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Revolution 1848

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Autor: Rupert Quaderer | Stand: 31.12.2011

Im Anschluss an die französische Februarrevolution von 1848 kam es in nahezu allen deutschen Staaten zu Demonstrationen, Versammlungen und gewaltsamen Aktionen (Märzrevolution), welche die Durchsetzung liberaler, nationaler und teilweise sozialer und wirtschaftlicher Forderungen zum Ziel hatten. Die von Mai 1848 bis Mai 1849 in der Frankfurter Paulskirche tagende deutsche Nationalversammlung strebte die Schaffung eines gesamtdeutschen Nationalstaats an, was die staatliche Existenz Liechtensteins gefährdete. Nach ersten Erfolgen scheiterte die Revolution 1849.

In Liechtenstein waren seit der Einführung der Dienstinstruktionen 1808 Bestrebungen von Seiten der Bevölkerung zur Verbesserung der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse erfolglos geblieben (→Aufstand 1809, →Unruhen 1831–32). 1846 verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation u.a. durch eine Rheinüberschwemmung und eine Missernte massiv. Nachrichten über Aufstände in Paris, Wien und Berlin führten im März 1848 auch in Liechtenstein zu Aufmärschen, Forderungen und Drohungen gegen die fremden fürstlichen Beamten. Gewählte Gemeindeausschüsse bestimmten am 22.3.1848 einen Landesausschuss, bestehend aus Peter Kaiser, Karl Schädler und Ludwig Grass. Ihm gelang es, die Ordnung aufrechtzuerhalten, sodass die Revolution in Liechtenstein unblutig verlief. Der Landesausschuss forderte von Fürst Alois II. u.a. eine freiheitliche Verfassung und die Aufhebung der Feudallasten. Alois II. machte im März und April 1848 weitreichende Zugeständnisse, wollte vor dem Fällen endgültiger Entscheidungen aber die Entwicklung in Österreich abwarten. Der Unmut des Volks war damit nicht besänftigt. Der Beamte Johann Langer wurde von einem Revolutionszug an die Grenze gestellt. Andere Beamte und der Militärkommandant Friedrich Blaudeck verliessen das Land. Das Militärkontingent wurde im April 1848 beurlaubt.

Als gewählte Vertreter Liechtensteins nahmen Peter Kaiser (Mai bis September 1848) und Karl Schädler (Januar bis April 1849) an der deutschen Nationalversammlung in Frankfurt teil. Im Juni 1848 wurde ein fünfköpfiger Verfassungsrat gewählt. Er legte im Oktober 1848 einen Entwurf für eine neue Verfassung vor, in welcher die höchste Gewalt in Fürst und Volk vereint war und die einen ausführlichen Grundrechtskatalog enthielt. Alois II. erliess am 7.3.1849 die «Übergangsbestimmungen für das constitutionelle Fürstenthum Liechtenstein». Sie sahen erstmals eine an der Gesetzgebung massgeblich beteiligte Volksvertretung vor, den Landrat. Wichtige Bestimmungen des Entwurfs vom Oktober 1848 blieben in den sich an der österreichischen Verfassung vom 4.3.1849 orientierenden Übergangsbestimmungen aber unberücksichtigt. Das absolute Vetorecht und das Notverordnungsrecht behielt Alois II. bei, Grundrechtsgarantien fehlten. Im Mai 1849 rückte das liechtensteinische Militärkontingent zur Bekämpfung des badischen Aufstands aus. Am 20.5.1849 wählte eine Landsgemeinde in Vaduz den Landrat, der am 14.1.1850 einen revidierten Verfassungsentwurf vorlegte.

Nach der Rückkehr zum Absolutismus in Österreich 1851 hob Alois II. mit dem Reaktionserlass vom 20.7.1852 die konstitutionellen Übergangsbestimmungen auf und setzte die absolutistische Verfassung von 1818 wieder in Kraft. Aufgehoben blieben der Novalzehnt, der Mühlenzwang und die Fronen. Ein grosser Teil der Revolutionsforderungen fand seine Verwirklichung in der Verfassung von 1862.

Die Revolution gilt als Beginn der demokratischen Entwicklung in Liechtenstein. 1849 wurde in den ersten freien Wahlen erstmals eine Volksvertretung mit wirklichen Kompetenzen gewählt. Zudem führte die Revolution zu einer Politisierung der Liechtensteiner, die sich nicht mehr als Untertanen, sondern als Bürger sahen.

Literatur

Geiger: Geschichte, 1970, 15–184; Vogt: Brücken, 1990, 153–167; Liechtenstein und die Revolution, Hg. A. Brunhart, 2000.

Zitierweise

Rupert Quaderer, «Revolution 1848», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Revolution_1848, abgerufen am 23.4.2019.

Medien

Deutsche Nationalversammlung in der Paulskirche in Frankfurt am Main, um 1850 (LI LA).