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Milchwirtschaft

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Autor: Bernd Marquardt | Stand: 31.12.2011

Im vorindustriellen Zeitalter lag der Hauptzweck der Rinderhaltung weniger in der Fleisch- als in der Milchversorgung. Produziert wurde überwiegend für den Eigenverbrauch und nicht für den Markt. Die Milchleistung der Kühe war bescheidener als heute und kam während der Wintermonate ganz zum Erliegen. Die Hauptmilchzeit des Jahreszeitenzyklus fiel mit der dreimonatigen sommerlichen Alpungsdauer (→ Alpwirtschaft) zusammen. Ein zweites Standbein hatte die Milchwirtschaft in der Ziege als der sogenannten Kuh des kleinen Manns.

Im Lauf des 19. Jahrhunderts gab es in Liechtenstein einen immer grösseren Bevölkerungsanteil, der nicht selbst landwirtschaftlich tätig war und Milch nur als Handelsware beziehen konnte. Es setzte ein Übergang von der Selbstversorgungsmilchwirtschaft zur Marktmilchwirtschaft ein. Der gesteigerte Bedarf an Milch und Milchprodukten führte zwischen 1891 und 1914 zu einer Verdoppelung der Milch-, Butter- und Käseproduktion.

Bis in die 1970er Jahre fungierten als Sammel- und Verarbeitungsstellen die im späteren 19. Jahrhundert in den Dörfern entstandenen genossenschaftlichen Sennereien. Dies änderte sich mit der Eröffnung des Milchhofs in Schaan 1974. Der auf die Verarbeitung der Milch zu Frischmilchprodukten und zu Butterungsrahm spezialisierte Milchhof wurde die zentrale Sammelstelle und die wichtigste Verarbeitungsinfrastruktur in Liechtenstein. Seit etwa 2003 besteht ein starker Trend zur Umstellung auf Hofabfuhr, das heisst ein Lastwagen holt die Milch auf dem Bauernhof ab.

Die Milchproduktion deckte in den 1970er Jahren lediglich 50 % des Inlandsverbrauchs, wurde dann aber durch den Bau des Milchhofs und finanzielle Stützungsmassnahmen angekurbelt. Mit der gesteigerten Milchproduktion wurden 1988 Mengenbegrenzungsregelungen (Quoten, Kontingente) eingeführt, um der Überschüsse Herr zu werden.

Wie die Schweiz ist auch Liechtenstein ideal für die Raufutterproduktion (Gras, Heu, Mais). Im Gegensatz zu anderen Staaten wird hier in der Milchproduktion Kraftfutter zur Nahrungsergänzung eingesetzt. Aufgrund der topografischen und klimatischen Verhältnisse ist in Liechtenstein die Milchproduktion der wichtigste landwirtschaftliche Betriebszweig.

Infolge des massiven Strukturwandels in der Landwirtschaft der Nachkriegszeit hat die Zahl der Milchproduzenten massiv abgenommen. Die Milchmenge nahm jedoch trotz mehr oder weniger konstanter Anzahl Kühe bis zur Milchkontingentierung 1988 zu.

In den 1990er Jahren wurden im Zug einer umfassenden Agrarreform die bis dahin bestehenden staatlichen Preis- und Absatzgarantien sukzessive aufgehoben, wodurch sich die Erlöse der Bauern erheblich verringerten. Mit der neuen Milchmarktordnung (seit 2005) soll die Wettbewerbsfähigkeit der Milchverarbeitung verbessert und die Konkurrenzfähigkeit der Milchproduktion in Liechtenstein gesichert werden. Dazu werden innovative Projekte der Milchverarbeiter (Milchhof, Alpen und Hofverarbeiter) zur Entwicklung von neuen Produkten, zur Verbesserung der Absatzmöglichkeiten und zur Schaffung von wettbewerbsfähigen Verarbeitungsstrukturen gefördert, und die produktgebundene Stützung wird schrittweise reduziert.

Quellen

LUB I/4.

Literatur

Klenze: Alpwirthschaft, 1879; Rech Reg 1933–; Ospelt: Wirtschaftsgeschichte, 1972, 182–188, 192–195; J. Ospelt: Die Milchwirtschaft des Fürstentums Liechtenstein, 1984; J. Mathieu: Eine Agrargeschichte der inneren Alpen, 1992.

Zitierweise

Bernd Marquardt, «Milchwirtschaft», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Milchwirtschaft, abgerufen am 21.4.2019.

Medien

Eröffnung des Milchhofs in Schaan, 9.12.1974 (LI LA).
Milchproduktion in Liechtenstein, 1891-2000