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Presse

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Autor: Wilfried Marxer | Stand: 31.12.2011

Das Pressezeitalter setzte in Liechtenstein mit grosser Verzögerung ein. Erst die konstitutionelle Verfassung von 1862 garantierte die Pressefreiheit und stärkte das Bedürfnis an öffentlichem Diskurs. Die Geburtsstunde der liechtensteinischen Presse schlug am 12.4.1863 mit der ersten Ausgabe der «Liechtensteinischen Landeszeitung», die bis 1868 erschien. 1873–77 erfolgte mit der «Liechtensteinischen Wochenzeitung» der zweite Anlauf, mittels einer Zeitung die politische Diskussion und Information zu verbessern. Langfristigen Bestand hatte hingegen erst das «Liechtensteiner Volksblatt», das seit 1878 ununterbrochen herausgegeben wird. Es war während mehrerer Jahrzehnte die einzige Zeitung in Liechtenstein. Eine Konkurrenz erwuchs ihm 1914 in den «Oberrheinischen Nachrichten», dem Sprachrohr einer kritischen Opposition im Landtag. Mit den Parteigründungen 1918 wurden beide Blätter zu Parteizeitungen: Das «Volksblatt» war forthin das Organ der Fortschrittlichen Bürgerpartei, die «Oberrheinischen Nachrichten» waren jenes der Christlich-sozialen Volkspartei. 1924 wurden die «Oberrheinischen Nachrichten» in «Liechtensteiner Nachrichten» umgetauft. Diese fusionierten 1936 im Zug eines Parteienzusammenschlusses mit der Zeitung «Liechtensteiner Heimatdienst» zum «Liechtensteiner Vaterland», der Zeitung der neuen Vaterländischen Union.

Auch die weiteren Zeitungsprojekte waren mit Ausnahme des seit 1936 erscheinenden Kirchenblatts «In Christo» eng an politische Bewegungen geknüpft: das «Heimatland» (1927), die «Liechtensteinische Volkswirtschaftliche Zeitung» (1931–32) und die «Liechtensteinische Freiwirtschaftliche Zeitung» (1932–33) an den Freiwirtschaftsbund, die «Liechtensteinische Arbeiter-Zeitung» (1932–33) an den Arbeiterverband, der «Liechtensteiner Heimatdienst» (1933–35) an die gleichnamige ständestaatliche Bewegung, «Der Umbruch» (1940–44) an die nationalsozialistische Volksdeutsche Bewegung in Liechtenstein (VDBL). Dieses Bild änderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg nicht: «Der Liechtensteiner» (1964–71) bzw. der «Liechtensteiner Wochenspiegel» (1971–76) dienten der Christlich-sozialen Partei als Sprachrohr. Der «Maulwurf» (1985–89) war als alternative Zeitschrift in der neuen sozialen Bewegung verankert und stand der Freien Liste nahe, ebenso das Nachfolgeprodukt «Löwenzahn» (1990–92). Erst das Gratis-Sonntagsblatt «Liechtensteiner Woche» (Liewo) schlug 1993 einen parteiunabhängigen Weg ein, konnte aber keine journalistischen Akzente setzen; 1999 wurde sie vom Presseverein des «Liechtensteiner Vaterlands» übernommen. Das kommerzielle Motiv dominiert(e) bei ihr ebenso wie bei dem im Jahr 2000 während weniger Monate herausgegebenen «Liechtensteiner Anzeiger».

Vor 1921 sowie in den 1930er und 1940er Jahren war die Presse teilweise einer staatlichen Zensur unterworfen. Generell führte die geringe Vielfalt der liechtensteinischen Presse und deren Bindung an politische Parteien und Bewegungen zu einem Mangel an unabhängiger Berichterstattung und zu einer funktionalen Einschränkung der Informations- und Meinungsfreiheit. Die journalistische Arbeit wird durch Partei- und Kommerzinteressen behindert, auf der Ebene der Redaktionen herrscht eine Form der Selbstzensur. Ihre dominante Stellung in der liechtensteinischen Medienlandschaft erlaubt den beiden Tageszeitungen eine Kanalisierung und Filterung von Informationen durch Absprachen. Sie haben sich allerdings in den 1990er Jahren etwas geöffnet und drucken seither abweichende Meinungen in Form von Leserbriefen und Forumsbeiträgen weitgehend ungefiltert ab. Die Ausbildung und Professionalität der Medienschaffenden hat sich kontinuierlich verbessert. Die Presse leistet trotz aller Defizite einen wichtigen Beitrag zur Information und Meinungsbildung im politischen System Liechtensteins. Die Presse finanziert sich durch den Zeitungsverkauf (v.a. Abonnementseinnahmen), den Werbeverkauf und private Zuwendungen sowie besonders im Fall des «Volksblatts» und des «Vaterlands» durch die lukrativen amtlichen Kundmachungen. Ferner profitiert die Presse seit dem Inkrafttreten eines Medienförderungsgesetzes im Jahr 2000 von einer massgeblichen staatlichen Zuwendung, welche die Leistungsfähigkeit und Qualität des Mediensystems stärken und verbessern soll. Gemessen an der Bevölkerung verzeichnen die Tageszeitungen im internationalen Vergleich hohe Auflagen und Reichweiten («Vaterland» ca. 10 000 Exemplare bzw. ca. 80 %; «Volksblatt» ca. 7500 Exemplare bzw. ca. 70 %). Etwa 20 % der Bevölkerung lesen ausländische Zeitungen, v.a. schweizerische.

Literatur

Marxer: Wahlverhalten, 2000, 106–137; Marxer: Medien, 2004.

Zitierweise

Wilfried Marxer, «Presse», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Presse, abgerufen am 22.2.2019.

Medien

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Die ersten liechtensteinischen Zeitungen: «Liechtensteinische Landeszeitung», 12.4.1863, und «Liechtensteinische Wochenzeitung», 24.1.1873 (LI LA).