über 50 Jahre alt, 1975 67 %, 1990 55 %. Der für eine vorindustrielle Gesellschaft typische Bauernstand ist weitgehend verschwunden (sogenanntes Bauernsterben), seine soziokulturellen Einstellungen prägen die liechtensteinische Gesellschaft aber noch immer: Konservatismus, Schollenverbundenheit, dörfliche Gesprächskultur.

Die liechtensteinischen Bauernhöfe sind traditionelle Familienbetriebe. 1929 konnte sich nur jeder zehnte Hof einen Knecht oder eine Magd leisten. Mit den wachsenden Betrieben nahm in den 1980er Jahren der Anteil familienfremder Arbeitskräfte zu; er belief sich im Jahr 2000 auf 25 % der Arbeitskräfte (1965: 5 %). Bei den Haupterwerbsbetrieben betrug der Anteil familienfremder Arbeitskräfte 2004 bereits 39 %.

Verglichen mit den kleinen Heimwesen der 1920er Jahre, die mit einigen wenigen Kühen auskommen mussten, verfügen die heutigen, häufig aus den Dörfern in die Landwirtschafts-Zone ausgesiedelten Betriebe über grössere Flächen und Gebäude sowie über mehr Maschinen, Tiere und Kapital. Die Zahl der Betriebe ging seit den 1960er Jahren rapide zurück: Zählte man 1955 1366 Betriebe, waren es 2000 noch 199. Zugenommen hat hingegen die Zahl der grossen Betriebe: 1955 verfügten nur 43 Betriebe (3 %) über eine Nutzfläche von mehr als 10 ha, 2000 waren es 102 Betriebe (51 %).

Wettbewerbsfähige Haupterwerbsbetriebe setzten sich in Liechtenstein nur langsam durch, zumal die Realteilung die Strukturentwicklung bis in die Gegenwart prägt. Früher wurden die Betriebe im Erbfall aufgeteilt. Dies ist heute in der Regel nicht mehr der Fall, die Realteilung führte aber zu einer extremen Zerstückelung des Bodens und einem ausserordentlich hohen Pachtlandanteil. 1929 betrug die durchschnittliche Parzellengrösse 0,22 ha. Eine effiziente Bewirtschaftung war so nicht möglich. Die Bauern bewirtschafteten im Durchschnitt 17 Parzellen. Dank Güterzusammenlegungen und Bewirtschaftungsabtausch wuchs die mittlere Schlaggrösse bis 1995 auf 0,85 ha. Solche Bewirtschaftungseinheiten bestehen jedoch meist aus vielen Kleinparzellen.

Die Vergrösserung der Betriebe stützte sich vor allem auf Pachtland: Sein Anteil an der gesamten landwirtschaftlichen Betriebsfläche Liechtensteins betrug 1929 17 %, 1995 aber 75 %. Die professionellen Haupt- und Nebenerwerbsbetriebe (über 900 Arbeitsstunden) verfügten 2004 über einen Eigenlandanteil von nur 5 %. (Schweiz: 55 %). In der Hochkonjunktur der 1950er und 60er Jahre verzögerte die Bodenspekulation das Anwachsen des Eigenlandanteils der Betriebe: Solange man durch den Verkauf des Bodens als Industrie- oder Bauland reich zu werden hoffte, gab man ihn nur ungern weg.

Gutes Kulturland ist der wichtigste Produktionsfaktor einer bodenabhängigen Landwirtschaft – Verkehr, Industrie, Freizeit und Wohnen beanspruchen jedoch immer grössere Flächen. Seit 1929 ist die landwirtschaftliche Nutzfläche von 5200 auf 3600 ha zurückgegangen. Einen gewissen Schutz des landwirtschaftlichen Bodens bezweckten die ab den 1950er und 60er Jahren im Rahmen der Raumplanung allmählich ausgeschiedenen Landwirtschafts-Zonen. Sie müssen gemäss Gesetz über die Erhaltung des landwirtschaftlich nutzbaren Bodens von 1992 mindestens 30 % der Gesamtzonenfläche der Gemeinden betragen.

Die Rindviehhaltung ist für die liechtensteinische Landwirtschaft traditionell der wichtigste Betriebszweig. Der Rindviehbestand schwankte im 20. Jahrhundert im Bereich von 5000–6000 Tieren. 1929 besass ein Bauer durchschnittlich fünf Stück Rindvieh, 70 Jahre später 42. Dank erfolgreicher Züchtung, besserer Fütterung und Tiergesundheit erhöhte sich die Milchleistung der Kühe seit dem Ersten Weltkrieg von rund 6 Litern Milch pro Tag und Kuh auf heute durchschnittlich ca. 20 Liter. Mit Milchprodukten kann sich Liechtenstein selbst versorgen. Bei den meisten anderen Nahrungsmitteln liegt die Inlandsproduktion deutlich unter dem Verbrauch, obwohl die fruchtbare Rheinebene seit der Entwässerung dem Acker- und Gemüsebau gute Bedingungen bietet. 1929–65 wurden rund 550 ha Streue- und Riedland urbarisiert. Bis 1975 verdoppelte sich die Fläche des offenen Ackerlands. Durch den einheimischen Gemüseverarbeiter Hilcona AG wurde der Gemüsebau für viele Betriebe zu einem wichtigen Standbein. Im Jahr 2000 standen 165 Tierhaltungsbetrieben 18 reine Pflanzenbau- und 16 gemischte Betriebe gegenüber.

Nebst der Wirtschaftsentwicklung hatte die nationale und internationale Agrarpolitik grossen Einfluss auf die Landwirtschaft. Der Bauernverein führte ab 1931 eine finanzielle von der Regierung getragene, 1949 verstaatlichte Landwirtschaftliche Beratungsstelle; sie wurde 1973 in Landwirtschafts-Amt umbenannt. Im Zweiten Weltkrieg förderte der Staat den Ackerbau, um – ähnlich wie in der Schweiz – den Selbstversorgungsgrad zu erhöhen. Nach 1945 orientierte sich die liechtensteinische Landwirtschafts-Politik an der Schweiz. Das schweizerische Landwirtschafts-Gesetz von 1951 brachte kostendeckende Preise und eine staatliche Übernahmegarantie für die wichtigsten Agrarprodukte wie Milch, Getreide und Kartoffeln. In den 1970er Jahren kam es durch die biologisch-technische Entwicklung (Pflanzenzüchtungen, -behandlungsmittel, Mineraldünger) zu starken Ertragssteigerungen und einem entsprechenden Produktionswachstum. Übernahmegarantien und Ertragssteigerungen führten im Zollraum Schweiz-Liechtenstein zu einer Überproduktion, verbunden mit steigenden Agrarausgaben und einer zunehmenden Umweltbelastung. Als Folge wurde in der Schweiz 1977 und in Liechtenstein 1985 die Milchkontingentierung eingeführt.

Eine Bündelung der landwirtschaftlichen Interessen in Liechtenstein erfolgte 1991 mit dem Zusammenschluss der verschiedenen Landwirtschafts-Vereine in der Vereinigung bäuerlicher Organisationen (VBO). Die internationalen Liberalisierungsbestrebungen (GATT/WTO) hatten im Lauf der 1990er Jahre eine Neuausrichtung der Agrarpolitik zur Folge. Die Preispolitik wurde abgelöst durch produktionsunabhängige, einkommensverbessernde Direktzahlungen (1994) und Abgeltungen für ökologische und tiergerechte Leistungen (1996). Der Anteil biologisch bewirtschafteter Betriebe an den direktzahlungsanerkannten Betrieben lag 2005 bei im internationalen Vergleich hohen 29 %. Die übrigen anerkannten Betriebe wurden nach den Richtlinien der Integrierten Produktion (IP) bewirtschaftet. Das Landwirtschaftliche Leitbild von 2004 legt einen Fokus auf eine nachhaltige Landwirtschaft mit unternehmerischer Ausrichtung.

Christoph Maria Merki

Quellen

Landwirtschaftliche Betriebszählungen, Hg. Amt für Volkswirtschaft, 1929–2000; Ospelt: Wirtschaftsgeschichte, Anhang, 1972, 126–186; Schuppler/Ospelt: Beschreibung 1815, 1975; Landwirtschaftliches Leitbild 2004, Hg. Regierung des Fürstentums Liechtenstein, 2004; Agrarbericht 2004, Hg. Regierung des Fürstentums Liechtenstein, 2006.

Literatur

B. Bilgeri: Der Getreidebau im Lande Vorarlberg, Sonderdruck aus Montfort 2–5 (1947–50); Schnetzler: Wirtschaftsstruktur, 1966, 46–71; Ospelt: Wirtschaftsgeschichte, 1972, 16–38, 83–214; R. Ritter: Bauernarbeit in Mauren, in: JBL 74 (1974), 51–100; R. Mittelhammer: Tierknochen aus Schellenberg «Untere Burg», in: Ergrabene Geschichte, 1985, 32; R. Kaiser: Churrätien im frühen Mittelalter, 1998; Geiger: Krisenzeit 1, 22000, 121–299; S. Grüninger: Grundherrschaft im frühmittelalter Churrätien, 2006; Merki: Wirtschaftswunder, 2007, 51–68; HLS.

Zitierweise

Gerda Leipold-Schneider, Alois Ospelt, Christoph Maria Merki, «Landwirtschaft», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Landwirtschaft, abgerufen am 22.2.2019.

Medien

Bauernhof in Schaan, 1984 (LI LA). Foto: Josef A. Slominski. Die Landwirtschaftsbetriebe sind heute häufig nicht mehr in den Dörfern, sondern in der Landwirtschaftszone angesiedelt.
Kornernte in Schaan, 1935 (LI LA).
Betriebe, Beschäftigte, Nutzfläche und Tierhaltung, 1789-2000