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Lehrer

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Autorin: Annette Bleyle | Stand: 31.12.2011

Lehrer sind Unterrichtende aller Schulstufen (→ Schulwesen). Die Wissensvermittlung dürfte im Raum Liechtenstein – wie überall im ländlichen Europa – bis ins 17./18. Jahrhundert durch Geistliche erfolgt sein. Der erste namentlich bekannte weltliche Schulmeister war der 1669–70 in Vaduz tätige Johann Christian Krauss. Für die Anstellung und in der Regel auch die Entlöhnung der Lehrer waren die Nachbarschaften zuständig; in manchen Dörfern bestanden auch Schulstiftungen. Fanden sich keine ausgebildeten Lehrer, griff man auf lese- und rechenkundige Laien zurück. Der nach der Einführung der Schulpflicht (1805) 1806 erlassene erste Schulplan forderte einen «tauglichen und fähigen» Lehrer für jede Gemeinde. Die Tauglichkeit wurde mittels einer von der Anstellungsbehörde (Oberamt und Ortspfarrer) abgehaltenen Prüfung ermittelt. Das Schulgesetz von 1827 sah ein Mindestalter von 24 Jahren vor und schrieb wahlweise eine österreichische Lehrerprüfung oder eine solche in Liechtenstein vor. 1843–66 war die Ausbildung in einem deutschen Bundesstaat vorgeschrieben. Das Schulgesetz von 1859 liess in Ausnahmefällen eine Anstellung ohne Ausbildung an einem Lehrerseminar zu und sah Lehrbefähigungsprüfungen in Liechtenstein vor. Ab 1900 war zudem als Bedingung für eine definitive Einstellung als Volksschullehrer das Studium an einer anerkannten Lehranstalt Bedingung. Die Lehrbefähigungsprüfung erfuhr ab 1899 wiederholt inhaltliche Änderungen. Seit 1981 müssen sich alle an öffentlichen liechtensteinischen Schulen tätigen Lehrer in den Bereichen Schulrecht, Landesgeschichte und Staatskunde prüfen lassen. Gab es im 19. Jahrhundert in Liechtenstein nur Volksschul-, Realschullehrer (ab 1858) sowie Kindergärtnerinnen (ab 1881), kam es ab der Mitte des 20. Jahrhunderts zu einer Diversifizierung und Professionalisierung des Schulsystems sowie des Lehrer-Berufs (Gymnasial-, Sonderschullehrer, Heilpädagogen etc.).

Bis ins 19. Jahrhundert erlernten Lehrer in den deutschsprachigen Ländern ihren Beruf durch eine Lehre bei Musterlehrern (Beobachtung und Nachahmung des Lehrers). Eine solche Musterschule in Rankweil (Vorarlberg) wurde vom späten 18. Jahrhundert bis um 1815 von Liechtensteinern besucht, nachweislich durch Karl Wolf 1779. Ab 1830 war der Besuch von Lehrerseminaren die Regel, die Lehrer-Ausbildung und damit das Niveau des liechtensteinischen Schulwesens waren aber noch um 1850 oft mangelhaft. Es fanden zudem nur unregelmässig Lehrerfortbildungskurse statt. 1857 wurde der Musterlehrer Anton Hinger mit der Verbesserung des Unterrichts betraut. Mit dem Schulgesetz von 1859 und besonders im Verlauf des 20. Jahrhunderts erfolgte ein stetiger Ausbau des Lehrerfortbildungsangebots. 1906 wurde eine Landeslehrerbibliothek gegründet.

Liechtensteinische Lehrer blieben für die Ausbildung stets auf ausländische Bildungsstätten angewiesen, Pläne zur Errichtung von Lehrerseminaren in Liechtenstein (1837, 1852) scheiterten. In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wurden Einrichtungen in Chur, St. Gallen, Bregenz und Innsbruck besucht, ab 1843 vor allem die Lehrerseminare in Bregenz (bis 1888), Schwäbisch-Gmünd (1860er und 70er Jahre), Saulgau (ab 1890), Innsbruck und Feldkirch. Letzterer Standort blieb bis in die Gegenwart bedeutend, unter anderem für die Ausbildung von Musikpädagogen.

Nach dem Ersten Weltkrieg besuchten die liechtensteinischen Lehrer vor allem Seminare und Universitäten in der Schweiz. Die Platzsicherung erfolgt durch finanzielle Leistungen Liechtensteins an die entsprechenden Einrichtungen. Für die Kindergärtnerinnen- und Primarlehrerausbildung bestanden Verträge mit den Lehrerseminaren Rickenbach (SZ), dem bis zu Beginn der 1980er Jahre für Liechtenstein wichtigsten Schweizer Lehrerseminar, Baldegg (LU), Cham (ZG), Ingenbohl (SZ), Menzingen (ZG) sowie den Kantonen St. Gallen und Graubünden für die Seminare in Sargans (SG), Rorschach (SG) und Chur. Seit 1990 ist Liechtenstein Konkordatspartner der Hochschule für Heilpädagogik Zürich. Um 2000 begann in der Schweiz die Lehrerausbildung an den Seminaren und Sekundarlehrämtern der Universitäten auszulaufen. Matura und Studium an einer Pädagogischen Fachhochschule wurden für Lehrer an Kindergärten, Primarschulen und auf der Sekundarstufe I verpflichtend. Für Letztere waren vorher Matura und Sekundarlehramt an einer Universität vorgeschrieben. Die Ausbildung der liechtensteinischen Lehrer erfolgt nun meist an den Pädagogischen Hochschulen Rorschach und Chur (Kindergarten und Primarschule) sowie St. Gallen (Sekundarstufe I), für die Sekundarstufe II wie bisher an der Universität.

Für die Besoldung der Lehrer hatte ab 1805 jede Gemeinde einen Schulfonds zu errichten. Die Löhne der Lehrer reichten nicht zum Leben aus, weshalb sie auf Nebenverdienste als Mesmer, Organist, Bauer etc. angewiesen waren. Zur finanziellen Besserstellung der Lehrer und zur Unterstützung der Gemeinden wurde 1812 ein Landesschulfonds eingerichtet. Das Schulgesetz von 1859 schrieb den Gemeinden die Errichtung von Lehrerwohnungen beziehungsweise die Übernahme des Mietzinses und das Liefern von Brennholz an die Lehrer vor. 1870 trat ein Pensionsgesetz für Volksschullehrer in Kraft. 1878 übernahm der Staat die Besoldung der Lehrer, die infolge von Lohnerhöhungen im 20. Jahrhundert in den Mittelstand aufstiegen.

Volksschullehrer übten häufig das Amt des Organisten aus und waren Dirigenten der Gesangvereine. Sie nahmen ihre Erziehungsfunktion früher auch ausserhalb der Schule wahr, weshalb ihnen, wie Pfarrer und Gemeindevorsteher, eine dominante Stellung im Dorf zukam und sie meist ein hohes Ansehen genossen.

Oberamt beziehungsweise Regierung bemühten sich stets, die Lehrer-Stellen mit einheimischen Kräften zu besetzen, waren aber seit dem 19. Jahrhundert aufgrund des chronischen Lehrermangels auf die Einstellung ausländischer Lehrer angewiesen. Spezielle Bedeutung kamen hierbei religiösen Orden zu, besonders den 1846–1993 an Kindergärten und Volksschulen wirkenden Barmherzigen Schwestern des heiligen Vinzenz von Paul in Zams (Tirol). Daneben waren an privaten und zum Teil öffentliche Schulen unter anderem die Schwestern der Christlichen Liebe (1873–1918), die Missionare Unserer Lieben Frau von La Salette (1954–73), die Anbeterinnen des Blutes Christi (seit 1922) und die Maristen-Schulbrüder (1937–91) tätig. Der ab den 1960er Jahren markant zunehmende Bedarf an Lehrern konnte ab den 1970er Jahren nur noch durch die Anstellung weltlicher Lehrer gedeckt werden, die häufig aus dem Ausland stammten.

Abgesehen von Lehrschwestern und Handarbeitslehrerinnen gab es bis in die 1930er Jahre keine Frauen im liechtensteinischen Schulwesen. Die erste nicht fest angestellte, weltliche Lehrerin war 1936 Stefanie Mähr (Volksschule Mühleholz), die erste Festanstellung erhielt 1942 Berta Kölbener. Die erste weltliche Kindergärtnerin war wohl Lina Wanger (1894–1975), die in Schaan ab 1938 als Kindergartenhelferin und ab 1949 als fest angestellte Kindergärtnerin wirkte. Liechtensteinerinnen besuchten erstmals in den 1960er Jahren Lehrerseminare. Die erste Anstellung einer ausgebildeten Reallehrerin erfolgte 1963, die erste vollamtliche Gymnasiallehrerin war ab 1981 tätig. In den letzten Jahrzehnten hat sich der Lehrberuf in Liechtenstein immer mehr zum Frauenberuf entwickelt. 2005 bekleideten Frauen insgesamt 63,3 % der Lehrer-Stellen im öffentlichen Schulwesen, im Kindergarten 97,3 %, in der Primarschule 75,1 %. Auf den Sekundarstufen I und II hat der Frauenanteil stark zugenommen; 2005 betrug er 47,1 %.

Die erste bekannte Standesvertretung der liechtensteinischen Lehrer war der 1850 gegründete und später wieder aufgelöste «liechtensteinische Lehrerverein». Der ab 1918 bestehende «Liechtensteiner Lehrerverein» änderte 1974 seinen Namen in «Liechtensteinischer Lehrerverband» und wurde zum Dachverband der einzelnen Stufen- beziehungsweise Fachverbände. Der später in «Gewerkschaftlicher Lehrerinnen- und Lehrerverband» (GLLV) umbenannte Verein löste sich 2003 auf, die Unterverbände bestanden weiterhin.

Literatur

Malin: Geschichte, 1953, 71–93; G. Martin: Liechtensteiner Pädagogen im Ausland, in: JBL 67 (1967), 111–180; Quaderer: Geschichte, 1969, 136–171; Geiger: Geschichte, 1970, 227–230, 235–238, 329; Martin: Bildungswesen, 1984; Vogt: Balzers 2, 1996, 129–168.

Zitierweise

Annette Bleyle, «Lehrer», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Lehrer, abgerufen am 20.4.2019.