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Mühleholz (Möliholz)

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Autor: Hans-Peter Bärtschi | Stand: 31.12.2011

Ortsteil der Gemeinde Vaduz an der Nordgrenze zur Gemeinde Schaan, 450–510 m ü.M., ehemaliges Gewerbequartier. Das 1482 erstmals erwähnte Mühleholz liegt am steilen Fuss des Dreischwesternmassivs am (heute eingedolten) Vaduzer Mölibach; es wird durch die Landstrasse in das Obere und das Untere Mühleholz geteilt. Bis zur Grenzrevision von 1952 lag es teilweise auf Schaaner Gemeindegebiet. Vom späten 19. Jahrhundert bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts bildete es eine wirtschaftlich-soziale Siedlungseinheit mit dem südlich angrenzenden, durch die Möliholzröfi abgetrennten Ebenholz (Ebaholz).

Ab dem Mittelalter entwickelte sich am Mölibach die bis Mitte des 20. Jahrhunderts dichteste Gewerbeachse Liechtensteins. Schon die um 842/43 im churrätischen Reichsgutsurbar erwähnte Mühle in Schaan dürfte hier zu lokalisieren sein. Im frühen 16. Jahrhundert bestanden eine herrschaftliche Mühle mit Stampfe, Pleuel und dazugehöriger Hofstätte, 1617/19 bereits zwei herrschaftliche Mühlen, drei Stampfen, eine Sägerei und eine Wasserschmiede, Anfang des 19. Jahrhunderts drei fürstliche Getreidemühlen mit Hanfreibe und Gerstenstampfe sowie je eine private Gipsmühle, Pulvermühle, Schmiede und zwei Brettsägen. Die fürstlichen Betriebe wurden 1864 verkauft. Um 1880 befanden sich im Oberen Mühleholz zusätzlich eine mechanische Werkstätte und im Unteren Mühleholz zwei weitere Mühlen, eine Brettsäge, eine Hammerschmiede und eine Gipsmühle. 1882 wurde auch die Hepberger’sche Schmiede an der Landstrasse um eine Mühle ergänzt. Zu dieser Zeit waren zehn zum Teil mit Nebenmühlen versehene Gewerbebetriebe vorhanden, die vom kanalisierten Mölibach mit 15 Wasserrädern angetrieben wurden. Heute besteht noch ein auf die Sägerei im Unteren Mühleholz zurückgehendes Hobelwerk (Roeckle AG).

1861 errichtete Heinrich Weilenmann im Oberen Mühleholz als erste Fabrik Liechtensteins eine Baumwollweberei (die Obere Fabrik) und 1865 realisierte Kaspar Honegger im Unteren Mühleholz ebenfalls eine Weberei (die Untere Fabrik). Beide gingen 1869 beziehungsweise 1884 im Baumwollverarbeitungsunternehmen der Gebrüder Rosenthal auf. 1916 wurden sie vom Wiener Industriellen Adolf Schwab übernommen, standen aber ab 1918 mehrere Jahre still. Die Untere Fabrik, in der von 1932 bis etwa 1950 die Stragupo-Neo-Kon AG Polstermöbel und 1937–73 die Schekolin AG Lacke und Farben herstellte, fiel 1941 und 1973 Bränden zum Opfer. In der Oberen Fabrik betrieb Hermann Bauer ab 1931 eine Bettfedernproduktion (→ Dorbena AG). Im benachbarten Ebaholz entstand 1882 die Baumwollspinnerei Spoerry (ab 1905 Jenny, Spoerry & Cie.). Sie errichtete zur Energiegewinnung im obersten Teil des Mühleholzes drei ortsbildprägende Wasserspeicher (Spoerry-Weiher). Die 1992 stillgelegte Spinnerei ist seit 2002 Sitz der Universität Liechtenstein. Im Ebaholz liess sich 1962 mit der Firma Censor ein weiterer Industriebetrieb nieder (→ Perkin-Elmer-Censor).

Die Weberei Rosenthal erstellte um 1885 im Unteren und Oberen Mühleholz mehrere Arbeiterwohnhäuser, weitere folgten um 1910 an der Landstrasse; sie wurden mittlerweile alle abgebrochen. Eine rege Wohnbautätigkeit entfaltete die Spinnerei Spoerry. Zusammen mit dem Wasserrecht kamen 1881 neun Häuser im Oberen Mühleholz in ihren Besitz (darunter fünf Gewerbebetriebe), die zu Wohnzwecken umgenutzt wurden: 1882 die ehemalige fürstliche Hausmühle als Fabrikantenvilla für Johann Jakob Spoerry, 1886–1908 die restlichen Gebäude als Arbeiterwohnungen. Teile dieses in Liechtenstein einzigartigen Wohn- und Gewerbequartiers stehen seit 1997 unter Denkmalschutz. Im zuvor unbebauten Allmendgebiet Ebaholz entstanden 1887–1910 rund um die Spinnerei acht Arbeiterwohnhäuser, als erstes 1887 ein Kosthaus für sechs Familien. Das Obermeisterhaus von 1900 wurde ab 1911 als sogenanntes Mädchenheim für ledige Fabrikarbeiterinnen genutzt. In dieser das Obere Mühleholz und das Ebaholz umfassenden Fabrik-Villa-Arbeiterhaus-Siedlung spielte sich in räumlicher Einheit von Arbeiten und Wohnen das Arbeiter- und Unternehmerleben ab.

Im Mühleholz bestand ab 1927 eine Volksschule. Sie war wie der 1893 gegründete Konsumverein in einem der Rosenthal’schen Wohnhäuser an der Landstrasse untergebracht und wurde 1938 ins Ebaholz verlegt. Dort befinden sich seit 1925 das Gasthaus «Falknis», seit 1930/31 die katholische Kapelle St. Josef und seit 1963 die Evangelische Kirche Ebenholz. Die Siedlung dehnte sich durch private Wohnbauten stark aus, der Charakter als Gewerbe- und Arbeiterquartier ging weitgehend verloren. Ein 1740 an der Landstrasse im Mühleholz errichtetes «Pestkappile» wurde 1971 entfernt.

Literatur

Fabriklerleben, 1994; FLNB I/2, 360; H.-P. Bärtschi: Bauzeugen der Industrialisierung 1820 bis 1920, in: Bauen, 2000, 110–139.

Externe Links

Geodatenportal, Amt für Bau und Infrastruktur, Liechtensteinische Landesverwaltung Liechtensteiner Namenbuch online

Zitierweise

Hans-Peter Bärtschi, «Mühleholz (Möliholz)», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Mühleholz_(Möliholz), abgerufen am 22.2.2019.

Medien

Mühleholz, untere Fabrik, um 1940 (LI LA). Foto: Adolf Buck. Von links: Wohnhaus mit alter Schlosserwerkstätte im Erdgeschoss, neue Schlosserwerkstätte als eingeschossiger Zwischenbau mit Pultdach, dreigeschossiger Fabrikbau, dem Fabrikbau nördlich vorgelagertes Magazin mit Hochkamin und Kanzleigebäude, Arbeiterreihenwohnhaus mit vier Wohneinheiten.