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Liechtenstein, Johann I. Josef von

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Autor: Herbert Haupt | Stand: 31.12.2011

Landesfürst. *27.6.1760 Wien, †20.4.1836 Wien, // Wranau. Sohn des Franz Josef I. von Liechtenstein und der Maria Leopoldine Gräfin von Sternberg, sieben Geschwister, unter anderem Alois I. Josef von Liechtenstein.  12.4.1792 Josepha Sophie Landgräfin zu Fürstenberg-Weitra (*21.6.1776, †23.2.1848), 13 Kinder, unter anderem Alois II. Josef von Liechtenstein und Karl von Liechtenstein.

Die schon in früher Jugend erkennbare Neigung des Prinzen zum Militärwesen wurde durch den persönlichen Umgang mit Feldmarschall Franz Moritz Graf von Lacy entscheidend gefördert. 1782 trat Johann I. 22-jährig als Leutnant in die kaiserliche Armee ein, wo er rasch die für einen Hochadeligen vorgesehene Laufbahn durchlief und 1783 zum Rittmeister, 1787 zum Major avancierte. Im Rang eines Oberstleutnants bei den Kinsky-Chevauxlegers, dem späteren (1888) Dragonerregiment No. 10 «Johannes Josef Fürst von Liechtenstein», bewährte sich der Fürst 1788 im Kampf gegen die Türken. Schon früh zeigte sich sein viel gerühmter, persönlicher Mut, der den Kampf an vorderster Front taktischen Erwägungen vorzog. Die Beliebtheit in der Truppe war ihm damit ebenso sicher wie das Ansehen bei Hof. Für eine dieser Bravourleistungen bei der Eroberung der türkischen Festung Cetin am 19.12.1790 wurde Johann I. mit dem Ritterkreuz des militärischen Maria-Theresien-Ordens ausgezeichnet. 1790 übernahm der zum Oberst aufgerückte Fürst das Kommando des Regiments. Die Napoleonischen Kriege boten Johann I. immer wieder die Gelegenheit zu aufsehenerregenden militärischen Erfolgen. Dies galt in gleicher Weise für den Einsatz in den Niederlanden 1792–94 wie für die Kampfhandlungen in Deutschland 1796–97, an denen er im Rang eines Generalmajors (Ernennung 1794) teilnahm. Die zeitgenössischen Berichte überboten sich in ihrer Begeisterung über die militärischen Leistungen des Liechtensteiners, der schon bald als einer der fähigsten Gegenspieler Napoleons eingeschätzt wurde. Das Jahr 1799 sah Johann I. am Kriegsschauplatz in Italien. Er nahm an der blutigen Schlacht an der Trebbia (17.–19.6.1799) teil und verteidigte die Festung Cuneo (29.11.– 4.12.1799), deren Fall er freilich nicht verhindern konnte. 1800 stand der in der Zwischenzeit zum Feldmarschallleutnant (1799) aufgerückte Liechtensteiner wieder in Österreich an der Front. So wenig erfolgreich der Feldzug gegen Napoleon aus habsburgischer Sicht auch verlief, gab er Johann I. dennoch die Gelegenheit, sich mehrmals auszuzeichnen (Schlacht bei Hohenlinden, 3.12.1800). In Anerkennung seiner vielfältigen Verdienste wurde Johann I. 1801 mit der höchstmöglichen militärischen Auszeichnung, dem Grosskreuz des militärischen Maria-Theresien-Ordens, geehrt. Im Jahr 1805 übernahm Johann I. nach dem Tod seines Bruders Alois I. Josef das Majorat und die Regentschaft im Haus Liechtenstein. Weder dies noch zunehmende gesundheitliche Probleme hinderten Johann I. daran, 1805 das Kommando eines Armeekorps in der Schlacht bei Austerlitz zu übernehmen. Nach der schweren Niederlage der kaiserlichen Truppen galt es, den Schaden in Grenzen zu halten. In dieser schwierigen Situation bewährte sich Johann I. auch in seiner neuen Rolle als Diplomat. Noch in der Nacht vom 2. zum 3.12.1805 begab sich der Fürst ins Hauptquartier Napoleons und bereitete das Treffen des Franzosenkaisers mit Kaiser Franz II. vor. Johann I. hatte bei den folgenden Verhandlungen als ranghöchster offizieller Abgesandter Österreichs wesentlichen Anteil am Zustandekommen des Pressburger Friedens vom 26.12.1805, der den Krieg mit Napoleon fürs Erste beendete. Kaiser Franz verlieh ihm am 12.2.1806 für seine Bemühungen den Orden vom Goldenen Vlies. Mit der Ernennung zum Kommandanten der Stadt und Festung Wien (1806) und zum kommandierenden General in Niederösterreich (1808) erreichten das Ansehen und die Popularität des Liechtensteiners einen Höhepunkt. Im österreichisch-französischen Krieg 1809 (Kriegserklärung am 9.4.) nahm Johann I. als General der Kavallerie an den Schlachten bei Aspern-Essling (21.–22.5.) und Wagram (5.–6.7.) teil. Am 31.7.1809 übernahm der Fürst, ab dem 12.9. im Rang eines Feldmarschalls, den Oberbefehl über die gesamte österreichische Armee. Der für Österreich ungünstige Verlauf der umstrittenen Waffenstillstandsverhandlungen mit Napoleon, die schliesslich zum Frieden von Schönbrunn (14.10.1809) führten, beeinträchtigten das Verhältnis des Fürsten zu Kaiser Franz I. von Österreich, der dem Liechtensteiner mangelndes Verhandlungsgeschick und Eigeninteressen vorwarf. Die kaiserliche Ungnade und der sich verschlechternde Gesundheitszustand waren die Hauptursachen dafür, dass Johann I. 1810 den aktiven Militärdienst quittierte.

Für die staatliche Entwicklung des Fürstentums Liechtenstein war die Regentschaft Johann I. von grundlegender Bedeutung. Am 12.6.1806 unterzeichneten 15 deutsche Reichsfürsten – unter ihnen befand sich das zum Königreich erhobene Kurfürstentum Bayern – mit Napoleon den «Rheinbund» und erklärten ihren Austritt aus dem Reichsverband. In der Folge legte der Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, Franz II., die Kaiserkrone nieder und regierte fortan als Franz I. mit dem Titel eines Kaisers von Österreich. Es entsprach der Wertschätzung, die Napoleon für Johann I. hegte, dass das Fürstentum Liechtenstein in den «Rheinbund» aufgenommen wurde. Die damit verbundene Absicht Napoleons, den Liechtensteiner für sich zu gewinnen, erwies sich freilich als nicht zielführend. Zwar nahm der 16. Rheinbundfürst das Geschenk Napoleons an, doch weder unterschrieb Johann I. die Rheinbund-Akte noch trat er formell aus dem Reichsverband aus. Wien beobachtete die Vorgänge um das Fürstentum Liechtenstein mit Sorge und unverhohlener Kritik. In dieser schwierigen Situation machte Johann I. von der im Rheinbundvertrag vorgesehenen Klausel Gebrauch, wonach kein Rheinbundfürst im Dienst einer fremden Macht stehen dürfe. Um seine Loyalität zum Haus Habsburg zu beweisen, übertrug Johann I. die Regentschaft im Fürstentum nominell an seinen erst dreijährigen Sohn Karl Johann, dessen Vormundschaft er sich freilich vorbehielt und damit die Macht im Land de facto behielt. Durch die Aufnahme in den Rheinbund wurde das Fürstentum Liechtenstein zu einem souveränen Staat.

Johann I. griff immer wieder im Geist eines josephinistischen Spätabsolutismus aktiv in die Landespolitik ein. So führte er 1805, wenige Monate nach dem Tod von Fürst Alois I. Josef, mit der «Normalschule» die allgemeine Schulpflicht in Liechtenstein ein. Der 1808 als Landvogt in Vaduz eingesetzte, aus Böhmen stammende Josef Schuppler setzte die von Johann I. erlassenen Dienstinstruktionen nicht selten ohne Rücksichtnahme auf die Landesbevölkerung durch. Ergebnisse dieser «Reformen von oben» waren unter anderem die Einführung des Grundbuchs, die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Gewährleistung der freien Niederlassung, die Neuregelung des Sanitätswesens und vor allem der am 9.11.1818 mit der landständischen Verfassung eingeführte Ständelandtag. Wenn auch die Befugnisse dieses Landtags sehr eingeschränkt waren, vermittelte allein die Tatsache seiner Existenz der Bevölkerung des Fürstentums doch das Gefühl eines gewissen Mitspracherechts.

Am Wiener Kongress 1815, auf dem die Neuordnung Europas nach dem Sturz Napoleons festgelegt wurde, war auch der Fürst von Liechtenstein diplomatisch vertreten. Das Land wurde 1815 als flächenmässig kleinster Staat Mitglied des neu geschaffenen Deutschen Bunds. Johann I., der die Regentschaft im Land nun wieder selbst übernommen hatte, war zum souveränen deutschen Bundesfürsten aufgestiegen.

Nach dem Rückzug vom Militärdienst 1810 widmete sich Johann I. vermehrt der Verwaltung der Güter. Seine intensive Auseinandersetzung mit ökonomischen Fragen brachte den Fürsten manchmal auch in Konflikt mit bestehenden kaiserlichen Verordnungen: So erwarb er, um bessere Zuchterfolge zu erzielen, in Spanien Hunderte hochwertige Merinoschafe und liess sie wegen des ausdrücklichen Importverbots auf abenteuerliche Weise auf seine Güter schmuggeln. Die erwirtschafteten Gewinne legte Johann I. nicht zuletzt in Grundbesitz an. Während der grössere Teil der neu erworbenen Ländereien zur standesgemässen Ausstattung fürstlicher Nebenlinien verwendet wurde, geht die Erwerbung von tatsächlichen und vermeintlichen Familienstammsitzen auf romantische Motive zurück. In diesem Sinn kaufte Johann I. 1807 den verfallenen liechtensteinischen Stammsitz bei Mödling, die Reste der «Veste Liechtenstein», sowie 1814 das Gut Liechtenstein in der Obersteiermark. Ohne Erfolg blieben hingegen die Bemühungen des Fürsten, das für die Familiengeschichte so traditionsreiche Schloss Nikolsburg vom Haus Dietrichstein zurückzukaufen. Weitere von Johann I. zwischen 1818 und 1833 getätigte Grunderwerbungen betrafen unter anderem die Güter Weyer bei Judenburg (1818), Josefsdorf am Kahlenberg bei Wien (1819), die weststeirischen Schlösser und Herrschaften Harrachegg, Schwanberg, Limberg und Deutschlandsberg mit Frauental und Freilhofen (1820) sowie die oststeirischen Herrschaften Riegersburg (1822) und Kornberg (1825). In Niederösterreich erwarb Johann I. unter anderem die Herrschaften Neulengbach und Seebenstein mit Schloss Wildenstein. Auch das Palais Rasumofsky in Wien kam unter Johann I. in liechtensteinischen Besitz. 1807–10 veranlasste er die Übersiedlung der Gemäldegalerie in die Rossau. Die rege Bautätigkeit, die der Fürst auf seinen Besitzungen entfaltete, stand zunächst unter der Leitung Josef Hardtmuths (1758–1816), dann unter der des prominenten klassizistischen Architekten Josef Georg Kornhäusel (1782–1860). Johann I. starb am 20.4.1836 in Wien. Seine Nachfolge trat sein ältester Sohn Alois II. Josef an.

Literatur

Wurzbach 15, 148–156; J. von Falke: Geschichte des fürstlichen Hauses Liechtenstein 3, 1882, 283–337; ADB 18, 610–614; O. Criste: Feldmarschall Johannes Fürst von Liechtenstein, 1905; K. von In der Mauer: Feldmarschall Johann Fürst von Liechtenstein und seine Regierungszeit im Fürstentum, in: JBL 5 (1905), 149–216; G. Wilhelm: Die Fürsten von Liechtenstein und ihre Beziehungen zu Kunst und Wissenschaft, in: Jahrbuch der liechtensteinischen Kunstgesellschaft 1976, 9–180, bes. 144–159; V. Press: Das Fürstentum Liechtenstein im Rheinbund und im Deutschen Bund (1806–1866), in: Liechtenstein in Europa, 1984, 45–106; NDB 14, 519f.; G. Schmidt: Fürst Johann I. (1760–1836), in: Fürstliches Haus, 1987, 383–418; H. Wanger: Die Regierenden Fürsten von Liechtenstein, 1995, 121–133; G. Schöpfer: Klar und fest, 1996, 96–107.

Abbildungen

Sammlungen des Regierenden Fürsten von Liechtenstein; Österreichische Galerie, Wien.

Zitierweise

Herbert Haupt, «Liechtenstein, Johann I. Josef von», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Liechtenstein,_Johann_I._Josef_von, abgerufen am 22.4.2019.

Medien

Johann I. Josef von Liechtenstein. Ölgemälde, Kopie eines unbekannten Meisters nach Johann Baptist Lampi (1751–1830). © LIECHTENSTEIN, The Princely Collections, Vaduz–Vienna.