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Rheinberger, Egon

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Autorin: Elisabeth Crettaz-Stürzel | Stand: 31.12.2011

Architekt, Bildhauer und Kunsthandwerker. *14.1.1870 Vaduz (Rotes Haus), †25.7.1936 Balzers (Burg Gutenberg), von Vaduz. Sohn von Landestechniker Peter und Therese, geb. Rheinberger, Tochter des Vaduzer «Löwen»-Wirts Josef Anton; drei Schwestern (Hermine, Olga, Emma).  23.5.1910 Maria Schädler (*24.5.1883, †17.5.1988), Tochter des Arztes Rudolf Gebhard Schädler, drei Söhne: Hans, Peter und Rudolf. Neffe des Komponisten Josef Gabriel, dessen Frau, die Dichterin Fanny von Hoffnaass, die künstlerische Entwicklung des jungen Rheinbergers aufmerksam begleitete. Cousin des Künstlers Ferdinand Nigg.

1881–86 Gymnasium in Feldkirch, 1886–96 Ausbildung zum Bildhauer an der Kunstgewerbeschule München und seit 1890 an der dortigen Kunstakademie. Freundschaft mit den Bildhauern Heinrich Waderé (1865–1950, Elsässer) und Georg Wrba (1872–1939, aus München), Kontakte zu Franz von Stuck (1863–1928, München). 1888 Aufnahme in den Dürerverein. Während seiner Münchner Studienzeit Reisen nach Nürnberg, Augsburg und Wien, wo Rheinberger die fürstlich-liechtensteinischen Sammlungen kennenlernte. Zeitweilig an der avantgardistischen Reformbewegung beteiligt, hatte er vermutlich Kontakte zur Zeitschrift «Die Jugend» (Sprachrohr der reformerischen Moderne um 1900), beschäftigte sich dann aber immer mehr mit dem Mittelalter und interessierte sich speziell für die Gotik. Als fürstlicher Stipendiat 1897 Studienreise nach Italien.

1896–98 freischaffender Bildhauer in München; Verlust seines plastischen und zeichnerischen Frühwerks bis 1897 durch Diebstahl. 1898 Rückkehr nach Vaduz. 1899–1901 in Niederösterreich für Fürst Johann II. von Liechtenstein und Graf Hans von Wilczek (1837–1922) beim Wiederaufbau der Burgen Liechtenstein (bei Mödling) und Kreuzenstein tätig, wobei das Schwergewicht auf der künstlerischen Raumausstattung lag (u.a. Ausmalung des Kapellengewölbes auf Burg Kreuzenstein). 1900–01 Entwurf (Modell und Zeichnungen) sowie Ausführung des Westturms der Burg Liechtenstein als erstes selbständiges architektonisches Werk.

1902 Rückkehr nach Liechtenstein, wo er im elterlichen Roten Haus in Vaduz und ab 1912 auf der von ihm restaurierten Burg Gutenberg in Balzers lebte. Dort richtete er 1920 mit seiner Frau eine Schlossgastwirtschaft mit Weinausschank ein, wo Freunde wie der Feldkircher Maler Prof. Josef Huber (1858–1932) und die Dichterin Grete Gulbransson oft als Gäste weilten. Aufgabe der Karriere als Bildhauer und Beginn seiner Bautätigkeit in Liechtenstein.

Architektonisches Erstlingswerk in Liechtenstein ist 1902–05 der Umbau des Roten Hauses in Vaduz unter Heimatstileinfluss mit Einbau einer gotischen Stube aus Feldkirch (1904) und Turmanbau. 1902–04 Restaurierungsplanung des Schlosses Vaduz mit Bauuntersuchung, zeichnerischen Rekonstruktionsentwürfen und Holzmodell, 1904–07 Mitglied der von Hans von Wilczek eingesetzten Vaduzer Schlossbaukommission. 1904–10 Erwerb und kreative Wiederherstellung der Burgruine Gutenberg unter Respektierung des vorhandenen Bestands wie z.B. mittelalterlichen Putzresten. Die Burg Gutenberg ist Rheinbergers Hauptwerk.

Zu den denkmalpflegerisch-restaurativen Arbeiten im Burgenbau gesellen sich in Rheinbergers Werk bedeutende, dem Heimatstil verpflichtete Neubauten und ein Kirchenumbau. Bei den Wohnbauten handelt es sich um bürgerliche Landhäuser, die dem Heimatschutz-Ziel einer auf lokalen Wurzeln aufbauenden, aber reformierten Wohnkultur im Zeichen moderner Architektur und des Kunstgewerbes folgten. 1906–15 entstand als erster Neubau Rheinbergers im Heimatstil das Wohnhaus für Ferdinand Nigg in Vaduz, 1906–07 unter Beizug eines Berliner Architekten ein an die Lokaltradition der «Walserbauten» angelehnter Blockbau in Masescha (Triesenberg). Ebenfalls in Triesenberg gelang Rheinberger 1906–07 beim Umbau der Kapelle St. Wendelin und Martin im Steg mit Turm, Vorhalle und Chor ein Meisterwerk landschaftlicher Eingliederung. 1907 entstand als exzellentes Beispiel des Rheintaler Heimatstils auf Schweizer Boden das Haus Hilty auf dem Schlosshügel von Werdenberg (SG). Den Abschluss von Rheinbergers Wohnhäusern bildet 1926 das Haus zum St. Johanner 16 in Vaduz für Ferdinand Nigg. Es ist ein plastisch durchformter Putzbau des Zweiten Heimatstils, der Elemente von Neuem Bauen und Neuklassizismus mit Regionalformen kombiniert.

Neben der Architektur schuf Rheinberger ein reichhaltiges kunstgewerbliches Œuvre. Davon zeugen Textilarbeiten wie ein gesticktes Altartuch mit Kreuzigungsgruppe und ein Wandbehang mit einer Turnierszene nach der Manessischen Liederhandschrift. Er zeichnete 1912 die erste liechtensteinische Wanderkarte, war beteiligt an der Gestaltung der Festumzüge von 1912 und 1928 (→ Feste und Feiern), entwarf Plakate (z.B. für die Freilichtspiele auf Gutenberg 1925), Weinetiketten und Postkarten. In der Malerei kam Rheinberger nicht über das Dekorative hinaus, seine Stärke lag im Zeichnerischen (z.B. liechtensteinische Ortsansichten).

Als Pionier der liechtensteinischen Archäologie initiierte Rheinberger ab 1904 bis in die 1930er Jahre Grabungen bei der Burg Gutenberg, der Kirche von Balzers, den Maurer Wiesen in Schaanwald und auf dem Borscht in Schellenberg.

Schliesslich beteiligte sich Rheinberger aktiv am öffentlichen, politischen und kulturellen Leben: er war 1901 Gründungs- und bis zu seinem Tod Vorstandsmitglied des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein (1912 dessen erster Konservator), Mitglied der liechtensteinischen Naturschutzkommission (1933–36), Mitbegründer und Vorstand des ersten liechtensteinischen Elektrizitätswerks in Vaduz (1907–11), Mitglied des Vaduzer Gemeinderats (1906–15), 1902–10 stv. und 1914–18 ordentlicher Landtagsabgeordneter sowie 1915–19 Richter am Landgericht.

Rheinberger war ein stiller, unaufdringlicher Mensch mit ruhigem Naturell und schalkhaftem Humor, der sich in manchen seiner Werke niederschlug, v.a. auf Burg Gutenberg. Die Aufgaben, welche der nur als Bildhauer ausgebildete Rheinberger in Niederösterreich und Liechtenstein ausführte, setzten die Fähigkeiten eines Architekten, Malers, Bildhauers und Kunsthandwerkers voraus, der seine kreativen Entwürfe selbst in die Materialien Holz, Stein und Metall umzusetzen wusste und aufgeschlossen gegenüber technischen Neuerungen wie der Elektrizität war. Seine Stärke lag in dieser Verbindung von künstlerischem Entwurf und eigener handwerklicher Durchführung. Er war Bauforscher, ausgewiesener Burgenfachmann und der wohl wichtigste Vertreter des Heimatstils in Liechtenstein. In seine neuromantische Schwärmerei für das Mittelalter integrierte er problemlos die antihistoristische Aufbruchstimmung der europäischen Reformkultur um die Münchner «Jugend»-Bewegung sowie die heimische Regionalkultur.

Werkauswahl

Mehrere Aufsätze im JBL.

Archive

Nachlass im Familienarchiv Rheinberger.

Literatur

A. Wilhelm: Egon Rheinberger, Leben und Werk, in: JBL 84 (1984), 101–262; Castellani: Schloss Vaduz, 1993.

Medien

Egon Rheinberger mit seiner Frau Maria geb. Schädler, 1927 (LI LA).

Externe Links

Eintrag zu Egon Rheinberger auf SIKART Lexikon zur Kunst in der Schweiz

Zitierweise

Elisabeth Crettaz-Stürzel, «Rheinberger, Egon», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Rheinberger,_Egon, abgerufen am 19.2.2019.

Normdaten

GND: 139122931