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Rheinberger, Josef Gabriel

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Autor: Harald Wanger | Stand: 31.12.2011

Komponist. *17.3.1839 (Gabriel Josef) Vaduz, †25.11.1901 München, von Vaduz, // München, seit 1949 Vaduz. Sohn des Rentmeisters Johann Peter und der Elisabeth Carigiet, Schwester des Priesters Jakob Carigiet, zehn Geschwister, u.a. Regierungssekretär David, Generaloberin Maxentia sowie Hauptmann und Landtagsabgeordneter Peter.   24.4.1867 Fanny von Hoffnaass.

Rheinbergers musikalisches Talent wurde 1844 durch den in Schaan wirkenden Lehrer Sebastian Pöhly (1808–1889) erkannt und gefördert. Ab 1846 übernahm Rheinberger den Organistendienst in der Kapelle St. Florin in Vaduz (bis 1851). In dieser Zeit entstanden seine ersten, meist verschollenen Kompositionen (kleine Präludien, Versetten und andere Stücke für Orgel sowie eine dreistimmige Messe mit Orgel). 1849–50 wurde Rheinberger in Feldkirch vom Chorregenten Philipp Schmutzer (1821–1898) in Harmonielehre und Klavier unterrichtet. Dabei lernte er u.a. Werke von Bach, Mozart, Beethoven, Weber kennen.

Im Herbst 1851 übersiedelte Rheinberger nach München, das bis zu seinem Tod seine Heimat bleiben sollte. Dort besuchte er 1851–54 die Hauser’sche Musikschule. Rheinbergers Lehrer waren Julius Joseph Maier (1821–1889, Harmonielehre und Komposition), Johann Georg Herzog (Orgel) und Emil Leonhard (1810–1883, Klavier). Zudem erhielt er Privatunterricht beim Münchner Generalmusikdirektor Franz Lachner (1803–1890). 1853 machte Rheinberger die Bekanntschaft mit Prof. Dr. Karl Emil von Schalhäutl (1803–1890), Geologe, Physiker, Mediziner und Musikwissenschaftler, der zu seinem Mentor und Freund wurde. Trotz Unterstützung durch verschiedene Privatpersonen, u.a. durch Pfarrer Josef Thomas Wolfinger, musste sich Rheinberger seinen Lebensunterhalt mit Unterrichtsstunden und Organistendiensten verdienen. Dabei komponierte er bis 1858 eine grosse Zahl von Werken, die er in strenger Selbstkritik meist unveröffentlicht liess. 1859 erschien sein Opus 1, vier Klavierstücke. 1859 wurde Rheinberger am Münchner Konservatorium zum Klavierlehrer und 1860 zum Professor für Komposition, Kontrapunkt, Harmonielehre und Geschichte der Musik ernannt, was mit einer Gehaltserhöhung verbunden war. Die Zeiten drückendster finanzieller Not waren damit vorüber. 1865 wurde das Konservatorium zwecks Neugestaltung geschlossen und Rheinberger in die beratende Kommission berufen. 1866 fand in München unter Rheinbergers Leitung die Uraufführung seiner Sinfonie «Wallenstein» statt.

Der Erfolg des Werks festigte seinen Ruf als Komponist. 1867 erhielt er einen Lehrauftrag für Komposition und Orgelspiel am neu errichteten Konservatorium in München.

In dem Mass, wie Rheinberger als Komponist bekannt wurde, stieg sein Ruhm als Lehrer. Aus aller Welt suchten ihn Schüler auf, v.a. aus den USA. Zu den fast 600 Studenten, die sich bei ihm das musikalische Rüstzeug holten, zählen Engelbert Humperdinck (1854–1921), George Chadwick (1854–1931), Horatio Parker (1863–1919), Ermanno Wolf-Ferrari (1876–1948), Wilhelm Furtwängler (1886–1954), Josef Renner jun. (1868–1934) und Louise Adolpha Le Beau (1850–1927). Im Oktober 1901 bat Rheinberger aus gesundheitlichen Gründen um die Entlassung aus dem Lehramt, was ihm gewährt wurde.

Neben seiner Lehrtätigkeit entstanden ständig neue musikalische Werke. Vor allem auf den Gebieten der Kirchenmusik (u.a. die Oratorien «Das Töchterlein des Jairus»; «Christoforus»; «Der Stern von Bethlehem»), der Orgelmusik, bei der er mit seinen 20 Sonaten Neuland betrat, der Chormusik, der Kammermusik und der Klavierkompositionen schuf er Werke, die ihn bekannt machten. Zu dem allein 197 Arbeiten mit Opuszahl zählenden Werkkatalog gehören Sinfonien, Konzertouvertüren, Schauspielmusiken, Singspiele («Der arme Heinrich» und «Das Zauberwort») sowie Opern (u.a. «Die sieben Raben»); dazu kommen 100 Werke ohne Opuszahl und 171 Jugendwerke.

Zu verschiedenen vokalen Kompositionen verwendete Rheinberger literarische Arbeiten seiner dichtenden Gattin Fanny. Rheinberger hatte die bereits verheiratete Franziska von Hoffnaass 1857 kennengelernt. Die Freundschaft wurde bald zur schweren psychischen Belastung, die ihn bewog, sich um die Organistenstelle an der Hofkirche in Dresden zu bewerben. Nach einem Ferienaufenthalt in Vaduz 1864 entschloss er sich, doch in München zu bleiben. Erst nach dem Tod von Fannys Mann, Ludwig von Hoffnaass, 1865 trat in der Beziehung eine Wende ein.

Neben seiner pädagogischen und kompositorischen Tätigkeit erfüllte Rheinberger weitere Aufgaben in der Öffentlichkeit. Er war ab 1856 Pianist sowie Organist und 1864–77 Dirigent des Münchner Oratorienvereins. 1860–66 fungierte Rheinberger als Organist an der St.-Michaels-Hofkirche und 1864–67 als Solorepetitor am Königlichen Hof- und Nationaltheater. Dort machte Rheinberger die Bekanntschaft mit Richard Wagner (1813–1883). Er bereitete u.a. die Erstaufführung von Wagners «Tristan und Isolde» vor, was zur Freundschaft mit Hans von Bülow (1830–1894) führte. 1877–94 dirigierte Rheinberger als «Königlicher Hofkapellmeister» die königliche Vokalkapelle.

Rheinberger blieb seiner Heimat Liechtenstein sein Leben lang verbunden. So pflegte er die Beziehung zu seinen Eltern und Geschwistern durch Besuche und Briefe. Von Rheinberger stammten die Entwürfe (um 1871) für die dreimanualige Orgel der Pfarrkirche von Vaduz. 1896 schrieb er ein «Wörterbuch des liechtensteinischen Dialekts». In seinem Testament bedachte er verschiedene Institutionen, namentlich die Gemeinde Vaduz, und seine Nichten und den Neffen.

Ehrenmitglied mehrerer musikalischer Vereinigungen, 1878 Ritterkreuz I. Klasse des Verdienstordens vom hl. Michael, verliehen vom bayerischen König, 1880 Orden vom hl. Gregorius, verliehen von Papst Leo XIII. für die achtstimmige Messe «Cantus missae», 1887 Mitglied der Königlichen Akademie der Künste in Berlin, 1888 Ritterkreuz des Maximiliansordens für Kunst und Wissenschaft, 1895 Komturkreuz des bayerischen Kronenordens, das mit dem persönlichen Adel verbunden war, 1899 Dr. h.c. der Universität München, Geheimrat.

Der von der Klassik und der Romantik beeinflusste Rheinberger zählte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu den wichtigsten Komponisten Europas. Er war ein bedeutender Musikpädagoge und gilt als der grösste liechtensteinische Komponist. In Vaduz ist eine Strasse nach ihm benannt und 1939/40 wurde ihm zu Ehren ein Denkmal errichtet. Das von seinem Neffen Egon I7I entworfene Grabmal in München wurde 1944 von Bomben getroffen; 1949 erfolgte die Überführung der Gebeine Rheinbergers und seiner Frau nach Vaduz. 1944 gründeten Walter Kaufmann und Severin Brender zur Pflege des musikalischen Werks Rheinbergers in Vaduz das Josef Rheinberger-Archiv (seit 1998 Teil des Landesarchivs). Rheinbergers Geburtshaus (→ Rheinbergerhaus) ist seit 1968 Hauptsitz der Liechtensteinischen Musikschule. Seit 1976 verleiht die Gemeinde Vaduz alle zwei Jahre zu Ehren des Komponisten den «Josef Gabriel von Rheinberger-Preis». 1987–2009 wurden sämtliche Werke Rheinbergers in einer 48 Bände und drei Supplementbände umfassenden wissenschaftlichen Gesamtedition herausgegeben. 1989 fand aus Anlass des 150. Geburtstags des Komponisten in Vaduz und Berlin eine grosse Ausstellung statt. 2001 wurden zu seinem 100. Todestag Veranstaltungen in Liechtenstein, der Schweiz und Deutschland durchgeführt. Rheinbergers Kompositionen erfreuen sich wieder wachsender Beliebtheit, nachdem sie lange Zeit fast völlig in Vergessenheit geraten waren. Die 2003 in Vaduz gegründete «Internationale Josef Gabriel Rheinberger Gesellschaft» (IRG) setzt sich die Verbreitung und Erforschung von Rheinbergers Schaffen zum Ziel.

Werke

Josef Gabriel Rheinberger: Sämtliche Werke, hg. vom Josef-Rheinberger-Archiv Vaduz, Editionsleitung: Günter Graulich, Harald Wanger und Hannfried Lucke, 48 Bände, 3 Supplementbände, Stuttgart 1988–2009.

Quellen

Josef Gabriel Rheinberger: Briefe und Dokumente seines Lebens, hg. von Harald Wanger und Hans-Josef Irmen , 9 Bde., Vaduz 1982–87, in: e-archiv.li (Liechtensteinisches Landesarchiv, Vaduz).

Literatur

Harald Wanger: Josef Gabriel Rheinberger. Eine Biographie (= Liechtenstein Bibliothek, Bd. 1), Triesen 2007.

Harald Wanger: Josef Gabriel Rheinberger. Leben und Werk in Bildern (= Josef Gabriel Rheinberger, Sämtliche Werke, Supplement Bd. 2), Stuttgart 1998.

Hans Stricker, Herbert Hilbe: Der Komponist als Lexikograph. Joseph Rheinbergers unveröffentlichtes «Wörterbuch des liechtensteinischen Dialekts» von 1896, in: Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein, Bd. 88 (1990), S. 135–168.

Hans-Josef Irmen: Gabriel Josef Rheinberger als Antipode des Cäcilianismus (= Studien zur Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts, Bd. 22), Regensburg 1970.

Joseph Rheinberger. Gedenkschrift zu seinem 100. Geburtstag am 17. März 1939. Von seinen Schülern und Verehrern, hg. von Hans Walter Kaufmann, in: Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein, Bd. 40 (1940), S. 101–275.

Theodor Kroyer: Joseph Rheinberger (= Sammlung «Kirchenmusik», Bände 14/15), Regensburg 1916.

Externe Links

Eintrag zu Josef Gabriel Rheinberger auf SIKART Lexikon zur Kunst in der Schweiz

Zitierweise

Harald Wanger, «Rheinberger, Josef Gabriel», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Rheinberger,_Josef_Gabriel, abgerufen am 19.2.2019.

Normdaten

GND: 118744828

Medien

Josef Gabriel Rheinberger. Fotografie (LI LA).

Josef Gabriel Rheinberger I Abendlied, Motette für sechs Stimmen, aus: Drei geistliche Gesänge, Opus 69/Nr. 3 (1855).