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Rotter (Schaie), Alfred

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Autor: Peter Kamber | Stand: 16.8.2021

Theaterdirektor, Regisseur. *14.11.1886 Leipzig (Alfred Schaie), gestorben 5.4.1933 Triesenberg, jüdisch, Deutscher, ab 1931 auch von Mauren. Sohn des Herrenkonfektions-Grosshändlers Hermann (Heymann) Schaie und der Emilie Simonson, drei Geschwister: Fritz (1888–1939), Lucie (1892–1943) und Ella (1894–1939). ⚭1917 Gertrud Leers (25.12.1895–5.4.1933).

1889 zog die Familie Schaie von Leipzig nach Berlin, wo Alfred das Gymnasium besuchte und später ein Jus-Studium begann. Schon als Schüler stand er als Statist auf Theaterbühnen. Gemeinsam gründeten er und sein Bruder Fritz 1908 die «Akademie Bühne» in Berlin, führten in angemieteten Theatern vor allem Stücke von August Strindberg auf und gaben 1910 Klassiker-Vorstellungen in der Kroll-Oper. 1912/13 war Alfred Darlehensgeber und Chefdramaturg des kurzlebigen «Deutschen Schauspielhauses» und ab 1914 zusammen mit Fritz unter dem Pseudonym Langenfeld Teilhaber des Lessing-Verlags, der in ganz Deutschland Konzerte sowie Theater- und Opernabende organisierte. Ab dieser Zeit verwendeten die Brüder zunehmend, ab 1919 ausschliesslich den Künstlernamen «Rotter».

Bei Kriegsausbruch 1914 entzogen sich beide Brüder der Musterung in Berlin durch Ummeldung nach Leipzig, wo sie sich als «überzählige Kriegsfreiwillige» vom Wehrdienst zurückstellen liessen, um das Notexamen in Jurisprudenz abzulegen. Im November 1915 wurde Alfred wegen Verdachts auf Fahnenflucht verhaftet, aber 1916 freigesprochen. Wegen dieser Affäre erlitten die Brüder bleibende Nachteile und Anfeindungen durch die rechtsnationale Presse und die für Theaterkonzessionen zuständige Berliner Theaterpolizei. 1917 errangen sie im Trianon-Theater Berlin, wo sie Mitinhaber wurden, und danach am Residenz-Theater ihre ersten finanziellen Erfolge. 1919 wurde Alfred jene Konzession zugesprochen, die Fritz in der November-Revolution 1918 erhalten, aber nach anonymen Anfeindungen wieder verloren hatte. Von Februar 1921 an führte nur noch Alfred Regie. Ihre kritischen Zeitstücke, u.a. von Henrik Ibsen, Arthur Schnitzler, Ludwig Fulda und Hermann Sudermann, sowie die frechen Salonkomödien, mit denen sie die Inflationsjahre prägten, wurden vom Publikum bejubelt, von extrem rechts und links aber scharf kritisiert.

1920 kauften die beiden Brüder das Residenz-Theater, 1922 das Zentraltheater und 1924 mit dem Erbe des Vaters auch das Lessing-Theater in Berlin. Von 1925 bis 1927 zogen sie sich von der Bühne zurück, ehe sie Ende 1927 am dazugepachteten Metropol-Theater (heute: Komische Oper) zur Operette wechseln und da ihre grössten Erfolge errangen, u.a. mit Werken von Franz Lehár (u.a. «Land des Lächelns», 1929), Ralph Benatzky und Paul Abraham. Abrahams «Ball im Savoy», im Dezember 1932 von Alfred Rotter inszeniert, gilt als letzte grosse Operette der Weimarer Republik. Die Gebrüder Rotter betrieben zeitweilig neun Bühnen und zählten zu den bedeutendsten Theaterunternehmern Europas.

Seit 1931 ohne Unterstützung der Banken, gerieten die Brüder in zunehmende Abhängigkeit einer Abonnementsgesellschaft. Dessen Leiter Heinz Hentschke – später der Mann der Nazis für die Operette – zwang sie in der Silvesternacht 1932/33 zur Abtretung aller Einnahmen des erfolgreichen «Ball im Savoy» und trieb sie so Mitte Januar 1933 in den Konkurs. Alfred und seine Frau Gertrud, denen es auch in der Schweiz nicht gelang, neues Geld aufzutreiben, nahmen Wohnsitz im Waldhotel «Liechtensteiner Hof» in Vaduz. Bereits 1931 hatten die Rotter, in Reaktion auf den Kurfürstendamm-Krawall der Nazis, die liechtensteinische Staatsbürgerschaft erworben (→Finanzeinbürgerung).

Am 5.4.1933 versuchten liechtensteinische und deutsche Nationalsozialisten, Alfred und den ebenfalls nach Liechtenstein geflohenen Fritz nach Deutschland zu entführen und sie dort wegen angeblich betrügerischem Konkurs der Justiz zu übergeben. Dabei verloren Alfred und Gertrud in panischer Flucht auf tragische Weise durch Sturz über eine Felswand nahe von Gaflei ihr Leben (→Rotter-Entführung).

Literatur

Normdaten

GND: 116642483

Zitierweise

Peter Kamber, «Rotter (Schaie), Alfred», Stand: 16.8.20211, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online (eHLFL), URL: https://historisches-lexikon.li/Rotter_(Schaie),_Alfred, abgerufen am 19.9.2021.

Medien

Alfred, Gertrud und Fritz Rotter, vermutlich 1930 (© Privatarchiv Peter Ullmann).
Szene aus der Operette «Ball im Savoy» von Paul Abraham im Grossen Schauspielhaus in Berlin mit Gitta Alpár in der Mitte, Regie: Alfred Rotter, Dezember 1932 (© Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo).