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Liechtenstein, Franz Josef II. von

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Autor: Harald Wanger | Stand: 31.12.2011

Landesfürst. *16.8.1906 Schloss Frauenthal (Steiermark), †13.11.1989 Spital Grabs (SG), von Vaduz, // Vaduz. Sohn des Alois und der Elisabeth Amalie, geb. von Habsburg-Lothringen, Erzherzogin von Österreich, sieben Geschwister, darunter Botschafter Heinrich. Taufpate von Franz Josef II. war sein Grossonkel, der österreichische Kaiser Franz Josef.  7.3.1943 Georgine (Gina) Gräfin Wilczek, fünf Kinder: Hans-Adam, Philipp (*1946), Nikolaus, Nora (*1950) und Wenzel (1962–1991). Aufgewachsen auf Schloss Frauenthal, in Stuhlweissenburg und auf Schloss Gross-Ullersdorf (tschech. Velké Losiny, CZ). Schottengymnasium in Wien, 1925–29 Studium der Forstwirtschaft an der Hochschule für Bodenkultur in Wien, 1929 Diplomforstingenieur. Aufgrund des Verzichts seines Vaters Alois und seines Onkels Franz auf die Thronfolge am 26.2.1923 beziehungsweise am 1.3.1923 rückte Franz Josef II. an die zweite Stelle der Thronfolge, nach Prinz Franz sen., dem Bruder von Fürst Johann II. 1923 besuchte Franz Josef II. sein künftiges Fürstentum zum ersten Mal. 1927 besichtigte er als Vertreter Fürst Johanns II. die in Liechtenstein durch den Rheineinbruch entstandenen Schäden. Nach dem Tod seines Grossonkels Johann II. 1929 übernahm Franz Josef II. die Verwaltung der sich im Majoratsbesitz befindlichen österreichisch-tschechoslowakischen Güter. Zudem reiste er durch mehrere Länder Europas und die USA. 1930 erwarb Franz Josef II. für das Fürstenhaus die Aktienmehrheit an der Bank in Liechtenstein (→ LGT Bank in Liechtenstein). Am 17.4.1930 ernannte ihn Fürst Franz I. zu seinem Stellvertreter. In der Folge reiste der Thronfolger wiederholt als Vertreter des Fürsten nach Liechtenstein und lernte so die Bevölkerung kennen. Am 30.3.1938 übergab ihm der 85-jährige Fürst Franz I. die fürstlichen Regierungsgeschäfte im Fürstentum Liechtenstein («Prinzregent»), das am 13.3.1938 durch den Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich einen neuen und gefährlichen Nachbarn bekommen hatte. Um den Fortbestand des kleinen Staats zu gewährleisten, war eine Befriedung der innenpolitischen Situation notwendig. Unter Einflussnahme Franz Josefs II. einigten sich die zerstrittenen Parteien Fortschrittliche Bürgerpartei und Vaterländische Union im März 1938 auf den Übergang vom Majorz- zum Proporz-Wahlsystem und auf die Bildung einer Koalitionsregierung. Am 25.7.1938 starb Fürst Franz I.; der Prinzregent wurde als Fürst Franz Josef II. regierender Fürst und nahm als erster Landesfürst Wohnsitz in Liechtenstein, was zu einer engeren Verbindung zwischen Volk und Monarch führte. Im April 1938 besuchte Franz Josef II. den schweizerischen Bundesrat in Bern, im März 1939 Hitler und die Reichsregierung in Berlin. Beides waren Höflichkeitsbesuche. Die Erbhuldigung an den neuen Fürsten, an welcher ein Grossteil der Einwohner des Landes teilnahm, fand am Pfingstmontag, 29.5.1939, beim Schloss Vaduz statt. Nur zwei Monate nach dem Scheitern eines Anschlussputsches, mit dem liechtensteinische Nationalsozialisten den Anschluss an Deutschland hatten erzwingen wollen, wurde die Huldigung als erhebende Feier und als Bekenntnis des Volks zum Staat, zur Monarchie und zur Erhaltung der Selbständigkeit wahrgenommen.

Der am 1.9.1939 ausgebrochene Zweite Weltkrieg brachte dem Land neue politische und wirtschaftliche Probleme. Die nationalsozialistische Bedrohung von aussen wie von innen war abzuwehren. Für den Fürsten und die Regierung stellte sich die Aufgabe, das Land neutral zu bewahren und die staatliche Selbständigkeit zu festigen. Aussenpolitisch hielt sich Franz Josef II. in der Kriegszeit zurück. Mit Hitler wechselte er höfliche Telegramme, der Schweiz versicherte er, Liechtenstein bleibe selbständig an ihrer Seite. In Thronreden und Botschaften stärkte Franz Josef II. die innere Geschlossenheit und die Widerstandskraft des Volks gegen die inneren nationalsozialistischen und äusseren Feinde. Ein staatspolitischer Akt von starker psychologischer Wirkung war die Weihe des Lands und des Volks an die Muttergottes, die der Fürst am Ostermontag, 25.3.1940, in der Kapelle Maria zum Trost auf Dux in Schaan vollzog. 1940 erhob die Regierung den 15. August (Mariä Himmelfahrt), den Tag vor dem Geburtstag von Franz Josef II., zum Staatsfeiertag. 1943 verlängerte Franz Josef II. auf Ansuchen der Regierung die Mandatsperiode des Landtags auf unbestimmte Zeit, um einen Wahlkampf, der den liechtensteinischen Nationalsozialisten eine Plattform geboten hätte, zu verhindern. Die Hochzeit des Fürsten mit Gräfin Georgine von Wilczek 1943 in Vaduz war die erste Vermählung eines Regierenden Fürsten, die in Liechtenstein stattfand. Auch sie wurde zum politischen Bekenntnis des Volks zu einem selbständigen Staat und zur Monarchie.

Franz Josef II. erwarb im Rahmen seiner geschäftlichen Tätigkeiten ab 1938 ehemals jüdische (arisierte) Unternehmen. Er gilt jedoch nicht als skrupelloser Profiteur, sondern war zu über den offiziellen Kaufpreis hinausgehenden Zahlungen bereit. 1944–45 wurden deportierte ungarische Juden aus dem Durchgangslager Strasshof ohne Wissen des Fürsten auf fürstlichen Gütern zur Zwangsarbeit eingesetzt.

Um der liechtensteinischen Aussenpolitik mehr Eigenständigkeit zu geben und um den fürstlichen Einfluss auf sie zu stärken, verfügte Franz Josef II. 1944 gegen den Willen von Landtag und Regierung die Wiedereröffnung der 1933 geschlossenen liechtensteinischen Gesandtschaft in Bern. Das Amt des Geschäftsträgers wurde Prinz Heinrich, einem Bruder des Fürsten, übertragen. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs gelang es Franz Josef II. zusammen mit Gustav Wilhelm, die Sammlungen des Fürsten von Liechtenstein aus der Tschechoslowakei und Österreich nach Liechtenstein zu bringen und sie damit vor Kriegsschäden zu bewahren und für die Familie zu retten. Ein besonderes Problem hatten Fürst und Regierung zu bewältigen, als kurz vor dem Ende des Kriegs rund 500 Leute der l. Russischen Nationalarmee der Deutschen Wehrmacht unter Generalmajor Arthur Holmston die liechtensteinische Grenze überschritten. Die Haltung von Fürst und Regierung diesen Flüchtlingen gegenüber war zu Beginn unsicher. Erst nach der freiwilligen Repatriierung eines grossen Teils der Armeeangehörigen wurde 134 Russen trotz des sowjetrussischen Drucks Asyl gewährt, bis sie auswandern konnten, die meisten nach Argentinien. 1945 trat die Regierung Josef Hoop auf Druck von Franz Josef II., der für die Nachkriegszeit eine Neubesetzung der obersten Behörde wünschte, zurück. 1961 verweigerte Franz Josef II. einem in einer Volksabstimmung angenommenen Jagdgesetz die Sanktion und ergriff in der Folge die Initiative für ein neues Jagdgesetz, das in einer Volksabstimmung 1962 gutgeheissen wurde.

Ein schwerer Schlag für das Fürstenhaus war die völkerrechtswidrige Konfiskation der fürstlichen Familiengüter in der Tschechoslowakei 1945. Der gesamte nach der ersten tschechoslowakischen Bodenreform (1919–38) verbliebene Grundbesitz (ca. 66 000 ha) wie auch Schlösser und Industriebetriebe wurden vom Staat entschädigungslos enteignet. Von dem in Jahrhunderten gewachsenen Familienbesitz verblieb mit den in Österreich liegenden Gütern nur rund ein Fünftel im Eigentum des Fürstenhauses. Dieser grosse materielle Verlust führte dazu, dass Franz Josef II. als Verantwortlicher der ganzen Familie gezwungen war, Kunstwerke aus den fürstlichen Kunstsammlungen zu veräussern.

An der nach dem Krieg einsetzenden Umgestaltung Liechtensteins vom Agrar- zum Industrie- und Dienstleistungsstaat war Franz Josef II. massgebend beteiligt. Im wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Fortschritt sah er die tragenden Pfeiler für ein modernes und lebensfähiges Land. So unterstützte er in seiner Thronrede 1950 die schliesslich 1952 in einer Volksabstimmung beschlossene Einführung der AHV; 1952 sprach er sich für die Schaffung eines Jugendschutzgesetzes aus, das 1958 verwirklicht wurde. Die Förderung der Wirtschaft, die Agrar- und Bodenpolitik wie auch Umweltschutz und Familie waren ständig wiederkehrende Themen seiner Thronreden; die Rede von 1955 enthielt eine programmatische Darstellung der Staatsaufgaben. Auch die Einführung des Frauenstimmrechts 1984 war vorgängig vom Fürsten stark befürwortet worden.

Handeln und Denken des Fürsten kamen stets aus seiner christlichen Grundhaltung. Als überzeugter Katholik sah er zum Beispiel in der Landesweihe auf Dux 1940 mehr als nur einen politischen Akt; Besuche im Vatikan waren neben offiziellen Anlässen auch persönliche Zeichen des Glaubens. Der Pastoralbesuch von Papst Johannes Paul II. in Liechtenstein am 8.9.1985 war ein Höhepunkt für den Fürsten.

Die Umwidmung des gesamten Familienvermögens von einem Fideikommiss in die «Fürst-von-Liechtenstein-Stiftung» am 3.1.1970 führte zu einer Gesundung der finanziellen Grundlagen des Fürstenhauses. Neben der Sicherung des Lebensunterhalts der Fürstenfamilie sollten die Erträge der Stiftung auch zur Förderung von Kunst, Wissenschaft und sozialen Belangen zur Verfügung stehen, womit eine alte Familientradition wiederauflebte.

1969 und erneut 1979 anerbot Franz Josef II., Werke aus den Fürstlichen Sammlungen einem vom Land Liechtenstein zu errichtenden Kunsthaus als Dauerleihgabe zu überlassen, was dann jedoch infolge des sogenannten Kunsthausfalls unterblieb (→ Staatsgerichtshofaffäre). 1981 gründeten Land und Gemeinden die «Fürst-Franz-Josef-von-Liechtenstein-Stiftung» zur Förderung und Auszeichnung wissenschaftlicher und kultureller Vorhaben und Leistungen, die für Liechtenstein von besonderer Bedeutung sind. 1975–86 besuchte der Landesfürst jeweils an seinem Geburtstag eine der elf Gemeinden des Landes. Am 26.8.1984 ernannte Franz Josef II. Erbprinz Hans-Adam zu seinem Stellvertreter und betraute ihn mit der Ausübung der fürstlichen Hoheitsrechte, ohne jedoch seine eigene Stellung als Staatsoberhaupt abzugeben. Die Grundlagen dafür waren durch eine Abänderung der Verfassung am 28.6.1984 geschaffen worden.

Franz Josef II. war 1936–80 Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und wurde 1980 dessen Ehrenmitglied. Weitere Ehrungen: 1948 Ritter des Ordens vom Goldenen Vlies, 1956 Ehrensenator der Universität Freiburg i.Üe. und 1983 der Universität Innsbruck. Franz Josef II., der als letzter Fürst in der Habsburgermonarchie, die sein Weltbild prägte, aufwuchs, übte sein Fürstenamt verantwortungsbewusst aus. Er verstand sich als erster Bürger des Staats, war nach aussen zurückhaltend, vertrat aber seine christlichen und wertkonservativen Überzeugungen und nahm diskret Einfluss auf die Regierungsführung. Er galt als sozial und gerecht denkend und erfreute sich grosser Beliebtheit beim Volk, für das er zur landesväterlichen Integrationsfigur wurde. Franz Josef II. förderte den Wandel Liechtensteins vom Agrar- zum Industrie-, Dienstleistungs- und Sozialstaat. In den Gemeinden Vaduz und Mauren sind Strassen nach ihm benannt. 2007 wurde in Vaduz ein von Kes Verkade geschaffenes, bronzenes Standbild Franz Josefs II. errichtet.

Literatur

N. Jansen: Franz Josef II. Regierender Fürst von und zu Liechtenstein, 1978; W. Kranz: Kurzbiographie S. D. Fürst Franz Josef II. von und zu Liechtenstein, in: Fürstentum Liechtenstein – eine Dokumentation, 81982, 33–35; Der Landesfürst, Hg. R. Allgäuer et al., 1984; Die Thronreden S. D. Fürst Franz Josef II. von und zu Liechtenstein, 1986; G. Malin: Fürst Franz Josef II., in: JBL 89 (1991), 7–17; Waschkuhn: Politisches System, 1994, 82–89; H. Wanger: Die Regierenden Fürsten von Liechtenstein, 1995, 168–181; Geiger: Krisenzeit, 22000; Geiger et al.: NS-Zeit, 2005.

Nachrufe

LVa. und LVbl., 15., 16., 17., 18., 20., 21., 22., 24. und 25.11.1989.

Zitierweise

Harald Wanger, «Liechtenstein, Franz Josef II. von», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Liechtenstein,_Franz_Josef_II._von, abgerufen am 23.2.2019.

Normdaten

GND: 118692976

Medien

Huldigung für Fürst Franz Josef II. von Liechtenstein, 29.5.1939 (LI LA).
Hochzeit von Fürst Franz Josef II. und Georgine Gräfin von Wilczek, 7.3.1943 (LI LA).