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Liechtenstein, Alois II. Josef von

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Autorin: Evelin Oberhammer | Stand: 31.12.2011

Landesfürst. *25.5.1796 Wien, †12.11.1858 Eisgrub (CZ), // Wranau (CZ). Sohn Johanns I. Josef und der Josepha Sophie Landgräfin zu Fürstenberg-Weitra, zwölf Geschwister, unter anderem Karl.  8.8.1831 Franziska Gräfin Kinsky von Wchinitz und Tettau, neun Töchter, zwei Söhne, Johann II. und Franz I.

Alois II. wurde zunächst vom französischen Priester Abbé Werner erzogen und später von Fachgelehrten wie dem Agronomen Leopold Trautmann (1766–1825) und dem Geschichtsphilosophen Friedrich von Schlegel (1772–1829). Seine Ausbildung schloss Alois II. mit einer Kavalierstour ab, die ihn 1818 nach Italien bis Sizilien und Malta, danach in die Schweiz und erstmals nach Liechtenstein führte, wo er einige Tage auf der Jagd verbrachte. Zwei Jahre später besuchte er England und Schottland. Nach dem Tod Johanns I., der ihn schon früh bei wesentlichen Fragen hinzugezogen und auf die Rolle als Majoratsherr vorbereitet hatte, wurde er als Alois II. 1836 regierender Fürst und Leiter des Hauses. Er widmete sich vor allem seinen Besitzungen, interessierte sich für ökonomische, verwaltungstechnische, kulturelle und soziale Fragen, besonders aber für die Landwirtschaft. Nach seinem Regierungsantritt reorganisierte er das Forstwesen auf den fürstlichen Gütern sowie die fürstliche Verwaltung. 1838 wurde eine Hauptinstruktion, welche die zentrale Stellung der Hofkanzlei betonte, und 1842 eine neue Hofkanzleiordnung verfasst. Bereits 1837 war im Wiener «Kanzleihaus» in der Herrengasse ein «vereinigtes Kanzlei- und Registraturlocal» eingerichtet worden. Alois II. entwickelte sich zum geachteten Fachmann für wirtschaftliche Belange. 1849–58 stand er der k.k. Landwirtschaftsgesellschaft in Wien vor. Unter seinem Vorsitz wurde der Verein neu organisiert und es erfolgte unter anderem die Gründung von Ackerbauschulen. Die erste entstand 1849 auf dem fürstlichen Gut Weissenhof (NÖ).

Nach der Aufnahme des Fürstentums Liechtenstein in den Rheinbund 1806 nahm das Interesse der fürstlichen Familie an ihrem nun souveränen Land zu. Dies zeigte sich unter Alois II. im sozialen Bereich, etwa in der Einrichtung eines Waisenamts 1836 und der Gründung eines landschaftlichen Armenfonds 1845, wie auch in ökonomischer Hinsicht. 1837 wurde in Zusammenarbeit mit dem Kanton St. Gallen mit der Regulierung des Rheins begonnen, um den wiederkehrenden, schweren Überschwemmungen vorzubeugen. Der Abschluss eines Zoll- und Steuerabkommens (→ Zollwesen) mit Österreich 1852 setzte der wirtschaftlichen Isolation Liechtensteins ein Ende und führte zu einem Anstieg der Staatseinnahmen.

Bereits 1842 hatte Alois II. zur grossen Freude der liechtensteinischen Bevölkerung als erster Fürst sein Land besucht. Anlässlich dieses Aufenthalts revidierte er das fürstliche Hausgesetz, legte dabei die Unteilbarkeit des Fürstentums erneut fest und führte für den Fall des Aussterbens der Familie im Mannesstamm die kognatische Thronfolge ein. Anfängliche Pläne, das Schloss Vaduz für seine zeitweise Unterbringung zu adaptieren, wurden nicht realisiert. Nach der Rheinüberschwemmung 1846 traf der Fürst Anordnungen, um den Geschädigten zu helfen, und entwarf für Liechtenstein einen wirtschaftlichen und sozialen Reformplan. Um sich ein Bild der Lage zu machen, besuchte er 1847 Liechtenstein ein zweites Mal.

Die politische Haltung von Alois II. war weitgehend konservativ. Eine Deputation unter der Führung von Peter Kaiser, die 1840 in Wien dem Fürsten eine Bittschrift der liechtensteinischen Gemeinden vortrug, erreichte wenig. In der Revolution 1848 verhielt sich Alois II. gegenüber den politischen Forderungen der Bevölkerung zurückhaltend, da er davon überzeugt war, die weitere Entwicklung in den übrigen Staaten des Deutschen Bunds und vor allem in Österreich abwarten zu müssen, bevor für Liechtenstein endgültige Entscheidungen getroffen werden konnten. Aber bereits am 19.3.1848, noch vor dem Ausbruch der Unruhen in Liechtenstein, versprach Alois II. seinen Untertanen die gleichen Rechte, wie sie die österreichischen Untertanen erhalten würden. Der Fürst machte am 7. April und Anfang Mai 1848 weitere Zugeständnisse an das Volk. Nachdem Österreich eine Verfassung erhalten hatte, erliess Alois II. am 7.3.1849 eine provisorische, liberalere Verfassung. Diese hob er – wiederum dem Beispiel Österreichs, dem er sich trotz seiner Bereitschaft zur Zugestehung politischer Rechte an das Volk nicht entgegenstellen wollte, folgend – durch den Reaktionserlass 1852 wieder auf und setzte die absolutistische Landständische Verfassung von 1818 wieder in Kraft. Allein die Zugeständnisse bei den Feudallasten (unter anderem die unentgeltliche Befreiung vom Mühlenzwang, von Fronen und Novalzehnt) nahm er nicht zurück.

Ab Mitte der 1850er Jahre forderte das Volk erneut politische Mitspracherechte und Reformen. Wenn auch in einzelnen Bereichen Verbesserungen erfolgten (z.B. Beginn der Riedentwässerung 1850, Neuerungen in der Landesverwaltung), wurden die wichtigsten Probleme doch erst unter Alois‘ Nachfolger Johann II. gelöst.

Ein spezielles Anliegen von Alois II. war es, das durch die Kirchenvorschriften seines Vaters Johann I. belastete Verhältnis zwischen Staat und Kirche zu verbessern. Der Ausgleich sollte in Form eines Konkordats mit Rom erreicht werden, was aber der Tod von Alois II. verhinderte.

Trotz aller Betonung der Eigenständigkeit als Souverän blieb Alois II. dem Kaiserhaus weiterhin als loyaler Untertan Österreichs verbunden. Die liechtensteinische Politik im Deutschen Bund war meist auf die Donaumonarchie ausgerichtet. 1835 fuhr er in diplomatischer Mission nach London, um die Notifikation der Thronbesteigung Kaiser Ferdinands I. zu überbringen. In einem patriotischen Kontext, als Massnahme zur Stützung der Staatsfinanzen, ist eventuell die Zeichnung einer Nationalanleihe in der beachtlichen Höhe von 2 500 000 Gulden C.M. zu werten. 1848 half Alois II. bei der Flucht des Staatskanzlers Clemens Fürst Metternich und dessen Gemahlin und gab ihnen mehrere Tage Asyl in seiner Herrschaft Feldsberg. In der Versammlung der Niederösterreichischen Landstände, zu deren regelmässigsten und sachkundigsten Mitgliedern er gehörte, nahm er eine vorsichtig ausgleichende Position ein.

Alois II. bereicherte die Sammlungen des Fürsten von Liechtenstein um Werke der Schule des Wiener Biedermeiers und zeichnete für mehrere Bauten beziehungsweise Umbauten auf den fürstlichen Besitzungen verantwortlich: 1846–58 wurde die Sommerresidenz Eisgrub umgebaut. In Wien erfolgte 1836–47 die umfassende Renovierung der Räumlichkeiten des liechtensteinischen Majoratshauses (→ Palais, fürstliche). Kleinere Bauvorhaben waren unter anderem die Restaurierung des Schlosses Lundenburg und die Errichtung einer Hubertuskapelle bei Feldsberg 1846. Im Palais Rasumovsky in Wien, das Alois II. einschliesslich eines prächtigen Gartens 1838 erworben hatte und bis ca. 1847 als Hauptwohnsitz nutzte, richtete der Fürst ein Theater ein, das er seinen adeligen Gästen für Laienaufführungen zur Verfügung stellte. Dem am angelsächsischen Raum orientierten Geschmack des Fürsten entsprach sein spezielles Interesse an Pferderennen und der Parforcejagd. Alois II. war engagierter Präses der Wiener Pferderenngesellschaft und förderte daneben mehrere Reitsportvereinigungen. Der Fürst war ein bedeutender Mäzen und Philanthrop, der 74 kulturelle und humanitäre Vereinigungen und Institutionen regelmässig finanziell unterstützte. Grosszügig erwies er sich auch gegenüber notleidenden Untertanen sowie im Zusammenhang mit dem Kirchen- und Schulpatronat. Umfangreiche Spenden gingen zudem an Opfer von Naturkatastrophen und Seuchen, bis nach Ungarn, Böhmen, Lombardo-Venetien und Hamburg.

Nach zehnjährigem Leiden, das ihn zu mehreren Kuraufenthalten zwang, erlag Alois II. 1858 einer Harnblasenkrankheit. Er war Ehrenmitglied diverser österreichischer kultureller Vereinigungen. 1835 Grosskreuz des Guelfen-Ordens, 1836 Orden vom Goldenen Vlies, 1851 Grosskreuz des Ordens des heiligen Johannes von Jerusalem, 1854 Grosskreuz des St.-Stephan-Ordens und 1857 Grosskreuz des päpstlichen Pius-Ordens.

Alois II. war ein konservativer Reformer, der die Grundlagen der Monarchie erneuern wollte. Aus diesem Grund war er gegenüber zeitgemässen politischen Veränderungen weit offener eingestellt als etwa sein Vater Johann I. Die Lösung der wichtigsten politischen und gesellschaftlichen Probleme gelang Alois II., der in anderen Bereichen, wie z.B. der Reorganisation der Verwaltung der fürstlichen Güter, sehr erfolgreich war, in Liechtenstein nicht, weil er zu sehr auf Österreich fixiert war. Unter ihm wandelte sich das Verhältnis des Fürsten zum Volk. Er war kein fremder, unbekannter Herrscher von Gottes Gnaden mehr, sondern ein gütiger Landesherr, der den meisten Bewohnern Liechtensteins persönlich bekannt war.

Archive

HALV.

Literatur

H. Bohatta: Liechtensteinische Bibliographie, in: JBL 10 (1910), 33–161, bes. 56f.; Quaderer: Geschichte, 1969; Geiger: Geschichte, 1970; Ospelt: Wirtschaftsgeschichte, 1972; H. Stekl: Österreichs Aristokratie im Vormärz, 1973; G. Wilhelm: Die Fürsten von Liechtenstein und ihre Beziehungen zu Kunst und Wissenschaft, in: Jahrbuch der liechtensteinischen Kunstgesellschaft 1976, 9–180, bes. 152–159; V. Press: Das Haus Liechtenstein in der europäischen Geschichte, in: Fürstliches Haus, 21988, 15–85, bes. 65–68; Vogt: Verwaltungsstruktur, 1994; H. Wanger: Die Regierenden Fürsten von Liechtenstein, 1995, 135–143; G. Schöpfer: Klar und Fest, 1996, 109–123; Liechtenstein und die Revolution 1848, Hg. A. Brunhart, 2000; ÖBL 5, 203.

Abbildungen

SFL.

Zitierweise

Evelin Oberhammer, «Liechtenstein, Alois II. Josef von», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Liechtenstein,_Alois_II._Josef_von, abgerufen am 19.6.2019.

Medien

Alois II. Josef von Liechtenstein. Ölgemälde von Friedrich Schilcher (1811–1881) © LIECHTENSTEIN, The Princely Collections, Vaduz–Vienna.