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Malbun

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Autor: Alois Ospelt | Stand: 31.12.2011

Zur Gemeinde Triesenberg gehörender, südöstlich von Steg auf 1600 m ü.M. gelegener Sommerkur- und Wintersportort im oberen Kessel des gleichnamigen trogförmigen Hochtals (1390–2359 m ü.M.). Das Tal ist von einem Lokalgletscher gebildet und durch die Wasserscheide der anliegenden Bergkämme zu einer naturräumlichen Einheit gefasst. In ihm liegen die Triesenberger Alp Turna und die Vaduzer Alp Pradamee (Vaduzer Malbun), welche die Siedlung Malbun umschliessen, sowie eingangs an seiner östlichen Flanke die Schaaner Alpen Guschg und Stachler. Der Name Malbun (1355 Balbun und Malbun, 1483 albon) wird hergeleitet von rätoromanisch val buna (gutes Tal) oder alp buna (gute Alp). Auch eine vorrömische Herkunft des Namens ist möglich.

Das Tal gehörte in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts den Leuten des Kirchspiels Schaan-Vaduz, die 1355 einen Teil einigen Walsern gegen einen jährlichen Zins als Erblehen überliessen (Walser Malbun). Das Erblehen umfasste die heutige Siedlung Malbun, die Alpen Turna mit Schneeflucht und Bärgi sowie einen Teil von Steg. Es wurde 1652 an die Gemeindsleute am Triesnerberg verkauft.

Die Siedlung Malbun entstand auf einem auf Moränengrund liegenden, grossen Heuwiesenareal und war wie Steg ursprünglich eine Maiensässsiedlung, deren alte Struktur heute infolge Überbauung weitgehend verschwunden ist. Die Wiesen waren Eigentum von Walser Bauern und wurden privat bewirtschaftet. Die Bildung von Privateigentum in Form von zugeteilten Flächen ist spätestens um 1652 mit dem Kauf von Malbun erfolgt, eventuell schon um 1562 mit der Zusammenlegung der Walser Privatalpen zu Triesenberger Gemeindealpen oder bereits nach dem Erwerb von Malbun als Erblehen 1355 (→ Alpwirtschaft). Die Wiesen waren mit einem Atzungsrecht belegt, das nicht nur von der anliegenden Walser Alp Turna, sondern auch von der Vaduzer Alp Pradamee ausgeübt wurde. Ab dem 15. August (Mariä Himmelfahrt) durfte das Vieh auf die Heuwiesen getrieben werden; die Düngung war ab dem 8. September (Mariä Geburt) erlaubt.

Die Alp Turna und die Hüttenbesitzer in Malbun hatten in den Wäldern der Alpen Guschg und Pradamee ein Holzbezugsrecht für Zäune sowie zum Bau und Unterhalt ihrer Hütten. Den Berechtigten oblag die Pflicht zur Umzäunung der gemeinsamen Alpen. Nachdem die vom Alpwirtschaftsgesetz 1867 gebotene Servitutsablösung nicht zustande gekommen war, wurde 1872 eine schiedsgerichtliche Regelung des Holzbezugs getroffen. Da es weiterhin zu Streit, Übernutzung und mangelnder Aufforstung kam, hob ein 1955 eingeleitetes Schiedsgerichtsverfahren 1980 das Servitut gegen Zahlung einer vom Staat subventionierten Ablösungssumme auf und wies den Unterhalt der Alpgrenzzäune hälftig den beiden Parteien zu. Ausgenommen blieb die Abgrenzung des Privateigentums der Wiesen von den umliegenden Alpweiden.

Die Walser Bauern brachten im Sommer das geerntete Heu in ihre eigenen Hütten. Von hier aus besorgte jeder für sich sein Vieh auf der angrenzenden Alp. Diese Praxis wurde nach der Aufhebung der Einzelsennerei und der Einführung der gemeinschaftlichen Bewirtschaftung auf den Triesenberger Gemeindealpen (1888) und dem deshalb erforderlichen Stall- und Sennereibau auf Turna (1890) aufgegeben. In diesen Jahren wurde auch das Atzungsrecht aufgehoben und der Privatboden in den Wiesen mit der Zäunungspflicht gegenüber den umliegenden genossenschaftlich bewirtschafteten Alpweiden belastet. Wie bis anhin trieben die Bauern um Allerheiligen (1. November) ihr Vieh von Triesenberg in ihre Heuställe nach Malbun und verfütterten das eingebrachte Heu. Kurz vor Weihnachten kehrten sie, oft auf aus dem Schnee geschaufelten Wegen, in ihre Heimgüter zurück. Um die Mitte des 20. Jahrhunderts verschwand die alte Nutzungsform dieser jahreszeitlichen Wanderung vom Heimgut über Maiensässe in die Alpen und zurück. Rückgang, Konzentration und Mechanisierung der Landwirtschaft sowie die verkehrsmässige Erschliessung des Alpgebiets waren Ursachen der Veränderung. 1940 erfolgte der letzte vorweihnachtliche Viehabtrieb, 1969 wurde die letzte Winterfütterung von Vieh in Malbun filmisch dokumentiert. Seither wird das geerntete Heu zum Heimgut transportiert.

Die Heuwiesen (52,6 ha) wurden durch Erbteilung in unzählige kleine Parzellen zersplittert. Nach einer Güterregulierung 1951–53 blieben noch 64 Parzellen. 36 waren im Besitz von haupt- oder nebenberuflichen Landwirten, die restlichen gehörten Nichtlandwirten. 1979 waren es 330 Grundstücke. Nur noch ein Drittel der Eigentümer hatte Wohnsitz in Triesenberg. Drei vollberufliche Landwirte besassen noch acht unüberbaute Parzellen.

Zählte Malbun 1880 noch 85 Hütten, waren es 1955 nur mehr 41. Von den 1964 wieder 72 Gebäuden wurden noch acht landwirtschaftlich genutzt. Die Siedlungsentwicklung in Malbun verlief wenig geregelt. Vorschläge zu einer Zonenplanung und Bauordnung wurden 1964 abgelehnt. Die 1968 als Kompromiss in Kraft gesetzten Planungsinstrumente gaben nahezu die ganze Fläche der ehemaligen Heuwiesen zur Überbauung frei. Einzig im hinteren Talbereich wurde 1975 wegen Lawinengefahr ein Bauverbot erlassen. 1979 zählte Malbun 176 Gebäude (davon 122 Ferienhäuser und vier teilweise landwirtschaftlich genutzte Objekte), 2008 bereits 210. Diese Zahlen stehen für einen markanten Wandel im Lauf eines Jahrhunderts: aus Heuwiesen wurde Bauland, Heuhütten wurden zu Ferienhäusern, die Maiensässsiedlung entwickelte sich zum ganzjährig bewohnten, bedeutendsten Ferienort in Liechtenstein (→ Tourismus). Im April 2008 zählte Malbun 65 Einwohner.

Voraussetzung für diese Entwicklung war die Erschliessung des Malbuntals. Ein in den 1870er Jahren angelegter Fahrweg machte Malbun für Fuhrwerke erreichbar. 1910 wurde in Malbun eine Postablage errichtet. 1921–62 stellte ein «Alpenbriefträger» die Post ab Triesenberg zu. Der 1929 eingeführte regelmässige Postautoverkehr Vaduz–Triesenberg wurde 1932 nach Malbun verlängert. Hier hatte sich bis dahin ein Sommertourismus entwickelt, der durch das 1908 errichtete Alpenkurhaus Malbun besonders belebt wurde. 1934 stellte das Kurhaus auf Ganzjahresbetrieb um und beherbergte im Winter bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs Skisportler aus Deutschland und Belgien. Triesenberger arbeiteten als Gepäckträger für die Gäste. In den 1930er und 40er Jahren entstanden erste Ferienhäuser. 1930–31 wurden Quellen unter der Schneeflucht gefasst und das Trinkwasser wurde über den Kulm nach Vaduz geleitet. Obwohl die Strasse Steg–Malbun 1936–40 reguliert wurde, blieb der Autoverkehr bescheiden, bis der Bau des Tunnels Gnalp–Steg (1947) die touristische Entwicklung in Malbun beschleunigte. Bis Steg war die Strasse nun ganzjährig offen. 1951 wurde als Dank für den Schutz des Lands vor dem Zweiten Weltkrieg die Friedenskapelle eingeweiht. 1954 erhielt die Siedlung elektrischen Strom vom Saminawerk.

Nachdem 1957 ein zweiter Hotelbetrieb eröffnet worden war, blieb die Strasse nach Malbun ab 1959 für Autos und Postverkehr ganzjährig offen, was einen Entwicklungsboom auslöste. Hatte 1948 das erste internationale Frühlingsskirennen in Malbun stattgefunden, wurde 1962 der erste Skilift (Hochegg) und 1963 die Sesselbahn Sareis eröffnet. Bis 1984 folgten vier weitere Liftanlagen, 14 zusätzliche Gastbetriebe sowie drei hoteleigene Hallenbäder. 1966 erhielt Malbun eine neue Wasserversorgung und 1968 eine Kläranlage. Das Problem des Abwassers von Malbun und Steg ist aber erst beseitigt, seit es durch den 1991 gebauten Werkleitungsstollen Gnalp–Steg zur Klärung ins Rheintal geleitet wird. In den 1970er Jahren wurde die Strasse nach Malbun neu angelegt. Unterhalb des Orts entstanden gestaffelt neue Autoparkplätze. Die Eröffnung des Jugendhauses (1970), der Bau von zahlreichen Ferienhäusern und -wohnungen, die Gründung eines Kurvereins (1964), die Einrichtung eines Lawinendienstes (1971) und eines Verkehrsbüros (1975), von Skischulen, Lebensmittel-, Souvenir- und Sportgeschäften, Tennis- und Kinderspielplätzen säumten den weiteren Entwicklungsweg zum Wintersportort. 1978 wurden in den Malbuner Hotels und Ferienwohnungen 16 585 Gästeankünfte und 102 211 Logiernächte gezählt.

Seit etwa 1980 verlor die Entwicklung in Malbun an Dynamik. Die Bautätigkeit schwächte sich ab, der Tourismus ging zurück, in den Betrieben des Gastgewerbes und der Wintersportanlagen zeigten sich Strukturprobleme. 2007 kamen Malbun und Steg gemeinsam auf noch 13 164 Gästeankünfte und 60 416 Logiernächte (Hotels und Ferienwohnungen). Zudem wurden im 1952 zum Pflanzenschutzgebiet erklärten Malbun Belastungen der natürlichen Ressourcen und Grenzen des Wachstums erkennbar. Der Schutz von Zufahrtsstrasse, Siedlung und Skipisten hatte in den 1970er Jahren den Bau von Lawinen- und Rüfeschutzbauten erfordert. Bei Lawinenniedergängen wurden 1951 neun Hütten zerstört, 1972 zwei Ferienhäuser stark beschädigt und 1999 elf Gebäude total und vier teilweise zerstört.

Eine Neuorientierung auf der Basis eines Leitbilds (2000) löste dank hohen öffentlichen Subventionen private Investitionen zwecks Anlagenerneuerung (Lifte, künstliche Beschneiung usw.) und touristische Angebotserweiterungen aus. Danach soll Malbun als Naherholungsgebiet für die Region erhalten werden, ohne die Qualität von Natur, Landschaft und Umwelt zu beeinträchtigen.

Archive

Alpgenossenschaft Vaduz.

Quellen

LUB I/4, 55–66, 243–245, 273, 429.

Literatur

Klenze: Alpwirthschaft, 1879, 37–42, 108–122; A. Nold: Über die Ablösung von Waldservituten im Malbun, in: Bündnerwald 17 (1963/64), 172–181; Bericht über die Bauzonenplanung von Steg und Malbun der Gemeinde Triesenberg, Hg. ETH Institut ORL, 1965; A. Mayr: Die Landwirtschaft in den Liechtensteiner Berggemeinde Triesenberg und Planken, in: Bergheimat 1971, 41–56; Ospelt: Wirtschaftsgeschichte, 1972, 201f.; Festschrift Malbun, 1974; A. Frommelt: Kulturlandschaft Malbun (FL) in ihrer aktuellen Dynamik, 1979; E. Bucher: Das Triesenberger Malbun im Lauf der Jahrhunderte, in: Bergheimat 1981, 35–46; A. Ospelt: Zur Geschichte des Vaduzer Waldes, in: Der Vaduzer Wald, 1981, 32–39; Fremdenverkehr und Skisport in Triesenberg, 1984; F. Frick: Siedlungsstrukturen, in: Unsere Kunstdenkmäler 43 (1992), 249–262; A. Ospelt: Die Geschichte der Vaduzer Wasserversorgung, in: Vaduzer Wasser, 1995, 54–71; T. Zwiefelhofer: Siedlungs- und Bauformen der Liechtensteiner Walser, in: JBL 96 (1998), 211–251; A. Ospelt: 200 Jahre Gemeindegrenzen Schaan–Vaduz–Planken, in: JBL 98 (1999), 1–39; B. Wickli: Die Walser am Triesenberg und ihre Wirtschaftsform, in: Bausteine 1, 1999, 371–410; FLNB I/2, 146–148, 351f.; Leitbild Malbun Handbuch, 2000; N. Bolomey: Schützenswerte Objekte, Lebensräume und Landschaften innerhalb der Siedlung, Gemeinde Triesenberg: Malbun und Steg, 2006; Herrmann: Kunstdenkmäler 2, 2007, 189–192.

Externe Links

Geodatenportal, Amt für Bau und Infrastruktur, Liechtensteinische Landesverwaltung Liechtensteiner Namenbuch online

Zitierweise

Alois Ospelt, «Malbun», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Malbun, abgerufen am 15.2.2019.

Medien

Skilift Hochegg, 1962 (LI LA). Foto: Walter Wachter, Schaan. Ab den 1960er Jahren entwickelte sich das Malbun zum bedeutendsten Wintersportgebiet in Liechtenstein.
Postkarte «Alpenkurhaus u. Touristenstation Malbun (Liechtenstein) 1650 m ü.M. mit dem Stachlerkopf», 1909 (Familienarchiv Rheinberger).