Aktionen

Mädchenbildung

Wechseln zu: Navigation, Suche

Autorin: Annette Bleyle | Stand: 31.12.2011

Das liechtensteinische Schulwesen setzte bis in die jüngere Vergangenheit geschlechterspezifische Bildungsschwerpunkte, wobei sich die Mädchenbildung an einem Geschlechterverständnis orientierte, das Frauen die Rolle als Mutter und Hausfrau zuwies. Die Chancengleichheit der Mädchen wurde erst ab Ende der 1960er Jahre erreicht.

Schon einige Jahre vor der Einführung der Schulpflicht 1805 ist der Schulbesuch von Mädchen belegt (z.B. in Schaan ab 1800). In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wurden an der Volksschule (→ Primarschule) Mädchen und Knaben gemeinsam vom gleichen Lehrer unterrichtet, in der Sonntagsschule jedoch getrennt. Ab den 1850er bis in die 1960er Jahre bestanden auch an der Alltagsschule oft getrennte Knaben- und Mädchenoberklassen, Letztere wurden meist von Lehrschwestern der Barmherzigen Schwestern des heiligen Vinzenz von Paul in Zams geführt. Die Schulpflicht betrug von 1872 bis 1929 für Knaben neun, für Mädchen nur acht Jahre. Geschlechterspezifische Rollenbilder kamen noch bis 1993/94 im Handarbeits- und Hauswirtschaftsunterricht für Mädchen und im Werkunterricht für Knaben zum Tragen; aber auch beim Geometrie- und Turnunterricht wurden Mädchen lange Zeit anders behandelt.

An der 1858 eröffneten Realschule in Vaduz waren Mädchen erst ab 1870 zugelassen, an der 1906 gegründeten Realschule Eschen von Beginn an. Der Mädchenanteil war aber noch 1930 tief. Die 1973 geschaffene Oberschule kannte stets die Koedukation. Eine Berufsbildung (Lehre) absolvierte bis in die 1970er Jahre nur ein geringer Teil der Schulabgängerinnen.

Dank einer Stiftung von Theresia Rheinberger bestand 1846–54 im Roten Haus in Vaduz eine erste spezifische Mädchenschule. 1873–1918 betrieben die Schwestern der Christlichen Liebe eine private «Höhere Töchterschule» mit Internat auf Gutenberg in Balzers; von Liechtensteinerinnen wurde sie nur vereinzelt besucht. Ebenfalls auf Gutenberg gründeten die Anbeterinnen des Blutes Christi 1922 eine Haushaltungsschule (Institut Gutenberg), die sie 1935 als Institut Sankt Elisabeth nach Schaan verlegten. 1942–46 bestand dort ein Mädchengymnasium und 1946–77 eine «Höhere Töchterschule», an der neben Sekundarschul- und Hauswirtschaftsfächern auch die Vorbereitung auf kaufmännische Büroberufe einen Schwerpunkt bildete. Ab 1974 führten die Schwestern eine Mädchenrealschule, die 1994 auch für Knaben geöffnet wurde.

Mädchen, die eine höhere Ausbildung absolvieren wollten, waren lange auf Bildungsstätten im Ausland, vor allem in der Schweiz und Österreich, verwiesen, neben Handelsschulen und Internaten etwa auf das Gymnasium in Feldkirch, das ab 1941 Mädchen zuliess, oder ab 1963 auf die Kantonsschule Sargans. Erst seit 1968 nimmt auch das 1937 als Ordensschule gegründete heutige Liechtensteinische Gymnasium Mädchen auf. Entsprechend waren Liechtensteinerinnen an Hochschulen und Universitäten bis in die 1970er Jahre nur in Einzelfällen anzutreffen. Noch heute besteht ein (abnehmender) Trend zu geschlechtsspezifischen Studienfächern.

Literatur

Martin: Bildungswesen, 1984, bes. 374–380; P. Büchel: Als eine Frau lesen lernte […], in: Inventur, 1994, 22–41; J. Frick: Frauenerwerbsarbeit im Liechtenstein der Nachkriegszeit bis zum Beginn der 1970er Jahre, in: JBL 106 (2007), 1–71, bes. 34–48; M. Sochin: «Bestünde diese Schule nicht, müsste sie geschaffen werden», in: JBL 107 (2008), 1–70.

Zitierweise

Annette Bleyle, «Mädchenbildung», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Mädchenbildung, abgerufen am 15.2.2019.

Medien

Frauenanteil verschiedener Bildungswege in Prozent, 1930-2000