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Lutzengüetle (Lotzagüetle)

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Autorin: Anna Merz | Stand: 31.12.2011

Archäologische Fundstelle, Gemeinde Gamprin, 610 m ü.M. Das Lutzengüetle liegt auf dem Eschnerberg in einem quer zum Bergrücken verlaufenden kleinen Einschnitt von etwa 50 m Länge und 15–20 m Breite; die Furche wird auf beiden Seiten durch steil aufragende Felswände geschützt. Das nördliche Ende mündet auf eine Terrasse. Dieses Quertal, das sich durch eine dicke Lössschicht auszeichnet, war in prähistorischer Zeit ein begehrter Siedlungsplatz.

1942–45 führte der Historische Verein unter der Leitung von David Beck auf dem Lutzengüetle archäologische Grabungen durch. Dank der einzigartigen Schichtabfolge, die besonders verschiedene Epochen der Jungsteinzeit umfasst und für die Stratigrafie dieser Epoche äusserst wichtig ist, kristallisierte sich bald die überregionale Bedeutung des Lutzengüetle heraus. Aus diesem Grund schloss sich 1945 eine Equipe des Schweizer Landesmuseums in Zürich unter der Leitung von Emil Vogt den Ausgrabungen an.

Die archäologischen Schichten beginnen direkt unter dem Waldhumus. Sie umfassen bis zu 3,90 m Mächtigkeit und zeigen damit die intensive Besiedlung des Ortes an. Die unterste Schicht beinhaltete geometrisch verzierte Keramik mit weisser Inkrustation, besonders bei feinkeramischen Henkelkrügen und Schalen. Deren (damalige) Einzigartigkeit veranlasste Emil Vogt, dieses Formenspektrum nach dem Fundort «Lutzengüetle-Kultur» zu benennen. Seither wurden vom Bodenseeraum bis ins Gebiet von Zürich weitere Fundstellen mit derartiger Keramik entdeckt. Pfostenlöcher, die aber nicht zu Gebäuden rekonstruiert werden können, bilden die letzten Siedlungsspuren dieser Zeit. Die Lutzengüetler-Kultur datiert in den Beginn der späten Jungsteinzeit an der Wende vom 5. zum 4. Jahrtausend v.Chr. Ihre Stellung im Vergleich zu den Funden des schweizerischen Mittellands und des Bodenseeraums wird immer wieder neu diskutiert.

Über der Lutzengüetler-Schicht befindet sich ein bis zu 1 m mächtiges Schichtbündel der Pfyner Kultur (erste Hälfte des 4. Jahrtausends v.Chr.), welches stellenweise in vier Siedlungshorizonte unterteilt werden kann. Neben Keramik fanden sich Stein- und Knochengeräte sowie zwei Kupferobjekte (eine Ahle und ein kleines Kupferplättchen), die in eine Frühphase der mitteleuropäischen Kupferverarbeitung gehören. An Siedlungsspuren fanden sich Steinsetzungen, Herdstellen mit Lehmstrichen, Ascheflecken und Pfostenlöcher.

Über der Pfyner Schicht liegt die oberste Schicht der Jungsteinzeit, die der Horgener Kultur angehört (zweite Hälfte des 4. Jahrtausends v.Chr., Anfang des 3. Jahrtausends v.Chr.). Ausser der groben, dickwandigen Keramik wurden Knochen- und Steingeräte gefunden, unter anderem auch ein kleines Depot von 13 Silexgeräten.

Oberhalb der jungsteinzeitlichen Schichten befindet sich eine bis zu 1,30 m mächtige, aus mehreren Horizonten bestehende Schicht, welche neben eisenzeitlichen Funden Scherben der spätbronzezeitlichen Urnenfelder- und Laugen-Melaun-Kultur (1300–800 v.Chr.) lieferte. Parallel zur Felswand wurden die Reste einer eingestürzten Trockenmauer entdeckt, die in die Eisenzeit (800–15 v.Chr.) datieren dürfte. Den Abschluss bilden Kleinfunde aus dem 1. Jahrhundert v.Chr. und aus der römischen Kaiserzeit.

An der westlichen Felswand schliesst unmittelbar der leicht höher gelegene Lutzengüetlekopf an, eine 60 m lange, etwa 35 m breite Kuppe, die besonders während der römischen Zeit, aber auch schon vorher, aufgesucht wurde. Die Funde umfassen Stein- und Silexgeräte, die in die Jungsteinzeit weisen, sowie Keramik der frühen Bronzezeit, der frühen und späten Eisenzeit und der römischen Epoche. Zahlreiche Münzen sowie vielfältige Mauerstrukturen deuten auf eine intensive Nutzung als Fluchtburg während der römischen Zeit im 3. Jahrhundert n.Chr. Eines der Gebäude dürfte aus dem Mittelalter stammen. Sämtliche Strukturen waren jedoch bereits während der von Adolf Hild geleiteten Grabung von 1937 durch frühere Raubgrabungen gestört. Letztere stehen mindestens zum Teil in Zusammenhang mit der sagenumwobenen «Eschinerburg», nach deren Überresten auch hier gesucht wurde.

Literatur

A. Hild: Lutzengüetle (Ausgrabung 1937), in: JBL 37 (1937), 85–98; D. Beck: Ausgrabungen auf dem Eschner-Lutzengüetle 1942, in: JBL 42 (1942), 73–84; D. Beck: Ausgrabungen auf dem Eschner Lutzengüetle 1943, in: JBL 43 (1943), 71–84; D. Beck: Ausgrabungen auf dem Eschner Lutzengüetle 1944, in: JBL 44 (1944), 93–109; E. Vogt: Ausgrabungen auf dem Lutzengüetle bei Eschen1945, in: JBL 45 (1945), 149–169; H. Hartmann-Frick: Die Tierwelt des prähistorischen Siedlungsplatzes auf dem Eschner Lutzengüetle, in: JBL 59 (1959), 5–223; E. Vogt: Der Stand der neolithischen Forschung in der Schweiz, in: Jahrbuch der Schweizer Geschichte für Ur- und Frühgeschichte 51 (1964), 7–27; J. Bill: Der Eschnerberg zur Jungsteinzeit, in: HA 9 (1978), 89–108; H. Brem, B. Hedinger: Neue Münzfunde vom Lutzagüetli, in: JBL 88 (1990), 169–185; H. Brem et al.: Münzfunde vom Lutzagüetli/Gemeinde Gamprin, in: JBL 93 (1995), 217–255.

Zitierweise

Anna Merz, «Lutzengüetle (Lotzagüetle)», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Lutzengüetle_(Lotzagüetle), abgerufen am 22.4.2019.

Medien

Henkelkrug mit Ritzverzierung der Lutzengüetle-Kultur, Ton, Gamprin-Lutzengüetle, um 4000 v.Chr. (Bildarchiv Amt für Kultur, Abteilung Archäologie). Foto: Reto Hasler / LLM.