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Rheintal

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Autorin: Gerda Leipold-Schneider | Stand: 31.12.2011

Das Rheintal erstreckt sich vom Zusammenfluss von Vorder- und Hinterrhein bei Reichenau (GR) bis zur Mündung des Alpenrheins in den Bodensee. Es umfasst Gebiete in den schweizerischen Kantonen Graubünden und Sankt Gallen, im Fürstentum Liechtenstein sowie im österreichischen Bundesland Vorarlberg.

Die ersten gesicherten Überreste menschlicher Besiedlung im Liechtensteiner Rheintal stammen aus der Jungsteinzeit (5500–2200 v.Chr.). Während der Eisenzeit (800–15 v.Chr.) bestand der einheitliche Kulturkreis der «Alpenrheintalgruppe», welcher sich vom Hinterrhein bis nahezu an den Bodensee erstreckte. 15 v.Chr. wurde das Gebiet dem Römischen Reich einverleibt. Es entstanden grössere Gutshöfe, u.a. in Nendeln, Schaanwald, Satteins (Vorarlberg) und Rankweil-Brederis (Vorarlberg). Spätestens um diese Zeit führte durch das Rheintal eine wichtige Nord-Süd-Verkehrslinie vom Bodensee über die Bündner Pässe nach Italien.

Im Frühmittelalter kam es zu einer Aufsplitterung des Gebiets: Die Alamannen brachen bis zum Hirschensprung bei Rüthi (SG) bzw. auf die Höhe von Götzis (Vorarlberg) ein; die Linie Hirschensprung–Götzis bildete in der Folge während Jahrhunderten eine germanisch-romanische Sprachgrenze. Ab dem 7. Jahrhundert befand sich auf der Höhe von Oberriet und Götzis die Grenze zwischen den Bistümern Chur und Konstanz. Mit der Einführung der fränkischen Grafschaftsverfassung im frühen 9. Jahrhundert wurde das Gebiet vom Bodensee bis Monstein bei Au (SG) dem Gau Arbongau und damit Thurgau, das Gebiet von Monstein bis zum Hirschensprung dem Rheingau zugeordnet. Südlich davon lag Churrätien, das seinerseits im 10. Jahrhundert im Bereich des Rätikons in das südliche Oberrätien und das nördliche Unterrätien geteilt wurde.

Ein grossräumiges Herrschaftsgebilde entstand im Hochmittelalter unter den Grafen von Bregenz. Durchlöchert wurde es im Rheintal durch die Besitztümer der mit der Immunität ausgestatteten Abteien St. Gallen und Pfäfers sowie der Bischöfe von Konstanz und Chur. Ab dem Hochmittelalter bildeten sich im Rheintal kleinräumige herrschaftliche Gebilde. Es waren dies im Gebiet Graubündens die Herrschaft Rhäzüns, die Herrschaft Haldenstein, das Hochgericht Vier Dörfer (Untervaz, Trimmis, Zizers, Igis) und die Herrschaft Maienfeld (→Bündner Herrschaft). Im Gebiet des heutigen Kanton St. Gallen entstanden die Grafschaft Sargans, die Herrschaft Wartau, die Grafschaft Werdenberg, die Herrschaft Sax und die Vogtei Rheintal, welche sich von Rüthi bis an den Bodensee erstreckte. Auf der rechtsrheinischen Seite bildeten sich im Gebiet Liechtensteins die Herrschaft Gutenberg, die Grafschaft Vaduz und die Herrschaft Schellenberg, im Gebiet Vorarlbergs die Grafschaft Feldkirch, die Herrschaft Neuburg, die Grafschaft Hohenems und der Reichshof Lustenau.

Das nördliche Rheintal bildete im 15. Jahrhundert mehrmals einen Kriegsschauplatz, beginnend mit dem Appenzellerkrieg (1405–08), gefolgt vom Alten Zürichkrieg (1436–50) und endend mit dem Schwabenkrieg (1499), der im Frieden von Basel 1501 zwischen den Habsburgern und den Eidgenossen den Rhein zur Grenze werden liess. 1483 wurde die Grafschaft Sargans eidgenössisch, 1490 das St. Galler Rheintal zwischen Rüthi und dem Bodensee, 1497 die Herrschaft Gams, 1517 die Grafschaft Werdenberg und 1615 die nördlich davon gelegene Herrschaft Sax-Forstegg.

Das habsburgische Haus Österreich hatte im Rheintal bereits 1314 die Herrschaft Gutenberg (österreichisch bis 1824) erworben. Eine grosse habsburgische Gebietserweiterung im Rheintal stellte der Kauf der Grafschaft Feldkirch 1375 dar. Ein geschlossenes österreichisches Herrschaftsgebiet entstand im heute vorarlbergischen Rheintal freilich erst viel später: die Grafschaft Hohenems mit Lustenau fiel 1765 an Österreich, der Lustenauer Reichshof wurde erst 1830 nach langen Prozessen österreichisch.

Nicht zu einer politischen Grenze wurde der Rhein südlich des Flusses Landquart. Die Territorien der beiden im Spätmittelalter entstandenen Bündnissysteme des Grauen oder Oberen Bunds einerseits und des Gotteshausbunds andererseits erstreckten sich zu beiden Seiten des Rheins. 1524 vereinigten sich der Graue Bund und der Gotteshausbund mit dem Zehngerichtenbund. Zu Letzterem gehörte im Rheintal die Herrschaft Maienfeld.

Im Gefolge der Reformation wurde der Rhein im nördlichen Teil des Rheintals zu einer Konfessionsgrenze: die im St. Galler Rheintal gelegenen Gebiete nahmen ab den 1520er Jahren das evangelische Bekenntnis an oder sie waren paritätisch, d.h. das evangelische und das katholische Bekenntnis bestanden gleichberechtigt nebeneinander. Eine Ausnahme bildete die Herrschaft Gams, die katholisch blieb. Ebenfalls katholisch blieben Vorarlberg und Liechtenstein. Die Gebiete im Bündner Rheintal wurden überwiegend evangelisch oder paritätisch. Einzig die Herrschaft Rhäzüns, die 1497–1815/19 eine österreichische Enklave darstellte, verblieb ganz beim alten Glauben.

Gemeinsamkeiten wurden und werden durch dieselben geografischen und klimatischen Verhältnisse bedingt und durch die persönlichen Beziehungen zwischen den heute verschiedenen politischen Einheiten des Rheintals gefördert. Zu nennen sind hier beispielhaft Berührungspunkte und Parallelen von den Ansiedlungen von Walsern, dem Söldnerdienst, über die Arbeiten von Künstlern, Bauhandwerkern bis zu den Wanderungen der Fabrikarbeiter und der Schwabenkinder und den Betriebsgründungen seit der Industrialisierung. Auch in den Mundarten der Rheintalgemeinden zeigen sich trotz der politischen Trennung immer noch historisch gewachsene Verbindungen.

Eine weitere Gemeinsamkeit ist der Rhein, zu dessen Überquerung zunächst Fähren bestanden. Später wurden Rheinbrücken errichtet. Die Rheinmühlen standen von Gamprin bis zur Rheinmündung, die Rheinflösserei wurde ab Reichenau (GR) betrieben, die Schifffahrt zumindest im 15. Jahrhundert ab Feldkirch, später ab Hohenems-Bauern (Vorarlberg). Als weitere Beispiele in diesem Zusammenhang sind etwa der Torfabbau oder die Tradition des Rheinholzens zu nennen.

Seit dem 15. Jahrhundert kam es mit der intensiveren Kultivierung der Talebene zu ständigen Nutzungsstreitigkeiten zwischen den Rheingemeinden. Ebenfalls zu Auseinandersetzungen kam es wegen der Errichtung von Schutzbauten, welche die Strömung auf das jeweils andere Rheinufer ablenken sollten (→Wuhrsysteme).

Bis weit in die Neuzeit hatte der Rhein kaum eine trennende Funktion. Güter und Rechte erstreckten sich auf beiden Seiten des Rheins. Dichter wurde die Grenze am Rhein während der kriegerischen Auseinandersetzungen am Ende des 17. Jahrhunderts und während der napoleonischen Kriege 1799–1802, in deren Gefolge es zu Vieh- oder Getreideausfuhrsperren des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation kam, des Weiteren durch die Entstehung der Helvetischen Republik 1798 und die Schutzzollpolitik Österreich im 19. Jahrhundert. Eine Folge hievon war das Aufblühen des Schmuggels.

In zeitlicher Abstufung schritt die Industrialisierung im Rheintal im 19. Jahrhundert von Norden nach Süden fort, in Liechtenstein gefördert durch den Zolleinigungsvertrag von 1852 mit Österreich. Dem 1885 konstituierten Zentralverband der Stickereiindustrie der Ostschweiz und Vorarlberg schlossen sich 1890 auch die liechtensteinischen Sticker an.

Durch das Rheintal führte die Reichsstrasse. Der Transitverkehr durch das Rheintal vollzog sich im Rahmen des Rodfuhrwesens (→Transportwesen). Eine in den 1820er Jahren errichtete Strasse durch das St. Galler Rheintal bereitete dem Rodfuhrwesen in Liechtenstein ein Ende. Das Ende für die Fähren kam mit dem vermehrten Bau von Rheinbrücken ab 1867. Auf der linken Rheintalseite wurde 1857 die Eisenbahnlinie zwischen Rorschach und Rheineck, 1858 diejenige zwischen Rheineck und Chur eröffnet. Auf der rechten Rheintalseite in Vorarlberg besteht seit 1872 die Eisenbahnlinie zwischen Feldkirch und Bregenz mit den über den Rhein führenden Anschlusslinien Lustenau– St. Margrethen und Feldkirch–Buchs, wobei Letztere durch Liechtenstein führt.

Nach dem Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Monarchie 1918/19 bestand in Vorarlberg eine erfolglose Anschlussbewegung an die Schweiz. Der Zollvertrag von 1923 zwischen Liechtenstein und der Schweiz brachte engere Bindungen über den Rhein hinweg. Seit dem Beitritt Österreichs zur Europäischen Union 1995 wurde die Grenze zwischen der Schweiz bzw. Liechtenstein und Österreich zu einer EU-Aussengrenze; Liechtenstein trat jedoch im selben Jahr dem EWR bei.

Grenzüberschreitende Kooperation wird in jüngster Vergangenheit verstärkt gesucht, etwa im Rahmen der 1985 gegründeten Rheintalischen Grenzgemeinschaft. Seit 1995 gehört Liechtenstein der im selben Jahr gegründeten Internationalen Regierungskonferenz Alpenrhein (IRKA) an und ist seit 1998 Mitglied der 1972 gegründeten Internationalen Bodenseekonferenz. Ein Beispiel grenzüberschreitender Kooperation im kulturellen Bereich ist die österreichisch-schweizerische Jubiläumsausstellung Rhein-Schauen 1992, die 1997 als ständige Einrichtung in Lustenau (Vorarlberg) wiedereröffnet wurde.

Literatur

W. Wyssmann: Rechtsgeschichte des St. Gallischen Rheintals bis zum Jahre 1798, 1922; K. Schönenberger, J. Holenstein: Kurze Geschichte des Kantons St. Gallen und seiner Gemeinde, 1950; Vom Fürstentum Liechtenstein und dem St. Galler Rheintal, 1966; Overbeck: Alpenrheintal, 1982; R. Sieber: Torfstechen im Rheintal, 1983; H. Noflatscher: Liechtenstein, Tirol und die Eidgenossen, in: Fürstliches Haus, 1987, 129–162; H. Stricker: Sprachgeschichte des oberen Rheintals, in: Werdenberger Jahrbuch 1992, Jg. 5 (1991), 8–36; J. Rageth: Zur Eisenzeit im Alpenrheintal, in: Die Räter/I Reti, Red. I.R. Metzger, P. Gleirscher, 1992, 175–211; Der Alpenrhein und seine Regulierung, 1992; LVa., 9.11.1993 (Beilage); G. Wanner: Die industriellen Beziehungen zwischen den Regionen Vorarlberg, Liechtenstein, Graubünden und Ostschweiz vom 17. Jahrhundert bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs, in: Fabriklerleben, 1994, 235–245; G. Leipold-Schneider: Schifffahrt auf dem Alpenrhein zwischen Chur und der Bodenseemündung, in: Unser Rheintal 53 (1996), 75–88; Rheintaler Regionalgeschichte, 1996; Grenzraum Alpenrhein, Hg. R. Allgäuer, 1999; Biedermann: Rod- und Fuhrwesen, 1999; W. Schmid: Region Chur – Bündner Rheintal, 1999; Alpenrheintal – eine Region im Umbau, Hg. M.F. Broggi, 2006.

Zitierweise

Gerda Leipold-Schneider, «Rheintal», Stand: 31.12.2011, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Rheintal, abgerufen am 21.4.2019.