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Liechtenstein, Johann II. von

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Autorin: Evelin Oberhammer | Stand: 31.12.2011

Landesfürst. *5.10.1840 Eisgrub (CZ), †11.2.1929 Feldsberg (CZ), // Wranau (CZ). Sohn des Alois II. Josef und der Franziska, geb. Gräfin Kinsky von Wchinitz und Tettau, zehn Geschwister, unter anderem Franz I. von Liechtenstein. Ledig.

Auf eine sorgfältige, mehrsprachige Erziehung folgten Studien in Karlsruhe und an der Universität Bonn (1859) sowie in Brüssel und Paris (1860). Sein Begleiter war der Sozialreformer Karl Freiherr von Vogelsang, der die Einstellung Johanns II. zu sozialen und humanitären Fragen nachhaltig prägte. Da Johann seinem Vater Alois schon 1858 als Majoratsherr und Fürst von Liechtenstein nachfolgte, führte während seiner Studienjahre seine Mutter Franziska stellvertretend die Regierungsgeschäfte (1859–1860). Dies war auch in späteren Jahren während längerer Auslandsaufenthalte Johanns noch mehrfach der Fall. . Johann II., dessen unstetes Wesen ihn häufig zu Ortsveränderungen bewog, unternahm regelmässig grössere Reisen, die ihn unter anderem wiederholt nach England, ferner nach Italien, Frankreich, Spanien, Deutschland und Dänemark beziehungsweise 1881 auf seiner 1877 gebauten Jacht «Herta» nach Konstantinopel (Istanbul) und nach Griechenland führten. Liechtenstein besuchte er in den Jahren 1859, 1866, 1896, 1901, 1919, 1920 und 1925.

In die 71 Jahre umfassende Regierungszeit Johanns II. (1858–1929) fielen zahlreiche wichtige Reformen in Liechtenstein, etwa 1859 jene des Schulwesens, der Währung und des Strafrechts, 1864 der Gemeindeverwaltung, 1865 der Gewerbeordnung und der Steuergesetzgebung sowie 1869 des Armenwesens. 1911 schloss Liechtenstein einen Postvertrag mit Österreich, 1920 einen mit der Schweiz und 1923 einen Zollanschlussvertrag mit der Schweiz. 1862 unterzeichnete Johann II. die zwischen ihm und den Landständen ausgehandelte erste konstitutionelle Verfassung Liechtensteins und 1921 die Verfassung auf parlamentarisch-demokratischer Grundlage. Im Preussisch-Österreichischen Krieg 1866 stellte Johann II. Österreich das liechtensteinische Kontingent (→ Militär) zur Verfügung, was in der Bevölkerung auf kein Verständnis stiess. Der Landtag widersetzte sich dem Entscheid des Fürsten. Johann II. kam nach Liechtenstein, um seine Haltung zu erklären und übernahm den Grossteil der Kosten des Ausmarsches. 1868 löste er das Kontingent auf Betreiben des Landtags widerstrebend auf. 1872 und 1919 verbot er die Errichtung von Spielbanken in Liechtenstein, da er sie für moralisch verderblich hielt. 1893 und 1926 erfuhr das fürstliche Hausgesetz einige Erweiterungen durch eherechtliche Bestimmungen. Im November 1918 enthob Johann II. den vom Landtag gestürzten Landesverweser Leopold von Imhof in Gnaden seines Amts und nahm die Fortführung der Regierungsgeschäfte durch einen provisorischen Vollzugssausschuss zur Kenntnis (→ Novemberputsch). Im Dezember 1918 sandte er Prinz Karl von Liechtenstein als Vermittler zwischen den Anhängern und den Gegnern des Vollzugsausschusses nach Liechtenstein und ernannte ihn auf Wunsch des Landtags zum neuen Landesverweser. 1919 richtete Johann II. Gesandtschaften in Wien (aufgehoben 1921) und Bern ein. An den im September 1920 durchgeführten Schlossverhandlungen zwischen fürstlichen Vertretern und der oppositionellen Volkspartei, welche eine wichtige Etappe auf dem Weg zur Verfassung von 1921 bildeten, stimmte Johann II. den Forderungen der oppositionellen Volkspartei weitgehend zu (→ Schlossabmachungen). Aufgrund des Sparkassaskandals löste Johann II. 1928 den Landtag auf, zwang die Regierung um Gustav Schädler zur Demission und lieh dem Land grössere Gelder zur Sanierung der Sparkassa.

Der Fürst brachte politischen Belangen theoretisch zwar grosses Interesse entgegen, vermied es in der Praxis aber vor allem in seiner späteren Regierungszeit grundsätzlich, Stellung zu beziehen. So delegierte er in der Frage der Übernahme Liechtensteins durch den Heiligen Stuhl 1916 die Kompetenzen an seinen jüngeren Bruder Franz, der das Projekt ablehnte. Ähnlich passiv, daher für die Arbeit seiner Beamten wenig hilfreich, war seine Reaktion angesichts der Enteignungsmassnahmen durch die Bodenreform in der Tschechoslowakei, in deren Zug das Haus Liechtenstein 1919–38 rund 50 % seines Gesamtbesitzes verlor.

Sehr aufgeschlossen stand Johann II. den aktuellen Entwicklungen auf dem land- und forstwirtschaftlichen Gebiet sowie dem Industriesektor gegenüber. Im Hinblick auf die Steigerung der Rentabilität stellte er die Führung seiner Güter und Betriebe gemäss den Erfordernissen eines modernen Wirtschaftsunternehmens um, setzte die neuesten technischen Errungenschaften ein, experimentierte mit Viehzucht und verschiedenen Ackerkulturen, rationalisierte den Forstbereich und baute das Strassennetz aus. Seine Besitzungen, vor allem das vereinigte Gut Feldsberg-Eisgrub, dienten Lehranstalten, Vereinen und Fachleuten, wie etwa 1902 dem englischen Ackerbauminister, als Musterbeispiel für landwirtschaftliche Innovationen. Gleichermassen engagierte sich Johann II. für den Gartenbau. Mithilfe des Gartenbaudirektors Wilhelm Lauche (1859–1950) gestaltete er die Eisgruber und Feldsberger Parkanlagen aus. Zeugnis seiner botanischen Interessen war die Vielfalt seltener tropischen und subtropischen Pflanzen, darunter zahlreicher Palmengewächse und Succulenten sowie eine über 1000 Exemplare zählende Orchideensammlung. In Eisgrub gründete der Fürst 1895 eine höhere Obst- und Gartenbauschule sowie 1912 ein Pflanzenzüchtungsinstitut (Mendeleum). Er förderte die Verbreitung der Kultivierungsergebnisse durch die kostenlose oder -günstige Vergabe von Obstbäumen, Samen und Pflanzen.

Johann II. zählte zu den bedeutendsten Sammlern und Kunstmäzenen seiner Zeit. Beraten vom Generaldirektor der Berliner Museen, Wilhelm von Bode (1845– 1929), ergänzte er den Bestand der Sammlungen des Fürsten von Liechtenstein in erster Linie um altdeutsche und niederländische Meister sowie um Werke der italienischen Vor- und Frührenaissance. Daneben tätigte er umfangreiche Erwerbungen von Plastiken und Objekten des Kunsthandwerks. Bei den Verkäufen, die er teilweise nach subjektiven Kriterien vornahm, zeigte er dagegen eine weniger glückliche Hand. Mit grosszügigen Schenkungen von Kunstgegenständen bedachte Johann II. das Fürstliche Landesmuseum (→ Liechtensteinisches Landesmuseum) in Vaduz sowie weitere Museen und Institutionen, vor allem in Österreich (z.B. das Museum der Stadt Wien und die Galerie der Wiener Akademie der bildenden Künste). Zudem unterstützte er zeitgenössische Künstler durch den Ankauf ihrer Werke beziehungsweise mit Studien- und Reisestipendien.

Johann II. führte mehrere grössere historistische beziehungsweise romantische Bauvorhaben aus. In den 1860er und 70er Jahren liess er das Schloss Fischhorn (Salzburg) und die Burg Wartenstein am Semmering restaurieren. 1884–1903 nahm der Fürst den Umbau der Veste Liechtenstein (→ Liechtenstein, Burg und Herrschaft) vor. 1889–1913 wurden das Schloss Sternberg in Mähren von Gustav von Neumann und 1905–14 das Schloss Vaduz wiederhergestellt.

Johann II. förderte die Modernisierung Liechtensteins durch grosszügige finanzielle Unterstützung. Er beteiligte sich an den Kosten der Rheineindämmung in den 1870er Jahren und am Ausbau der Strassen und Wanderwege des Landes. So finanzierte er zum Beispiel den Bau des Fürstensteigs 1897 (→ Dreischwesternweg). Besonderes Interesse hatte der tief religiöse Johann II. an der Errichtung sakraler Bauten, die er durch bedeutende Geldzuwendungen unterstützte, wie etwa die Pfarrkirche St. Florin in Vaduz, die Pfarrkirche St. Laurentius in Schaan, die Pfarrkirche St. Fridolin in Ruggell sowie die Pfarrkirche St. Nikolaus und Martin in Balzers («Fürst-Johann-Jubiläumskirche»). Auch eine grössere Zahl profaner Gebäude, Hege- und Forsthäuser beziehungsweise Jagdvillen entstand in seinem Auftrag. 1873–75 liess er auf dem Areal des Rossauer Gartenpalais in Wien das sogenannte Alserbachpalais neu erbauen (→ Palais, fürstliche).

Als Förderer der Wissenschaft subventionierte Johann II. vor allem medizinische und historische Forschung, zum Beispiel das Pharmakologische Institut der Wiener Universität, die prähistorische Sektion der Österreichischen Akademie der Wissenschaften oder die archäologische Erforschung Kleinasiens. 1898 gründete er im Schloss Mährisch-Aussee ein Forst- und Jagdmuseum. Namhafte historische und kunstgeschichtliche Publikationen wie die von Jacob von Falke (1825–1897) verfasste, dreibändige Geschichte des Hauses Liechtenstein (1868–82) oder die österreichische Burgentopografie von Otto Piper (1841–1921) gehen auf seine Initiative beziehungsweise grosszügige finanzielle Unterstützung zurück. Um 1900 veranlasste Johann II. die Sichtung und Registrierung der Familiendokumente und sämtlicher Wirtschafts- und Verwaltungsakten sowie deren Zusammenfassung in einem Zentralarchiv im Gartenpalais (Fertigstellung 1908), 1912–14 ebenda die Einrichtung der Fideikommissbibliothek.

Wesentlich war auch der Einsatz des Fürsten auf humanitärem und karitativem Gebiet. Die Sozialleistungen für seine Beamten und Angestellten waren fortschrittlich (unter anderem Arbeiterwohnungen, Kranken- und Unfallversicherung, Erziehungsbeiträge und Stipendien). Der Fürst unterstützte bedürftige Einzelpersonen und Familien, Wohlfahrtsanstalten beziehungsweise gemeinnützige Vereine. Durch Grundschenkungen und grosszügige Zuschüsse förderte er den Bau von Schulen, Waisen-, Armen- und Krankenhäusern. Aus eigenen Mitteln errichtete Johann II. unter anderem 1908 ein Frauenkrankenhaus in Feldsberg. Er leistete erhebliche Beiträge an Liechtensteins Lebensmittelversorgung im Ersten Weltkrieg; 1923 und 1928 schenkte er dem Land anlässlich von Regierungsjubiläen insgesamt 1,5 Mio. Fr. 1908 stiftete er eine Regierungsjubiläumsmedaille. Johann II. erhielt zahlreiche Ehrungen: Ehrengrosskreuz des souveränen Malteser Ritterordens, Ritter des Ordens vom Goldenen Vlies (1862), Grosskreuz des St.-Stefan-Ordens (1876), Grosskreuz des serbischen Takowa-Ordens (1882), Ritter des Königlich bayerischen Hubertusordens (1882). Er war unter anderem erbliches Mitglied des österreichischen Herrenhauses, 1883 Ehrenmitglied der k.k. Zentralkommission zur Erforschung und Erhaltung der Kunst- und historischer Denkmale, 1889 der Akademie der Wissenschaften in Wien und 1899 des Österreichischen Archäologischen Instituts.

Der in Liechtenstein äusserst beliebte, weltanschaulich konservative Johann II. war zeitlebens ebenso philanthropisch wie menschenscheu. So verweigerte er nach Möglichkeit die Anfertigung von Porträts oder Fotos und vermied öffentliche Auftritte und Ehrungen. Das Volk in Liechtenstein gab ihm den Beinamen «der Gute». 1932 wurde ihm zu Ehren ein Denkmal in Schaan (Gottfried Hilti) und 1957–59 eine Büste in Vaduz (Georg Malin) errichtet. In mehreren liechtensteinischen Gemeinden sind Strassen nach ihm benannt.

Archive

HALV.

Literatur

H. Bohatta: Liechtensteinische Bibliographie, in: JBL 10 (1910), 33–161, bes. 94–97; Geiger: Geschichte, 1970; V. Press: Das Haus Liechtenstein in der europäischen Geschichte, in: Fürstliches Haus, 21988, 15–85, bes. 69–73; H. Wanger: Die Regierenden Fürsten von Liechtenstein, 1995, 145–157; G. Schöpfer: Klar und Fest, 1996, 139–157; Schlossabmachungen, 1996; Geiger: Krisenzeit 1, 22000; ÖBL 5, 205f.; NDB 14, 520f.

Abbildungen

Sammlungen des Regierenden Fürsten von Liechtenstein.

Zitierweise

Evelin Oberhammer, «Liechtenstein, Johann II. von», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Liechtenstein,_Johann_II._von, abgerufen am 21.4.2019.

Normdaten

GND:1089325185

Medien

Johann II. von Liechtenstein, 1908. Ölgemälde von John Quincy Adams (1874–1933) (Bildarchiv LLM). © LIECHTENSTEIN, The Princely Collections, Vaduz–Vienna. Das Gemälde schuf Adams im Auftrag der Stadt Wien zur Feier des 50-jährigen Regierungsjubiläums des Fürsten.