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Literatur

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Autoren: Josef Hürlimann, Graham Martin | Stand: 31.12.2011

Liechtensteinische Literatur, als von Liechtensteinern und Liechtensteinerinnen verfasste, in Liechtenstein entstandene oder inhaltlich eng auf Liechtenstein bezogene Literatur, ist mit ihrem rund 200-jährigen Bestehen eine relativ junge Erscheinung: Sie beginnt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, hat aber einen Vorläufer im Spätmittelalter. Davon abzugrenzen sind verschiedene weitere Werke, die Liechtenstein als literarischen Ort verwenden.

Vorläufer

Heinrich von Frauenberg (erwähnt 1257–66 beziehungsweise 1284–1305), wahrscheinlich Besitzer der Burg Gutenberg in Balzers, verfasste mehrere Lieder, die ihm die Anerkennung als Minnesänger und einen Platz in der «Manessischen Liederhandschrift» verschafften. Diese herausragende Anthologie umfasst alle bekannten Lieder, Leiche und Sprüche aus der Zeit von ca. 1160–1330 sowie ganzseitige Miniaturen der vertretenen Dichter, die in der Tradition der grossen mittelalterlichen-höfischen Gattung des Minnesangs standen.

Heimat- und Dorfgedicht

Die eigentliche liechtensteinische Dichtung setzte mit Peter Kaisers (1793–1864) Gedicht «Lied am Feuer» ein, in dem er als Student und Mitglied der Burschenschaft in Freiburg i.Br. vaterländisch-freiheitliche Töne anschlug. Es entstanden Jakob Josef Jauchs (1802–1859) «Liechtensteinische Volkshymne» und Albert Schädlers (1848–1922) «Vaterlands-Hymne» (→ Landeshymne). Diese Hymnen erschienen 1908 in der Anthologie «Liechtenstein im Liede», welche weitere patriotische Gedichte von Johannes Emmer (1849–1928), Ludwig August Frankl (1810–1839), Josef Gassner (1858– 1927), Fanny von Hoffnaass (1832–1892), Hermine Junker (1885–1969), Johann Langer (1793–1858), Josef Gabriel Rheinberger (1839–1901), Rudolf Schädler (1845–1930), Elias Wille (1880–1972), Joseph Christian Freiherr von Zedlitz (1790–1862), Georg Simoni, Vinzenz Büchel (1866–1891) und Johann Baptist Büchel (1853–1927) enthält. Letzterer veröffentlichte bis zu seinem Lebensende 40 gedruckte Werke. Josef Hoop (1892–1918) verfasste Aufzeichnungen und Verse. Die vorwiegend patriotischen Gedichte dieser Anfangsphase der liechtensteinischen Literatur widerspiegeln die damalige geistige Situation. Als Ausnahme hebt sich vor diesem Hintergrund das anonyme Gedicht «Die Weberin» ab, das relativ kunstvoll verdichtet die seelentötende Fabrikarbeit thematisiert; über den Verfasser oder die Verfasserin dieses Gedichts gibt es nur Vermutungen.

Seit Grete Gulbransson-Jehly (1882–1934) wird in den Gedichten vermehrt Dörfliches besungen, besonders originell und humorvoll beim Volksdichter Johann Walch (1869–1937). Dem Vaterland und z.T. dem Fürsten (zum 50. Geburtstag) verpflichtet sind die Fest- und Freilichtspiele von Johann Baptist Büchel (1912), Karl Josef Minst (1925), Josef Beck (1949), Oskar Eberle (1956), Edwin Nutt (1956) und Otto Seger (1956), von denen die drei Letzteren nicht aufgeführt wurden. Die bestimmenden Themen dieser Zeit waren die eigene Herkunft, das eigene Land, die eigene Bräuche, eine überhöhte Heimatliebe und vaterländische Gesinnung sowie das Fürstenlob, das zu einem wesentlichen Bestandteil der liechtensteinischen Identitätsbildung wurde.

Prosa: Historisches, Sagenhaftes und Selbsterlebtes

Die Prosaliteratur ist in den Anfängen eine ausgesprochene Frauendomäne: Hermine Rheinberger (1864–1932) veröffentlichte 1887 ihren historischen Roman «Gutenberg-Schalun», Maria Matthey (*1871) alias Marianne Maidorf 1908 ihre auf einer Sage basierende Erzählung «Die Hexe vom Triesnerberg». Dann setzte eine Pause ein, welche die Schaanerin Maria Grabher-Meyer (1898–1970) 1950 mit dem Erzählband «Dorf meiner Kindheit» beendete. Es folgten Paul Gallicos Erzählung «Ludmila» (englisch 1955, deutsch 1957), Werner Helwigs Schlüsselroman «Der smaragdgrüne Drache» (1960) und Josef Johlers Roman «Die Mörderburg» (1969). Felix Marxer (1922–1997) verarbeitete auf sehr menschliche Weise Selbsterlebtes in Form von Geschichten und Anekdoten in Mundart und Schriftsprache.

Die Hinwendung der Volkspoesie zur Heimat verband sich mit der Sammlung der liechtensteinischen Sagen und Legenden. Schon 1858 erschien Franz Josef Vonbuns erste Sagensammlung der Region, die einige liechtensteinische Sagen enthielt. Albert Schädler und Eugen Nipp gaben ihr liechtensteinisches Sagengut 1916 beziehungsweise 1924 heraus. 1948 erschien die «Sagenumwobene Heimat» von Hans-Friedrich Walser, 1970 eine Sammlung neu erzählter Sagen von Dino Larese und 1973 eine vollständige Sammlung von Otto Seger.

Mundartlyrik und -prosa

In den Nachkriegsjahren schaffte sich in zahlreichen Gedichten und in der Erzählliteratur eine Besinnung auf die Dorfdialekte Raum, so bei Edwin Nutt (1922–1991), Ida Ospelt-Amann (1899–1996), Anni Hilbe (*1922), Siegfried Feger (1901–1989), Hans Gassner (1898– 1973), Maria Grabher-Meyer (1898–1970), Johann Beck (1913–1997), Rosa Negele (*1918), Elisabeth Amann (1881–1961), Alois Büchel (1873–1935), Benno Büchel (*1949) und Rudolf Goop (*1942). Mundarteinschübe finden sich auch bei Hermine Rheinberger und Marianne Maidorf. Mit der Mundart hielten Weinlyrik und Bergdichtung Einzug in die Literatur, Letztere dank der Zeitschrift «Bergheimat» ab 1951 relativ ausgeprägt. Die Verfasser waren Beobachter und Beschreiber, keine Fantasten und Erfinder. Das Thema Liebe fand kaum Eingang in Lyrik und Prosa, auch nicht in den Film. Die Mundartdichtung vermittelte Vertrautheit und Geborgenheit und pflegte das Brauchtum und die Heimatverbundenheit. Sie diente als Gebrauchslyrik bei Feiern, Festspielen, Eröffnungen und Empfängen; wenn Humor und Satire im Spiel waren, wirkten die Gedichte wie Schnitzelbänke. Eine neue Ausdrucksform fand Mundartlyrik jedoch in den Texten liechtensteinischer Rock- und Pop-Gruppen (→ Musik).

Ankunft in der Moderne

Die Moderne fand lange keinen Eingang in die liechtensteinische Dichtung. Die jungen, von der Studentenbewegung der 1960er Jahre beeinflussten Schreibenden konnten der Tradition der Heimatdichtung jedoch nichts mehr abgewinnen. Die neue Generation von Lyrikern und Lyrikerinnen misstraute dem Wohl- und Gleichklang und begann an der heilen Welt zu kratzen. Die intellektuellen, vielseitig begabten, literarisch in Theorie und Praxis aktiven Kunstschaffenden schlugen neue Töne an, spielten allenfalls mit Dialektausdrücken, knüpften an den Dadaismus, Surrealismus oder Expressionismus an. Zu ihnen gehören Anne Marie Jehle (1937– 2000), Norbert Haas (*1942), Roberto Altmann (*1942), Rainer Nägele (*1943), Evi Kliemand (*1945), Hans-Jörg Rheinberger (*1946) und Rita Fehr (*1963). Auch das 1964 gegründete Kabarett Kaktus ist hier zu nennen.

Ab den späteren 1970er Jahren entwickelte sich eine eigentliche Literaturszene. Verdient darum machten sich beratend und unterstützend der Verleger Robert Allgäuer (*1937) und Manfred Schlapp (*1943), der 1978 den PEN-Club Liechtenstein mit dem «Zifferblatt» als Sprachrohr gründete und 1987 den ersten «Liechtensteiner Almanach» mit herausgab.

In unterschiedlichem Ausmass präsente Autoren im Gefolge des Aufbruchs in die Moderne sind neben den schon genannten: Jens Dittmar (*1950), Peter Gilgen (*1963), Anita Grüneis (*1947), Gustav Kaufmann (*1956), Claudine Kranz (*1955), Iren Nigg (*1955), Arno Oehri (*1962), Ingo Ospelt (*1961), Mathias Ospelt (*1963), Hansjörg Quaderer (*1958), Sigi Scherrer (*1946), Jürgen Schremser (*1964) und Stefan Sprenger (*1962). Kurz- und/oder Erzählliteratur verfasst haben Ludwig Marxer (1962–2006), Walter Nigg (*1961), Kurt Weiss (*1937) und Sigvard Wohlwend (*1966). Als einziger Liechtensteiner Schriftsteller im deutschen Sprachraum bekannt geworden ist Michael Donhauser (*1956), besonders als Lyriker.

Die liechtensteinische Literaturszene lebt am Anfang des 21. Jahrhunderts von der arrivierten Garde des 20. Jahrhunderts, der es noch nicht vergönnt ist, den Aufbruch und die Nachfolge einer jungen Schriftstellergeneration auszumachen. Seit den 1990er Jahren finden alle zwei Jahre die Liechtensteiner Literaturtage in Schaan statt. Begegnungsort für literarisch Schaffende und Interessierte ist das von Roman Banzer (*1957) 2001 mitgegründete und von ihm geführte Literaturhaus Liechtenstein.

Josef Hürlimann

Liechtenstein als literarischer Ort

Liechtenstein kommt als literarischer Ort in Werken bekannter Autorinnen und Autoren immer wieder vor, teils als fiktiver, teils als realistischer Schauplatz.

Der wohl berühmteste Fall ist Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), der nachweislich 1788 eine Nacht in Vaduz verbrachte, als er von einer Reise in Italien nach Weimar heimfuhr. In Bezug auf Goethes Spätwerk «Novelle» (1826) stellte der Germanist Karl Simrock ca. 1838 die umstrittene Behauptung auf, der (nicht genannte) Schauplatz müsse Vaduz gewesen sein; allerdings gibt es eine ganze Reihe von weiteren mutmasslichen Schauplätzen. In Jean Pauls (J.P.F. Richter, 1763–1825) Roman «Siebenkäs» (2. Auflage 1818) bekommt die Zentralgestalt Siebenkäs eine Anstellung bei einem fiktiven «Grafen von Vaduz», ein Zusammenhang mit dem wirklichen Vaduz fehlt jedoch. Ein weiteres Werk dieser Zeit, in dem ein «Ländchen Vadutz» vorkommt, ist das Märchen «Gockel, Hinkel und Gackeleia» (2. Auflage 1837) des Romantikers Clemens Brentano (1778–1842). Obwohl das «Ländchen» viele fiktive Merkmale aufweist, gibt es einige Einzelheiten, die mit dem wirklichen Liechtenstein übereinstimmen, vor allem Details aus der Vor- und Frühgeschichte des Gebiets sowie die mehrmalige Erwähnung eines «Klosters Bänderen».

Hermann Hesse (1877–1962) unternahm um 1906 eine Wanderung von seinem damaligen Wohnort, Gaienhofen am Bodensee, nach Appenzell und anschliessend nach Vaduz. 1907 publizierte er einen Bericht über die ganze Wanderung, von dem der Vaduz-Teil später in seinem «Bilderbuch» (1926) erschien. Hier beschreibt er eine Rastpause am Weiher des Schlosses Vaduz, wobei er eine Art Märchen über die darin schwimmenden Goldfische dichtet. Eine Zeitgenossin Hesses war die Vorarlberger Schriftstellerin Grete Gulbransson (1882–1934). Sie besuchte Liechtenstein in den 1920er Jahren häufig, schrieb darüber mehrere Gedichte und Prosaskizzen und widmete ausführlichen Beschreibungen ihrer Aufenthalte in Liechtenstein einen Teil ihres umfangreichen Tagebuchs. Der Norddeutsche Werner Helwig (1905–1985) emigrierte während des Zweiten Weltkriegs aus Deutschland nach Liechtenstein Er lebte 1942–49 in Liechtenstein und verewigte seinen Aufenthalt in einigen autobiografischen Schriften und vor allem im Roman «Der smaragdgrüne Drache» (1960), in dem er das Leben in der Emigrantenkolonie im «Herzogtum Archenfels» darstellte. In den späten Romanen «Justiz» (1985) und «Durcheinandertal» (1989) des Schweizers Friedrich Dürrenmatt (1921–1990) gibt es je einen Charakter, der angeblich Liechtensteiner ist.

Neben den Werken deutschsprachiger Autoren finden sich auch Beispiele in der fremdsprachigen Literatur, z.B. bei den «Impressions de Voyage III» (1854) des Franzosen Alexandre Dumas père (1802–1870) oder bei der Erzählung «Ludmila» (1954) des Amerikaners Paul Gallico, der eine Zeit lang in Liechtenstein lebte. Auch das Haus Liechtenstein kommt mehrmals in der Literatur vor, besonders in der Biedermeierzeit in Österreich, z.B. in Franz Grillparzers «König Ottokars Glück und Ende» (1825), aber auch in verschiedenen späteren historischen Darstellungen.

Graham Martin

Literatur

Literatur Federspiel: Orte in Liechtenstein – Liechtenstein in orte, in: Orte in Liechtenstein – Liechtenstein in orte, orte 86, 1993, 19–21; L. Federspiel-Kieber: «Wo Dein Himmel, ist Dein Vaduz», in: Allmende 58/59, 1998, 6–10; Lyrik aus Liechtenstein, Hg. J. Dittmar, 2005; R. Banzer: Rezensionen, Rezeptionen, in: Jahrbuch des Literaturhauses Liechtenstein 2 (2008), 10–23. Europa erlesen Liechtenstein, Hg. J. Dittmar, 2000; G. Martin: «Wo dein Himmel, ist dein Vadutz», 2007.

Zitierweise

Josef Hürlimann, Graham Martin, «Literatur», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Literatur, abgerufen am 22.4.2019.