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Nutztierhaltung

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Autor: Bernd Marquardt | Stand: 31.12.2011

Der Begriff Nutztierhaltung bezeichnet die Haltung von Tieren zum Zweck der Gewinnung von Nahrungsmitteln und Rohstoffen. Rinder und Pferdeartige (Pferde, Esel, Maultiere) bilden das Grossvieh, Schweine, Schafe, Ziegen und Geflügel (Hühner, Enten, Gänse) das Kleinvieh.

Allgemeines zur Nutztierhaltung

Die Ursprünge der bäuerlichen Nutztierhaltung lagen in der Domestizierung, das heisst in der züchterisch-genetischen Veränderung von Wildtierarten. Bei den meisten domestizierten Nutztieren liegt der Ursprung ausserhalb Mitteleuropas: Domestizierte Formen von Rindern, Schafen und Ziegen entstanden um 10 000–8000 v.Chr. im vorderasiatischen fruchtbaren Halbmond. Die Domestikation des Wildpferds fand spätestens in der ersten Hälfte des 4. Jahrtausends v.Chr. in den Steppen Osteuropas statt. Der Ursprung des Haushuhns liegt in Südostasien. Einzig das Hausschwein stammt von einheimischen Wildformen ab.

Die Nutztierhaltung diente in Ergänzung zur niemals ganz aufgegebenen Jagd der Versorgung der Bevölkerung mit Fleischnahrung und Milchprodukten. Eine zweite Funktion lag in der Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit der Anbauflächen durch die Zuführung von Fäkaldüngemitteln, welche vor dem 19. Jahrhundert ohne Alternative waren. Drittens ging es um die Versorgung mit Kleidung durch Häute, Felle und Wolle. Eine vierte Kernfunktion lag in der Umwandlung biochemischer in mechanische Energie: Pferde und Ochsen hatten Transportaufgaben, wurden als Zugtiere im Ackerbau und für die Waldarbeit nutzbar gemacht. Pferde dienten in der Kavallerie zudem als Reittiere für die Kriegsführung.

Ab etwa 4300 v.Chr. sind in Liechtenstein Rind, Schwein, Schaf und Ziege nachweisbar. Die frühesten Funde von Pferdeknochen datieren in die späte Bronzezeit (1300–800 v.Chr.). In der älteren Eisenzeit (800–450 v.Chr.) erscheint erstmals das Haushuhn.

Ab dem ausgehenden Mittelalter weitete sich die Grossviehhaltung und dabei besonders die Rindviehhaltung auf Kosten der Kleinviehhaltung aus. Ursache für diese Entwicklung war die zunehmende Bedeutung des Viehhandels, bei welchem Rindvieh ein besonders begehrtes Handelsgut war.

Das Vieh suchte sich sein Futter in der Regel auf Weiden, auf abgeernteten Feldern und in Wäldern. Während der futterarmen Winterzeit erfolgte die Fütterung im Stall mittels Heu, das die Viehhalter von eigenen Wiesen einbrachten. Die Weiden und die Wälder waren seit dem Hochmittelalter als Allmenden in gemeinschaftlichem Besitz von Nachbarschaften; das Hüten des Viehs besorgten von dörflichen Gemeinden oder Genossenschaften beauftragte Hirten.

Im Mittelalter musste von allem zur Haus- und Feldwirtschaft gehörendem Jungvieh der «Blutzehnt» (→ Zehnt) abgeliefert werden. Bis 1865 existierte als Abgabe die Fasnachtshenne, wobei mit der Zeit an die Stelle der Abgabe eines Tieres diejenige des Gegenwerts in Geld trat.

Die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch die Obrigkeit vorangetriebene Umwandlung von gemeinschaftlich genutzten Allmenden in Privatgrundstücke für die Gemeindebürger hatte zur Folge, dass ärmere Einwohner wegen des Wegfalls der gemeinschaftlichen Weide nur mehr Kleinvieh halten konnten; ein höherer Futterertrag der Grasflächen als Folge dieser Massnahme stellte sich erst langfristig ein. Auch das Bestreben der Obrigkeit, die Viehweide in den Wäldern aus forstwirtschaftlichen Gründen einzuschränken oder ganz zu verbieten, schränkte die Möglichkeiten der Nutztierhaltung ein. Gleichzeitig bemühte sich die Obrigkeit um die Verbesserung der Tierzucht. Erste Schritte in diese Richtung waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts unternommen worden, einen ersten, umfassenden Massnahmenkatalog enthielt die Verordnung zur Veredlung der Viehzucht von 1845. Die Aufhebung des Atzungsrechts 1843 förderte die Nutztierhaltung insofern, als dadurch im Jahr eine zweite Heuernte möglich wurde, was den Winterfutterertrag erhöhte.

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bahnte sich die Praxis an, durch Einkreuzen landesfremder Rassen in die einheimischen Nutztierbestände die Fleisch- beziehungsweise Milchproduktion zu steigern. Die gleiche Wirkung hatte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Verfütterung von importiertem Kraftfutter. Aufgrund des Strukturwandels in der Landwirtschaft stieg im Lauf des 20. Jahrhunderts die durchschnittliche Zahl der Nutztiere pro Halter an. Trotzdem kam es nicht zu einer Massentierhaltung. Dies hat unter anderem damit zu tun, dass die liechtensteinische Agrarpolitik auf eine bodenbewirtschaftende Landwirtschaft zielt, das heisst jeder Landwirt muss auch einen gewissen Anteil Boden ausweisen beziehungsweise muss gewährleisten, dass die Ausscheidungen der Tiere umweltgerecht ausgebracht werden können.

Zahlreiche Weistümer des späten Mittelalter und der frühen Neuzeit schreiben Tieren einen eigenen Willen zu und in der Folge eine gewisse straf- und haftungsrechtliche Verantwortung. Nutztiere waren zwar als Teil des fahrenden Guts Sondereigentum eines bestimmten bäuerlichen Haushalts, wurden aber im Übrigen als Hausgenossen wahrgenommen, in ihrer sozio-juristischen Positionierung am ehesten Knechten oder Mägden vergleichbar. Im Unterschied dazu unterwarf die anthropozentrische Perspektive des 1812 in Liechtenstein eingeführten österreichischen ABGB von 1811 die Tiere einer grenzenlosen menschlichen Sachherrschaft. Dahinter stand die von René Descartes (1596–1650) und Immanuel Kant (1724–1804) vorgezeichnete These, es handele sich bei Tieren um maschinenähnliche Reflex-Automaten und vernunftlose bewegliche Sachen. Einen Wandel brachte in dieser Beziehung die im 20. Jahrhundert einsetzende Berücksichtigung des Tierschutzes in der Gesetzgebung. Die tiergerechte Nutztierhaltung wird seit 1996 durch staatliche Beitragszahlungen gefördert.

Einzelne Tierarten

Schwein: Die ursprünglich in Liechtenstein gehaltenen Hausschweine gehörten Landschweinrassen an, die mit ihrem dichten Borstenkleid und der langgezogenen Schnauze dem europäischen Wildschwein ähnelten, von dem sie abstammten. Die ausschliesslich als Fleisch- und Fettlieferanten genutzten Tiere wurden während der Vegetationszeit auf der Weide gehalten und im Herbst zur Mast mit Eicheln und Bucheckern in die Laubwälder getrieben. Überwintert wurden nur wenige für die Nachzucht notwendige Tiere. Mit der Einschränkung der Weidemöglichkeiten auf Weiden und in Wäldern im frühen 19. Jahrhundert geriet die Schweinehaltung in eine Krise; der Schweinebestand schrumpfte von 955 Tieren (1812) auf 430 (1815) und auf 189 (1818). Eine Verbesserung der Lage brachte die Verbreitung der Kartoffel als Futter. 1861 war der Schweinebestand wieder auf 915 Tiere angewachsen. Die wegen des Mangels an Weiden notwendig gewordene Umstellung auf Stallfütterung erforderte einen Schweinetyp, der schneller wächst als die Landschweinrassen. Zur Erreichung dieses Ziels wurden englische Schweinerassen eingekreuzt, die ihre für eine schnelle Mast vorteilhaften Eigenschaften der Einkreuzung chinesischer Schweinerassen verdankten. Bis 1910 hatten die englischen Rassen die einheimischen fast völlig verdrängt. Obwohl im 20. Jahrhundert bei einigermassen gleich bleibenden Beständen die Zahl der Halter abnahm, besassen 1990 die meisten Schweinehalter weniger als zehn Tiere. Allerdings hatten sich sechs Landwirte spezialisiert und besassen über 150 Schweine, einer von ihnen hatte sogar über 1300 Stück.

Schaf: Die Schafhaltung war in Liechtenstein nie von besonderer Bedeutung und beschränkte sich fast ausschliesslich auf das liechtensteinische Oberland, wo das Vorhandensein von Alpweiden hierfür günstigere Voraussetzung bot als im Unterland. Primär diente das robuste und genügsame Tier der Wollproduktion, doch war auch das Fleisch geschätzt. Im 20. Jahrhundert nahm die Schafhaltung an Bedeutung zu, wobei sich verstärkt auch nichtbäuerliche Kreise damit beschäftigten, bei denen neben dem Erwerb auch die Freude am Tier wichtig ist. Von besonderer Bedeutung und Problematik ist das Schaf für die Landschaftspflege.

Ziege: Als «Kuh des kleinen Manns» versorgte die Ziege die dörflichen Unterschichten mit Milch. Als in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch die obrigkeitlichen agrarpolitischen Massnahmen die Bedingungen für die Rindviehhaltung schwieriger wurden, nahm die Bedeutung der Ziegenhaltung weiter zu. Ebenfalls einen fördernden Einfluss auf die Ziegenhaltung hatte wohl die 1861 einsetzende Industrialisierung, da die Ziegenhaltung dem Industriearbeiter einen willkommenen Nebenverdienst bot. Ab etwa 1890 nahm die Zahl der Ziegen kontinuierlich ab.

Pferd: Das Pferd als Kriegstier hatte in Liechtenstein spätestens ab dem ausgehenden Mittelalter keine Bedeutung mehr. Auch sonst war die Pferdehaltung eher von untergeordneter Bedeutung. Das Pferd fand als Zugtier für Pflüge und Fuhrwerke Verwendung, die häufigsten Zugtiere waren jedoch Ochsen. Die Unterländer Gemeinden wiesen einen höheren Pferdebestand auf, was wohl auf den grösseren Wohlstand der Unterländer Bauern wie auch auf das Vorhandensein von ausgedehnten, als Pferdeweiden geeigneten nassen Weideflächen im Unterland zurückzuführen ist. Ab 1845 traf die Obrigkeit Massnahmen zur Verbesserung der Pferdezucht. Diese zeitigten auch Erfolge, indem liechtensteinische Pferde je länger je höhere Preise erzielten. Trotzdem ging die Pferdehaltung stetig zurück. Im 20. Jahrhundert liess die Motorisierung in der Landwirtschaft das Pferd als Arbeitstier überflüssig werden. Ein Wiederaufleben der Pferdehaltung brachte in den letzten Jahren die Nutzung des Pferdes als Freizeittier.

Huhn: Bei der Hühnerhaltung wurden bis weit ins 20. Jahrhundert keine Anstrengungen zur Verbesserung und zu neuzeitlicher Betriebsführung unternommen. Hühner dienten der Eigenversorgung mit Eiern. Da die Kleinbauern kaum Geld hatten, kamen noch in der Zwischenkriegszeit Eier als Zahlungsmittel zum Einsatz. Während viele der verbliebenen Bauern noch immer einige Hühner für die Eigenversorgung hielten, hatten sich einige Landwirte auf die Hühnerhaltung spezialisiert. 1990 gab es auf einer dieser Mast- und Legefarmen 680, auf einer anderen 1400 Hühner.

Sonstige Nutztiere: Eine lange Tradition hat in Liechtenstein die Imkerei. Im 19. Jahrhundert gab es Versuche mit der Seidenraupenzucht, die jedoch wenig erfolgreich waren. Bei der Geflügelhaltung hat neben der Haltung von Hühnern auch diejenige von Gänsen und Enten schon eine längere Tradition; im 20. Jahrhundert sind Truten dazugekommen. In den letzten Jahren erfreuen sich Esel zunehmender Beliebtheit; diese werden jedoch eher als Haus- denn als Nutztiere gehalten. In jüngerer Zeit sind auch zunehmend Nutztiere aus anderen Kulturkreisen wie Lamas und Alpakas zu beobachten.

Archive

Bildarchiv Amt für Kultur, Abteilung Archäologie.

Quellen

LUB I/1–4.

Literatur

H. Hoch: Geflügelwirtschaft, in: Liechtensteinische Landes-Ausstellung Vaduz, Ausstellungskatalog Vaduz, 1934, 73–76; M. Lingg: Die liechtensteinische Landwirtschaft, in: St. Galler Bauer 51 (1964), 1097–1112, bes. 1098, 1101–1106; Ospelt: Wirtschaftsgeschichte, 1972, 176–192; A.E. Real: Die liechtensteinische Landwirtschaft, in: St. Galler Bauer 66 (1979), 1158–1170, bes. 1162–1166; R.P. Sieferle: Rückblick auf die Natur, 1997; J. Diamond: Arm und Reich, 1998; M. Hess: Wald- und Holznutzung im Mittelalter, in: Bausteine 1, 1999, 301–335, bes. 303–306, 321f., 326f.; C. Tschanz: «… und ob aber dero vych och in die bemelt alpelin giengen …», in: Bausteine 1, 1999, 337–369; J. Radkau: Natur und Macht, 2002; B. Marquardt: Umwelt und Recht in Mitteleuropa, 2003; Merki: Wirtschaftswunder, 2007, 58–62.

Zitierweise

Bernd Marquardt, «Nutztierhaltung», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Nutztierhaltung, abgerufen am 22.2.2019.

Medien

Grossviehhalter und Grossviehbestände, 1789-2000
Kleinviehhalter und Kleinviehbestände (ohne Berücksichtigung der Geflügelhaltung), 1789-2000
Geflügelhalter und Geflügelbestände, 1929-2000