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Nigg, Ferdinand (1865–1949)

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Autorin: Evi Kliemand | Stand: 31.12.2011

Kunstschaffender und Kunstgewerbelehrer. *27.11.1865 Vaduz, †10.5.1949 Vaduz, von Balzers. Sohn des Ferdinand und der Anna, geb. Rheinberger, vier Geschwister. Herzliche Verbindung zu seinen Cousins und Cousinen, unter anderem Hermine und Egon Rheinberger. 1881–86 Ausbildung in Zürich zum Zeichner, Auto- und Lithografen bei Orell Füssli (Lehrmeister: Peter Balzer), bis 1895 Angestellter dieser Firma.

1895–98 in München beziehungsweise Augsburg: lithographische Kunstanstalt Reichel, Freundschaft mit dem Kulturexperten Max von Boehn. 1898–1903 in Berlin, freischaffend als Grafiker und Gestalter, zahlreiche Beiträge und Titelseiten für die führenden Kunstgewerbeblätter. Nigg pflegte vielfältige Kontakte zu namhaften Vertretern der neuen kunstgewerblichen Bewegung, Architekten und Vorprogrammierern des jungen Deutschen Werkbunds, deren Anerkennung er fortan genoss: Otto Eckmann, Hermann Muthesius, Peter Jessen, Peter Behrens, Rudolf Rütschi. 1903–12 Lehrtätigkeit an der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule Magdeburg (Leiter: Emil Thormählen, Kollegen: Albin Müller, Richard Riemerschmid). Nigg unterhielt Fachklassen für Grafik, Zeichnen, Buchgestaltung, begründete die Klasse für Textilgestalten, wie danach in Köln. 1907 Professur. Niggs progressive Unterrichtsweise erwarb Vorbildcharakter in Fachkreisen, lässt ihn heute zum Vorläufer des späteren Bauhauses werden. 1912 zusammen mit Thormählen Berufung an die Kunstgewerbeschule Köln zu deren Umstrukturierung (spätere «Kölner Werkschulen»). Nigg zeigte sich ein letztes Mal öffentlich als Gestalter an der Kölner Werkbund-Ausstellung 1914 (mit Muthesius). Im Verborgenen entstand sein künstlerisches Werk. Neben den genannten Fächern begründete er erstmalig für Deutschland eine Fachklasse für Paramentik, was sich erneuernd auf die sakrale Textilkunst des Rheinlands auswirkte; in Zusammenarbeit mit Dominikus Böhm übernahmen Niggs Meisterschülerinnen Aufträge zu grossflächigen textilen Innenraumgestaltungen für bekannteste Kirchen Kölns. Schon jung trat Nigg als Sammler hervor, rettete auch in Liechtenstein Kulturgüter. 1914 und 1920 stiftete er zwei seiner gestickten Wandteppiche der Kapelle Maria zum Trost zu Dux, Schaan. Die Ferien verbrachte Nigg meist in Liechtenstein, wo er das Haus seiner Mutter am Beckagässli 10 übernahm. 1926 zog Nigg in sein neues Heim am St. Johanner 16, von Egon Rheinberger nach gemeinsamen Plänen erbaut, eines der ersten Wohnhäuser moderneren Stils in Vaduz. Im Ruhestand 1931 kehrte Nigg nach Liechtenstein zurück; auf die ihm zustehende Pension aus Deutschland verzichtete er aus ideologischen Gründen bald. Sein künstlerisches Lebenswerk setzte er völlig zurückgezogen fort. Sein Nachlass wird zum «kostbaren Fund».

Sein Frühwerk wurde vom Jugendstil betont, doch schon 1902 fand Nigg zu seinem konstruktivistischen, dann expressiven Formenkanon. Immer von der elementaren Material- und Formsuche ausgehend, stiess er schon 1903–08 zur Abstraktion und gelangte dann zu einer figuralen Synthese. Selbst den Kreuzstich führte er der Moderne zu. In der Kölner Zeit und im Spätwerk war Niggs Schaffen von der Transzendenz eines mystischen Menschenbilds geleitet, antwortete der visionären, biblischen Symbolik. Zeichnungen, Malerei und Bildteppiche, die im Spannungsfeld von Barlach und Itten anzusiedeln sind. Nigg war tief religiös, Kirchgänger aber war er keiner.

Kanonikus Anton Frommelt, ein Freund Niggs, registrierte 1949 zusammen mit den Erben den Nachlass und bewegte das Land Liechtenstein und Private zur Übernahme einiger Werke. 1950 verfasste er die erste Biografie. 1965 folgte eine Gedenkausstellung in Balzers (Katalog). Nachforschungen über den Verbleib der bei der Erbteilung in die USA überführten Werke liessen Alexander Frick, Martin Frommelt, Robert Allgäuer und Noldi Frommelt (beraten von Kanonikus Frommelt) 1968 die «Professor Ferdinand Nigg Stiftung» Schaan gründen. Durch den engagierten, kulturellen Einsatz dieser Stiftung und der Kanonikus Frommelt Stiftung Vaduz konnte das Œuvre gesichert und in Zusammenarbeit mit den Autoren kunstgeschichtlich dokumentiert werden. Damit ist die Bedeutung Niggs ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt, auch durch Vorträge, Publikationen und Ausstellungen (1976 München, 1985 Vaduz, 1986 Köln, 1990 und 1993 Magdeburg, dazu erschienen Kataloge). Nigg trug entscheidend zur Neuen Form im Aufbruch der Moderne bei. Liechtenstein gewinnt durch Nigg seinen Repräsentanten für die Kunstgeschichte der Moderne.

Literatur

E. Kliemand: Ferdinand Nigg – Wegzeichen zur Moderne, 1985 (Werkmonografie); E. Kliemand: Ferdinand Nigg (1865–1949), 2000 (Bibliografie); BLSK.

Zitierweise

Evi Kliemand, «Nigg, Ferdinand (1865–1949)», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Nigg,_Ferdinand_(1865–1949), abgerufen am 24.4.2019.

Normdaten

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