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Rechtsextremismus

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Autor: Konrad Kindle | Stand: 31.12.2011

Form des politischen Radikalismus, die den demokratischen Verfassungsstaat und das Prinzip der Gleichheit aller Menschen ablehnt. Rechtsextreme Gruppierungen propagieren eine autoritäre Regierungsform und Nationalismus, sind fremdenfeindlich und gewaltbereit. Rechtsextremismus in Liechtenstein kann ungeachtet des nationalistischen Selbstverständnisses der jeweiligen Akteure nicht unabhängig von ausländischen Einflüssen und Vernetzungen betrachtet werden. Der ältere Rechtsextremismus in Liechtenstein zielte tendenziell auf eine Integration in das «Deutschtum» ab, wohingegen sich der neuere eher auf die liechtensteinische Staatlichkeit beschränkt.

1933–45 bestanden in Liechtenstein verschiedene rechtsextremistische Strömungen. Träger waren Einzelpersonen und Gruppierungen mit nationalsozialistischer (→Nationalsozialismus), austrofaschistischer oder frontistischer Einstellung und Sympathie für die jeweiligen Vorbilder in Deutschland, Österreich und in der Schweiz. Als Auftakt rechtsextremer Tätigkeiten in Liechtenstein gilt der Versuch liechtensteinischer und deutscher Nationalsozialisten 1933, die jüdischen Brüder Alfred und Fritz Rotter aus Liechtenstein nach Deutschland zu verschleppen (→Rotter-Entführung, →Antisemitismus). Die erste einheimische Organisation mit rechtsextremer Ausrichtung war der 1933–35 bestehende Liechtensteiner Heimatdienst (LHD). Er vertrat eine antiliberale, antiparlamentarische und antisemitische Zielsetzung und zählte 1935 rund 300 Mitglieder, einschliesslich eines SA-ähnlichen «Sturmtrupps» für junge Männer. Nach der Vereinigung des LHD mit der demokratisch ausgerichteten Christlich-sozialen Volkspartei zur Vaterländischen Union 1936 verfügten die rechtsextrem Eingestellten über keine eigene Organisation mehr. 1938 gründeten sie die nationalsozialistische Volksdeutsche Bewegung in Liechtenstein (VDBL), die zwischen 150 und 250 Mitglieder zählte und bis 1945 bestand. Eine rechtsextreme NS-Partei war ebenso die 1933–45 bestehende, aus Auslandsdeutschen zusammengesetzte Ortsgruppe der NSDAP (AO); diese hatte in den 1940er Jahren gut 40 Mitglieder. Beide NS-Parteien führten eine Jugendabteilung, jene der VDBL war die «Volksdeutsche Jugend», jene der NSDAP (AO) die «Reichsdeutsche Jugend». Die Regierung schränkte das Aktionsfeld beider Organisationen ein, verbot sie aber erst am Kriegsende.

Seit den 1990er Jahren gibt es in Liechtenstein eine informelle rechte Szene (Skinheads, Neonazis), die neben dem politischen ein stark jugendkulturelles Gepräge aufweist. Sie ist im Habitus aus der Skinheadbewegung erwachsen (Glatzen, Bomberstiefel usw.) und hatte von Anfang an eine stark ausländerfeindliche Ausrichtung. Mitglieder sind v.a. Männer zwischen 17 und 25 Jahren; zum harten, fallweise auch gewaltbereiten Kern rechnete die Polizei 2007 ca. 40 Personen. Das vorherrschende Medium ist der sogenannte Rechtsrock; er wird wie rechte Symbole, Embleme und einschlägige Literatur zur Umgehung des bestehenden Verbots (1989, 2000) vorwiegend über das Internet bezogen. Die Szene orientiert sich an ausländischen Vorbildern, etwa an den sogenannten Hammer-Skins aus der Schweiz und an der deutschen Blood-and-Honour-Bewegung. Die Grösse des Sympathisantenumfelds lässt sich schwer abschätzen. Die Bekämpfung des Rechtsextremismus wird zunehmend als Aufgabe von Gesellschafts- und Bildungspolitik sowie Jugendarbeit erkannt und die Szene vom Staatsschutz observiert. 2000 trat Liechtenstein dem Internationalen Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung bei.

Literatur

R. Yamada-Beck: Skinheads – ein Gesellschaftsphänomen?, Dipl. Zürich, Ms. 1998 [LBFL]; Jugendstudie 1999; Geiger: Krisenzeit, 22000; Liechtensteinische Jugendstudie 2006, Hg. Amt für Soziale Dienste, 2007.

Zitierweise

Konrad Kindle, «Rechtsextremismus», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Rechtsextremismus, abgerufen am 19.2.2019.